Ihr Tod lässt mich nicht los

    • (1) 16.02.16 - 21:02

      Hallo,
      das ist kein Thread für zart besaitete, aber ich muss das einfach mal loswerden.
      vor 6 Monaten hat sich mein Leben sehr verändert. Ich habe eine gute Freundin nach ihrem Suizid gefunden. Ich war nicht alleine, Freunde haben sie zuerst gesehen und haben mir gesagt, ich soll nicht hinsehen. Ich hab sie aber doch gesehen, zumindest kurz. Im Nachhinein denke ich, es wäre besser für mich gewesen, ich hätte länger hingschaut, so kommt zu dem was ich gesehen habe noch einiges an Phantsie dazu. Ich habe auch schon überlegt die Polizei nach Fotos zu fragen
      Seitdem übt der Tod eine gewisse grausige Faszination in mir aus. Ich habe mir schon mehrmals Youtube Videos mit Menschen nach ihrem Tod angesehen...hübsch hergerichtet, etwas anderes könnte ich nicht ertragen. Es ist fast so etwas wie Selbstverletztung, ich weiss, dass ich es nicht mehr aus meinem Kopf bekomme und das alles wieder hochkommt wenn ich solche Bilder sehe., aber ich muss es trotzdem ansehen. Dazu kommt, dass ich derzeit nur geringfügig beschäftigt bin und viel Zeit habe mir über solche Dinge Gedanken zu machen.
      Ich habe einen Termin bei einer Psychologin gemacht, stehe aber noch auf der Warteliste.

      Hat vielleicht jemand hier ähnliche Erfahrungen, einen nahestehnden Menschen tot gefunden? Oder der Anblick eines anderen Toten, der euch tief schockiert hat? Wie bekommt man die Bilder aus dem Kopf??Und wie soll ich bis zur Therpie damit umgehen,

      Hallo
      Erst mal mein Beileid, es ist sehr schlimm eine geliebte Person zu verlieren!
      In meiner Familie gab es auch einen selbstmord, aufgefunden wurde die Person von meiner Mutter.
      Es ist völlig normal das dich sowas komplett aus der Bahn wirft und es ist auch völlig ok das du damit noch zu kämpfen hast. Im Gegenteil, es ist gut das du es nicht verdrängst und dir auch professionell Hilfe gesucht hast. Lass dir alle Zeit der Welt die du brauchst, Zeit heilt (leider) nicht alle Wunden aber Zeit hilft zu lernen damit zu leben.
      "Machen" darfst du eigentlich was du willst, machen Menschen hilft es einfach mal alles rauszulassen und richtig zu weinen, anderen hilft es zu reden ( wie geht es denn deinen anderen Freunden ? Ihr habt die Situation ja zusammen erlebt, vielleicht wäre es gut wenn du mal mit ihnen redest falls du es noch nicht getan hast) und sich mit Menschen auszutauschen die Ähnliches erlebt haben , anderen hilft es das Grab der Verstorbenen Person zu besuchen und dort etwas zu hinterlassen, wieder anderen hilft es zu schreiben was in ihnen vorgeht,..
      Ich wünsche dir von Herzen alles gute!

      LG

    • Klingt vielleicht doof, aber du kannst es ein wenig verarbeiten, indem du die Situation aufschreibst. Wie eine Kurzgeschichte.
      Oder du malst die Szene, die dir in deinem Kopf herumschwirrt.
      Was Kindern hilft, wenn sie traumatisches erlebt haben, hilft auch Erwachsenen manchmal erstaunlich gut.
      Ansonsten kann es auch helfen, mit deinen anderen Freunden, die dabei waren, als ihr eure Freundin gefunden habt, darüber zu reden, wie sie das empfinden, wie das für sie war.

      Alles Gute

      White

      <<<Wie bekommt man die Bilder aus dem Kopf?>>>

      Keine Garantie, aber eine Freundin von mir hatte vor Jahren ein ähnliches Problem.

      Wir haben einen Abend organisiert, an dem wir ihr gesagt haben, dass wir ein paar DVD´s schauen wollen, weil sie ansonsten nicht erschienen wäre.

      DVD´s haben wir zwar angeschaut, und auch viele Fotos....aber von unserer gemeinsamen Freundin. Handymitschnitte von allen möglichen Leuten, Urlaubsfilme, Schnappschüsse, unterlegt mit der Lieblingsmusik mit der sie uns Woche für Woche "auf den Keks" gegangen ist, Screenshots von SMS und Whatsapp Nachrichten die wir noch hatten, und wo der eine oder andere dumme Spruch ausgetauscht wurde.

