Erinnerungen an Tschernobil

    • (1) 01.07.19 - 11:46

      Hallo.

      Auf Sky läuft die Miniserie Chernobyl. Ich hab's nur mit meinem Mann mitgeschaut, selbst hätte ich es vermutlich nie ausgewählt, aber ich bin so überrascht. Die Serie hat mich sehr bewegt.

      Damals war ich drei Jahre alt und habe keinerlei Erinnerung an das Thema. Das Schlagwort Tschernobil - Atomkatastrophe war mir nicht fremd, aber auch schulisch habe ich daran eigentlich keine Erinnerungen.

      Dennoch, wie ich schrieb, das Thema hat mich sehr bewegt, ich habe die Serie ein zweites Mal geschaut und viel darüber nachdenken müssen.

      Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Sonst hätte ich sie danach gerne gefragt. Wie habt ihr etwas Älteren das damals erlebt? Wie war damals der Infomationsfluss in eurer Heimat? Es wurden ja viele wahrheitsgemäßen Fakten unterschlagen. In welcher Situation wart ihr damals? Kind, Erwachsen, Eltern? Könnt ihr euch erinnern, was damals in euch vorging?

      Danke und liebe Grüße

      • Ich war damals ein Kind in der DDR, 5 Jahre alt. Mit mir hat niemand speziell darüber gesprochen. Ich erinnere mich aber genau das ich irgendwo das Schlagwort “Reaktorunfall in Tschernobil” aufgeschnappt habe und den Klang faszinierend fand. Ich habe es immer wieder vor mich hin gesagt und mich gefragt was es wohl bdeutet. Wir haben in diesem Jahr keine Nüsse von unseren Bäumen gegessen. Und ich glaube auch bestimmte Gemüsesorten aus unserem grossen Nutzgarten nicht. Der Informationsfluss in der DDR war spärlich und sagen wir mal “selektiv”. Aber meine Familie schaute illegalerweise Westfernsehen (wie fast alle anderen auch) und war deshalb im Bilde. Meine Mama war damals als junge Ingenieurin in einem VEB beschäftigt. Sie erzählte mal das ihr Chef abfällig sagte:”Jede dumme Hausfrau redet heute von Strontium. Wenn man keine Ahnung hat....!” Darauf hat sie sich wohl ziemlich mit ihm angelegt. Ich habe einige sehr schöne Dokus über den Unfall und die Zeit danach gesehen (schau mal auf Youtube). Es war eigentlich kein “Unfall”. Sondern eine Mischung aus menschlichem Versagen und Konstruktionsfehler. Der Reaktor hätte nie ans Netz gehen dürfen. Der Sicherheitstest, der den GAU auslöste, war verschoben worden damit der Reaktor früher ans Netz konnte und die Verantwortlichen die Prämie dafür kassieren konnten.

        • Kennst du die Serie? Sie erhebt zwar nicht den Anspruch auf eine Doku, hält sich aber sehr eng an die Fakten. Die Begründung, wie es dazu kam, kam dabei, genau wie du es erklärt hast, sehr gut heraus.

          In der Serie wurde der selektive Informationsfluss auch sehr gut gezeigt. Selbst als Maschinen vom Militär benötigt wurden, kam es zu Problemen, weil im Ausland selbst dabei keine ehrlichen Belastungswerte genannt wurden und die gelieferten Maschinen daher unbrauchbar waren. Das wäre noch interessant, wie genau die Bevölkerung damals überhaupt aufgeklärt wurde.

          Danke dir.

      (4) 01.07.19 - 20:00

      Ich war damals auch erst 4 Jahre alt und ich würde sagen, dieser GAU ist das erste geschichtliche Ereignis, an das ich Erinnerungen habe. Einiges weiß ich aber auch nur, durch die späteren Erzählungen meiner Eltern.

      Es gab viel Unsicherheit. Ich komme aus dem hamburger Speckgürtel. Wir durften tagelang im Kindergarten nicht raus, weil niemand das Gefahrenpotential abschätzen konnte. Der Spielplatz war gesperrt. Meine Großeltern haben ihren Gemüsegarten in dem Jahr nicht genutzt und waren froh, dass sie keine Kühe mehr hatten. Wobei es auch nicht schön war, die Hühner erstmal im Stall lassen zu müssen.

      Wirklich verstanden, was geschehen war, habe ich damals natürlich nicht. Es hieß eben immer nur, dass giftiger Regen zu uns kommt, bzw., dass man einfach nicht weiß, ob es überhaupt eine Gefahr gibt und wenn ja, wie schlimm es wird.

