Gefühlte Wahrnehmung

    • (1) 02.07.18 - 08:27

      Guten Morgen,

      Kennt ihr das? Man ist schwanger und sieht auf einmal lauter Schwangere. Man hat ein Baby im Kinderwagen und um einen herum schieben alle anderen plötzlich auch Kinderwagen. Man möchte Schuhe kaufen, sucht ewig und findet nichts passendes, aber sieht auf einmal überall Menschen mit total schönen Schuhen. Man hat ein neues Auto und alle anderen fahren plötzlich dieselbe Marke. Vorher ist einem das nie aufgefallen!

      Ich komme auf das Thema, weil es im Kids&Schule Forum eine Frage gab zu Kinderüberwachungssystemen. Es gab anscheinend einen Vorfall vor einer Schule und verständlicherweise sind die Eltern dort jetzt sehr besorgt und schaffen sich nun ein Überwachungssystem an. Die Statistik spricht trotzdem absolut dagegen. Solche Vorfälle sind extrem selten und es gibt viele andere Situationen, die viel häufiger und wahrscheinlicher sind, als in ein Auto gezerrt zu werden.

      Mit Einbrüchen verhält es sich ähnlich. 30 Jahre lang hat man in seiner Wohnung gelebt, nie ist etwas passiert. Es wird bei einem eingebrochen und danach kauft man sich plötzlich eine teure Alarmanlage. Obwohl Einbrüche in den letzten Jahren sogar stark zurückgegangen sind und man ja in den letzten 30 Jahren auch keine hatte. Eigentlich ist es Quatsch.
      Man geht eines Morgens in die Stadt und sieht dort „nur“ dunkelhaarige und dunkehäutige Menschen. Man steht in der Kasse am Supermarkt immer in der längeren Schlange. Man hat nie den Regenschirm dabei, wenn es regnet. Die Armut auf der Welt nimmt immer mehr zu. Alles wird teurer.

      Unser Gehirn ist schon ganz schön gemein. Nichts davon stimmt, es ist nur unsere Wahrnehmung. Dinge, die besonders sind und ungewohnt, nehmen wir viel stärker wahr und merken uns diese Dinge mehr als die alltäglichen. Unser Gehirn filtert enorm, sonst könnten wir die Eindrücke auch gar nicht verarbeiten. Wir haben Wissen, welches nicht mehr aktuell ist, denn wir können uns nicht andauernd über alles informieren. Die Medien informieren auch nur über Außergewöhnliches. Auch das fühlt zu einer gefühlten Wahrnehmung, die die Realität nicht widerspiegelt.

      Weder gibt es plötzlich mehr Schwangere, nur weil ich selbst schwanger bin, noch ist es wahrscheinlich, dass ein Kind ins Auto gezerrt wird und die Anzahl Menschen in extremer Armut hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert.

      Wie geht ihr damit um, wie geht ihr dagegen an, dass ihr euch nicht von falschen Eindrücken täuschen lasst. Was macht ihr, damit euch die Nachrichten durch die ganzen negativen News kein falsches Weltbild erschaffen. Gibt es da psychologische Tricks, wie man das vermeiden kann?
      Oder seht ihr gar nicht überall die passenden Dinge zu eurer Lebenssituation?

      LG, Felisha

      • <<<Kennt ihr das? Man ist schwanger und sieht auf einmal lauter Schwangere. Man hat ein Baby im Kinderwagen und um einen herum schieben alle anderen plötzlich auch Kinderwagen. Man möchte Schuhe kaufen, sucht ewig und findet nichts passendes, aber sieht auf einmal überall Menschen mit total schönen Schuhen. Man hat ein neues Auto und alle anderen fahren plötzlich dieselbe Marke. Vorher ist einem das nie aufgefallen!<<<

        Ich glaube das kennt wohl jeder, weil man vorher nicht genau geschaut hat.Meine Tochter bemerkte mal bei einen Ausflug " ist hier ein Schwangerentreff ?" Ich fragte "Wieso? ist hier jemand schwanger?" Sie fragte dann ob ich nicht die ganzen schwangeren Frauen sehe? Ich habe nicht Eine gesehen, Sie dagegen 8 in einer kurzen Zeit.Meine Tochter ist Hebamme deshalb fiel ihr das auf.

