Gibt es hier Eltern, die selbst Scheidungskinder sind - bitte um Erfahrungen

    • (1) 23.06.16 - 23:58

      Ihr Lieben,

      mich beschäftigt seit Monaten die Frage, ob Scheidungskinder tatsächlich zwangsläufig unglücklich und/oder gar "geschädigt" ins Leben gehen, wenn sie die Trennung der Eltern erleben müssen und eben nicht in einer "klassischen" Familie aufwachsen können.

      Was mich sehr verunsichert ist, dass bekannte Menschen wie z. B. Jesper Juul der Meinung sind, dass Scheidungskinder bzw. Kinder Alleinerziehender zwangsläufig zu Schaden kommt, man als Alleinerziehende lediglich versuchen kann, den Schaden möglichst gering zu halten. Letztlich den Boden unter den Füßen weggezogen hat mir jedoch ein Bericht über folgendes Buch (ich hoffe, man darf hier einen Link zu Amazon einstellen - sonst bitte löschen, sorry): https://www.amazon.de/Kind-sein-zwischen-zwei-Welten/dp/3873876736/ref=pd_sim_14_13?ie=UTF8&dpID=51sTN1gAvvL&dpSrc=sims&preST=_AC_UL160_SR114%2C160_&refRID=W79VJM44R7RQWJ1EQHJF

      Daher möchte ich einfach einmal hier fragen - vielleicht gibt es hier Leute, die als Scheidungs-/Trennungskind aufwuchsen und mir dazu erzählen möchten, wie sie es erlebt haben. Interessant wäre natürlich auch zu wissen, wie die Rahmenbedingungen dazu waren (Alter, wie lief die Trennung ab, gab es Kontakt zu beiden Elternteilen danach, musste die Mutter/Vater Vollzeit arbeiten, gab es andere Bezugspersonen wie Oma, Tanten, Opa usw.). Denkt Ihr, Euer Leben wäre "besser verlaufen" wenn Ihr in einer "intakten" Familie aufgewachen wärt...?

      Natürlich ist jedes Leben anders, jeder erlebt es individuell und die Rahmenbedingungen sind sehr verschieden...trotzdem wäre es hilfreich für mich.

      Lieben Dank,
      Martina

      • Hallo,

        ich bin in chaotischen Verhältnissen aufgewachsen. Ich versuche es mal kurz und geordnet zu schildern.

        Im Alter von wenigen Wochen gab mich meine Mutter (damals 19, psychisch labil) voll und ganz zu ihrer Mutter, meiner Oma. Mein Vater (damals 36, Akademiker) hatte keine Chance auf ein Aufenthaltbestimmungsrecht. Elterliche Scheidung folgte.

        Bis ich sechs war lebte ich bei Oma, hatte Umgang mit Mutter und Vater. Zwischenzeitlich lernte meine Mutter den späteren Stiefvater kennen. Als ich sechs war zog meine Mutter mit Stiefvater ins MFH über Oma, Opa und mir ein. Später zog ich in Mamas Wohnung mit ein.

        Bruch zwischen Mama und Oma als ich 14 war. AuszuG mit mir, Kontakabbruch zu Oma.

        Schlimme Jahre mit Mutter und Stiefvater. Ich zog mit 17 aus.

        Kontakt zur Oma bestand wieder, zum Vater immer.

        Tja, damals kam mir das immer normal vor. Mein Vater kam mich IMMER in der Mittagspause besuchen, egal, wo ich wohnte. In meiner Erinnerung war ich jeden Mittwoch und Sonntag bei ihm, nie über Nacht. Angeblich war das aber nicht so regelmäßig.

        Aus anderen Gründen besteht heute kein Kontakt mehr zur Familie, das liegt aber an deren Misshandlungen mir gegenüber.Mit Papa hatte ich später immer selten aber guten und unproblematischen Kontakt. Er ist leider schon tot.

        Die Scheidung meiner Eltern allein war sicherlich nicht das schlimmste.

        Dennoch teile ich die Ansicht, dass eine elterliche Ehe schon sehr schlecht sein muss, dass für Kinder eine Trennung besser ist. Das ist aber nur mein subjektives Gefühl.

