Wie definiert ihr Armut?

    • (1) 10.01.19 - 15:20

      Hallo ihr Lieben,
      mich beschäftigt das Thema Armut, denn man hört oft in den Medien daß viele Menschen davon betroffen sind.
      Z.B.: eine dreiköpfige Familie, die in einer 80 qm Wohnung lebt und es sich nicht leisten kann zwei mal im Jahr in den Urlaub zu fliegen, wird bereits als arm bezeichnet. (Ich übertriebe jetzt ein bisschen, aber ihr wisst was ich meine). Ja es gibt leider auf der Welt Menschen, die auf einer Mülldeponie leben den es ganz schlecht geht. Da haben die Tiere in den Tierheimen ein besseres Leben. Aber findet ihr nicht auch, daß das Wort "Armut" bezogen auf Deutschland manchmal fehl am Platz ist? Es geht uns sooooo gut!

      Bin ursprünglich als Russland Deutsche (oder Deutsch Russin, ein Mischling halt) 1993 aus Moskau ausgewandert. Ich kenne WG's mit Gemeinschaftsküchen, langes Anstehen für paar Brötchen, Selbstnähen statt kaufen, sackweise Vorräte an Zucker aus dem man zuerst die Sackfusseln rausoperieren musste bevor er in den Tee kam... dennoch habe mich nie arm oder benachteiligt gefühlt. Im Gegenteil, die WG fand ich klasse - immer was los und ein offenes Ohr der Nachbarin wenn ich sie brauchte. Da fällt einem schon die Kinnlade runter, wenn man angekommen in Hamburg beobachtet wie eine gefühlt 100 jährige schicke Omi aus ihrem Golf steigt. Oder ein junges Pärchen was eine eigene Wohnung bezieht und das ohne der Schwiegermama und deren Schwester im Nebenzimmer.
      Ich bin sehr dankbar in DE leben zu dürfen. Hab hier mein kleines gemütliches Reich, einen tollen "echten" deutschen Mann und wundervolle Kinder. Nach der allgemein gültigen Definition sind wir wohl nah an der Armutsgrenze. Doch solange ich frische Lebensmittel auf dem Tisch hab und mir keine 25 verschiedene Gerichte aus Weißkohl, Kartoffeln und einer Pfanne einfallen lassen muss, ist meine Welt in Ordnung. Ich bin reich

      • Es kommt doch immer auf die Betrachtungsweise an: wenn ich mir die Menschen in Deutschland anschaue, gibt es Unterschiede. Es gibt Menschen die weniger Zugang zu Freizeitaktivitäten, gesundem Essen, Bildung... haben. Diese Menschen sind dann arm in dieser Gesellschaft.

        Betrachte ich diese gleichen Menschen global, sind sie im Vergleich zu anderen reich.

        Es kommt auf die Ungleichheit einer Gesellschaft an.
        Und was ich eben vergleiche.

        • Bei Freizeitaktivitäten stimme ich dir zu - das kann teuer werden.
          Aber gesundes Essen? Haferflocken zum Frühstück kosten 39 Cent die Tüte, die reicht für eine Woche, Aldi hat das frischeste (auch regionales) Gemüse zum Spottpreis, der Türke direkt nebenan verkauft Sackweise Linsen und den besten Ziegenkäse ever... Fleisch zwei mal die Woche reicht absolut (DE hat die günstigste Wurstware in ganz Europa, in Italien zaht man für Schinken fast das Dreifache)
          Bildung? Ich kenne noch keine einzige Geschichte wo ein Student die Uni mit einer vierstelligen Geldsumme bestechen musste um einen Studienplatz zu ergattern, wie das in Moskau der Fall war/ist)
          Ich glaube eher daß die Definition von Armut nichts mit dem Vergeichen zu tun hat, sondern mit der Einstellung wie Genügsamkeit und Dankbarkeit.

          • Ich denke dass Armut nur innerhalb Deutschlands betrachtet eben ganz anders aussieht als global betrachtet.

            Global: Hunger, keine Bildung, keine Gesundheitsversorgung.

            In D: Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Also sozialer Aufstieg kaum möglich, wohnen am Stadtrand im Block, TV als Freizeit, Fettes kalorienreiches Essen...

            Natürlich sind die armen Deutschlands reich im Vergleich zu anderen Ländern.

            Aber soziale Ungleichheit innerhalb Deutschlands zu leugnen ist auch falsch!!

      Du musst die Schichten innerhalb einer Gesellschaft sehen.
      In Deutschland kann man arm sein, hat Essen, Dach übern Kopf und ein Auto.

      In Afrika ist man wieder anders arm oder reich, da kann man reich sein mit 10 Ziegen.

      lisa

    • "Doch solange ich frische Lebensmittel auf dem Tisch hab und mir keine 25 verschiedene Gerichte aus Weißkohl, Kartoffeln und einer Pfanne einfallen lassen muss, ist meine Welt in Ordnung."

