psychisch krank

    • (1) 08.02.14 - 12:37

      Hallo zusammen!

      Angesichts der Sucht-Diskussion komme ich auf eine Frage, die mir immer mal wieder durch den Kopf geht:
      Wieso sind heutzutage so viele Menschen psychisch krank bzw leiden unter seelischen Problemen? Kommt mir das nur so vor oder war das schon immer so und es wurde früher nur darüber geschwiegen?

      Diese Frage soll bitte nicht als Angriff verstanden werden; ich selber habe Probleme gehabt und musste eine Therapie machen. Das nur vorab. Aber wieso haben so viele Menschen in der heutigen Zeit solche Probleme? Sucht, Gewalt und Weltschmerz gab es schon immer klar, oftmals als Motive großer Kunst genutzt, "Die Leiden des jungen Werther" mal als Beispiel. Depressionen sind aber, so kommt es mir zumindest vor, in der Neuzeit sehr weit verbreitet. Magersucht gab es natürlich auch schon immer, meist mit religiösem Hintergrund, aber doch nie in diesem Ausmaß - liegt das nur an der heutigen Vorliebe für schlanke Frauen? So viele Kinder haben ADHS, hat man das früher nur nicht gemerkt? Alkoholiker sind auch keine neue Erscheinung, jedes Dorf hatte seinen Säufer, aber Komasaufen ist schon bei Jugendlichen immer beliebter. Wurden die Menschen, die stark auffällig waren, früher versteckt, und die, die einigermaßen klarkamen, haben nicht darüber gesprochen? Ist das allein das "Geheimnis"? Natürlich gab es immer Leute, die irgendwie "anders" waren, aber so viele wie heute?

      Manchmal denke ich, psychisch krank sein ist einfach "cool", weil jeder was besonderes sein will. Selbstverletzendes Verhalten als Zeichen für seelischen Schmerz läuft als Jugendbewegung (Emo), Psychosen und Neurosen sind weit verbreitet, Burnout und Borderline oft diagnostiziert, jeder hat ein Trauma oder eine Phobie, trinkt zu viel oder nimmt Drogen, "komm, wir gehen zusammen den Bach runter" - psychische Probleme als Lifestyle?

      Woran liegt das? Oder hab ich da eine falsche Wahrnehmung? Wenn man bedenkt, was die Menschen, die heute um die 80Jahre alt sind, als Kinder für schreckliche Sachen erlebt haben, ist es doch erstaunlich, dass nicht eine Generation voller psychisch Kranker daraus geworden ist. Wenn man bedenkt, wie hart das Leben hier früher war...da war man froh, wenn zwei der sechs Kinder überlebt haben - wie kam die Seele damit klar? Sind wir heute so vulnerabel und zart besaitet oder haben wir zu viel Zeit und keine anderen Probleme? Geht es uns zu gut und da die Bedürfnisse der untersten Stufe abgedeckt sind, merken wir die Probleme der anderen Ebenen? Klar, wer Hunger leidet denkt nicht über den Sinn des Lebens nach, er will nur überleben. Wer von morgens bis abends auf dem Feld ackert und dann todmüde ins Bett fällt, hat keine Zeit für Burnout. Ist das die Erklärung? Wie viel haben äußere Faktoren wie das Umfeld und die Medien damit zu tun? Habt ihr noch Theorien für Ursachen?

      Mich interessiert da eure Meinung. Eine allgemeingültige Antwort gibt es vermutlich nicht, zumindest habe ich noch keine gefunden oder gelesen oder gehört. Ich wiederhole : ich möchte niemanden angreifen oder beleidigen! Jeder hat seine Geschichte und seine Gründe und ich möchte nichts verharmlosen. Es ist nur für mich persönlich auffällig, wie gehäuft psychische Probleme auftreten. Ich hoffe auf viele Antworten und eine faire Diskussion. :-)

      Liebe Grüße, Truly

      • (2) 08.02.14 - 12:44

        ADHS und Magersucht findest Du im Prinzip schon im Struwelpeter. Klar gab es das alles, es wurde nur eher mit Dresche als mit Therapie behandelt ... oder psychische Probleme wurden Geistern, Besessenheit, dem bösen Blick und ähnlichen Ursachen zugeschrieben.

        Vielleicht haben wir heute auch höhere Erwartungen an langes Leben, Gesundheit und Wohlbefinden. Früher war die Welt eben eh ein Jammertal, jede Familie hat mal ein Kind verloren, und dass jemand mit 40 starb, war kein "früher Tod", sondern so normal wie heute mit 70.