        LG

        Hallo,
        ich habe zwar selber noch kein Kind, aber ich antworte dir trotzdem mal, denn ich bin ein Scheidungskind und ich möchte mal behaupten, ich habe keinen Schaden davon getragen.
        Meine Eltern haben sich getrennt als ich ca. 8 war. Anfangs war ich regelmäßig bei meinem Vater zu Besuch. Das ist allerdings irgendwann eingeschlafen. In meiner Erinnerung war es so, dass er irgendwann kein Interesse mehr gezeigt hat. Manchmal überlege ich, ob meine Mutter da vielleicht etwas mehr hätte hinterher sein sollen, aber eigentlich bin ich der Meinung, dass das Interesse von ihm aus hätte kommen müssen.
        Heute habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm und mir geht es dabei wirklich gut. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir jemals an irgendwas gefehlt hat.

        Manchmal hätte ich mir allerdings eine Mutter gewünscht, die nicht Vollzeit arbeitet, da sie an Schulveranstaltungen etc. häufig nicht teilnehmen konnte.
        Ich denke, dass die Scheidung meiner Eltern und dem finanziellen Kampf meiner Mutter, den ich nie mitbekommen habe als Kind, sicher zu meiner heutigen Lebenseinstellung beigetragen haben. Ich könnte mir nie vorstellen, wenn ich mal Kinder habe, länger als ein Jahr zu Hause zu bleiben, um mich in keine finanzielle Abhängigkeit zu begeben.

        Mir war schon immer wichtig, dass ich gut verdiene und im Notfall auch alles alleine finanzieren kann.

        Also zusammengefasst habe ich sicherlich die ein oder andere Einstellung aufgrund der Scheidung meiner Eltern, aber ich glaube nicht, dass das negative sind, die Nicht-Scheidungskinder nicht auch haben könnten.
        LG

        (4) 24.06.16 - 06:04

        Ich bin ein Scheidungskind und ich war 12 als sich meine Eltern getrennt haben. Als ich nur den Anfang deines Posts gelesen haben, durchschoss ein ganz lautes JA! durch meinen Kopf. Für mich zumind. war es furchtbar und ich habe dadurch einen "sitzen". Das Verhältnis zu meiner Mutter ist problematisch und im Vergleich zu anderen mutterkindbindungen eher schlecht. Sie ist halt meine Mutter weil sie meine Mutter ist, aber es könnte auch eine Tante für mich sein. Der zweite Gedanke war aber, dass das auch immer sehr von der Situation abhängt. Wie läuft die Trennung ab oder gibt es neue Partner, wie sieht der Umgang mit beiden Eltern aus. Wichtig ist dabei auch wie die Situation vorher war. Ich denke man sollte alle diese Punkte bei der Frage mit einbeziehen.

        Liebe Grüße
        Nuppi

      • Was ist eine "intakte" Familie?
        Eine Patchwork-Familie, in der liebevoll und respektvoll miteinander umgegangen wird, ist für die Kinder wesentlich gesünder und wertvoller als eine Familie, bei der die Eltern nur noch "wegen der Kinder" zusammenbleiben und es fast Mord und Totschlag wie Eiseskälte gibt.
        Ich bin selber kein Scheidungskind, wäre aber froh gewesen, wenn sich meine Eltern getrennt hätten und ich bei meinem Vater hätte bleiben können.
        Im Familien- und Bekanntenkreis habe ich aber beide oben erwähnten Fälle mehrfach erlebt.
        Nein, Scheidungskinder müssen ganz sicher nicht ein Fall für den Psychologen werden, wenn die Eltern verantwortungsbewusst damit umgehen und die Kinder nicht als Waffe benutzt werden gegen den anderen,
        Ich finde auch, je kleiner die Kinder sind, desto weniger folgenreich ist es, natürlich nur, wenn sie danach nicht noch ewige Kriege miterleben. Ich selber bin in erster Ehe geschieden, meine Kinder waren 1 und 4 Jahre alt. Beide hatten - auf eigenen Wunsch - nie mehr Kontakt zum Vater und akzeptierten meinen zweiten Mann eigentlich von Anfang an, den ich 3 Jahre nach der Scheidung kennenlernte. Der beste Beweis dafür ist doch, dass meine Tochter vom sooo stolzen "Stief"papa zum Traualtar geführt werden wollte - ein wunderbarer Moment, den wir alle nie vergessen werden #verliebt Beide Kinder sprachen übrigens nie vom "Stiefvater", sondern nur von Papa....
        LG Moni