      Dazu haben wir den ganzen Abend noch Geschichten erzählt, von Erlebnissen oder Gegebenheiten....lustige, alltägliche und auch nachdenkliches oder trauriges.

      Konfrontation statt verdrängen, vor Augen führen was alles war, was alles davon im Herzen immer sein wird....und nicht auf das letzte Bild das man von diesem Menschen hatte reduzieren....weil das nicht die Person ist die man lange Jahre gekannt hat.

      Wir wollten dieser Freundin helfen "drüber weg" zu kommen....und haben uns eigentlich gegenseitig geholfen...bzw. beschenkt durch die geteilten Erlebnisse.

    • (7) 17.02.16 - 16:52

      Hallo,

      vor über einem 10 Jahren ist mein Vater plötzlich verstorben. Als er gefunden wurde, war er ca. 14h tot. Es war Februar und in seiner Wohnung knackig geheizt.

      Ich wollte ihn unbedingt noch mal sehen, denn ich konnte es nicht glauben. Leider ist er - vermutlich hatte er einen Hirnschlag - genau aufs Gesicht gefallen. Das zusammen mit der Liegedauer und Raumtemperatur war kein schöner Anblick.

      Dennoch war es wichtig und richtig. Weil mein Kopf begriffen hat, dass er wirklich tot ist. Ich sehe ihn heute noch vor mir liegen. Aber ich sehe ihn auch wieder wie er zu Lebzeiten war. Das Verhältnis der Bilder verschiebt sich mit der Zeit. Am Todestag denke ich am meisten an diesen Tag, den Ablauf, den Anblick.

      Kurz nach seinem Tod hatte ich abends Anzeichen von Panik. Ich bin dann sofort zum Arzt und habe was Leichtes zur Beruhigung verschrieben bekommen. Als dann die Beerdigung vorbei war, wurde es auch langsam ruhiger.

      Für mich war ein Trost, dass mein Vater nicht gelitten hat und wohl schon im Fallen tot war. Hoch gekommen ist es noch mal, als mein Kater letztes Jahr vor meinen Augen genauso auch tot zusammen sackte. Da hatte ich wie einen Flashback.

      Ich glaube vergessen wird man es nie. Aber man lernt damit zu leben. Insbesondere wenn man sich bewusst macht, dass der Tod, egal wie, immer mit dazu gehören wird.

      LG

      • (8) 17.02.16 - 16:56

        In Ergänzung: viel Redebedarf hatte ich nicht. Aber es tut sicher gut nicht allein zu sein und auf keinen Fall so zu tun, als sei alles okay.

        Außerdem gehören viele Gefühle dazu. Trauer, aber auch Wut, Sehnsucht und manchmal auch Lachen, wenn man an gute Momente denkt.

        Erlaube dir genaudas zu tun, was du für nötig hältst. Und nicht das, was andere erwarten oder für richtig erachten.

        LG

        • <<<Erlaube dir genaudas zu tun, was du für nötig hältst. Und nicht das, was andere erwarten oder für richtig erachten.>>>

          Genau dieser Satz gefällt mir richtig gut. Man sollte es so verarbeiten und auch trauern, wie es für einem am angenehmsten ist und nicht, wie andere es vielleicht erwarten.

    Ich kann dich gut verstehen auch wenn sich meine Geschichte damals anders abspielte. Ich hatte mit meinem Mann eine Motorradtour gemacht und wir kamen zu einem Unfall. Ich hab damals noch einiges beim Roten Kreuz gemacht und sagte HALT AN ICH MUSS HELFEN! Wunderte mich damals noch das etwas an der Seite einer lag der offenbar bewußtlos gewesen ist und aber nicht in der stabilen SEitenlage war! Tja ich bin hin schaut um ihn herum und direkt in sein GEsicht. Es war grau und er war tot! Das hat mich lange lange nicht los gelassen weil ich auch immer wieder an der Stelle vorbeigefahren bin. Freiwillig und unfreiwillig! Es beschäftigte mich sehr lange. DAnn hab ich eine Blume gekauft und bin eines Tages bewußt hin. Ich habe diese Blume abgelegt an der Stelle und mich "verabschiedet". DAnach ließ es mich los und es war gut.

    Ela

    meine Mama ist im September gestorben. Sie sass neben ihrem Bett, Hab die letzte Atemzüge mitbekommen. Sowas bekomme ich mit Sicherheit nicht aus dem Kopf. Genauso , wie die Bilder von meinem Papa, als er im Sarg lag. Ich war 15... oder bei meiner Uroma- da war ich 3. Ich sehe das Bild, als wäre es gestern geschehen.