        <<<Obwohl Einbrüche in den letzten Jahren sogar stark zurückgegangen sind .<<<

        Das kann ich nicht bestätigen bei uns haben Einbrüche rapide zugenommen.Vor 2 Wochen wurde bei einem Nachbarn Mittags das Auto vom Hof gestohlen, es stand unter dem Wohnzimmerfenster und der Besitzer war zu Hause.

        Ups,aus versehen abgeschickt

        <<<Wie geht ihr damit um, wie geht ihr dagegen an, dass ihr euch nicht von falschen Eindrücken täuschen lasst. Was macht ihr, damit euch die Nachrichten durch die ganzen negativen News kein falsches Weltbild erschaffen. Gibt es da psychologische Tricks, wie man das vermeiden kann?
        Oder seht ihr gar nicht überall die passenden Dinge zu eurer Lebenssituation?<<<

        Ja das ich immer an der falschen Kasse stehe daran habe ich mich gewöhnt.
        Alarmanlagen haben wir mit de Hausbau eingebaut und erneuern sie auch Regelmäßig. Einfach aus dem Grund weil nichts wertvoller ist als Wir und unser Hab und Gut, und wir alle bei offenen Fenster schlafen.Das wollen wir auch in Ruhe machen.


        Unsere Kinder konnten wir nicht rund um die Uhr beschützen aber wir haben Sie gestärkt und Sie haben alle einen Verteidigungskurs gemacht.Sie haben ein gesundes Selbstbewusstsein und kommen damit gut durchs Leben.

        Menschen sind leider ziemlich schlecht in Wahrscheinlichkeitsrechnung, so dass einem Einzelfall, zumal im eigenen Umfeld, viel mehr Gewicht beigemessen wird als einer Statistik, obwohl deren Datenbasis ja ungleich größer ist. Und wenn es dann noch um extrem seltene, aber zugleich gravierende Ereignisse geht wie z.B. Kindesraub, dann drehen wir völlig frei. Vielleicht kann es aber helfen, dass man diese Statistiken zumindest einmal zur Kenntnis nimmt und sich nicht nur auf gefühltes Wissen aus sozialen Medien verlässt.

        Den Überall-Schwangere-Effekt finde ich aber eigentlich nicht problematisch -- da geht es ja es nur um das eigene Interesse, das sich natürlich je nach eigener Lebenssituation verändert.

        Schräger erscheint mir hingegen der Effekt, dass auch die (weitgehende) Lösung von Problemen nicht davon abhält, sich mit ihnen zu beschäftigen, ja dass die Beschäftigung bisweilen sogar noch intensiver wird:

        http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-das-problem-der-geloesten-probleme-1.4034658-2

        Der Grund hierfür ist, dass Menschen mit zunehmender Lösung eines Problems immer sensibler wären, also ihre Maßstäbe heraufsetzen. In Sachen Armut, Gleichberechtigung, Gesundheit hat sich sehr, sehr Vieles zum besseren verändert, aber ähnlich wie bei einer Allergie reagieren Menschen dann bisweilen umso unverhältnismäßiger, wenn das Problem doch wieder einmal auftaucht.

        Oder wie der Autor treffend schreibt:

        "Wo die Cholera wütet, klagen wohl kaum Menschen über eine Laktoseintoleranz. Das geht nur, wenn echte Gefahren verschwunden sind und es möglich ist, dem Hintergrundrauschen des Körpers zu lauschen."

      • Ich finde du wirfst da einiges in einen Topf. Viele Wahrnehmungen hängen von der eigenen Persönlichkeit ab, wie man die Dinge bewertet. Auto, Schuhe und co. würden mir jetzt nie mehr oder weniger auffallen.
        Wenn ein Vorfall in der eigenen Schule ist, hat das verständlicherweise eine völlig andere Gewichtung als 1000 km entfernt. Fakt ist nunmal, dass in der Nähe jemand unterwegs ist da spielt irgendeine Statistik keine Rolle. Übrigens sollten man mal eine Statistik über Statistik machen. Du kannst zu einem Thema 10 unterschiedliche Statistiken erhalten. Jeder füttert seine Statistik mit anderen Daten. Ich bin da sehr skeptisch.

        Wohnungseinbrüche sind gestiegen, obwohl in unserem Dorf noch nie eingebrochen wurde. Dafür rasanter Anstieg in den Nachbargemeinden. Wir hatten halt bis jetzt Glück.

