Mitschüler hat ADHS

    • (1) 10.10.14 - 00:17
      Inaktiv

      Hallo Herr Dr Streif :)

      Und zwar geht meine Tochter in die 6.Klasse und sie hat in ihrer Klasse einen Jungen, der ADHS hat. Die Klassenlehrerin spricht offen mit den Kindern darüber, auch dass er Medikamente nimmt.
      Er stört den Unterricht mit "blöden Sprüchen", stört die anderen, nimmt keine Rücksicht, stellt anderen das Bein und macht sich teilweise über die Lehrer lustig, obwohl sie da sind (er lief am Pult vorbei und hat hinter der Lehrerin Hasenohren gemacht)... wie soll sich da ein Lehrer verhalten? Ich kenne mich damit nicht aus und möchte auch nicht gesteinigt werden, wenn ich frage, wie man das unterbinden kann...Ermahnen reicht da nicht.
      Mittlerweile hat er auch einen Sonderstatus und die Lehrer ermahnen auch andere Kinder, aber die "gesunden" Kinder bekommen Strafen und er selbst nicht und wenn doch, dann wird die komplette Klasse für sein Verhalten bestraft, mit einer Kollektivstrafe.
      Das ist doch nicht Sinn der Sache und total unfair gegenüber der Klasse.
      Eine Lehrerin sagt zu den Kindern, dass sie ihn ignorieren sollen, damit er sozusagen die Aufmerksamkeit nicht bekommt, wenn er diese sozusagen einfordert, indem er sich daneben benimmt, aber das stört trotzdem dann auch die Konzentration.
      Ein neuer Lehrer sagt ihm, er solle sich zusammenreissen und wenn das nicht geht, muss er ihn bitten aus dem Zimmer zu gehen. Komischerweise klappt es in den Unterrichtsstunden gut, weil der Lehrer sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt.
      Es fällt mir sehr schwer, angemessen zu reagieren, wenn meine Tochter mir das alles erzählt, weil ich auch weiss, dass es sie belastet. Der betreffende Junge sagt auch verletzende Dinge und das ist nicht schön.
      Die Lehrer tun immer alles ab mit "Der *Name* ist halt krank.../hat diese Krankheit..."...

      Mittlerweile ist es so, dass viele Kinder nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen und er das auch bemerkt hat (bei Gruppenbildungen wechseln die anderen Jungs sofort zu einer anderen Gruppe, wenn er sich anschließen möchte). Daraufhin hat die Klassenlehrerin wieder ein Gespräch gesucht mit der Klasse und meiner Tochter tat es leid und hat versucht zu schildern, weswegen sich das scheinbar so entwickelt hat.
      Er gelobt Besserung, aber seitdem ist alles beim Alten und es hat sich nichts getan.

      Wie können die Lehrer besser damit umgehen und dabei gerecht gegenüber den Kindern sein? Ich finde, die Kinder haben viele Verständnis, aber langsam können sie nicht mehr...

      Ich danke schonmal im Voraus für Ihre Antwort!

      • (2) 10.10.14 - 00:31

        ...also, mir tut das leid für den Jungen, aber ich denke eben auch an mein Kind, das unmittelbar vom Verhalten betroffen ist und brauche einfach Rat, wie man damit umgehen soll.

        • Ich sehe nicht, das du da viel machen kannst. Du kannst versuchen, den Klassenlehrer auf Probleme aufmerksam zu machen, aber du und dein Kind, ihr seid halt nicht unmittelbar betroffen.

          Ich sehe (als Mutter eines ADHSlers) daß Verhalten auch kritisch, vorausgesetzt deine Schilderung entspricht der Wahrheit, was schwierig zu beurteilen ist, denn als Eltern sind wir ja der Schule eher Zaungäste und hören meistens nur Gerüchte.

