Erziehung oder Verformung

    • (1) 21.02.17 - 09:30

      Hallo und guten Morgen,
      ich schreibe hier,einfach weil mehr los ist als im Forum Erziehung. Ich hoffe das ist ok.
      Ich denke das Thema beschäftigt jeden. Mal mehr und mal weniger :-)

      Was haltet ihr von dem Beitrag?

      http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/71143/das-spricht-gegen-erziehung/

      Ich bin mir da immer nicht so ganz schlüssig. Ich bin definitiv der Meinung das jedes Kund ein Individuum ist und nicht geändert werden sollte. Aber ganz ohne Erziehung geht doch auch nicht!!? Und lt. dem Beitrag ist Erziehung eine Art Verformung... stimmt ja schon auch irgendwie. Aber ich denke so essentielle Dinge die dem Anstand entsprechen müssen doch erzogen werden, oder? Vorgelebt und doch auch erzogen.

      Bin gespannt auf eure Meinungen

      • Heutzutage wird die Individualität und Selbstbestimmtheit von Kindern viel zu sehr in den Vordergrund gestellt. Da wird nur noch "bedürfnisorientiert" gehandelt, was für mich mit Erziehung nicht mehr viel zu tun hat...

        Natürlich muss das Wesen eines Kindes geachtet und geschützt werden. Jedes Kind darf und soll sich individuell entwickeln und soll sein Selbst entdecken und ausleben können.

        Trotzdem muss einem Kind beigebracht werden, wie es sich in unserer Gesellschaft zu verhalten hat. Das ist dann der Teil der Erziehung. Ich bin der Meinung, dass Erziehung nicht das Wesen eines Kindes "verformt". Weil das Kind lernt, dass man andere nicht beißt, wird es ja nicht in seinem Wesen beeinträchtigt, weil es nicht beißen darf.

        Ich erlebe in meinem Umfeld allzu sehr, wie sich fehlende Erziehung auswirkt und habe den Verdacht, dass nur immer neue Begrifflichkeiten erfunden werden, um mangelnde Erziehung zu rechtfertigen.

      Wenn Du Dein Kind nicht verändern willst, dann darfst Du keinen Kontakt zu ihm haben.
      Leider wird es dann schnell sterben...

        • (7) 21.02.17 - 14:07

          ...der absolut richtig ist. Es gibt keine "Nichterziehung". Aktion - Reaktion.

          Schon alleine das Vorleben und das Umfeld prägt. Es ist alles Erziehung. Und es geht ja gar nicht ohne.

          Aber ich finde den Artikel sehr seltsam, z. B. das Zitat "Aus all den Jahren Beschäftigung mit der Wissenschaft der erzieherischen Gewalt kommen jetzt hier vier knallharte Gründe, ab sofort nicht mehr zu erziehen."

          Ich habe vielleicht ein sehr pflegeleichtes Kind, aber die "Gewalt", die ich anwenden "musste" in der bisherigen Erziehung, war doch sehr auf Ablenken, "Nein" Sagen, Risiken erklären, gut zureden und Konsequenzen erläutern beschränkt (je nach Alter). Ich glaube auch nicht, dass mein Sohn diese Aktivitäten als "Gewalt" empfunden hat. Ich empfinde Kritik zu äußern auch nicht als Gewaltausübung. Und auch ein mäßiges, anlassbezogenes "Schimpfen" ist meines Erachtens gut aushaltbar ohne psychische Schäden.

          Wenn ich "Gewalt" lese, habe ich ein schreiendes, tobendes Kind vor Augen, dass von einem Erwachsenen gegen seinen Willen unter den Arm geklemmt wird und vom Ort des Geschehens entfernt wird.

          LG

          Hanna

    Hallo,

    Heutzutage wachsen doch die meisten Kinder mit dem Gedanken auf, dass sie super toll sind und für jede Tat einen Orden verdient haben. Daraus resultiert dann, dass sie sich im Teenialter nichts mehr von Erwachsenen sagen lassen, überhaupt nicht kritikfähig sind, da sie ja gelernt haben, dass alles prima ist was sie machen. Erlebe ich bei uns auf der Arbeit leider viel zu häufig. Junge Menschen, die gerade erst angefangen haben, fühlen wie sich der Chef und führen sich auch so auf.

    Ich finde persönlich schon, dass ich meinem Kind natürlich zeige, dass es für mich immer die oder der wichtigste und tollste Mensch ist, aber eben nicht für die Welt da draußen. Da muss man sich nun mal erst beweisen.

    Und ein Kind, was gut erzogen ist, muss doch nicht gehorchen, wie ein Roboter. Ich würde das niemals erwarten. Erziehung heißt doch nicht nur, seinem Kind etwas zu verbieten, sondern auch zu erklären, was man macht, nicht macht und warum das so ist.

    Aber diese Verbindung aus, ich erzähle meinem Kind, dass es der tollste Mensch der Welt ist und machen kann was es will und mangelnder Erziehung, führt doch erst zu den respektlosen und selbstgerechten Jugendlichen, die es heutzutage viel zu oft gibt.