        Was heißt ein falsches Weltbild. Wer urteilt, was falsch und richtig ist. Ich kann nur urteilen aus meinem Umfeld und aus Nachrichten aus verschiedenen Kanälen. Weil auch bei den Nachrichten spielen deren eigenen Einstellungen dazu eine Rolle.

        • >> Viele Wahrnehmungen hängen von der eigenen Persönlichkeit ab, wie man die Dinge bewertet. Auto, Schuhe und co. würden mir jetzt nie mehr oder weniger auffallen.
          Ja, genau, von den Lebensumständen.

          >> Fakt ist nunmal, dass in der Nähe jemand unterwegs ist da spielt irgendeine Statistik keine Rolle.
          Ich weiß nicht, ich würde sogar sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass bei Bekanntwerden eines Versuchs danach noch einmal etwa passiert, sogar sinkt. Denn welcher potentielle Täter ist denn schon so "fahrlässig", es in der gleichen Gegend weiter zu versuchen?

          Jedenfalls war die Gefahr (die ja tatsächlich weit geringer ist als z. B. Mißbrauch von bekannten Personen) doch auch vor dem Vorfall bereits da, aber weil man es nicht akut im Bewusstsein hat, nimmt man sie auch nicht als besonders dramatisch wahr.

          Nach einem kürzlich erfolgten Flugzeugabsturz hat man mehr Angst zu fliegen als wenn gerade mal ein halbes Jahr nihcts passiert ist.

          Ein Wohnungseinbruch bei mir ist vor oder nach einem Einbruch in der Nachbarschaft oder bei mir selbst doch weiterhin gleich wahrscheinlich.
          Und es ist tatsächlich so, dass Einbrüche um 20% zurückgegangen sind und im Vorjahr auch bereits um über 20%:
          https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/kriminalstatistik-ein-fuenftel-weniger-einbrueche-in-deutschland/21160926.html

          Wohnungseinbrüche sind also NICHT gestiegen.

          • Hoffentlich denkt der Täter dann auch so. Polizei fährt bei uns in solchen Fällen vermehrt Streife, vermutlich weil sie sich auch nicht darauf verlassen möchte.
            Wenn jetzt nicht gerade ein akuter Fall vorliegt bin ich auch der Meinung, dass solche Fälle geringer sind.

            Eine Statistik gibt dir immer nur den Mittelwert. Wenn im Norden fast keine Einbrüche sind, kann es im Süden ganz anders aussehen. Wenn der Durchschnittsverdienst bei 3000€ sind, dein Nachbar 5000 € , hast du vl. Trotzdem nur 1000 und hast nichts vom Durchschnitt.

      Da hilft nur wegschauen.... man kann sich schnell aufregen und dank den Medien sieht es mehr aus als es ist.

      Wo ich schwanger war (2016) da waren ja die Anschläge ganz groß in den Medien. Man wurde überall damit bombardiert so dass ich sogar Panik vor einem Krieg bekommen hab.

      Seit dem hab ich mein medien-konsum drastisch reduziert. Öffentliches Fernsehen ist durch netflix, Amazon und YouTube ersetzt worden. Nachrichten bestehen über den tool auf dem Handy wo ich grob drüber scroll.

      Man konfrontiert sich nicht mehr so stark mit negativen Dinge und konzentriert sich eher auf die realen Infos die ins Gehirn kommen.

      Dieses Phänomen wirst du aber nie weg bekommen. Dass uns Dinge auffallen wodurch man konfrontiert wurde, ist eine Art Schutzmechanismus unseres Körpers. Wir verbinden dann positive oder negative Dinge damit und das hat unser Überleben gesichert.

      So fällt dir eher auf was gut ist und dein Gehirn weißt dich somit auch auf gefahren hin. Einfach damit du dich keinen gefahren aussetzt und auch eher die Dinge "konsumierst" die gut für dich sind.

      So genanntes schubladen-denken 😉 es ist aber auch nicht schlimm. Heut zu Tage verbinden wir viel mehr mit positives als wie vor 50 Jahren. Und dadurch ist auch unsere Zeit dafür "schuld". Also dass wir tätowierte z.b. nicht mehr automatisch als gefährlich sehen weil man viele positive Dinge mit Tattoos verbinden 😉 oder dass goths nicht automatisch satan anbeten etc. Jede Generation hat ihr eigenes individuelles schubladen-denken 😊

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