Spätabtreibung

    • (1) 10.08.14 - 16:17

      Hallo Urbianer,
      meine Schwester hat vor einigen Wochen einen Abbruch gehabt, in der 21. Woche.
      Der Fetus litt unter sog. Trisomie 18 und hatte diverse Fehlbildungen.

      Ich hab sie begleitet, da ihr Mann dazu nicht in der Lage war.
      Wer entscheidet das eigentlich ob und wann das legal durchgeführt werden darf?
      Eigentlich ist doch Abtreibung nur bis zur 14. Woche erlaubt.

      Ich bin gar nicht gegen Abtreibung, hatte vor 20 Jahren selber eine, aber in der 10. Woche und auch ohne medizinische Indikation.
      Ich sprach auf der Station mit dem behandelden Arzt und der meinte, daß sie Spätabbrüche regelmäßig hätten, mehrmals im Monat.
      War wohl auch eine große Klinik.
      Ist das schon immer legal gewesen oder eine Gesetzeslücke?

      • Man darf legal in Deutschland abtreiben wenn der Mutter eine Fortführung nicht zuzumuten ist, entweder aus körperlichen oder auch psychischen Gründen. Ob das Kind behindert und oder Lebensfähig ist spielt keine Rolle.

        Ob eine Indikation gegeben ist entscheidet im Endeffekt der Arzt, denn der muss die Abtreibung ja durchführen.
        Formal kann man abtreiben bis die Wehen einsetzen.

        Abtreibungen generell sind nicht legal. Sind sind lediglich unter bestimmten Bedingungen straflos, wenn der Tatbestand nicht erfüllt ist.

        Bei deiner Schwester kommt ihr dies zugute: §218a Abs. 2

        Fristen und Indikationen werden üblicherweise zwischen den Politikern diskutiert, das Bundesverfassungsgericht hat aber auch ein Wörtchen mitzureden, wenn eine neue Gesetzesvorlage nicht der Verfassung entspricht.

        Wünsche viel Kraft deiner Schwester und ihrem Mann.

        Ich habe neulich eine Doku auf Arte gesehen, da wurde von einem ähnlichen Fall berichtet. Ich glaube das sie auch erwähnt haben das diese Fälle von einer unabhängigen Medizinischen Kommission geprüft werden bevor es zum Abbruch kommt.
        Leider ist das schon ein paar Wochen her sonst hättest du bei interresse mal in die Mediathek von Arte schauen können, dort sind die Sendungen immer eine gewisse Zeit verfügbar nach Ausstrahlung.

        Die Doku drehte sich um die Vor und Nachteile der heutigen Praenataldiagnostik und ihre Auswirkungen. Sehr traurig aber Sehenswert.
        Alles gute für deine Schwester ich wünsche keinem in diese Situation zu kommen.

      • Hallo,

        die Regelung bzgl. der gesetzlichen Regelungen zur Spätabtreibung ergeben sich aus §218a StGB. Dementsprechend ist die Abtreibung und auch die Spätabtreibung seit dem Jahr 1972 entsprechend der Voraussetzungen der einzelnen Paragrafen legal und straffrei.

        Abgestellt wird bei der Spätabtreibung auf den Absatz 2 des § 218a StGB. Demnach ist ein Abbruch bei einer Vorhandensein einer medizinisch-sozialen Indikation zeitlich unbegrenzt möglich, d.h. theoretisch wäre auch ein Spätabbruch in der 37ssw erlaubt und straffrei solange dieser medizinisch begründet werden kann.

        LG

      "Ich sprach auf der Station mit dem behandelden Arzt und der meinte, daß sie Spätabbrüche regelmäßig hätten, mehrmals im Monat."

      Zu dem Rechtlichen hast du ja schon Antworten bekommen.

      Vorweg, es obliegt jeder Frau, jedem Paar das zu entscheiden. Aber ich nehme deinen Post dennoch zum Anlass, ewas dazu zu sagen, einfach als Gedankenanstoß.

      Ich finde es erschreckend, dass bei "Gendefekten" von Ärzten fast selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass man nicht auf eine natürliche Fehlgeburt oder den natürlichen Tod wartet, sondern, dass die "Geburt" künstlich eingeleitet wird.

      Unserer Tochter hatte auch einen Gendefekt und aufgrund des Ultraschallbefundes war es sehr wahrscheinlich, dass sie es nicht schaffen würde.

      Wir haben uns aber dafür entschieden, auf die natürliche Fehlgeburt (die im 6.Monat eintrat) zu warten und unser Kidn entscheiden zu lassen. Es waren sehr belastende Monate, auf den sicheren Tod des Kindes zu warten.

      Aber es war ein Weg, den wir immer wieder gehen würden. Und die Ärzte waren alle überrascht, dass wir nicht vorher eingreifen wollten.

      Ich respektiere jede Entscheidung und kann es auch verstehen, dass Eltern dieses Warten auf den Tod nicht aushalten wollen oder können, aber diese Möglichkeit sollten Ärzte viel deutlicher ansprechen.

      VG und alles Gute für deine Schwester

      • So war es auch bei meiner Schwester.

