Selbstmörder - Warum in der Öffentlichkeit sterben?

    • (1) 18.02.14 - 18:00

      Hallo ihr Lieben,
      das ist zwar ein bedrückendes Thema, aber es beschäftigt mich immer mal wieder und speziell heute. Der Grund dafür ist, dass sich in unserer Stadt heute eine Frau in einem gut besuchten Einkaufszentrum in den Tod gestürzt hat. Zumindest wird stark vermutet, dass es ein Suizid war.
      Warum macht ein Mensch das in der Öffentlichkeit? Warum involviert ein Mensch andere und gefährdet sie damit womöglich (z. B. vor den Zug schmeißen, von der Autobahnbrücke springen, Geisterfahrer,...)?

      Auch bei dem Ereignis heute hätten Menschen verletzt werden können, die in dem Moment unter ihr entlang gehen. Zumindest einen psychischen Knacks werden die Anwesenden doch ihr Leben lang behalten.

      Wieso nicht "heimlich", still und leise bei Tempo 180 nachts auf nem Feld gegen einen Baum fahren?

      LG
      Kristina

      • Ich glaube, in solch einem Moment der absoluten Verzweiflung, denkt man über sowas nicht mehr nach.

        Bist du wirklich der Ansicht, ein suizidaler Mensch ist so klar im Kopf, dass er sich über so etwas Gedanken macht?

        • Naja, einer gewissen Planung bedarf es schon. Ein Selbstmörder entwickelt den Gedanken, aus dem Leben zu scheiden, ja nicht von jetzt auf sofort, geht in ein Einkaufszentrum und denkt sich "Jetzt spring ich".

          Bisher hatte ich keinen Einblick in die Psyche eines Selbstmörders, daher die Eingangsfrage. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was sich in dessen Kopf abspielt.

      (5) 18.02.14 - 18:53

      Bei Geisterfahrern handelt es sich tatsächlich oft um einen aggressiven Suizid, der mit Absicht diese Verzweiflung oftmals aus Ungerechtigkeit jemand im selben Moment auch antun will.

      Das kommt natürlich auch auf den Auslöser an, Suizid ist aber nicht immer nur eine Momentaufnahme - es gibt auch Planungen.

      Glaub mir, wenn du wirklich sterben willst machst du dir keine Gedanken über mögliche Kollateralschaeden. Dann ist dir nur noch wichtig, dass nichts schief geht.

    • (7) 18.02.14 - 19:16

      Hallo,

      vielleicht ist es demjenigen egal, er tut es, weil er die passenden Umstände dazu vorfindet und einen so festen Entschluß dafür gefasst hat.

      Oder aber er will auf seine hilflose Situation aufmerksam machen, auch die Ausweglosigkeit, in der er sich befindet, auch dass ihm niemand geholfen hat oder abgewiesen wurde und vielleicht nicht ernst genug genommen wurde.

      Schlimm fand ich im letzten Jahr, als sich die Mutter einer Freundin meiner Tochter vor den Zug warf und starb mit Mitte 40.

      Erstmal tut man das keinem Lokführer an.

      Dann fand ich es beschämend oder zum Nachdenken anregend,
      dass mindestens 15 Freunde von ihr in einer Annonce aufgeführt waren.
      Als Freund hätte ich mich in dieser Situation geschämt, meinen Freund nicht aufgefangen zu haben oder ihn von der Sache abgebracht zu haben.

      Lotta

      • (8) 18.02.14 - 19:26

        Oh Gott, wie schrecklich! Es ist immer schlimm, wenn Menschen sich das Leben nehmen. Aber wenn Kinder involviert sind, ist es einfach nicht fassbar! :-(

        "Dann fand ich es beschämend oder zum Nachdenken anregend,
        dass mindestens 15 Freunde von ihr in einer Annonce aufgeführt waren.
        Als Freund hätte ich mich in dieser Situation geschämt, meinen Freund nicht aufgefangen zu haben oder ihn von der Sache abgebracht zu haben."

        Was das angeht, glaube ich, dass jemand, der wirklich nicht mehr bereit ist weiterzuleben, nicht davon abgebracht werden kann. Ich denke da gerade an Robert Enke. Er war in Therapie, er hatte seine Frau, er hatte gute Freunde. All diese Leute wussten von seiner langjährigen Depression, haben versucht ihm zu helfen und trotzdem hat er seinem Leben ein Ende gesetzt (auch unter Beteiligung Dritter).

        • (9) 18.02.14 - 21:33

          hallo

          ich weiß dass man es oft von aussen gar nicht demjenigen ansieht und merkt !! Die können sich sehr gut verstellen und eine andere Maske aufsetzen bis es nicht mehr geht !!

          lg

      "Dann fand ich es beschämend oder zum Nachdenken anregend,dass mindestens 15 Freunde von ihr in einer Annonce aufgeführt waren.Als Freund hätte ich mich in dieser Situation geschämt, meinen Freund nicht aufgefangen zu haben oder ihn von der Sache abgebracht zu haben."

      Diese Aussage finde ich erschreckend. Dann darf bei Selbstmördern keiner in der Todesanzeige stehen? Weil sich alle schämen und Schuldgefühle haben (sollen)?

      Ich denke, jeder, der irgendwie mit in und an einer Selbstmordgeschichte hängt, wird alles durchmachen: Wut, Schuld, Ratlosigkeit..............und am Ende eben Trauer. Jeder hat das Recht, dem Ausdruck zu verleihen. So ein Suizid ist traumatisierend für alle Beteiligten.

      Für mich ist es eher schön, wenn so viele in der Anzeige stehen. Dann kann man hoffen, dass sich die Betroffenen gegenseitig auffangen können.