        Vieles durfte auch schlicht nicht thematisiert werden, z.B. die Vergewaltigungen 1945 und in anderen Kriegen früher ... da hatten die Frauen schön den Mund zu halten, um nicht von ihrer Umwelt oder sogar der eigenen Familie als "geschändet" abgelehnt zu werden.

        • (3) 08.02.14 - 13:56

          Wenn ich dich richtig verstanden habe, glaubst du, dass es schon immer so war und nur das Bewusstsein dafür heutzutage stärker ist? Wie kamen denn dann die Leute früher ohne Behandlung zurecht bzw warum ist eine Therapie heutzutage nötig? Es gab in den letzten Jahren einen massiven Anstieg der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme - haben alle Betroffenen der früheren Generationen einfach durchhalten, weil sie leidensfähiger waren?

          Ich habe mal einen interessanten Artikel darüber gelesen, dass der Werteverfall und der geringere Einfluss von Religion zu einer Orientierungslosigkeit führen und aufgrund dessen mehr Probleme auftreten. Andere halten fehlende Bewegung und falsche Ernährung für wichtige Faktoren. Und ich glaube halt, dass bei einigen auch der Wunsch, etwas besonderes zu sein, mit ursächlich ist, da unsere Gesellschaft "normal" für nicht erstrebenswert hält

          Dass es all diese Probleme auch früher schon gab (Stichwort "Struwwelpeter"), steht für mich außer Frage, das ist mir klar. Und auch, dass darüber oft aus Angst und Scham geschwiegen wurde. Aber die Häufigkeit heutzutage ist für mich zu extrem, als dass ich diese Gründe als alleinige Ursache anerkennen kann.

          Liebe Grüße, Truly

          • (4) 08.02.14 - 14:14

            Naja, was heißt schon "nötig"? Wieso sind heute Zahnärzte "nötig", wenn den Leuten früher eben die Zähne vom Schmied gezogen worden sind oder sie sind von selber rausgefallen ... wieso sind Onkologen "nötig", man kann ja auch einfach so am Krebs sterben ... wieso sind Augenärzte "nötig", früher saßen alte Leute halt blind hinterm Ofen ... wieso sind Frauenärzte "nötig", früher starben halt viele Frauen im Kindbett. Und wer psychisch wirklich gar nicht zu recht kam, ist halt früher entweder auf der Straße verreckt oder irgendwann eingesperrt worden.

            Ich denke, einerseits ist das Bewusstsein für psychische Probleme größer, andererseits denken die Leute auch eher, "jedes Problem muss sich regeln lassen", wo man früher vieles als Schicksal hinnahm.

            Es werden auch andere Verhaltensweisen als "falsch" wahrgenommen - ein Homosexueller wäre vor 100 Jahren als krank oder kriminell abgestempelt worden, da sind wir glücklicherweise heute weiter. Das Krankheitsbild der weiblichen Hysterie gibt es nicht mehr. Ein Junge, der sich viel prügelt, wäre früher vielleicht als normaler Lausbub durchgegangen, heute gilt er als therapiebedürftig.

          • >>>haben alle Betroffenen der früheren Generationen einfach durchhalten, weil sie leidensfähiger waren?<<<

            Vielleicht nicht leidensfähiger, aber eher im Bewusstsein, dass manche Dinge hingenommen werden mussten, wie sie waren.

            Heuzutage sind die Ansprüche unglaublich groß, jeder will alles haben. Um das zu verwirklichen, werden manche Menschen zu Sklaven ihres Konsumverhaltens.

            Wenn ich meine Kinderzeit mit heute vergleiche, kann ich sagen, dass heute alles viel schneller, größer, höher, weiter, besser sein muss, die Leute rennen immer schneller im Hamsterkäfig und die Kinder müssen heute viel eher schon mitrennen als früher.
            (Nicht falsch verstehen, ich will hier nicht die "gute, alte Zeit" glorifizieren.)

            Ein ganz wichtiger Punkt ist m.E. auch, dass die Arbeitswelt sehr viel härter und "brutaler" geworden ist.

      (6) 08.02.14 - 13:51

      Hallo!