        Es ist ihr angeboten worden.

        Ihr Gynaekologe hat es ihr erklärt und im Krankenhaus auch.
        Ihre Hebamme hatte ihr auch angeboten sie zu begleiten.
        Sie wollte das nicht, konnte sich diesen Weg für such nicht vorstellen.

        Nachdem sie die Diagnose hatte, wollte sie den Abbruch.
        Und das hat sie auch sehr klar kommuniziert.

        • Uns ist das eben nicht angeboten worden. Und das ist kein Einzelfall. Das fand ich sehr erschreckend und finde es immer noch.

          Wenn deine Schwester sich diesen belastenden Weg nicht vorstellen konnte, ist das ja für sie die richtige Entscheidung gewesen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Wahlmöglichkeit nicht so eindeutig "beworben" wurde.

          Wenn das bei deiner Schwester aber anders war, finde ich das sehr positiv.

          VG

          • Sie wurde über alles aufgeklärt.

            Sie wollte das Kind auch nicht sehen.
            Ich habe es mir angeschaut und muss sagen, ich fand den Anblick grauenhaft.

            Ich denke , meine Schwester hat es richtig gemacht, sich damit nicht zu belasten.

            Auch das wurde akzeptiert.

            Der Fetus wurde auch nicht beerdigt, auch das wollten die Eltern nicht.
            Ich denke, es gibt da kein Richtig oder Falsch.
            So eine Situation ist so unvorstellbar traurig und belastend, daß alles so ablaufen sollte,daß die Eltern es als Entlastung und Hilfe empfinden.

            • "So eine Situation ist so unvorstellbar traurig und belastend, daß alles so ablaufen sollte,daß die Eltern es als Entlastung und Hilfe empfinden."

              Genau und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Wünsche der Eltern nicht so respektiert wurden, wie man es sich vllt. wünscht.

              Wir sind einen ganz anderen Weg gegangen als deine Schwester, wir haben lange Zeit verbracht mit ihr und wir haben ein schönes Grab, für das wir kämpfen mussten.

              Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Jedes Elternpaar sollte so unterstützt werden, dass sie es am besten verarbeiten können.

      Du weißt aber das allein die Diagnose Trisomie 18 NICHT automatisch zum Tod unter der Geburt führt?

      Mit einer Trisomie 18 kann man auch leben. Die Länge kann keiner vorher sagen und über die Qualität läßt sich streiten.
      Wenn man also kein Kind mit dieser Behinderung haben möchte bleibt einem nur die Abtreibung oder das Kind wird nach Geburt abgegeben.

      Somit war die die Entscheidung der Schwester für sie und ihren Mann vermutlich (hoffentlich!) der beste Weg für das Paar.

      Hab schon Kinder kennen gelernt die laut Fachkliniken angeblich die Geburt nicht überleben und dann doch mit den Eltern lebend heim sind.

      Echt ne sch.... Entscheidung die wirklich keiner einem anderen abnehmen kann....

      Ich hätte vermutlich (!) das Kind bekommen und human durch das Leben begleitet. Aber das war unsere persönliche Vorstellung und ich hätte auch den entsprechenden med. Rückhalt im Umfeld um das druchzuziehen.

      Aber ich geb Dir soweit recht, das die Begleitung oft zu wünschen übrig läßt. Das fängt aber schon bei der künstlichen Berfruchtung an. Da werden ganz selbstverständlich Mehrlinge reduziert nachdem sie erfolgreich eingestezt wurden.
      Dabei sollten doch grad Gynäkologen da speziell ausgebildet sein. Die haben doch Frauen in den absoluten Extremsituationen zu begleiten.

      Falls es Dich interessiert, der Film ist echt ergreifend http://www.meinkleineskind.de/film.html

      LG,
      Hermiene

      • Das weiß ich, ich habe mich intensiv damit auseinander gesetzt, weil bei uns nämlich zuerst auch Trisomie 18 im Raum stand. Wir haben uns auch damit auseinander gesetzt, welche medizinischen Maßnahmen wir im Überlebensfall einleiten lassen würden und welche nicht.

        Es war dann letzlich ein anderer Gendefekt, wie sich nach der Chorionzottenbiopsie rausstellte.. Unser Gendefekt ist prinzipiell auch mit dem Leben vereinbar, es war zwar bei uns aufgrund des schwerwiegenden Herzfehlers klar, dass unser Kind es nicht schaffen würde, aber eine geringe Überlebenschance bestand.

        "Somit war die die Entscheidung der Schwester für sie und ihren Mann vermutlich (hoffentlich!) der beste Weg für das Paar."

        Das muss jeder für sich entscheiden. Wir haben uns entschieden, dass wir nicht entscheiden, ob unser Kind leben darf oder nicht. Wenn man diesen Weg nicht gehen möchte, habe ich aber großes Verständnis, gerade weil ich weiß, wie schwer und belastend er war.

        Und es ist eine ganz schwierige Entscheidung, besonders im Falle von Trisomie 18, weil man eben auch die Frage stellen muss, was ist für das Kind ein lebenswertes Leben.

        Das kann nur jeder für sich entscheiden.

        VG

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