Desinteresse

    • (1) 07.11.14 - 14:12

      Hallo, liebe Urbia-Gemeinde!

      Heute habe ich mal wieder eine Frage zu einer konkreten Situation. Früher war ich sehr resolut, oft auch verbissen. Je älter ich werde, desto mehr lässt das nach. Dennoch gibt es Situationen - wie kürzlich erst erlebt - die mich früher sehr geärgert haben und mir heute so egal sind, dass ich mich echt frage, ob es wirklich so gut ist, so allgemein abgestumpft zu sein...

      Deswegen würde ich gern eure Einschätzungen zu folgendem Gespräch hören.

      Ein Großelternteil meiner Kinder ist seit 4 Jahren chronisch krank. Immer mal wieder sind Kontrolluntersuchungen und Therapien notwendig. So kam es kürzlich zueiner minimalinvasiven Operation mit anschließendem Krankenhausaufenthalt.

      Nachdem die Person X wieder zu Hause war, rief sie bei mir an:

      X: Das war total interessant und spannend. Vor allem die spinale Narkose. Ich würde mich immer wieder dazu entscheiden.
      Ich: Schön. Und interessant wie unterschiedlich die Erfahrungen so sind.
      X: Wieso?
      Ich: Weil ich mich nie wieder so entscheiden würde.
      X: Musstest du denn jemals das entscheiden?
      Ich: #augen Ja. Bei der Geburt von A. Ihr habt mich 4 Stunden danach besucht. Bei B. musste es eine Vollnarkose sein.
      X: Achsoooo. Jaaaaaa. Daaaaas . Das ist ja völlig anderes. Also bei mir.... Blablabla...

      Mir fällt es unheimlich schwer, Sowas einzuordnen. Ich erwarte von niemanden, dass er sich für meine Krankheitsgeschichte interessiert, das beruht dann aber auch auf Gegenseitigkeit. Ich kenne zum Beispiel die komplette Krankheitsgeschichte meiner Großeltern und werde da auch auf dem Laufenden gehalten. Die wissen aber auch, wie meine Kinder zur Welt gekommen sind, welche Komplikationen es gab und haben mir in der Zeit danach geholfen.

      In der oben genannten Situation fiel es mir schwer, den Rest des Gesprächs aufmerksam zuzuhören. Wie hättet ihr reagiert?

      • Hallo,

        ehrlich gesagt genauso
        . Das hat für mich auch nichts mit Desinteresse zu tun. Es fällt mir im Umfeld immer mehr auf, dass die wenigsten sich für Einander interessieren, oder dies meist dann einseitig ist. Lange Zeit habe ich dies toleriert, aber irgendwann hat man dann auch keine Lust mehr nur der seelische Mülleimer zu sein, ob spannend oder nicht. Dann ertappe ich mich auch oftmals selbst, mit den Gedanken abzuschweifen.....

        Unter einer guten Unterhaltung verstehe ich das Zuhören, und Interesse auf beiden Seiten, so kann man sich dann auch mal etwas anhören, das einem nicht interessiert, ohne gedanklich abzuschweifen.

        Lg shalom

        Hi,
        bei den Schwiegerleuten, die im Monat alleine öfters zum Arzt rennen, als meine beiden Eltern im Jahr, kann ich nicht mehr zuhören. Da bin ich total abgestumpft und schalte ab.

        Wenn einer das Essen, so heiß wie es vom Herd kommt isst, und dann seit Jahren Magenprobleme hat, und schon etliche Magenspiegelungen hinter sich, hört man nicht mehr zu.

        Das Knie ist total hin, er ist 75 Jahre, war Schlosser und hat auch daheim im Umkreis von 20 km alle mit Zäune, Türchen und Geländer versorgt. Das das Knie hin ist, und Rheuma und Arthrose, braucht man da ein Kopf MRT oder CT - ja ich habe nicht mehr zugehört, um auszuschließen ob ein Gehirntumor vorhanden ist??

        Es kommt halt immer darauf an, wer es ist, ist bei mir jedenfalls so.

        Ist derjenige 80 Jahre alt und hat 3 mm schwarzer Hautkrebs auf der Wange, finde ich das nicht so tragisch, wie ne 35 Jahre alte Mutter, mit 2 kleinen Kindern, die Leukämie hat. Wurde ich auch ganz entsetzt angeschaut.

        Mein Bruder starb mit 32 Jahren bei einem Autounfall, ich sehe dadurch vieles anders.