        • Ganz vergessen - meine Kinder sind heute beide in ca. 15jährigen stabilen Beziehungen, verheiratet, mit Kind. Beide sind, nach kleineren "Übungs-Flops der frühen Jugend" bei ihrer ersten wirklichen großen Liebe geblieben. Keine Beziehungsängste.
          LG

      Darf ich als Nicht-scheidungskind auch was dazu schreiben?

      Als Kind und auch noch als Erwachsener wäre es am besten und schönsten, wenn die Familie eine Art sicherer Hafen wäre, ein Ort wo man sich sicher, geliebt und unterstützt fühlt.

      Bei ner Scheidung kann dieses Gefühl natürlich leicht bröckeln und es ist sicher für die Eltern nicht einfach diese Sicherheit weiterhin zu vermitteln.

      Aber es gibt auch viele andere Lebensumstände, die diese Sicherheit ins Wanken bringen können, zB Erkrankung eines Elternteils oder Geschwisterchens , Schicksalsschläge... Und jede dieser Veränderung beeinflusst die Entwicklung der Persönlichkeit. Wie es den Menschen prägt, was es aus ihm macht, ob es zu ner positiven oder negativen Entwicklung führt hängt von so vielen Faktoren ab.

      Ich denke es hängt viel an den Eltern wie schlimm es für die Kinder wird, aber ein Schrecken ohne Ende (wenn die Eltern sich nur noch zoffen) kann ja auch keine gute Alternative sein.

      Also die Freundinnen von mir, die Scheidungskinder sind, empfinde ich nicht als "schwer geschädigt" und würde es eher etwas flapsig formulieren "sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?" (hoffe, Du verstehst was ich damit meine). Trotzdem würde ich mir als Elternteil gut überlegen wann und wie ein Trennung gestaltet werden kann, damit die Kinder möglichst wenig darunter leiden.
      Schreiben die von dir genannten Pädagogen denn etwas darüber wie es möglichst gut hinzubekommen ist?

      LG
      Bianka

      Hi,
      nein, man muss also Scheidungskind nicht "geschädigt " sein.
      Meine Eltern sind beide Scheidungskinder und haben sich scheiden lassen als ich vier oder fünf war. Auf Grund einiger ungünstiger Umstände (unter anderem Wohnungsknappheit) sind wir, meine Mama und ich, sofort zu meinem Stiefvater gezogen und ich bekam umgehend meine Schwester(seine Tochter)vor die Nase. Drei Jahre später kam mein Bruder zur Welt. Mit meinem Stiefvater hatte und habe ich ein sehr merkwürdiges Verhältnis. Das zu erläutern würde aber ausufern. Meine Stiefschwester und ich hatten Höhen und Tiefen und haben heute sporadisch Kontakt. Das es meine Bruder gibt ist super und wir haben eine sehr innige Beziehung, trotz großer Entfernung. Nun hat meine Mama es nicht mehr bei meinem Stiefvater ausgehalten. Aich das zu erklären wäre zu lang. Ob ich bei meinem leiblichen Vater besser dran gewesen wäre? Sicher nicht, wir haben bos heute Kontakt, bis ich16war war ich jedes zweite Wochenende dort.
      Nein man ist nicht geschädigt oder hat es schwerer. Was hat man als Kind davon wenn die Eltern nur streiten? Da in unseren Familien fast alle geschieden sind, hoffen wir diesen Kreis nun endlich zu durchbrechen. Denn immer alles doppelt zu feiern nervt.
      Aber beziehungsunfähig oder geschädigt fühle ich mich nicht.

      Hallo,

      Meine Eltern trennten sich als ich 10 war.

      Es war keine schöne Trennungen. Mein Vater war ein Alkoholiker und schlug meine Mutter. Mein Vater zog aus, als wir nicht daheim waren, Als wir nach Hause kam, war die Wohnung leer.

