Mein Vater der einsame Wolf. Viel Text...

    • (1) 05.03.17 - 08:26

      Hallo,

      das ist mein erster Beitrag. Ich bin im Moment aufgewühlt, traurig und sauer.
      Bis jetzt war ich stille Leserin und habe einige Probleme allein durch das Lesen hier im Forum lösen können.
      Doch mein folgendes Problem habe ich bis jetzt bei keinem gesehen. Aber vielleicht hat einer von euch einen ähnlichen Vater und mir würde vielleicht schon das helfen.

      Wir sind seit 24 Jahren in Deutschland. Mein Vater war bei der Einreise 32 Jahre alt. Er konnte die deutsche Sprache, trotz vieler Versuche, nicht erlernen. Meine Mutter ist Aussiedlerdeutsche, sie konnte also Deutsch von klein auf. Trotzdem haben meine Eltern ihren Freundeskreis. Sie verbringen kaum ein Wochenende Zuhause. Machen Tagesausflüge, gehen ins Kino oder verbringen die Zeit mit Ihren Enkeln. Hört sich harmonisch an...

      Jedoch hat die Sache einen Schatten. Mein Vater ist fest davon überzeugt, dass er der einsame Wolf ist und alle, wirklich alle gegen Ihn sind. Vorallem seine Familie! Für mich ist es unmöglich mit ihm mehr als 10 Minuten zu verbringen ohne das ein Streit entsteht.

      Ein Beispiel: ich hole 2 große Taschen aus dem Auto und er nimmt sie mir ab (Frau soll nicht schwer tragen). Dann hol ich meine jüngere Tochter raus und er will sie auch nehmen.
      Ich sage "Papa, Taschen und Kind schaffst Du nicht die Treppe hoch zu tragen, die Kleine zappelt wild"
      Er "gib Sie mir!"
      Ich "nein, nicht mit den Taschen zusammen!"
      Er "gib her!" und streckt die Hand nach ihr. Ich drehe mich weg.
      Er stampft wütend die Treppe hoch, schmeißt die Taschen hin, setzt sich aufs Sofa, macht den Fernseher laut an und meckert "Ihr geht mir alle gehörig auf die Nerven! Wieso muss mir jeder ständig widersprechen? "

      Auf einer Feier wollen wir einen langen Tisch verschieben. Er setzt sich ans Kopfende mit einer Tasse Tee. Zwei Leute sagen ihm, wir wollten gerade den Tisch wegschieben. Er meint, er will jetzt Tee trinken. Gegenvorschlag, setz dich doch an den anderen Tisch. Nein, ich möchte jetzt hier sitzen! Die ganze Gesellschaft wartet und wartet. Irgendwann sagt wieder jemand, wir wollen den Tisch verschieben, hilf doch einfach mit und trink danach weiter. Er wird wieder wütend, es kann doch nicht sein, dass Jeder was dagegen hat, dass er seinen Tee trinkt! Und er wird wirklich wütend. Schreit rum,  hat weit aufgerissene Augen.

      Über solche Themen wie Politik rede ich gar nicht erst mit ihm, aber er versucht es trotzdem immer wieder. Und kaum sind wir bei dem Thema, fängt er an immer lauter zu werden. Die Diskussion hört meistens auf, weil entweder ich oder er aus dem Zimmer gehen.

      Er sagt auch gerne solche Sachen, wie: Meine Tochter steht nicht zu mir. Früher hatte ich eine bessere Tochter. Usw. Ich sage dann, nein, das stimmt nicht. Er macht trotzdem weiter. Provoziert. Stichelt. Bis ich sauer werde und ihm die gleichen Sachen sage. Daraufhin meint er, ach komm, sei doch nicht sauer. Ich liebe dich doch.

      Ich spreche hier nur von mir. Mein Bruder hat die gleichen Probleme mit Ihm. Meine Mutter auch. Und viele andere Menschen.

      Gestern ist die Sache wiedermal eskaliert. Es wurde Alkohol getrunken (Geburtstag  von meiner Oma). Dann fing er an die Musik laut aufzudrehen und zu singen. Meine Mutter ermahnte ihn immer wieder er soll leiser machen, Kinder und Großeltern schlafen. Meine Tante ermahnte ihn. Irgendwann mein Bruder. Da tickt er aus, mein Bruder hätte ihm nichts zu sagen. Er ist der Vater und der Sohn soll gefälligst ruhig sein. Zu meiner Mutter meinte er, sie wäre der größte Feind. Und zu meiner Tante, wenn er bei ihr im Haus nicht willkommen ist, fährt er jetzt heim. ALLEINE! Wir haben sofort Autoschlüssel versteckt, dann ist er wütend weggegangen. Wir saßen und warteten auf ihn. Er kam wieder und legte sich einfach schlafen.

      Und mein Problem ist... ich befürchte im Alter wird es nicht besser! Und wie soll ich es schaffen, dass zwischen uns keine Art "Hassliebe" entsteht? Dabei war ich ein absolutes Papakind. Ich hatte eine tolle Kindheit. Mein Vater hat mich zu einer starken und selbstbewussten Person gemacht (Meine Mutter natürlich auch). Wir haben einen starken Familienzusammenhalt. Aber ich habe jetzt schon keine Lust auf ein Familientreffen zu fahren, diese ständigen Diskussionen, dieses ständige Drama. Gleichzeitig will ich aber auch nicht auf meine Lieben verzichten, nur weil mein Vater wiedermal den einsamen Wolf spielt.

      Wahrscheinlich kann mir sowieso keiner helfen, aber es tut tatsächlich gut alles nieder zu schreiben.
      Vielen Dank fürs Lesen, falls es Jemand bis hierhin geschafft hat...

      • (2) 05.03.17 - 08:37

        Hallo,

        dein Vater liest sich als wäre er 3 Jahre alt (und bockig!). Das ist bei echten 3 jährigen schon anstrengend aber da sieht man Licht am Ende vom Tunnel.
        War er schon immer so? Wenn nicht sollte er vom Arzt durchgecheckt werden, es könnte die Krankheit dahinter stecken.
        Aber wie du ihn zum Arzt bekommen sollst ist mir schleierhaft.

        Möchtest du eine Tasse Baldriantee? #tasse

        Gruß Sol

        • (3) 05.03.17 - 10:00

          Hallo sol19,

          danke für deine Antwort.

          Er hatte schon immer mal solche Momente. Jedoch nicht so oft und extrem. Das alles ist tatsächlich schlimmer geworden seit der Ukraine Krise. Irgendwie hat es sein heiles Weltbild zerstört, sagt mir mein Gefühl.

          Der Vergleich mit einem 3-jährigen ist zutreffend. Es hat natürlich seine charmante Seite so kindlich zu sein. Er ist ja auch witzig und hat gute Einfälle um Menschen zu unterhalten. