Sachwalterschaft? - Nix für schwache Mägen...

    • (1) 31.08.14 - 17:34

      Hallo liebe Urbianer!

      Ich bin gerade im Zwiespalt und hoffe möglicherweise auf Erfahrungsberichte bzw. Alternativen.

      Ist eine Sachwalterschaft der richtige Weg? (Zur Info - wir leben in Österreich)

      Zur Situation: Meine geliebte Tante ist seit ich denken kann Alkoholikerin. Früher war sie eher eine Gesellschaftstrinkerin, da aber schon in einem Ausmaß, das nicht mehr unter "gesund" fallen würde. Seit einigen Jahren hat es sich verschlimmert.

      Vor nicht ganz zwei Jahren kam es zum Eklat - akute Alkoholvergiftung, Einlieferung ins Krankenhaus. Damals ließ sie schon 6 Jahre niemanden in ihre Wohnung. Wir (die engste Familie, sie hat weder Partner noch Kinder) haben ihr dann den Wohnungsschlüssel abgenommen, da sie ja auch Wäsche, Handyladekabel etc. für den KH-Aufenthalt brauchte. Die Wohnung war knöcheltief mit Essensresten zugefüllt, dazu mehr als 1000 (gezählte) Rumflaschen. Sie ging nach gutem Zureden auf Reha. Rückfall sofort nach Reha. Seither alle 4-6 Monate das selbe - Einlieferung ins Krankenhaus, wir haben die Wohnung gereinigt und renoviert, sie gelobte Besserung.

      Nun ist sie wieder mal im Krankenhaus. Herzkammerflimmern, Blutdruck 80 zu 35, Verdacht auf Leberzirrhose. Sie hat wieder den Schlüssel rausgegeben, die Wohnung ein Saustall. Wieder überall Essensreste am Boden, Ungeziefer, Schimmel, über 100 Rum-Flaschen (in 4 Monaten), ein Eimer viertelvoll mit Erbrochenem neben dem Bett. Zerbrochene Flaschen, also Scherben, in der ganzen Wohnung.

      Wir können nicht mehr! Offensichtlich ist sie eine Gefahr für sich selbst. Ich hab schon ein schlechtes Gewissen, dass wir ihr immer geholfen haben. Aber wir sind nun mal Familie.

      Jetzt ist mein Gedanke, sie beim der Bezirkshauptmannschaft, Sanitätsabteilung bzw. Amtsarzt zu melden. Habe mit meiner Nachbarin, die Sozialarbeiterin ist, geredet, dies wäre die korrekte Ansprechstation als erster Schritt zur Sachwalterschaft.

      Meine erweiterte Familie ist dagegen. Ich will aber nicht in wenigen Monaten am Friedhof stehen und meine Tante betrauern. Meine Mutter - die engste Bezugsperson meiner Tante - unterstützt meinen Gedanken, traut sich aber selbst aus Angst vor der Reaktion der Familie nichts zu unternehmen. Liege ich falsch in meinem Gedanken, dass es die letzte Rettung ist, sie "entmündigen" zu lassen? Meine Tante selbst will sich nicht helfen lassen, "die Reha war sche**e, da geht sie nie wieder hin". Psychologische Hilfe lehnt sie auch ab. Aber alles in allem kann sie nicht für sich selbst sorgen, das ist nun offensichtlich.

      Gibt es Alternativen zur Sachwalterschaft? Ich glaube nicht. Ich bin dann eben das Ar***loch der Familie, aber ich wünsche mir, dass meine Tante noch viele Jahre lebt. Und wenns in einer Betreuungseinrichtung ist. Freiwillig ändert sie nichts, nicht mal den Vorschlag einer Putzfrau, die wöchentlich den größten Dreck wegmacht, hat sie angenommen.

      Von der Familie kann und will sie niemand aufnehmen. Die Belastung wäre zu groß. Durch ihre Alkoholkrankheit ist sie nicht zu bändigen, die unterwirft sich keinen täglichen Ritualen, denkt nur an sich.

      Ich bin verzweifelt. Morgen werde ich wohl die zuständigen Stellen anrufen. Es wird wohl zur amtsärztlichen Öffnung der Wohnung kommen. Und dann ist sowieso alles in die entsprechenden Bahnen gelenkt.