      Eben da fängt Armut bei mir an.
      Wenn man sich keine/kaum Lebensmittel leisten kann. Wenn man eine Tütensuppe oder was auch immer man im Angebot ergattern konnte, über Tage strecken musste. Oder auch, wenn man nicht satt wird. Der gefüllte Supermarkt nebenan bringt nichts, wenn man im kalten sitzt, die Heizung nicht aufdrehen kann, der Strom jederzeit gesperrt werden kann.

      Wenn man als Erwachsener gerne arbeiten würde, etwas dafür tun würde, die eigene Situation zu verbessern und es nicht (mehr) kann.

      Wenn Kinder nicht genug zu essen haben.
      Wenn sie deswegen ausgegrenzt werden.
      Wenn ihre Sachen so zu klein sind, dass sie frieren.

      Es kommt sicher auch darauf an, wie man mit Geld umgehen kann...wenn man wenig hat, dann muss man schon sehr gut haushalten können. Am meisten tun mir da immer die Geringverdiener mit klassischem Rollenmodell leid--geringes Einkommen, Mutter passt auf die Kinder auf und es reicht dann trotzdem vorne und hinten nicht, weil man sich nicht noch beim Amt anstellen will, um Almosen zu erhalten. Das darf nicht sein, Arbeit MUSS sich lohnen, immer!

      • Genau das ist bei uns der Fall: mein Mann arbeitet und wird ziemlich unterbezahlt, dafür aber macht es ihm Spaß und er hat tolle Kollegen. Ich arbeite freiberuflich von Zuhause aus, aber nur Projektbezogen. Mal kommen Aufträge rein, mal ist es eine Durststrecke. Aber meine Kinder lieben es wenn es Zuhause lecker riecht, wenn sie nach der Schule kommen. Und ich hab Zeit für Hobbys und Ehrenamt. Anders will ich es nicht haben, auch wenn das Geld mal echt knapp wird. Vorallem wenn unerwartete Ausgaben anfallen ausgerechnet kurz nach einer Klassenreise, Tierarztbesuch und Kindergeburtstagen. Da spiele ich schon mit dem Gedanken eine Niere zu verkaufen hihi...
        Aber irgendwie klappt es dann doch immer wieder: hier was altes versteigern, da was fast neues bei Gebrauchtmöbel entdecken. Rein aus Prinzip zahle ich keine 800 € für die paar zusammengehämmerte Bretter, lieber hole ich mir einen Schrank mit Geschichte für 30€ und gebe ihm ein neues Leben. All Inklusive auf Bora Bora? Ach nö... ist mir zu heiß und zu weit. Ansonsten jeder wie er mag. Wir eher eine Fahrradtour durch die schöne Heide oder Zelten und Angeln an der Elbe mit einem kühlen Bierchen.

        Aber dann könnte man es ja besser haben (eben, in dem man noch zum Amt geht), aber man möchte nicht. Dazu ist das Amt ja da...um zu unterstützen, wenn man diese braucht. Das ist ja das tolle hier. Und wer das nicht möchte, weil er keine „Almosen erhalten will“....hmmm....

    (11) 10.01.19 - 18:38

    Arm ist, wenn man kein Geld hat. Alle anderen sind nur arm dran ;-).

    Ich verstehe deine Definition von Russlanddeutsche als Mischling nicht. Wie meinst du das? War einer deiner Eltern Russe? Russlanddeutsche sind ja eben Deutsche, das ist ja der Witz dabei.

    Ansonsten definiere ich Reichtum darüber, ob ich so lebe, wie ich es mir vorstelle, nicht wie oft ich in den Urlaub fliege :-)

    • Es sehen bei weitem nicht alle so, daß Russland-Deutsche Deutsche sind, nicht mal einige der R.-D. selbst. Es ist schwer eine Definition der Nationalitätzugehörigkeit zu finden, wenn man in Russland mit Russisch als Muttersprache aufgewachsen ist und von der Kultur geprägt wurde, gleichzeitig aber als Eltern/ein Elternteil mit deutscher Nationalität hat, die insgeheim ihre deutschen Traditionen und Werte pflegten. Insgeheim, weil die R.D. von den Russen ausgegrenzt und verfolgt wurden. Als R.D. musste man sich immer hinten anstellen, weil man als kein vollwertiger Mitglieder der Gesellschaft galt. Daher haben sich viele als Russen "getarnt", deutsche Sprache aufgegeben und die Namen geändert.
      Meine Mutter ist eine "reinrassige" Tatarin, Papa - R.D. mit deutscher Nationalität (obwohl auch er 50/50 Russe/Deutscher ist) Genau genommen hab ich also tatarische, russische und deutsche Wurzeln - also ein Mischling :-D

      • Vielen Dank für die Aufklärung! Ich habe früher bei der ARGE etliche Russlanddeutsche betreut, habe mich immer nur über die seltsam eingedeutschten Namen gewundert.

        • Ja das stimmt, die sind oft seltsam
          :-D Das kommt daher, daß bei der Einwanderung zwecks Integration die russischen Namen mehr oder weniger passend ins deutsche "übersetzt" wurden. Darüber entstanden viele Anekdoten, weil mach anderer sich die neuen Namen der eigenen Kinder nur schwer merken konnte.

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