      Danach hat uns mein Vater noch ein paar mal abgeholt und das war es dann.

      Meine Mutter musste damals Vollzeit arbeiten, anders hätte sie uns nicht ernähren können. Es gab dann noch meine Oma und viele Bekannte meiner Mutter.ein paar Jahre später lernte sie ihren neuen Mann kennen. Er ist übrigens ein ganz toller Stiefvater und hat mir schon mehr geholfen als mein wirklicher Vater damals.

      Ich habe keinen Schaden davon getragen, würde ich sagen.
      Ich war zwar lange zeit sehr eifersüchtig (mein Vater war auch noch ein notorischer Fremdgeher), aber das ist weg.

      Ich bin glücklich verheiratet und wir haben zwei Kinder.

      Lg

      ich bin ein scheidungskind und war zu dem zeitpunkt 5 jahre alt und ein papakind. ich wurde gezwungen bei meiner mutter zu leben. gearbeitet hat sie nicht.

      mein vater hat mich regelmässig jeden sonntag abgeholt, meine eltern haben nicht böse übereinander gesprochen. sie haben im rahmen ihrer möglichkeiten versucht, das beste für mich rauszuholen.

      es war trotzdem beschissen.

      (ich muss aber dazu sagen, dass meine mutter zwar kein schlechter mensch, aber als mutter eine niete ist)

      ABER: wenn ein partner z.b. aggressiv ist und/oder gewalt und/oder sucht im spiel ist, dann ist eine scheidung für ein kind wesentlich gesünder als das fortführen der beziehung. ein klima, in dem jeden tag gestritten wird und/oder das kind sogar angst haben muss, schadet definitiv mehr.

      Hallo!

      Ich denke es ist nicht die Scheidung, sondern der Umgang der Eltern damit.
      Meine Eltern haben sich getrennt als ich ca 11 war, für mich war das völlig ok. Ich habe zu beiden guten Kontakt, sie verstehen sich auch gut. Laden sich Gegenseitig zum Geburtstag usw ein.
      Mein Vater hat damals unter der Trennung sehr gelitten, das war für mich schwer mitanzusehen.

      Meine Mutter hat sich von einer Affäre in die nächste gestürzt. Das hat mich wirklich mitgenommen, da sie ihre wirklich zahlrichen Bettbekanntschaften immer mit nach Hause gebracht hat.

      Allerdings war ich immer froh, dass ich die Streitereien zu Hause nicht mehr mitanhören musste.
      Du siehst also, mein Problem war nur das Verhalten meiner Eltern, dass man einem jungen Teenager so nicht zumuten sollte.

      LG

      Hallo,
      meine Eltern haben sich getrennt, als ich 3 war. Meine Mutter hatte eine Wochenbettdepression, die sie nie wieder loswurde (oder die sich weiter entwickelte....) Sie lebt seit nun 32Jahren in Wohnheimen, zwischendurch auch immer wieder in psychatrischen Stationen. Nachdem sie erst das Sorgerecht bekam (damals, DDR...), sich aber überhaupt nicht für mich interessierte (z.B: nicht zu verabredeten Treffen kam, ihre Tür nicht öffnete usw.) wurde es schließlich doch meinem Vater zugesprochen. Ich habe seither keinen Kontakt zu ihr, ab und zu hat sie mal geschrieben. Sie wollte mich wohl auch sehen, bekam dann als Auflage nur unter Aufsicht - so wichtig war es ihr dann doch nicht.

      Ich bin bei meinem Vater aufgewachsen, meine Großeltern lebten auch im Haus. Es ging mir gut, ich hatte eine schöne Kindheit. Eventuell bin ich etwas burschikos geraten - mit Make up, Taschen, Schuhen, langen Nägeln.... kann ich so gar nichts anfangen. Später hat mein Vater eine neue Frau gefunden. Wir haben uns viele Jahre nicht so gut verstanden, sie war aber auch sehr jung und war dann plötzlich in dieser Mutterrolle. Heute ist unser Verhältnis ganz ok.