    • (5) 01.07.19 - 23:47

      Hi,

      ich hab bis heute Hemmungen Pilze zu essen, weil das danach immer verboten war. Ich war 10 und das sitzt einfach tief.

      Ansonsten sind meine lebhaftesten Erinnerungen alle an Oxana. Die war 2 Jahre jünger als ich und kam vier oder fünf Jahre lang jedes Jahr für 4 Wochen zu uns, um ihre Blutkörperchen zu regenerieren. Sie sprach kein deutsch, wir kein russisch. Aber es ging irgendwie trotzdem.

      Liebe Grüße
      die Landmaus

      • (6) 02.07.19 - 11:36

        Danke.

        Das ist ja interessant. Kannst du dich erinnern, warum sie genau zu euch kam? Seid ihr ein Schüleraustauschort, oder hatte es einen anderen Grund? Was war das für eine Regenerierung?

        Das mit den Pilzen kann ich mir gut vorstellen. Wenn man das verinnerlicht, kann man das vermutlich nicht so leicht wieder ablegen.

        LG

    (8) 02.07.19 - 10:03

    Hi,

    ich war damals fast 14 und habe ca 40km von der Zonengrenze in Nordhessen gelebt.

    Für uns war Tschernobyl deutlich spürbar:

    - bei Regen durften wir einige Wochen nicht draußen sein
    - wir durften keine Pilze mehr sammeln (in "unserem" Pilzgebiet haben wir seit dem nie wieder gesammelt - und es gibt dort viele Pilze)
    - Wildschweinfleisch durfte nicht mehr gegessen werden (es gibt wohl in Bayern? immer noch Gebiete, wo das Fleisch so stark belastet ist, dass es nicht verwertet wird)
    - es wurden Messungen durchgeführt (ich vermute Strahlenbelastung oder so)
    - bei uns in der Schule wurde darüber gesprochen
    - "Atomkraft - nein Danke" wurde sehr populär (zumindest sind mir vorher solche Aufkleber etc. nicht aufgefallen - danach klebten sie überall)
    - Joschka Fischer war in dem Jahr dann auch in unserem Bürgerhaus und ließ uns Jugendliche staunen: ein Politiker in Jeans und Turnschuhen #rofl so lief nicht einmal unser Dorfbürgermeister herum und er war Umweltminister in Hessen. An das Thema seines Besuchs kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich denke, dass Tschernobyl dort Thema war. Aber immerhin hat er bezüglich Kleidung und seiner damaligen Bürgernähe echt Eindruck auf mich gemacht.

    Insgesamt wurde es aber wenig thematisiert. Man hörte es im Radio oder mal in der Tagesschau, las mal was in der Tageszeitung, aber insgesamt war das Thema relativ schnell wie uninteressant für die Medien. Wirkliche Folgen hatte es nicht - nicht so, wie z.B. bei Fukushima.

    Gruß
    Kim

    • (9) 02.07.19 - 11:41

      Hallo.

      Das habe ich auch gelesen, dass Teile in Süddeutschland immernoch kontaminiert sind. Wie heißt das? Halbwertzeit?

      Ist schon krass, dass es dann doch schnell wieder ins Hinterstübchen geschoben wird. Aber sonst würde man auch vor lauter Angst nicht mehr rausgehen können.

      LG

(10) 02.07.19 - 15:37

Ich war 9 und bin kurz danach zur Kommunion gegangen. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die Verzweiflung meiner Mutter, was sie denn nun auf das Buffet stellen soll. Man durfte ja ganz viele Lebensmittel nicht mehr kaufen. Besonders die damals typischen "Dekosachen", wie z.B. Petersilie gingen nicht.

Ein paarJahre später hatte ich, über eine Lehrerin vermittelt, eine Brieffreundin in Kiew. Sie kam mich sogar mal besuchen, obwohl das mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Ich komme aus Köln, das war zur der Zeit ne echte Sensation.

Das größte Abenteuer hatte allerdings mein Onkel. Der arbeitete damals bei der Luftwaffe und flog mit unserem Außenminister nach Kiew. Das ganze war sehr kurzfristig und wir haben ihm auf die Schnelle eine Reisetasche voll mit Obst, Gemüse und Milch mitgegeben. Die hat er damals bei der Familie vorbei gebracht. Da wir seinen Besuch dort vorher aber nicht mehr ankündigen konnten, war die Familie erst ziemlich erschrocken, als ein deutscher Soldat vor ihrer Tür stand. Zum Glück hatte er das Foto mitgenommen, was mir meine Brieffreundin damals geschickt hatte. Das war noch vor ihrem Besuch bei mir.

Die Familie war überglücklich mit dem Obst.

