Umgang mit einem Mörder

    • (1) 01.05.18 - 21:55

      Irgendwie schäme ich mich fast ein bisschen. In "Trauer und Trost" ist ein Beitrag von mir zu Lesen, vor ca. 1 Monat erstellt. Ich möchte auf diese Geschichte gar nicht mehr eingehen. Die Tatsache, dass ein Mensch der mir etwas bedeutet hat tot ist, und der Verantwortliche dafür im Gefängnis sitzt hat mich sehr mitgenommen. Ich muss mittlerweile nicht mehr täglich weinen und habe die Tatsache realisiert. Worum es mir jetzt geht ist, dass ich Opfer und Täter menschlich gesehen auf gleiche Stufe stelle. Ich kannte beide - Frau und Mann. Beide hatte ich ins Herz geschlossen. Mittlerweile wurden mir brisante Details bekannt die eigentlich nichts zur Sache tun. Ich denke oft an die beiden zurück. Wie es mir bei dem Gedanken an die Frau - das Opfer- geht kann man sich denken. Nun ist es so, dass ich für den Täter Mitgefühl empfinde. Er wird seine jungen Kinder mindestens die nächsten 10 Jahre - Urteil steht noch aus - nicht begleiten können. Dabei sind diese sein ein und alles, davon bin ich überzeugt. Als ich den Mann kennen gelernt hatte empfand ich sofort Vertrauen und Sympathie. Es lag gleich etwas freundschaftliches in der Luft. Wie er mit seinen Kindern und meinem ihm fremden Kind umging war wunderbar anzusehen. Ich sah in der Person keinen Funken böses. Und ich sehe es bis heute nicht. Ich hätte falls ich ihn je wieder sehe keine Angst vor ihm, trotz dass er jemanden getötet hat. Er ist kein "gefährlicher Frauenmörder". Er musste in den letzten Jahren einfach nur viel einstecken und schlucken und ist dann plötzlich explodiert, nachdem er von seinem Opfer angegriffen worden war. So sehe ich das. Natürlich -- Seine Tat ist unentschuldbar. Und doch stelle ich ihn mir sitzend in der Zelle vor, völlig verzweifelt mit den Gedanken an seine Familie und die Frau die er einst geliebt hatte. Es tut mir einfach alles so furchtbar leid und ich fasse es bis heute nicht wie ein Griff zum Messer seitens des Opfers eine ganze Familie zerstören konnte.
      Die Menschen in meinem Umfeld die den Mann nicht kannten sehen in ihm nur den Teufel, und ich sehe einfach nur einen gebrochenen Mann, der einfach "Pech" hatte. Ich weiß nicht inwieweit meine Gedanken normal sind. Irgendwie schäme ich mich dafür.

      • So wie ich es verstehe hast du diesen Mann einmal getroffen/gesprochen. Interpretier da doch nicht soviel hinein! Was wirklich passiert ist und wieso weißt du nicht, es wird bestimmt auch viel unwahres erzählt. Es ist eine Tragödie. Konzentriere dein Mitleid auf die Kinder. Vielleicht kannst du für sie etwas tun?!

        • Tatsächlich habe ich ihn erst einmal getroffen. Ich will da gar nicht viel rein interpretieren, aber ich denke jeder hat doch so sein Gefühl wenn man jemanden zum ersten mal trifft. Bei ihm dachte ich wow, der scheint nett zu sein, lustiger Typ. Und dann habe ich schon Väter oder Mütter getroffen wo ich dachte "naja, ..." Verstehst du was ich meine?
          Die Kinder habe ich sehe sehr gerne. Sie sind Freunde von meinem Sohn und es besteht viel Kontakt. Manchmal habe ich die Angst dass ich mich zu sehr "einmischen" könnte. Ich spiele und quatsche gern mit den Kindern, vorallem mit dem erst 3 jährigen Mädchen. Ich habe nur manchmal Angst dass ich zu "übergriffig" werde.

          • Klar kenne ich das. Ich bilde mir aber nicht ein, dass dieser erster Eindruck immer stimmt! Du kennst diesen Mann überhaupt nicht und weißt nicht, ob die Geschichten die nun erzählt werden stimmen!

      (5) 01.05.18 - 23:33

      Wenn irgendwo was Sensationelles passiert, neigen viele Menschen im weiteren Umfeld der Betroffenen dazu, deren Beziehung zu den Betroffenen über zu interpretieren. Da werden aus entfernten Bekannten Nahestehende und man ist plötzlich selbst ein wenig betroffen. Ich habe da ja immer den Eindruck, dass da so ein bisschen Sensationsgier und der Wunsch nach Aufmerksamkeit hinter steckt.

      Vielleicht bist du aber auch einfach nur total geschockt, weil es nicht in dein Weltbild passt, dass ein Mensch mit dem du schon irgend eine Art von Kontakt hattest, einen anderen Menschen, den du kanntest tötet und sympathisierst mit diesem Menschen, um eine unterschwellige Angst vor ihm zu maskieren.

      Du kommst gerade jedenfalls ziemlich weird rüber. Denk' an die Kinder! Die haben Mitgefühl verdient.

      • Angst? Oh nein gar nicht! Klar, gruselig. Aber Angst verspüre ich gar nicht. Klar, an die Kinder denke ich. Sie sind Freunde meines Sohnes und wir haben viel Kontakt. Ich habe die Kinder wahnsinnig gerne und achte sehr darauf "keine Grenze zu überschreiten".