        Bei Dir wird die "ewige Leier" auch nicht mehr das Stammhirn erreichen, weil nur "Sie" krank sind, und alles nur um SIE drehen soll. Keiner ist je so schlimm krank gewesen wie sie, usw. Dann reagiert man irgendwann mal so, wie Du auch.

        Gruß Claudia

        Hallo,

        so ist meine Mum.

        Ich sage "gute Besserung" und höre zu.

        Mir gefällt es auch nicht, aber sie ist eben meine Mutter.

        LG

      • Hallo,
        das ist normal, dass jeder den aanderen mit seinen Krankheiten übertrumpfen will. Geh mal in eine z.B. Rheumagruppe. Da wird einem ganz genau gesagt, was heute wieder alles weh tut und der vorhergehende wird immer überboten. Warum das so ist? Ich weiß es nicht, aber ich denke mal, dass die Menschen dann den Mitleid/die Bewunderung der anderen erschleichen wollen.
        Das umgedrehte Phänomen der Mütter: Mein Kind kann schon dies und jenes und ist ja ach so schlau.

        • Das kann ich bestätigen, ein guter Freund (34) war in einer Rehaklinik da er etliche Probleme mit der Lunge hatte (Fachbegriffe sind mir entfallen, "Hauptproblem" war das die Lunge eingefallen war und dann noch etliche andere Dinge) und das waren alles Dinge die EIGENTLICH erst älteren Leuten passieren, in seiner Klinik waren ausser ihm noch 2 jüngere Leute und die 3 waren irgendwann kurz vorm durchdrehen, die anderen Patienten da stellten sich sofort mit detailiertem Krankheitsbild vor und generell beliefen sich die Gesprächsthemen auf Krankheiten,Krankenhaus,Behandlungen,..
          Hätte er da nicht 2 Leidensgenossen gefunden hätte man ihn glaube ich echt einweisen können..

      Hallo,
      seitdem ich meine ex Schwiegermutter kenne schockt mich nichts mehr.

      Ich habe zb Neurodermitis, kaum juckte es bei mir kratzte sie sich. Es gibt sachen die ich nicht essen kann weil ich stark darauf reagiere. Kriegt sie das mit erzählt sie jedem lang und breit auf was sie verzichten muss seitdem sie Diabetes hat (wenn sie das man täte...)
      Einmal sind mir 4 wirbel verrutscht. Sämtliche Bewegungen waren fast unmöglich. Sie rief mich wirklich tagtäglich an um mir zu erzählen sie hätte sich verlegt und UNSAGBARE schmerzen. Sie könnte mich schon verstehen denn ihr geht es ja permanent schlechter als allen anderen.

      Überhaupt sind Krankheiten voll ihr Ding. Wo andere froh sind gesund zu sein würde sie sich wohl ein bein abnagen nur um im Gespräch zu bleiben.

      Ihr sohn starb vor guten 10 jahren bei einem schlimmen Autounfall. Die geschichte die folgt passierte 6 jahre nach seinem tod.
      Wir zwei fuhren zu meinen eltern. Ich hatte damals einen Hund, mein ein und alles. Er war ziemlich krank. Ich kam zur Tür rein und sah das verweinte gesicht meiner mama. Unser hund lag im sterben. Sie hat mir nichts gesagt weil mama immer meint solch schlimme Sachen müsse sie von ihren kindern fernhalten. Naja von dem spontanbesuch ahnte sie ja nichts.
      also weinte ich Natürlich auch. Der hund lag im esszimmer an der Heizung, Schwiegermutter setzte sich und sah erst mal zu um abzuchecken in wie weit sie beachtet wurde. Wir betüdelten den Hund, küssten ihn, weinten das ganze Programm eben.
      sie fing plötzlich an zu jammern wie schwer das leben zu ihr ist da ihr sohn ja sterben musste. Sie würde ja wissen wie es uns geht denn auch sie machte schon so viele verluste durch (aufzählen sämtlicher toter Haustiere, nachbarn und Familienmitglieder) permanentes jammern und jaulen einfach. Danach verlangte sie kaffee.