Das war, Jahre nach Tschernobyl, aber auch zu der Zeit, konnten sie dort noch keine frischen Sachen kaufen.

(11) 02.07.19 - 20:46

Ich hab die Serie vor ein paar Wochen schon gesehen ( uk sky Atlantic) und obwohl ich kein Serien Mensch bin fand ich sie fantastisch!
Ich selber bin Sommer 86 geboren. Habe also nichts mitbekommen. Als ich aber mit 7 im Krankenhaus war, habe ich mich mit einem Mädchen angefreundet die aus der Ukraine kam. Sie war gleich alt und ihre Mutter hatte die Strahlenbelastung Wärend der Schwangerschaft. Sie kamen nach Deutschland sie sonst die Behandlung nicht hatte zahlen Können. Sie war sehr zierlich. Ich kann mich noch erinnern das sie sagte dass sie zu wenig Blut hatte, sie hatte auch Probleme mit den Atemwegen, schnell Blutergüsse usw. Ich muss nochmal meine Mutter fragen. Ich selber hab damals nicht viel gefragt. Barbie spielen war da wichtiger.
Wir waren noch einige Zeit Brief Freundinnen. Aber dann ist es irgendwann verlaufen.
Wenn ich meine Mama heute Abend mal erwische frag ich mal und vielleicht poste ich ein Update falls gewünscht.

  • (12) 02.07.19 - 20:51

    Ja, die Serie ist großartig gemacht und klärt wahnsinnig gut auf, was damals geschehen ist.

    Mich interessiert es auf jeden Fall, falls sich deine Mutter noch an Details erinnern kann.

    Ob deine ehemalige Brieffreundin wohl noch lebt?

    LG

(13) 02.07.19 - 21:31

Ich war Kind, noch nicht im Kindergarten oder frisches Kindergartenkind.

In der Schule wurde darüber (gar) nicht berichtet. Vielleicht hat ein Lehrer mal was dazu gesagt. Wenige sätze oder so. Auf dem Lehrplan stand es nicht.


In der Familie und Verwandtschaft war es ein großes Thema.
Nahrung: wo kommt Nahrung her, wie viel ist davon belastet. Wie weitreichend ist die Strahlenbelastung.

Was passiert wenn man dieser ausgesetzt ist. In welcher Dosierung führt sie zum (schnellen) Tod ? In welcher Dosierung zum schleichenden Tod.

Wie lange wird es wohl dauern, bis die Belastung in den jeweilgen Gebieten (aber auch darüber hinaus) abgetragen ist. Reichen die Schutzmaßnahmen aus?

Können die Betroffenen ausreichend behandelt werden? Dort, hier?
Welche Folgen hatte es für Schwangere und deren Kindern in Europa? Wie weit verbreitet sich die Strahlung? Direkt, durch Winde, durch Nahrung,...


Dass Medikamente Ungeborene schädigen können, war damals schon bekannt. Daher kam die Frage auf, was passiert bei so hoher Dosierung.


Inzwischen sind die damals Ungeboreren auch schon etwas über 30 Jahre alt.
Zumindest die in (West)europa geborenen, die ich von damals her kenne.


Auch die Frage, was es für die Wirtschaft bedeutet, wurde damals besprochen.
Wie sicher sind Produkte von dort.

Umgekehrt: welche Medikamente, Hilfsaktionen können dort gebraucht und geleistet werden. Wie umfangreich muss/sollte die Evakuierung sein. Ob Menschen je wieder zurück können (oder dann noch wollen).

Können sie sich selbst versorgen (Nahrung, Bauerhöfe, verstrahlte Böden). welches Risiko für Spätfolgen tragen sie.

Wenn sie woanders eine neue Heimat finden: wie hoch sind ihre spätfolgen dann? Können sie trotzdem älter werden?

  • (14) 02.07.19 - 23:57

    Ganz viele interessante Fragen. Die müssen ja auch lange im Raum gestanden haben, wenn du dich selbst daran erinnerst!

    Sind für euch die Fragen beantwortet worden? Wie lange hat es gedauert, bis das Thema verebbt ist?

    • (15) 03.07.19 - 14:47

      Das Thema ist relativ schnell verebbt. 1986-1988 war es aktiv. Also noch bevor ich in die Schule kam.

      Danach nur noch vereinzelt.
      - im Freien spielen
      - Essen aus dem Wald, aus dem Garten usw. wird heute noch hinterfragt, da in manchen Gegenden noch Jahre später von sehr hohen belastenden Werten gesprochen wurde/wird.