      Ich sage es jetzt stark vereinfacht, dabei ist es meiner Meinung nach viel komplexer, aber das würde meinen Zeitrahmen im Moment sprengen:

      Ich bin der Meinung, dass sehr viele der heute 80-jährigen sehr wohl psychisch krank sind und waren aufgrund der entsetzlichen Kriegserlebnisse, dass sie aber nie die Chance hatten, ihre seelischen Verletzungen und Nöte behandeln zu lassen. Früher galt man ja als "irr", wenn man eine psychische Erkrankung zugegeben hat. Also: Mund halten, verdrängen und durch.

      Diese Generation hat nun aber auf die ihr eigene Art die nächste Generation erzogen, die allerdings - nun schon offener für das Erkennen und Benennen psychischer Probleme - nach und nach mit den Folgen dieser Erziehung zum Arzt/Psychologen/nach draußen geht.

      Oder aber, wenn nicht, das wieder weiter gibt.

      Wie auch immer: es ist meiner Meinung nach eine Art Generationenvertrag, die Leute waren früher genau so voller Nöte; Ängste, Süchte und Depressionen, zeigten es nicht, geben es und gaben es aber durch die Erziehung/Vermeidung/Tabuisierung bestimmter Themen weiter. und die Generation, die damit offensiv umgeht, wirkt jetzt natürlich wie eine Generation von "Weicheiern".

      Wie gesagt, das ist ziemlich vereinfacht dargestellt, aber ich könnte mir vorstellen, dass das der Grund für die anscheinende Vermehrung psychischer Erkrankungen heute ist.

      Bin aber gespannt, ob es noch andere Ideen gibt dazu!

      Gruß, liki

      • (7) 08.02.14 - 14:07

        Ja, okay, das kann auch sein.

        Dazu dann aber eine provokante Frage: die magersüchtigen, kampftrinkenden und sich verletzenden Teenager heutzutage sind also Opfer der Erziehung?

        #pro

        Wenn ich mir meine Eltern und deren Geschwister - allesamt Kinder von Menschen, die bei Kriegsende um die 20 Jahre alt waren, diese Zeit also in einer äußerst prägenden OPhase erlebten - sowie deren mehr oder weniger offen zutage tretenden psychischen Probleme so ansehe (und dann vielleicht auch noch meine Cousins und Cousinen und mich), sehe ich deine Aussagen als absolut bestätigt an.

    Vieles, was wir heute als psychische Störung/Krankheit bezeichnen, gab es schon immer, z.B. die Depression, es gibt schon aus der antiken Medizin Berichte darüber.

    Ich glaube nicht, dass die heutigen Menschen vulnerabler sind als früher (wann immer früher auch war - Mittelalter? Zweiter Weltkrieg? Erster Weltkrieg?), aber ich glaube, dass die ANSPRÜCHE an das eigene Leben, die eigene Lebensgestaltung, die eigenen Gefühle andere sind als noch vor Generationen.

    Die Menschen der heutigen Zeit nehmen Leidensdruck nicht als selbstverständlich, als quasi Gott gegeben hin wie z. B. die Menschen im Mittelalter, wie z.B. auch die Kriegsgeneration, die du anführst.

    Die Menschen der heuten Zeit stellen sich selbst, ihr subjektives Lebensempfinden in den Mittelpunkt.

    In unserer hochindividualisierten Gesellschaft heißt es quasi ununterbrochen: Sei Du! Sei glücklich! Verwirkliche dich! Erlebe dich! Erfahre dich! Stelle deine Weltwahrnehmung und deine Gefühle, deine Ziele und deine Wünsche ununterbrochen in das Zentrum deines Lebens!

    Die Menschen gucken sich sozusagen ununterbrochen selbst beim Leben zu, horchen ständig in sich hinein und fragen sich: wie fühlst du dich?

    Und wenn dabei etwas herauskommt, was von der Norm abweicht und vor allem wenn Leiden, Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Schwierigkeiten, mit der Vielfalt unseres Alltags fertig zu werden auftreten, dann soll das behoben werden Denn das steht ja einem Leben voller subjektiver Verwirklichung, Glück und Zufriedenheit entgegen..was wir ja heute für das Maß aller Dinge halten.

    Das wir darüber soviel erfahren, hat natürlich mit den Medien zu tun und mit dem, was man "Verwissenschaftlichung des Alltages" nennt. Wir wissen über diese Dinge schlicht viel mehr, es hat eigentlich jeder schonmal was von Psychologie und damit zusammenhängenden Erkenntnissen der Medizin gehört.