      Wer hat ähnliches erlebt? Wer weiß, wie es in Sachen Sachwalterschaft dann weitergeht? Welche Alternativen gäbe es? (Ich denke keine, freiwillig macht sie nichts gegen ihre Situation).

      Danke fürs Lesen.

      Eine traurige und überforderte Arcaline

      • Ich würde den Teil der Familie der dagegen ist auffordern, dass er die Wohnung säubert und sich zukùnftig um die Tante (täglich) kümmert.

        Dagegen sein und nichts machen ist Heuchelei pur.

        Teile mit, dass wenn keine VERBINDLICHE Zusage erfolgt, du die Betreuung einleiten MUSST (also keine andere Wahl besteht).

        Der, der putzt und hilft, bestimmt.

        Da gibt es keine Diskussion, hier kennt die Realität und habt einen Einblick in die Problematik. Es geht schliesslich auch nicht nur darum, der Tante zu helfen, sondern euch zu entlasten. Ich gehe davon aus, dass ihr nicht alle paar Monate ihre Wohnung reinigen möchtet, euch Sorgen machen und mit der Situation konfrontiert werden ohne Hoffnung auf Besserung. Und das ist völlig legitim.

        Ansonsten darf die erweiterte Bekanntschaft ab sofort eure Aufgaben übernehmen. Das wollen sie aber nicht, auf der anderen Seite schieben sich euch eine grosse Bürde zu und das ist unfair. Deshalb könnt ihr absolut euch Hilfe suchen.

        Ich wünsche euch viel Kraft!

        Hallo, kannst du sie irgendwie in die Psychiatrie zwangsweisen lassen? Daw hätte ich damals bei meinem Vater machen sollen, er war wohl schwer depressiv. Es gibt immer ein Problem hinter dem Alkoholismus, das damit bekämpft wird. Sie wird sonst bald sterben. Wahrscheinlich kannst du aber in dem Alter nichts dagegen machen. Alles Gute für dich!

      • Hallo,wasversprichst du dir von " einer Betreung"?
        In Deutschland würdest du vielleicht keine bekommen. Grob unvernünftiges Umgehen mit der eigenen Gesundheit indiziert allein eine Unfähigkeit zur Willensbildung (und somit den Grund einer Betreuungsanordnung) nicht.

        Laß dich erst beraten von Leuten die sich mit Alkohlismus auskennen.

        Ich gaube nicht das du ihr gegen ihren willen helfen kannst. Das ist leider das schreckliche an der Sucht.

        • Hallo!

          Du hast leider recht, ich kann nichts tun. Habe eben mit der Amtsärztin telefoniert. Die Kernaussage war, dass meine Tante für ihr eigenes Unglück verantwortlich ist. Wir können weiterhin versuchen, sie zu überreden, Hilfe anzunehmen. Nachdem sie in einer Eigentumswohnung lebt, kann gegen die Vermüllung so lange nichts gemacht werden, solange außer ihr niemand direkt gesundheitlich beeinträchtigt ist.

          Eine Sachwalterschaft wird nicht möglich sein, da sie zwar bereits neurologisch beeinträchtigt ist (Tremor, Gleichgewichtsstörungen, Hirnschrumpfung), sie in ihren "lichten" Momenten aber all ihre geschäftlichen und finanziellen Angelegenheiten regelt. Sie bezahlt regelmäßig Rechnungen.

          In meiner wohl naiven Vorstellung hatte ich erwartet, dass man möglicherweise amtswegig eine Betreuung zur Seite stellen kann, einen Sozialarbeiter oder eine Pflegehilfe. Dies ist leider nicht möglich, da sie nicht den Kriterien einer möglichen Sozialhilfe bzw. eines Pflegegeldbezugs entspricht.

          Von einer Betreuung hätte ich mir erwartet, dass sie damit unter Umständen davor bewahrt wird, sich weiterhin selbst zu Grunde zu richten. Aber ich verstehe durchaus die Aussage der Amtsärztin, dass man sie zu nichts zwingen kann.

          Schade. Ich bin traurig, dass wir wohl nichts weiter tun können, als ihr weiterhin Hilfe anzubieten, die sie nicht annehmen wird.

          Ich danke allen fürs Lesen.