      Ich denke nicht, dass ich dadurch Schaden genommen habe. Aber vor allem bin ich mir sicher, ich hätte eine weniger schöne Kindheit gehabt und einen Knacks bekommen, wenn sie zusammen geblieben wären. Und das erlebe ich auch heute häufiger: Da soll den Kindern nicht der Vater oder die Mutter genommen werden... aber dann wachsen sie zwischen Eltern auf, die sich nicht lieben, manchmal noch nicht mal mögen und nicht respektvoll miteinander umgehen können. Das ist doch nicht besser... Lieber ein Ende mit Schrecken...
      Es passt halt manchmal nicht.

      Erstrebenswert ist doch dann eher, das man sich weiter gemeinsam um die Kinder kümmert und sachlich miteinander reden kann. Manchmal geht auch das nicht. Aber auch die Kinder haben nicht autmatisch einen Knacks....

      ... Mein Mann hat als Kind erleben müssen, dass sich seine Eltern WOCHENLANG anschwiegen, sich geringschätzten und den andern schlecht hinstellten. Es wäre wohl besser gewesen, sie hätten sich getrennt. In Kriesensituationen kann er auch heute plötzlich nichts mehr hören. Passierte aber seit er Erwachsen ist nur noch 2x. (Ja, ja, wir kennen uns schon lange..) Als Kind fand er das normal...

      Ich habe eine Scheidung mit 5 durchgemacht. .eine Mutter hat mir beim Kinderpsychiater gesagt, dass ich die Wolfs-Figur bei der Kleinen-Mädchen-Figur ins Bett stecken soll. Wusste zwar nicht warum, habs aber gemacht. Sie hat dann im Laufe der Jahre ein Monster-Bild von ihm in uns gepflanzt. Als ich ihn heimlich suchte, erwartete ich einen Wolf zu finden. Er war ein gemütlicher, übergewichtiger Familienvater... Der aber offen zugab, an der Scheidung seine Schuld mitzutragen. Aber dass er wegen meiner Wolfsgeschichte die Reputation, den Job und die Freunde verloren hat. Und das Sorgerecht. Damals machte man das so... Ich kann mich an die Wolfsgeschichte erinnern - obwohl ich kaum Erinnerungen habe. Es wurde mir SEHR eindringlich mitgeteilt, dass ich den Wolf ins Kinderbetr zu legen habe. Ich glaube auch von der Psychiaterin. Aber da ich mich nicht mehr genau erinnere wer alles dort war, kann ichs nur annehmen...
      Dann mit 10 die nächte Scheidung vom Adoptivvater. Hat 5 Jahre gedauert. Bis ich 15 war. Mit vielen psychologisch begleitetem Irrsinn...

      Hat mich viel gelehrt: ich wusste alles über strategische Alianzen, Zweckfreundschaften, psychologische Manipulation, Selbstmarketing und Neutralität aus der Position des Schwächeren bevor ich das in der Managerausbildung lernte...

      Ich brauchte Jahre um bei neuen Freundschaften nicht vom ersten Moment an vorauszusetzen, dass man sich eh bald aus den Augen verlieren wird.

      Wie wäre ich ohne die Scheidungen? Weniger Selbstbewusst, weniger misstrauisch? Weniger versessen, selbständig zu sein?

      Ich weiss es nicht. Heute mag ich mich. Ich war ein streckenweise sehr unglückliches Kind, ein in mir verlorener Teenager, der nur im Pferdestall lachen konnte - hatte aber immer Freunde... ich zog aus, sobald ich 18 war. Ich sehe meine zwei Haupt- und die danach folgenden Väter sporadisch. Meine Mutter öfters. Wir machen viel zusammen. Ich habe sie wieder gern. Aber ich würde ihr niemals vertrauen.

      Deine Frage kann man nicht beantworten. Es gibt Fälle wo eine Scheidung gut ist. Oft geht aber vergessen, dass es nachher nicht zwingend besser ist. Der angenommene Störfaktor ist dann zwar ausser Haus - aber ich fands mit fünf nicht so prikelnd, mir mein Mittagessen selber machen zu müssen, weil die Mutter erst mal eine Ausbildung machen musste. Das hat keiner so kommen sehen - für ihre Familie war damals eine Scheidung ein so grosser skandal, dass sie ihr null geholfen haben. Die ersten Jahre, bis sie wieder verheiratet war. Danach war es für einige Jahre die schönstmögliche Kindheit. Und ab zehn wieder fürchterlich.

