Abgrenzung ADS - AVWS

    • (1) 09.10.14 - 20:59

      Hallo,
      bei unserem Sohn (fast 8) hat eine schwere Sprachentwicklungsstörung. Er wurde im vergangenen Jahr in die Regelgrundschule eingeschult, dort kam es aber zu massiven Problemen in Deutsch, und wahrscheinlich durch Überforderung durch massive Verhaltensstörung bis hin zu totalem Schulfrust. Seitdem liegt der Verdacht auf ADS im Raum. Er wurde in einer angesehenen Praxis ausgiebig getestet und befindet sich laut Testergebnissen auf der Grenze. Seit dem Sommer besucht er die zweite Klasse einer Sprachheilschule. Anfangs fiel er dort in seine typischen Verhaltensmuster zurück, ist nun aber gut angekommen... Die Lehrer dort gehen nicht davon aus, dass er ADS hat sondern vermuten eine schwerwiegende AWVS, Hörverarbeitungsstörung. Wenn ich diese Dinge im Internet nachlese, ist es für mich als Laien sehr schwer, diese beiden Diagnosen, voneinander abzugrenzen.
      Können Sie Licht in das Dunkel bringen? Sein IQ liegt bei 124
      Die Diagnostik in der Pädaudiologie, brachte bisher kein Ergebnis, da er die Wörter schwer nachsprechen konnte.
      Ich freue mich sehr, über Ihre Rückmeldung.
      Mit freundlichen Grüßen

      • (2) 10.10.14 - 05:38

        Hallo,
        ich bin zwar nicht direkt angesprochen, kann aber vielleicht doch ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.
        Ich bin Logopädin und arbeite viel mit AVWS-Patienten. Die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung hat nichts mit dem peripheren Hören an sich zu tun. Sie besteht aus acht Teilbereichen. Man spricht von einer Störung, wenn in mind. drei Teilbereichen ein Defizit vorliegt. Häufig liegt bei scheinbar konzentrationsschwachen Kindern tatsächlich eine Störung der auditiven Fähigkeiten vor. So benötigen sie zum Bsp. ihre gesamte Konzentration um überhaupt mitzubekommen, was der Lehrer spricht und diese Informationen aus dem Umgebungslärm herauszufiltern (Nur eins von vielen, vielen Bsp).
        Für eine Diagnostik ist es essentiell, dass sichergestellt ist, dass das Kind keine Einschränkungen im Hören hat. Das wird mittels eines Audiogramms beim HNO gemacht. Beim Pädaudiologen können bereits erste Tests gelaufen sein, die die Wahrnehmung des Gehörten überprüfen. Es sollte aber auf jeden Fall eine ergänzende logopädische Abklärung/Diagnostik erfolgen.

        Du schreibst, dass dein Sohn eine Sprachentwicklungsstörung hat und mittlerweile auf einer Sprachheilschule gut aufgehoben ist. Dann hast du ja auf jeden Fall schon Ansprechpartner. Ist denn im Anschluss an die Untersuchung beim Pädaudiologen eine logopädische Diagnostik angedacht?

        Ich hoffe, ich konnte dir etwas helfen,
        Lg, loobs

        Hallo kornflakes,

        die „Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen“ (AVWS) ist ein Sammelbegriff für Hör- und Sprachverständnis-Störungen, deren Symptomatik und Ätiologie (medizinische Ursache) vielfach noch unverstanden ist. Störungen der Aufmerksamkeit können erheblich zur Beeinträchtigung von Reizwahrnehmung und Reizverarbeitung im Gehirn beitragen. Dazu muss man wissen, dass gehörte und verstandene Sprache das Ergebnis einer hochkomplexen Verarbeitung der physikalischen Reize darstellt, die als Wellen an unser Trommelfell (und nicht nur an dieses) dringen. Hinzu kommt, dass unser Sprachverständnis durch visuelle Reize optimiert wird. Auch hörende Menschen verstehen Sprache, v.a. in Umgebungen mit Störgeräuschen, besser, wenn sie auf den Mund des Sprechenden schauen.