      • Meine Ex Schwiegermutter hatte das Talent auch. Würde einer auf dem Sterbebett liegen hätte sie es in ihren Erzählungen schon 10mal schlimmer gehabt

        • #rofl

          Ist aber nicht dieselbe oder?
          Lach ich habe noch ein bisschen über sie nachgedacht, ihre mutter wohnt im betreuten wohnen gegenüber. Schon weit über 80. Nachts bekam sie mal ne schlimme Kolik und sie rief den notarzt. Schwiegermutter war Natürlich anwesend und erzählte am nächsten tag wirklich und wahrhaftig das sie dem arzt stories gedrückt hat über ihre koliken. Natürlich hat sie NIE einen arzt gebraucht.
          sie leidet ja im stillen

          :-D

      Hallo,
      "seitdem ich meine ex Schwiegermutter kenne schockt mich nichts mehr"
      Dito :-)

Ich finde sowas auch immer etwas schwer, ich kenne auch einige Menschen die total in ihren Krankheitsgeschichten aufgehen
Das sind interessanterweise hauptsächliche ältere Menschen (sagen wir mal ab 60+)
Die Tochter einer Freundin meiner Mutter ist da aber auch total krass drauf und ich versuche jede Begegnung mit ihr zu Vermeiden..
Bei sich selbst diagnostiziert sie seit eh und je alles (und erzählt natürlich auch jedem drüber) aber mit ihrer Tochter (17) ist das noch schlimmer, neben selbstdiagnostizierten Dingen wie Lungenriss, Hochbegabung (= deshalb schlechte Leistung in der Schule),.. gibt es auch noch einen Stammplatz beim Arzt
Kein Ahnung woher das kommt, die Mutter ist völlig "normal" und sie selbst hatte auch noch nie was ernsthaftes oder erwähnenswertes
Wenn ich in so ein Gespräch muss kann ich eh nicht viel ausser "Ja wirklich?" "ok",.. und so sagen da die Leute mit denen ich solch eine Erfahrung gemacht hab nicht mal merken das man keine Interesse hat und einen dann so dermaßen zu labern

Wie gesagt, generell versuche ich diese Gespräche zu vermeiden da sie nur nervig sind und die Leute die ich kenne sich dann (wie bei dir) weder auf andere Meinungen einlassen können noch Fehler eingestehen können

Hallo,

nun ja... Person X wollte ja auch eigentlich nur erzählen, wie zufrieden sie mit ihrer OP war. Durch deine Aussage hast du das Gespräch auf dich gelenkt, obwohl es eigentlich nicht im Sinne des Anrufers war, mit dir in dem Moment über deine traumatischen Erfahrungen zu sprechen. Ich glaube auch nicht, dass man Person X deswegen Desinteresse vorwerfen kann, denn sie hat sicherlich zum damaligen Zeitpunkt, als es aktuell war, dir zugehört und weiß, wie schlimm es war.

vg, m.

  • Interessanterweise fällt mir durch deine Antwort auf, dass meine Beschreibung unbeabsichtigt doppeldeutig war.

    Tatsächlich ging es nicht darum, dass ich Person X als desinteressiert empfunden hätte. Person X hätte auch gar nicht weiter auf meine eher auf Smalltalk beruhende Bemerkung reagieren sollen (das habe ich gar nicht erwartet). Das war eher so ein: "Naja weißt du noch, damals..."

    Die Person X hätte also wirklich NICHTS zu mir sagen sollen oder so, insofern kann ich ihr ja auch nicht Desinteresse unterstellen. Es ging viel mehr darum, dass MIR persönlich durch den Gesprächsverlauf das Interesse am weiteren Gesprächsverlauf vergangen ist. Es ging dabei auch nicht um die Krankheiten, das stand hier gar nicht im Mittelpunkt. Es hätte auch jedes andere Gesprächsthema sein können.

    Fakt ist: Person X wusste nicht (zum Zeitpunkt des Gesprächs), dass ich je operiert worden bin. Okay, bei 3 meiner 5 Operationen war Person X in meinem Leben tatsächlich nicht soooo präsent und es ist daher völlig okay, dass Person X davon nichts weiß oder sich nicht erinnern kann, selbst wenn man es mal erzählt hat oder mal drüber gesprochen hat. Alles kein Thema.

    Bei Operation 4 (Vollnarkose) und Operation 5 (spinale Narkose) war Person X jedoch sehr präsent. Wie gesagt, Person X war jedes Mal wenige Stunden nach der Operation vor Ort (weil es sich dabei um die Kaiserschnittgeburten der zwei Enkel handelte) und bei mir. Offensichtlich hat Person X das aber völlig ausgeblendet. Ist Person X völlig Banane.

    Auch das finde ich überhaupt nicht schlimm. Das MUSS man nicht wichtig finden. Und ich selbst mag auch nicht gerne mit Müttern kommunizieren, die nach 10 Jahren auf JEDER PARTY (!!!) kein anderes Gesprächsthema haben als die traumatische Geburt ihrer Kinder.