    Ich finde deine Gedanken völlig normal. Weil ich der Überzeugung bin, dass kaum ein Mensch so eindimensional gut oder böse ist, wie wir es manchmal gerne hätten. Jemanden, der etwas Böses getan hat, als den Bösen zu sehen, erleichtert es uns, die Tatsachen hinzunehmen und einzuordnen. Ist nur leider selten so. Hinter jedem Menschen steht eine Geschichte, die ihn geprägt hat, die ihn beeinflusst hat und vielleicht in seiner Tat gipfelte. Soweit ich das verstanden habe, hat dieser Mann seine Frau ermordet. Das schließt nicht aus, dass er seine Kinder liebt und alles für sie tun würde.
    Einige der größten Verbrecher der Geschichte, sieh dich nur mal unter bekannten Mitgliedern der SS um, wurden von ihren Familien als liebevoll und fürsorglich beschrieben.

    Auch Täter können unser Mitleid erwecken. Wobei es sich bei mir in die Richtung beschränkt, dass sie keinen anderen Weg gegangen und an diesen Punkt gekommen sind. Aber wer sich dazu entschließt oder billigend in Kauf nimmt, dass er das Leben eines anderen ohne Not beendet, dessen Körper oder Seele Schaden zufügt, der gehört dafür bestraft. Ohne Wenn und Aber. Ganz egal, ob es da noch eine andere Seite in ihm gibt.

    Leid tun mir in diesem Fall die Kinder, die in einem noch viel größeren Zwiespalt stecken, weil sie vermutlich den Mann lieben, der ihnen ihre Mutter - und am Ende auch den Vater - genommen hat. Für sie hoffe ich, dass sie dieses Trauma irgendwie, irgendwann, überwinden können.

Aso ich Denke auch manchmal an Familien die einen solchen Schicksalsschläge erlebt haben. Einen Täter kannte ich, ist hätte ich niemals damit gerechnet . Bei einem Anderen Falll kannte ich die Frau des Opfers, da habe ich mich mehr über die Justiz gewundert, warum war es kein Mord, warum worde nicht vorher eingegriffen. Aber Monster sind die Täter nicht.

(11) 02.05.18 - 10:29

Die Welt ist selten nur schwarz oder weiß und ich gehe fest davon aus, dass zumindest bei Beziehungstaten viele Mörder nachvollziehbare Gründe haben, wenn man man ihrer Logik folgt.
Trotzdem sind sie Menschen, die in einem Moment in ihrem Leben so sehr die Kontrolle über sich und ihre Gefühle verloren haben, dass sie jemanden umgebracht haben. Und das würde mir Angst machen, egal wie nachvollziehbar ich die Motive finde. Und das sollte dir auch Angst machen.

Im Übrigen rate ich dir, dich da nicht reinzusteigern: Du hast den Mann einmal gesehen. Du kennst ihn nicht. Du bist weder der Papst noch Mutter Theresa. Ich lese da bei dir die Tendenz heraus, der Messias sein zu wollen, sein persönlicher Heilsbringer, die einzige, die ihn versteht und in ihm nicht nur den Teufel sieht. Als Partner an deiner Seite wäre ihm das nie passiert.
Ich neige auch zu solchen Gedankengängen und bremse mich da immer sehr, sehr rechtzeitig aus, weil sie eigentlich nur Ausdruck maßloser Selbstüberschätzung und romantischer Verklärung der Welt sind. Man kann auch ein guter Mensch sein, ohne für alles Verständnis zu haben und permanent die Welt retten zu wollen.

(12) 02.05.18 - 11:13

Jeder Mensch zeigt dir nur das, was er zeigen will!
Ich erzähle dir mal von einer Freundin....nach vielen Jahren endlich den vermeintlich Richtigen gefunden und schnell geheiratet. Sie bekamen 2 Kinder und sie zog sich immer mehr zurück. Naja viel zu tun, dachten wir alle und wahrscheinlich wollten sie die wenige Freizeit lieber als Familie verbringen. Erst Jahre später kam raus, dass sie sich nicht mehr blicken ließ bei uns, damit niemand die Würgemerkmale sah....die Kinder aus Vergewaltigungen entstanden sind und er ihr drohte sie und die Kinder umzubringen, wenn sie ihn verlässt oder es jemanden erzählt. Es war dem Zufall zu verdanken, dass doch mal jemand ihre Schreie hörte und die Polizei rief....auch hier ein scheinbar ganz normaler netter Mann....

Was mich mehr wundert bei dir ist, dass du die Tat so runterspielst....ich kenne auch deinen anderen Thread....er hat sie nicht ausversehen oder in Notwehr getötet....er hat während seine Kinder vor der Tür standen fünfmal auf sie eingestochen und sie dann liegen lassen, um mit den Kindern fröhlich in den Urlaub zu fahren....die Leiche wurde nach deiner Erzählung erst Tage später durch Zufall gefunden. Also kam ja bei ihm nicht mal genug Reue um anonym einen Arzt oder die Polizei zu verständigen.

Ich frage mich eher - was wurde denn alles bekannnt? Ist es wirklich bekannt oder Klatsch und Tratsch?

Besuche den Mann doch im Gefängnis, rede mit ihm und binde es halte keinem auf die Nase.

Fakt ist: niemand aus Täter und Opfer waren bei der Tat anwesend (so denk ich) also weiß auch nur noch der Täter was passiert ist und auch hier ist es fraglich, was einem das Unterbewusstsein evtl. vorenthält.

Ich finde es gut, dass du "die Sau" nicht mit "durchs Dorf treibst" - aber finde Abstand!

  • (14) 02.05.18 - 14:01

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einen Besuchstermin in der JVA bekommt und ich wüsste auch nicht, wie das für den Täter wirkt....ich meine mal ehrlich bei aller Betroffenheit, aber die TE ist eine Mutti ausm Kindergarten mit der er mal gesprochen hat...mehr eben auch nicht. Und wenn da jetzt jeder hingehen würde, um "Hintergrundinfos" zu erhalten, der sich mal kurz mit ihm unterhalten hat....

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