    Wenn es dich stark belastet, hoffe ich für dich, dass dir die Psychologin schnell hilft. Für mich war es früher gruselig Leichen zu sehen, aber bei meiner Mama fand ich es überhaupt nicht schlimm. Ich war froh, dass sie gegangen ist, ohne lange leiden zu müssen und vor allem konnte ich mich verabschieden und bei ihr sein. Das hat bestimmt was dazu beigetragen.

    Eine Frage hätte ich. Was würde dir bringen dir die Leiche deiner Freundin länger anzuschauen?

    ich wollte schreiben: ICH sass neben ihrem Bett

    (13) 19.02.16 - 22:29

    Hallo,
    im laufe meines Lebens bin ich dem Tod schon mehrfach begegnet. Da waren meine Eltern, Menschen die ich nicht kannte aber dennoch im Tode nah war, zuletzt vor einem Jahr meine Schwester.

    Sie wurde zu Hause aufgebahrt und wir hatten die Möglichkeit den ganzen Tag Abschied zu nehmen. Es gibt Kulturen, da wird der Tote fotgrafiert und ich kann bestätigen, dass es bei der Verarbeitung hilft. Genauso wie das darüber reden und sich bewusst damit auseinander setzen.

    Schokiert hat mich eigentlich nachhaltig eine Geschichte die ich im Urlaub erleben musste.
    Ein kleines Mädchen wurde von einer grossen Welle am Strand erfasst und hinaus gezogen. Der Vater sprang hinterher und niemand wusste, dass der Vater kein guter Schwimmer war. Als Beide in Not waren und unweigerlich immer weiter hinaus getragen wurden, sprangen 2 weitere ins Wasser. Die Wellen waren so hoch, dass man sie aus den Augen verlor. Es gab kein Boot am Strand, nur ein Surfer der mit seinem Board hinaus paddelte und bergen konnte.

    3 kamen dabei ums Leben. Die Leichen wurden auf den Strand gelegt und nur notdürftig abgedeckt und man musste auf die Polizei warten. Es war ein kleiner Strand mit wenigen Touristen in Costa Rica. Einer der Toten war ein Mann aus unserem kleinen Hotel mit dem wir am Vortag in kleiner runde Sylvester gefeiert hatten.
    Er lag da am Strand, tot, über mehrere Stunden mit dem Kind und dem Vater des Kindes.
    Dieses Bild habe ich lange nicht vergessen können. Als dann ein paar Jahre später der große Tsunami so viele Menschenleben gekostet hatte, musste ich mir alle Berichte anschauen und konnte mich selber nicht verstehen. Ich habe da sehr gelitten, aber dann hat es irgendwie einen Knoten gelöst und ich konnte dieses Bild der drei Leichen am Strand mit Badetüchern bedeckt, endlich verbannen.
    Es dauert und du solltest dir selber Zeit geben, darüber reden so oft dir jemand zuhört.
    Mein Lebenspartner wollte darüber nie sprechen. Er hat die selben Bilder im Kopf wie ich, aber er hat es anders weg gepackt.

    Viel Kraft!

    Hallo,

    ich kann dich nur allzu gut verstehen.

    Habe meinen Bruder im Keller gesehen, habe ihm die Schlinge vom Hals gelöst. Die Seelsorgerin meinte, es wäre normal, dass ich das Bild ständig im Kopf habe. Wenn es aber mehrere Monate noch so ist, ohne das ich richtig daran denken muss, sollte ich psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

    Anfangs war es ganz schlimm. Sah ihn immer wieder vor mir, wie er da .. egal. Auch jetzt noch sehe ich es genau. Das ist jetzt über 3 Jahre her und mir hat die Therapie nichts gebracht. Er war mein Ein und Alles. Er war 12 Jahre jünger als ich und ich habe ihn von Anfang an mit großgezogen. Gewickelt, gefüttert, mit ihm spazieren gehen. Nachmittags in den Kindergarten bringen und wieder abholen usw. Später gingen wir zusammen einkaufen, Geschenke für die Eltern besorgen, ins Kino, die Disco usw.

    Über seinen Tod werde ich nie hinweg kommen. Dazu die Schuldgefühle, die aber zum großen Teil an der Klinik liegen, wie sich später herausstellte.

    Viel Kraft und ich wünsche dir, dass du bald einen Termin bekommst und dir geholfen wird.

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