    • Danke für deine Antwort
      Vor lauter Entfaltungsmöglichkeiten weiß man nicht, was richtig ist und verliert die Orientierung und fragt sich ständig, was man möchte und wie es einem geht. Ja, deine Erklärung macht Sinn für mich. Heißt das dann, dass zu viel Freiheit nicht gut für die Seele ist? Ich bin froh, in einer Zeit ohne Zwänge und religiöse und gesellschaftliche Vorschriften zu leben, aber ich kann mir vorstellen, dass genau hier die Ursache für die heutige Problematik liegt.

      • "...Heißt das dann, dass zu viel Freiheit nicht gut für die Seele ist?..."

        Hm, eine schwierige Frage. Ich denke, die Freiheit ist nicht das Entscheidende, sondern die ANSPRÜCHE, die Erwartungen, die im Rahmen dieser Freiheit erfüllt werden sollen.

        Und die Seele...was immer man darunter versteht...ich denke, sie ist keine Konstante, sondern sie verändert sich mit der menschlichen, gesellschaftlichen Entwicklung.

        Die Seele eines Menschen im Mittelalter ist eine andere als die eines Menschen heute. Der Mensch im Mittelalter sieht sich hineingeboren in eine göttliche Ordnung, stellt diese nicht in Frage. Wenn er nicht zum Klerus oder zum Adel gehört, hat er keine Bildung, kein Wissen, keine Macht. Er ist den Naturgewalten komplett ausgeliefert, eine Mißernte, und die Menschen hungern. Die Lebenserwartung liegt bei ca. 40 Jahren. Es gibt Seuchen, die Frauen sterben im Kindbett, es gibt Leibeigenschaft und Kriege und was weiß ich noch alles.

        Es ist anzunehmen, dass die Menschen viel gelitten haben, aber sie ordnen das anders ein. Vor der Aufklärung taucht dieser Gedanke: "Ich bin ein Mensch, ein Indivuduum, und habe das Recht, an mein Leben und mein Sosein Ansprüche stellen zu wollen!" als Massenphänomen nicht auf.

        Das ist uns heute total fremd. Das merkt man vor allem daran, wenn man mit Gesellschaften konfrontiert wird, die noch in dieser "Voraufklärungszeit" leben, wie z.B. die Stammesgesellschaften in Afghanistan.

        Insofern? Die Menschen haben sicher in allen Zeiten gelitten, wenn nicht unter zu wenig Freiheit, dann unter zuviel Freiheit.

        Dann kommt noch die protestantische Ethik mit Luther, die es dem Individuum auch noch schwer macht...aber das würde hier echt den Rahmen sprengen. ;-)

        Wie sagt der Buddhist? Leben ist leiden. Buddhistische Philosophie ist aus meiner Sicht ein Ansatz, der sehr entlastend ist und der inzwischen auch in vielen Therapiekonzepten Einzug hält.

(13) 08.02.14 - 14:39

Ich glaube es liegt daran, dass wir uns heutzutage zu wenig mit uns selbst beschäftigen. Unser Tag ist so durchgeplant und durchorganisiert, dass wir überhaupt keine Zeit mehr haben uns mit unseren Emotionen, Wünschen und Ängsten zu beschäftigen. Unsere Freizeit verbringen wir mit Ablenkung, Fernsehen, Smartphone, Musik und und und. Hauptsache nicht nachdenken müssen. Denn wenn wir ehrlich sind, kommen doch dann die unangenehmen Dinge, die uns eigentlich belasten hoch. Also lenken wir uns ab. Bloß nicht nachdenken... Doch irgendwann holt es uns ein.

VG
Mateo

  • (14) 08.02.14 - 15:57

    Ich denke, wir beschäftigen uns eher (zu) viel mit uns selbst ... verwirkliche ich mich auch selbst? Bin ich auch nicht fremdbestimmt? Was will ich vom Leben? Ist diese Beziehung die richtige oder nicht?

    Früher war viel mehr von außen vorgegeben - Junge lernt den selben Beruf wie der Vater, Mädchen heiratet und zieht die Kinder groß, fertig. Ich will nicht behaupten, dass die Leute damit dann glücklicher waren, aber sie haben eben nicht so viel in Frage gestellt.

    • (15) 09.02.14 - 20:19

      Ich bleibe trotzdem dabei. Wobei ich dir recht gebe, dass unser Leben viel selbstbestimmter geworden ist. Früher war alles vorbestimmt und gottgewollt. Die Freiheit ist eine große Herausforderung.

      VG
      Mateo

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