      Es ist leider sehr naiv gedacht, man könne einen suizidalen Menschen "von der Sache abbringen"....

      Zum einen spricht nicht jeder über seine Verzweiflung so dass ein Eingreifen überhaupt möglich ist. Viele halten nach außen bis zum letzten Moment den Schein aufrecht. Und zum anderen handelt es sich nicht um den Kauf einer schlecht sitzenden Jeans. Man kann einen schwer depressiven Menschen der Suizidabsichten hegt nicht mal eben überzeugen, das Leben sei 'ne tolle Sache.
      Selbst mehrjährige und intensive Therapien scheitern da häufig genug.

      Wenn das so einfach mti hilfe von freundlicher Unterstützung aus dem Bekanntenkreis zu meistern wärem gäbe es nicht so viele Tote...

      ---Als Freund hätte ich mich in dieser Situation geschämt, meinen Freund nicht aufgefangen zu haben oder ihn von der Sache abgebracht zu haben.---

      Vor sehr vielen Jahren hat sich ein Freund von uns vor einen Zug geworfen.

      Er war Sonntags bei uns zum Kindergeburtstag und hat mit meinem Mann gut gelaunt ein Bierchen getrunken.
      Er hat gelacht, war gut drauf und ging etwa gegen 19 Uhr heim. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass er sich gegen 23 Uhr das Leben genommen hat.

      Ich konnte das einfach nicht glauben, es war für uns alle unfassbar.
      Er hatte lange Depressionen, war auch in Behandlung und es schien aufwärts zu gehen. Er ging wieder unter Leute, lachte und sah wieder besser aus .....und genau dann warf er sich vor einen Zug.

      Für was sollte man sich da schämen? Niemand konnte das ahnen.
      Er hatte sogar den Hund dabei, den band er an einen Baum. Wer sollte ahnen, dass er ausgerechnet dann solch einen Schritt geht?

      Im Nachhinein glaube ich, plante er das lange und war deshalb so gut drauf ..... weil er wusste, es ist bald vorbei. Aber das weiß ich nicht, ich glaube es nur.

      Niemand konnte das ahnen und er hat großes Leid über seine Familie .... er hatte 2 kleine Kinder ..... gebracht.

      (13) 19.02.14 - 10:53

      "Dann fand ich es beschämend oder zum Nachdenken anregend,
      dass mindestens 15 Freunde von ihr in einer Annonce aufgeführt waren.
      Als Freund hätte ich mich in dieser Situation geschämt, meinen Freund nicht aufgefangen zu haben oder ihn von der Sache abgebracht zu haben."

      Unser Freund hat sich vor 7 Jahren, 3 Tage vor seinem 18. Geburtstag, im Wald erhängt. Mittags war er noch bei seinem Bruder. Er hatte erzählt, dass er seinen Führerschein bald in der Tasche hat und welches Auto er sich dann kauft. Sie haben viel über die Zukunft gequatscht. Nachmittags ist er nachhause gefahren, sich umgezogen, seinen Walkman mitgenommen und ist in den Wald gefahren...

      Niemand, wirklich NIEMAND, hat irgendetwas geahnt. Weder Familie, noch Freunde. Wir wissen nicht, ob auf dem Heimweg etwas passiert ist oder ob er es schon geplant hatte, als er bei seinem Bruder war. Wir wissen/wussten absolut gar nichts.

      LG

      >Als Freund hätte ich mich in dieser Situation geschämt, meinen Freund nicht aufgefangen zu haben oder ihn von der Sache abgebracht zu haben.<

      na so einfach kann man das leider nicht sagen.

      ein cousin von mir hat sich vor einigen jahren das leben genommen (hat aber keine anderen menschen mit "reingezogen", hat sich in wohnung erhängt) und es kam doch sehr überraschend für alle. er hat die probleme mit sich still und alleine ausgemacht, nicht jeder redet halt über alles.

      man kann doch die freunde nun nicht dafür verantwortlich machen bzw. das die sich nun alle schämen müssen, weil keiner was getan hat #kratz

      (15) 19.02.14 - 11:01

      Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, einen suizidgefährdeten Menschen mal eben aufzufangen und von seinen Plänen abzubringen. Das wäre schön, aber so läuft es nicht.

      Und ich bin überzeugt, dass diese Freunde sich bestimmt auch so ihre Vorwürfe machen.

      Die Eltern eines Freundes von mir haben sich umgebracht - beide zusammen. Hinterlassen haben sie zwei ratlose Kinder im Teenageralter. Da ist es heftig abgegangen mit Schuldgefühlen ("War ich schuld? Ich hab viel Ärger gemacht und war immer frech..." "Hätte ich es verhindern können, wenn ich ein besseres und/oder aufmerksameres Kind gewesen wäre?" "Warum waren wir nicht genug, damit sie leben wollen? Waren wir so schlechte Kinder? Konnten sie uns deswegen nicht genug liebhaben?")

      Das ist ganz furchtbar und hinterlässt bei den Hinterbliebenen tiefe Wunden und Zweifel, die sich letztlich ja auch niemals ausräumen lassen. Eine Antwort bekommst Du nicht mehr. Ich weiß, dass es viele Therapiejahre gab, und es ist auch 20 Jahre später für beide nicht abgeschlossen.

      Von daher finde ich es immer sehr bedenklich, so leichtfertig zu urteilen. Der Selbstmörder hat es hinter sich. Für die Hinterbliebenen, die vielleicht vorher schon gekämpft haben, hört es vielleicht nie auf. Da sollte man sich nicht noch sagen lassen müssen, dass man sich schämen sollte...

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