    A-B-E-R (und das ist der Knackpunkt) dank der Gleichgültigkeit von Person X bezogen auf meine Geschichte und die Geschichte rund um die Geburt der Enkel (damit habe ich gelern zu leben, das ist okay) schwindet halt auch mein eigenes Interesse - im Gegenzug quasi.

    Wie gesagt, über die Krankheitsgeschichte meiner Großeltern bin ich ins kleinste Detail informiert. Aber die beiden können sich auch an die Umstände der Geburten ihrer Urenkel erinnern (und die sind älter, also das Alter kann hier nicht der Grund sein!).

    Passiert ist mir das auch mal bei meiner Mutter. Ich wollte als Kind unbedingt auf eine bestimmte weiterführende Schule. Ich wollte da hin, weil nur diese Schule eine bestimmte Fremdsprache ab der Klassenstufe 7 anbot. Die Plätze waren rar, die Bewerbung hart, aber ich hab es geschafft. Ein Jahr später wollten meine Eltern umziehen (nicht weit weg, ich hatte monatelange Kämpfe, ob ich nicht auf der Schule bleiben könne und eben jeden Tag fahre). Ich musste die Schule wechseln, musste die Fremdsprache wechseln, musste ein Jahr einer Sprache nachholen, die ich NIE lernen wollte und vermisste MEINE Fremdsprache. In Klasse 9 begann ich an der neuen Schule mit meiner geliebten Fremdsprache erneut und legte dann - viele Jahre später - mein Abitur auch in diesem Fach ab.

    Bei einem Fest trug es sich zu, dass zufällig meine alte Lehrerin, die mich eben bis zum Abitur begleitete, auch anwesend war und meine Mutter sich zufällig mit ihr unterhielt. Die Lehrerin fing an zu schwärmen, was für eine tolle Schülerin ich gewesen sei. Meine Mutter fragte dann, was die Dame unterrichtet hat. Antwort war Fremdsprache XY. Da haut meine Mutter echt raus (im vollen Ernst): "Ich wusste gar nicht, dass meine Tochter Fremdsprache XY gelernt hat."

    Ich dachte echt, ich bin im falschen Film! Und dieses Desinteresse meine ich. Immer mehr beruht das dann echt auf Gegenseitigkeit. Ich empfinde mich dann aber als abgestumpft. Und dieser Widerspruch (ich will nicht abgestumpft sein) verunsichert mich.

    • Danke für die Aufklärung...

      Weißt du, ich empfinde dich nicht als abgestumpft, zumindest nicht, wenn im Bezug auf Feinfühligkeit. Fakt ist doch: Es war ein minimaler Eingriff bei Person X. Es bestand zu keiner Zeit Lebensgefahr usw.

      Und das Krankengeschichten nun nicht sonderlich spannend sind, das wissen vermutlich die meisten.

      Du sagst ja auch folgendes: "Dennoch gibt es Situationen - wie kürzlich erst erlebt - die mich früher sehr geärgert haben und mir heute so egal sind, dass ich mich echt frage, ob es wirklich so gut ist, so allgemein abgestumpft zu sein..."

      Du beziehst dieses "Abstumpfen" ja darauf, dass du nicht sauer wirst, weil Person X deine Erlebnisse ja eher mit "war nicht so schlimm" abtut. Und das hat ja dann nicht wirklich etwas mit Abstumpfen im Sinne von "ich kann mich nicht in andere einfühlen" zu tun, sondern eher mit "es gibt Dinge, über die rege ich mich schon lange nicht mehr auf".

      Und das ist doch eine echt positive Sache, oder nicht? Mir geht es da ähnlich. Was mich früher wirklich angehoben hätte, da merke ich heute, dass ich inzwischen gelernt habe, dass nur meine Nerven verbraucht werden, wenn ich mich aufrege, sich aber ansonsten nichts ändert. Krankengeschichten über banale Dinge hätten mich früher nicht interessiert und tun es heute auch nicht. Wenn mir hier nach Meinung anderer das Feingefühl fehlt, dann ist das so. Aber da, wo man ruhiger wird, da stumpft man nicht ab, sondern man wird GELASSENER. Klingt doch gleich viel schöner;-)

      vg, m.

Das ist kein Desinteresse Deinerssseits, sondern X wollte im Mittelpunkt stehen.

Ich mag Leute nicht, die nur selbst labern, aber mir nicht zuhören.

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