      An den Mauerfall erinnere ich mich hingegangen gar nicht. Das war bei uns nie so großes Thema. Viele kannten noch die Zeit vor der Mauer und freuten sich. Das ist zwar geschehen, hatte eher positive Auswirkungen und keine Lebensveränderungen. Der Mauerbau wurde heftiger diskutiert. Hauptsächlich vor meiner Zeit. Die Tendenz Mauerfall: na endlich, der Bau und die Auswirkungen waren eher Thema.

      Tschernobil war da eben einige Jahre, dann weniger in der Menge. Intensiv vom Inhalt. Nicht oberflächlich.

(16) 03.07.19 - 12:18

Hallo,

wir haben leider kein Sky, würden uns die Serie aber auch gerne mal ansehen.

Ich habe keine Erinnerung mehr daran und kenne die Situation nur aus Erzählungen. Meine Eltern hatten einen Bauernhof und haben Obst und Gemüse vom eigenen Land verkauft. Das war nicht mehr möglich, die Kunden waren verunsichert und hatten Angst. Selbst Lebensmittel, die vor dem Reaktorunfall geerntet oder verarbeitet wurden wie Kartoffeln oder Marmeladen und Säfte wurden nicht mehr gekauft.
Es gab Entschädigungen, aber in dem Moment war der Reaktorunfall eine große Bedrohung für die Existenz meiner Eltern.

Viele Grüße,
lilavogel

(17) 03.07.19 - 14:36

Hallo, ich war damals 13 und lebte in der DDR. An die Zeit selbst habe ich nicht so viele Erinnerungen, es wurde nicht wirklich thematisiert. Allerdings war ich letztes Jahr für 3 Tage in Tschernobyl und in Prypjat und keine Reise hat mich so nachhaltig beeindruckt und bewegt wie diese. Ich bin in der DDR in einer ähnlichen Trabantenstadt aufgewachsen wie Prypjat, ich bin dort durchgelaufen und habe mich in meine Kindheit zurückversetzt gefühlt, die Zeit dort ist von einem Moment auf den anderen stehen geblieben, nirgends sonst kann man Geschichte in der Form erleben und erfühlen. Ich habe mich im Anschluss ausgiebig mit dem Thema beschäftigt und einige Bücher gelesen. Eines hat mich besonders bewegt, ich setze mal den Link hier rein, vielleicht mag es der eine oder andere lesen: https://www.amazon.de/Tschernobyl-Chronik-Zukunft-Swetlana-Alexijewitsch/dp/349230625X/ref=sr_1_8?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=tschernobyl+buch&qid=1562150028&s=gateway&sr=8-8
LG Dani

hallo , ich war damals im 3. Monat mit unserem 1. Kind schwanger.
ich wusste absolut nicht mehr , wie ich mich verhalten soll#schock
einerseits soll man ja als Schwangere viel Obst und Gemüse essen und an die frische Luft gehen , andererseits musste ja genau das vermieden werden#gruebel
niemand konnte sagen , was nun richtig oder falsch ist.
niemand konnte Antwort geben , wie es sich auf das Baby auswirkt.
aber es ist alles gut gegangen#pro

für meinen Mann hatte es einen positiven Effekt. er war damals Verkäufer für Tiefkühlkost und er machte riesigen Umsatz mit Gemüse , Obst und Fleisch, das vor dem Unglück abgepackt wurde;-)

#winke

Hallo,

Ich habe die Katastrophe hautnah erlebt, kann mich aber an nichts erinnern, da ich damals 2 Jahre alt war. Wir lebten 18 km von dem Atomkraftwerk entfernt, als die Katastrophe geschah. Mein Vater hat eine Zeitlang in dem Atomkraftwerk gearbeitet.

Meine Eltern erzählten, dass wir ein paar Tage nach dem Unglück evakuiert werden sollten. Als wir von dem Unglück erfuhren ,wurden schnell die nötigsten Sachen gepackt und mein Opa hat meine Oma, meine Mutter und uns Kinder nachts mit der Pferdekutsche mehrere Hundert km zu Verwandten in die Ukraine gebracht.

Später folgten mein Vater und Opa .

Mich beschäftigt das Thema auch sehr . In der letzten Zeit besonders.

Meine Mutter hat da noch Verwandte leben. Sie wurden evakuiert und leben seitdem dort.
Der Cousin bewacht die Sperrzone. Mit seiner Hilfe konnte meine Mutter vor ein paar Jahren in unser Dorf fahren.
Es lag noch alles so, wie sie es verlassen haben. Meine Kleidung, Schuhe, Spielzeug alles was sie nicht mitnehmen konnten.

Wir haben Gott sei Dank keine gesundheitlichen Schäden davon getragen.
Wahrscheinlich Dank meines Opas, der direkt reagierte und uns weg brachte.

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