          Vielleicht findest du hier Inspiration für konstruktive Vorschläge: http://www.adhs.info/fuer-paedagogen.html

          • (4) 10.10.14 - 14:17

            hallo,

            herzlichen dank für deinen link.

            klar, sind wir selbst nur "zaungäste", aber ich denke, ich kann bzw muss dem glauben schenken, wenn verschieden schüler aus der klasse mir das gleiche erzählen... naja..ist ja auch egal :) jedenfalls muss irgendetwas passieren, damit die gemeinschaft der klasse wieder hergestellt wird, der junge eine erneute chance bekommt, ein wenig etwas an seinem verhalten zu verändern und die kinder noch einmal versuchen damit anders umzugehen, damit das zusammenleben/zusammenarbeiten in der klasse funktioniert ;)

            liebe grüße!

      Hallo asianlady,

      Sie beschreiben ein wichtiges Dilemma, das die gerade aktuelle Debatte zur Inklusion in einem Beispiel aus der Perspektive der „ungestörten“ Mehrheit zusammenfasst: Einer bremst, stört, kommt nicht mit – und die anderen leiden darunter. Nun muss man dies nicht so drastisch erleben wie von mir formuliert, doch stellt es ein echtes Problem dar, dem sich auch die von der ADHS betroffenen verhaltensauffälligen Kinder sowie deren Eltern stellen müssen.

      Mag für die Eltern dieses Sich-Stellen ein Appell sein, dem sie nachkommen oder sich entziehen können sowie um Lizenzen für Ihren gestörten Nachwuchs kämpfen mögen, – für die Kinder ist es eine unausweichliche Realität, vor der sie in letzter Konsequenz nicht geschützt werden können: Jede Gemeinschaft fordert ein Mindestmaß an Anpassung des Einzelnen an ihre Regeln. Der Zweck einer Schulklasse ist der Unterricht aller Kinder, nicht die (Sozial-)Therapie eines einzelnen Kindes. Daher muss es der Lehrerin / dem Lehrer möglich sein, ungeachtet aller gebotenen Rücksicht auf die besondere Ausgangslage jedes einzelnen Schülers dennoch einen Unterricht durchzuführen, der allen dient, jedem Aufmerksamkeit schenkt und keinen zurücklässt. Scheitert das Projekt des gemeinsamen Lernens an einem einzelnen Schüler, muss dem abgeholfen werden.

      Ihr Beispiel demonstriert jedoch zugleich, dass es pädagogisch unterschiedlich kompetente Lehrkräfte gibt, mit unterschiedlicher Persönlichkeit, unterschiedlichen Erfahrungen und einer unterschiedlichen Motivation. Zudem gibt es Umstände, welche einen für alle befriedigenden Unterricht begünstigen oder behindern: die Gestaltung des Klassenzimmers, die Sitzordnung, das Unterrichtsmaterial, etc., aber auch die Ordnung innerhalb der Klassengemeinschaft sowie die Autorität, die ein Schulsystem seinen Lehrern verleiht.

      Ich halte es für nicht akzeptabel, dass ein Lehrer dieselbe offensichtliche Regelverletzungen eines Kindes, mag es ADHS haben oder nicht, anders behandelt als im Fall eines anderen Kinders. Solches Lehrerverhalten wird von den Klassenkameraden verständlicherweise als ungerecht empfunden und führt langfristig eher zur Ausgrenzung denn zur Akzeptanz des privilegierten Kindes. Demgegenüber halte ich es für angemessen, dass eine Lehrkraft – auch unter Einsatz von Zeit und Aufwand – eine Situation schafft, in der die spezifischen Probleme eines einzelnen Kindes besondere Berücksichtigung findet. Beispielhaft seien hier genannt:

      - Eine Raum- und Sitzordnung zu schaffen, in der das Verhalten des Kindes besser kontrolliert werden kann, z.B. ganz vorne zu sitzen, keinem anderen Kind gegenüber, neben einem bestimmten Kind; die Sitzordnung der Klasse zu bestimmen, auch wenn mache Kinder anders sitzen wollen.
      - Das auffällige Kind von Aktivitäten auszuschließen, wenn diese in Gegenwart des Kindes nicht durchgeführt werden können; in einem solchen Fall muss die Lehrkraft dem Kind zunächst eine Chance geben und zugleich sicherstellen, dass der Ausschluss vom Kind selbst sowie den Klassenkameraden als situationsspezifische Entscheidung der Lehrkraft, nicht als generelle Ausgrenzung verstanden wird.
      - Dem Kind bisweilen besondere Aufgaben zuzuteilen, die es in einer Weise beschäftigen, dass es die anderen Kinder nicht stört, bzw. ihm die Lizenz einzuräumen, sich anderweitig zu beschäftigen, wenn es die geforderten Leistungen erbracht hat.