    Lg

    • Diese Beobachtung hielt ich lange Zeit Jänschke für Unsinn - bis ich verglichen habe. Vor acht Jahren in der ersten Krabbelgruppe hatten wir alle Spaß. Bei der Mittleren war die Gruppe sehr gespalten und bei der kleinen habe ich es irgendwann gelassen, als ein Kind meinem damals sieben Monate alten Baby mit voller Wucht eine Schüppe auf den Kopf schlug (es hat geblutet) und sich die Mutter folgendermaßen dazu äußerte: der Xy schlägt nicht. Das ist seine Art der Kontaktaufnahme.

      Xy war zu dem Zeitpunkt 2 1/2, also durchaus in der Lage zu verstehen was er tat. Und so waren alle der fünf kleinen Menschen dort. Da habe ich aufgegeben.

      Heute erlebe ich Kinder in der zweiten klasse, die sich selbst dafür feiern sich alleine anziehen und sich den Hintern abwischen können. Das finde ich sehr grenzwertig.

      • Hallo,

        Wir erziehen auch nicht im "klassischen" Sinne und leben auch recht Bedürfnisorientiert. Aber dein Beispiel geht natürlich gar nicht. Ein Kind braucht klare Grenzen und diese sind deutlich erreicht, wenn einem anderen Menschen Schaden zugezogen wird. Mütter wie diese in deinem Beispiel sind leider immer wieder der Grund dafür, dass "unerzogen" oder Bedürfnisorientierte Lebensweisen so ins lächerliche gezogen werden. Dabei hat das Verhalten dieser Mutter rein gar nichts damit zu tun.

        LG
        D

    "Irgendwann kam es in Mode Kinder für jeden Scheiß zu loben ... das Ergebnis ist dass sich 20-jährige für die Geilsten halten weil sie kacken können ..."

Hi,

wenn ich von meinem Kind verlange, sich beim Husten den Arm vor den Mund zu halten, vor dem herein kommen die Schuhe abzuputzen, seine Wünsche in einem angemessenen Ton zu äußern, Danke zu sagen, seine Sachen aufzuräumen, sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen, seine Freunde nach dem Spielbesuch zu verabschieden, und noch tausend Beispiele mehr, finde ich das Wort "Verformung" nicht angemessen. "Formung" schon eher. Genau das ist doch Erziehung: Wir formen unsere Kinder - hoffentlich zu verträglichen Zeitgenossen.

Viele Grüße
Angel08

PS: Wo das nicht erziehen hinführt, zeigte ja bereits die antiautoritäre Erziehung - war ja auch nicht das Gelbe vom Ei.

Ich habe eine sehr Alternative Freundin. Diese hat ihre Kinder immer bedürfnisorientiert (nach attachement Parenting) erzogen. Die Kinder kennen bis heute keinen geregelten Ablauf, da sie essen und schlafen ihren Bedürfnissen nach selbst bestimmen durften. Wollten sie abends nicht mitessen, so stand sie nachts um eins auf, um Salamibrote zu schmieren. Die Kinder waren, als sie dann wieder Vollzeit arbeiten ging, nicht in der Lage sich den gängigsten Regeln im Kindergarten anzupassen. Das ist heute in der Schule nicht anders. Ich ganz ganz persönlich empfinde diese beiden als sehr Ich bezogen und irgendwie fast schon arrogant. Sie halten sich für den Nabel der Welt und es wird auch nach wie vor ein Tanz um's goldene Kalb veranstaltet.

Es wird auf der einen Seite erlaubt, was ihr Bedürfnis ist und auf der anderen Seite erleben sie nun andere Kinder, die, ich sage es mal vorsichtig, das System kennen in dem wir leben. Mir persönlich hat diese Form nur vermittelt eine neue Art von antiautoritär zu sein. Was später daraus wird - keine Ahnung.

Vorleben ist das eine - aber ich finde man kann einem Kind immer erklären, warum manche Regeln unumgänglich sind, und warum gemeinsame Mahlzeiten wichtig sind und so weiter. Erziehung ist wichtig. Selbstständigkeit ebenso. Bei manchem frage ich mich wirklich was daraus später mal wird und mir graut es davor, dass manche Dinge sich durch neue Generationen vererben ;-)

  • Da hat die Freundin aber einen wichtigen Part vergessen: eigene Grenzen zu setzen. Das war ist ein wirklich wichtiger Teil beim attachment parenting, weil nur dann auch begriffen werden kann, dass die eigene Freiheit da aufhört, wo die Grenzen anderer übertreten werden.

    Beispiel Schlafen: mein Kind weiß selbst am besten wann es müde ist und schläft auch dann. Ab 20 Uhr ist hier aber trotzdem Abendruhe, es wird also nicht mehr bespasst, rumgerannt oder Essen gemacht, denn wir Erwachsenen wollen auch Feierabend.

    Das sind doch die Eltern selbst schuld. Bei Bedürfnisorientiert bzw AP geht es ja nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder, sondern aller Familienmitglieder.

    Bei uns ist zB auch um 20 Uhr Abendruhe, ebenso stehe ich nicht mitten in der Nacht auf, um Brote zu schmieren. Kinder brauchen immer klare Grenzen und regeln, und diese sollten gesetzt werden, bevor ich als Elternteil an meine eigenen Grenzen komme.

Top Diskussionen anzeigen