        Hören, Sehen, Propriozeption (das ist der Sinn des Körpers für die eigene Lage im Raum), aber auch die Aufmerksamkeit sowie das Vorwissen unseres Gehirns als Folge unserer Entwicklung im Austausch mit der Umwelt stehen in einer individuellen Verschränkung miteinander. Sprachstörungen sowie Lese- und Rechtschreibstörungen haben daher vielfältige Ursachen, deren Anteil an der konkreten Symptomatik des Einzelnen nur sehr eingeschränkt bestimmt werden kann. Daher macht es Sinn, Ihren Sohn, soweit nicht bereits erfolgt, sowohl im Hinblick auf eine ADHS (ganz wichtig sind computergestützte Verfahren zur Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprüfung) als auch umfangreich pädaudiologisch untersuchen zu lassen. Dabei sollte es nur bedingt um den Namen gehen, den die Probleme, die Ihr Kind hat, schließlich erhält, sondern vielmehr um die Ansätze, wie man ihm am besten helfen kann, da Aufmerksamkeits- und Sprachverständnisstörungen einen erheblichen Einfluss auf die sozial-emotionale Entwicklung eines Kindes haben können, das seine Mitmenschen nur eingeschränkt versteht und in der Folge in seinem unangepassten Sprechen und Handeln häufig selbst auch nur eingeschränkt verstanden wird.

        Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie gute Ärzte und Psychologen zur Diagnostik sowie erfahrene Therapeuten finden – und die Umgebung Ihrem Sohn mit viel Verständnis und Geduld begegnet.

        Johannes Streif

        Guten Morgen,

        vielen, lieben Dank für die beiden ausführlichen Antworten.

        Da ich in meinem ersten Beitrag, viele Hintergrundinformationen weggelassen habe, hole ich dieses nach...

        Die Sprachverzögerung wurde bereits mit 2 Jahren offensichtlich. Noch vor seinem dritten Geburtstag und seitdem, befinden wir uns in logopädischer Behandlung und in einer intensiven Diagnostik. Dort waren sowohl Frühförderung, Sprachintensivtherapie in Thalheim, SPZ und natürlich 1x im Jahr Abklärung in der Pädaudiologie ständige Begleiter... Wir haben immer nach dem Ausschlussverfahren gearbeitet. AWVS stand dabei immer im Raum. So richtig offiziell Diagnostiziert werden konnte es aber wohl, aufgrund des einen Hörtests noch nicht. Auch die Logopädin hat ihren Schwerpunkt darauf ausgerichtet... Verbesserung der Hörmerkspanne etc. etc.

        Also diese eine Diagnose gilt eigentlich als gesichert...

        Nun haben wir die umfangreichen Tests bei einem Psychiater (1 Vorgespräch, 4 Testungen a 1 h und die Auswertung) gemacht. Dort waren die Computergestützten Tests ganz eindeutig ADS. Wohl nicht stark ausgeprägt, man müsste sehen, wie sich das im Alltag auswirkt. Nun haben wir natürlich angefangen, im Internet zu schauen, und wenn man die Symptome einer AWVS kennt, kommt einem das, was man liest sehr bekannt vor... Deshalb bin ich jetzt so verunsichert...

        Kann es sein, dass sich eine medizinische Behandlung (so weit sind wir noch lange nicht) sich generell positiv auf seine Schullaufbahn auswirken kann? Es ist so traurig zu sehen, er hat das Potential, und ist so wissbegierig, aber merken und abspeichern kann er es in Deutsch nicht. Im Mathe wiederum gehörte er schon in der Regelschule zu den besten. Diese positiven Erfolge nimmt er aber überhaupt nicht wahr. Alles was mit Schule zu tun hat, ist so negativ besetzt. Er traut sich vieles nicht mehr zu...

        Im Privatleben ist er ein fröhliches, aufgewecktes Kerlchen. Trotz seiner Sprachdefizite (lange Zeit konnte er gar nicht sprechen) ist er sehr Kommunikativ, hat viele Freunde, gut im Sport. Da er sprachlich seit ca. 3 Jahren, ständig Fortschritte macht, sind wir da mittlerweile entspannter. Das es zu schulischen Problemen kommen könnte, hat uns total überrascht. Dass er nun noch dieses zusätzliche Paket zu tragen hat, macht uns sehr traurig. Wegen der AWVS sind wir im November noch einmal bei einem Spezialisten und Lübeck in der Pädauiologie, der sich wohl besonders gut auskennt. Wir waren bereits einige Male in der Pädaudiologie, aber wie gesagt, ohne richtiges Ergebnis. Dort sind die Untersuchungen immer in der Tagesklinik (Psychologe, Logopäde, Hörtest, Arzt).

        Mein Sohn scheint ein etwas schwieriger Fall zu sein.

        Freue mich sehr, über weitere Rückmeldungen, Ideen, Ansatzpunkte etc.

        Herzlichen Dank

Top Diskussionen anzeigen