      Heute muss man mit 5 nicht mehr alleine Mittagessen. Der Staat hat Einrichtungen für alle Lebenslagen. Aber der Loyalitätskonflickt.... Ich bin mit 18, als ich auszog, noch fast 5 cm gewachsen. Physisch. Ich war plötzlich frei. Meine letzten zwei Milchzähne fielen aus und wuchsen problemlos nach. Ich bekam die Periode... Dabei hätte ich den Druck daheim nicht mal als so arg bezeichnet. Kinder gewöhnen sich echt an alles. Aber heute weine ich manchmal beim gedanken an das kleine Kind, dass alleine vorm Kühlschrank steht, die Haare nass vom Schnee, die Socken klamm und rutschig, die Hose nass und ein kaltes Joghurt isst. Daneben meine "grosse" Schwester, die versucht die Situation schön zu reden. Dann knuddle ich meine Kids ab und sie finden mich doof und bekommen so auf ihre Art ein Kindheitstrauma. Es ist halt wie es ist... und ein Heim oder so hätte alles schlimmer gemacht. Es war halt einfach eine Kindheit. Ich wusste, was anders war als bei anderen Familien, wünschte es mir aber nicht anders.

      Meine Schwester und ich sind heute beides gut ausgebildete Frauen im Berufsleben, sie im sozial-schulischen, ich in der Werbung, liebende Mütter und Ehefrauen in erster, über zehnjähriger Ehe. Engagiert in der jeweiligen Gemeinde, hilfsbereit, belastbar, etwas zu stolz, anschaulich, wir hinterfragen oft das Glück statt es zu geniessen, brauchen viel Sicherheit - also rundweg normal. Wir glucken nicht aufeinander aber so jede Woche müssen wir uns schon sehen. Ihre Kinder sind mir neben den meinen das Wichtigste. Also alles normal.

      Ich finde, die Frage ist so falsch gestellt.

      Die Frage müsste wenn dann heissen warum und unter welchen Umständen die Scheidung stattfand. Denn: eine Scheidung/Trennung hat ja einen Grund.

      Würde es mir besser gehen, wenn ich in einer intakten Familie aufgewachsen wäre? Nun, das kann ich nicht beantworten, weil ich dann andere Eltern gehabt hätte. Die Eltern, die mich gezeugt haben, konnten zusammen nicht intakt funktionieren. Unmöglich. Dh. entweder ich wäre das Kind einer anderen Mutter/Vater oder ich wäre unglücklich aufgewachsen, weil meine zwei offensichtlich nicht funktionalen Elternteile mir zwar ein äusserlich intaktes aber kein gesundes Familienleben hätten bieten können. So müsste man in den meisten Fällen mit zu vielen unbekannten Variablen kalkulieren, um eine Verlässliche was-wäre-wenn-Aussage treffen zu können.

      "Intakte Familien" beruhen einfach nur auf der Grundlage, dass Mutter und Vater besser zusammenpassen und miteinander harmonieren. Natürlich sind das bessere Voraussetzungen für Kinder, gesund grosszuwerden. Das liegt einfach in der Logik der Sache.

      Des Weiteren vertrete ich fest die Ansicht, dass das Leben einen zu dem macht was man am Ende ist. Also könnte ich für mich nie die besser/schlechter Aussage treffen. Ich bin zufrieden mit mir und dem Ort wo ich heute stehe, vielleicht ist genau DAS aber gerade wegen meiner Kindheit als Scheidungskind so gekommen und nicht trotz? Vielleicht hätte es mich eher kaputt gemacht, wenn meine offensichtlich inkompatiblen Eltern zum Schein die intakte Familie geblieben wären? Ich habe keine Ahnung.

      Durch den Alkoholismus unserer Mutter und die Scheidung unserer Eltern sind meine Schwester und ich (beide über 40) geschädigt, keine Frage.

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