      Hilfreich sind zudem eine gemeinsame Haltung aller Lehrkräfte gegenüber dem Kind, dieselbe Sitzordnung in allen Fächern, ein stunden- und fächerübergreifendes Punktesystem einschließlich vergleichbarer Sanktionen, ggf. eine Thematisierung der Problematik im Rahmen eines Elternabends, der jedoch kein Tribunal über das betroffene Kind sein darf, sondern einen pädagogischen Konsens schaffen soll. Allerdings sollte der Unterricht auch dem ADHS-Kind die Möglichkeit geben, sich auf eine konstruktive, seitens der Klassenkameraden anerkannte Weise in die diese einzubringen. Dazu kann beispielsweise ein verstärkt projektorientierter Unterricht dienen, in dem leichter auf die spezifischen Qualitäten des auffälligen Kindes abgehoben werden kann.

      Ziel allen Bemühens muss es sein, dass das verhaltensauffällige Kind ein von seinen Kameraden ehrlich geschätztes, nicht nur zwangsweise toleriertes Mitglied der Klassengemeinschaft ist. Sich um die Erreichung dieses Ziels in gleichermaßen ehrlicher Weise zu bemühen, muss allerdings auch dem Kind selbst aufgetragen werden, denn dieser Auftrag ist der Vorläufer jener großen Aufgabe, die auch ADHS-Kindern, so schwer es ihnen fallen mag, nicht erlassen werden kann: Anpassung an die Gesellschaft, in der sie eines Tages ein selbstbestimmtes Leben führen müssen.

      Viele Grüße,
      Johannes Streif

      • (6) 10.10.14 - 14:22

        Hallo Herr Dr. Streif,

        vielen herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort bezüglich meines Anliegens.

        Soeben habe ich meiner Tochter und ihren Freundinnen von diesem Beitrag erzählt und wir haben gemeinsam alles nochmal gelesen.

        Ich glaube, an einem Elternabend das ganze zu besprechen, fühlt sich nicht so gut an. Klar, es ist irgendwie unangenehm, zumal die Elternsprecherin der Klasse auch die Mutter dieses betroffenen Kindes ist. Irgendwie sind da Hemmungen da, nicht nur bei mir.

        Die Kinder haben mir erzählt, dass die Klassenlehrerin noch ein Gespräch mit dem Direktor haben wird. Ich bin nicht dafür, dass der Junge bestraft wird, aber bin froh, dass die Lehrerin sich scheinbar nun doch Rat holt, wie sie mit der Situation umgehen soll. Vielleicht verändert sich das ganze ja noch zum Positiven.

        Derzeit sitzt er in der Klasse ganz hinten. Dort passt er nun scheinbar weniger auf und beschäftigt sich manchmal mit malen. Auf die Frage hin, wie er sich verhält, wenn er vorne sitzt, wurde mir gesagt, dass er vorne viel aktiver ist und den Unterricht stört, weil alle Kinder auf ihn gucken können. Nun ist die hinterste Reihe sicher auch nicht die Lösung.

        Ich danke Ihnen noch einmal herzlich für die lange Antwort
        und wünsche Ihnen ein sonniges Wochenende!

        AsianLady

        • (7) 14.10.14 - 01:16

          Leider wird sich die Situation nicht entspannen, denn der Junge hat das Handy einer Klassenkameradin mitgehen lassen und am Wochenende zurückgegeben.
          Das hat sich herumgesprochen und morgen wird es ein ernsthaftes Gespräch in der Klasse geben. Dass sich die anderen Klassenkameraden nun noch mehr abwenden, kann man in diesem Falle gut verstehen. Schade, dass es so gekommen ist.

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