          Arcaline

          • Ist aber nicht immer so. Der geschiedene Mann einer guten Bekannten von mir ist auch schwerer Alkoholiker, wohnt alleine. Er hat eine Betreuerin, die bei ihm putzt, einkauft, der Pflegedienst kommt 2 x tgl. und setzt ihm seine Insulinspritzen.... Er braucht sich nur um das Auffüllen seines Bierbedarfs kümmern (Alk kauft die Betreuerin nicht, aber er hat wohl ausreichend Taschengeld) und sitzt den ganzen Tag vorm TV. Sogar die Wäsche wird ihm gewaschen.
            So gesehen geht es ihm besser wie meiner Bekannten, die ums Auskommen kämpfen muss mit kleiner Rente, wovon er ja auch noch einen Teil bekommen hat .:-[

            Hat Deine Tante keine Nachbarn im Hause ? Das muss doch erbärmlich stinken, wenn die Wohnung so zugemüllt ist. Dann könnte man über den Vermieter einiges erreichen. Denn spätestens, wenn sie ausziehen muss, müssten sich die Behörden über eine adäquate Unterbringung Gedanken machen.......
            LG Moni

            • Hallo!

              Der von dir beschriebene Mann nimmt die Hilfe aber an, lässt die Helfer ins Haus, akzeptiert die Bedingungen. Wenn er unkooperativ wäre, würde sich keiner kümmern können und dürfen.

              "So gesehen geht es ihm besser wie meiner Bekannten, die ums Auskommen kämpfen muss mit kleiner Rente, wovon er ja auch noch einen Teil bekommen hat ."

              Echt? Denkst du das wirklich? Ich wäre lieber arm als in jeder Hinsicht abhängig von Außenstehenden. Meinst du, deine "Arme" Bekannte würde auch lieber den ganzen Tag vor'm TV sitzen, sich die Wäsche waschen und Insulin spritzen lassen? Wirklich komfortabel hört sich so ein Leben für mich nicht an. Ich habe genug Leute dieser Art versorgt. Mit keinem von denen hätte ich auch nur einen Tag tauschen wollen. Das ist Resignation und Langeweile und Fremdbestimmung pur. Ich verstehe deinen "Neid" da gerade überhaupt nicht. Muss ich aber nicht.

              Gruß
              Susanne

              • Ist kein Neid (geht ja nicht um mich) - ist pure Wut. Ich kenne den Mann, der hat sich sehr gut in seinem Promille-Leben eingerichtet - und seine dämliche Betreuerin hat meine Bekannte noch lange mit Briefen und Drohungen belästigt, in denen sie mehr Geld von ihr wollte für den Ex - selbst nachdem gerichtlich schon alles abgewickelt war und meine Bekannte gerade noch ihren Selbstbehalt zur Verfügung hatte.
                Es interessiert keinen Menschen, wie SIE zurechtkommt, sie ist unverschuldet schwer krank.
                Nein es ist wirklich kein Neid - aber eine ziemliche Wut über soviel Ungerechtigkeit.
                Gruß Moni

            "So gesehen geht es ihm besser wie meiner Bekannten, die ums Auskommen kämpfen muss "

            Glaub ich nicht. aber ich kann auch nur von mir selber sprechen.

            Hallo Moni!

            Danke für deine Antwort. Ja, es stinkt erbärmlich. Gerade im Sommer hält meine Tante es selbst nicht in der Wohnung aus und sitzt tagein, tagaus allein am Rathausplatz und beobachtet die Leute, während sie sich mit Rum "zuknallt".

            Die Nachbarn haben uns zwar bereits angesprochen, doch abgesehen von der direkten Nachbarin hält sich die Geruchsbelästigung so weit in Grenzen, dass sich keiner traut, etwas zu unternehmen. Sie wohnt im 3. Stock, also ganz oben, somit bekommen die unten eher weniger vom Geruch mit. Die Nachbarin in der Nebenwohnung macht die Tür nie auf, nach Aussagen der Nachbarn hat sie selbst gröbere Suchtprobleme - dies ist jetzt aber Hörensagen.

            Bei der Wohnung handelt es sich um Eigentum. Sie ist schuldenfrei. Sie hat ja ihr Leben lang gut verdient und ist jetzt seit nicht ganz 2 Jahren in Pension. Trotz ihrer Alkoholabhängigkeit hat dies täglich zur Arbeit geschafft und einen halbwegs passablen Job gemacht. Alle Kollegen wussten bescheid, haben sie aber gedeckt - wie das nun mal ist.
            Durch den Status der ETW kann natürlich ein Vermieter nichts machen.

            So eine Betreuerin, wie du beschreibst, würde in unserem Fall schon zumindest unsere Gewissen etwas beruhigen. Dann wäre wenigstens jemand da, der den gröbsten Dreck wegmacht. Und es würde jeden Tag jemand nachsehen, ob sie noch am Leben ist.
            Mein größte Befürchtung ist ja, dass wir wochenlang nichts von ihr hören - was ganz normal ist, da sie ja nicht auf Kontaktaufnahmen unsererseits reagiert - und sie dann in ihrem Dreck verstorben ist. Jede Hilfe zu spät kommt.

            Deine Bekannte hats bestimmt auch nicht leicht, ich würde nicht mit ihr tauschen wollen.

            Liebe Grüße
            Arcaline

        (12) 01.09.14 - 14:21

        Ist nicht schön mitanzusehen. Aber jeder hat meiner Meinung nach auch ein Recht darauf, sich zu Tode zu saufen.

        Wollte sie Hilfe, würde sie sie annehmen.

        Alles Gute, thyme

        • (13) 01.09.14 - 18:01

          Hallo Thyme!

          Es ist wirklich sehr traurig, den "Niedergang" eines Menschen mitanzusehen.

          Die einzige Hilfe, die sie annimmt (und sich nichtmal bedankt), ist die, dass ihr alle paar Monate die Wohnung gereinigt und aufgeräumt wird. Da muss es aber wieder dazu kommen, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert wird. Ansonsten reagiert sie weder auf Anrufe noch auf Besuche - sie lässt niemanden in die Wohnung.

          Laienpsychologisch gesagt hängen wir wohl alle tief in einer Co-Abhängigkeit, da sich das Thema nun wieder mal tagelang nur um meine Tante dreht. Was können wir tun, wie können wir helfen, was ist möglich. Langsam setzt nur die Phase des Hasses ein. Es will und kann keiner mehr. Dabei kann sie ja nichts dafür, sie ist krank. Das wissen wir auch. Es tut nur verdammt weh, wenn einem die Hände gebunden sind. Den Kontakt abzubrechen hilft ja auch nichts, zumal sie niemanden anderen hat. Wenn sie sich mal meldet, sind wir jedesmal froh, da es heisst, dass sie noch am Leben ist. Wie gesagt, auf Kontaktaufnahmen unsererseits reagiert sie ja nicht.

          Es bleibt wohl nichts, als zu hoffen, dass sie irgendwann selbst zur Einsicht kommt. Die gesundheitlichen Folgen ihres Alkoholismus sind leider bereits soweit fortgeschritten, dass sie zum Teil irreparabel sind. Aber jeder nüchterne Tag würde ihr Leben verlängern.

          :-(
          Arcaline

      Hi

      Das Problem lässt sich ja nicht durch eine Sachwalterschaft lösen. Wenn sie zb eine Sozialbetreuerin nicht in die Wohnung lässt, dann ist es ja egal ob die vom Sachwalter oder sonst wem geschickt wird... und wenn sie sie rein lässt, dann ist es auch egal.

      Freiwillig helfen lassen muss sie sich so oder so.

      Falls es mal doch notwendig sein sollte kann man einen Sachwalter auch nur für bestimmte Bereiche bestellen.

      LG

Hallo,

das Sicherste wäre für sie eine Rundumbetreuung.

In meinen Augen macht sich der Rest der Familie schuldig, nicht eingreifen zu wollen, deine Tante kann auf gar keinen Fall aus eigenem Antrieb sich selbst aus dieser Lage befreien.
Leider hatten wir im Freundschaftskreis auch mal dieses Problem. Ein älterer lieber Freund war auch dem Alkoholismus verfallen, ließ sich nicht helfen, spielte das Problem herunter. Wenn er dann mal im Krankenhaus war, weil er irgendwo sehr alkoholisiert aufgefunden wurde, wollte er dort so schnell wie möglich wieder heraus nach 1-2 Tagen.

Sicher wäre eine gute Betreuung , auch ein betreutes Wohnen für ihn das Beste gewesen und er hätte heute noch gelebt.

Leider lag er dann vor 2,5 Jahren auf dem Gehweg vor seinem Haus, er war vom 3.Stock aus dem Fenster gestürzt. Er verstarb, trotz sofortiger medizinischer Hilfe.

LG und alles Gute+ viel Kraft für dich.
Ich hoffe, du kannst etwas erreichen.
Lotta

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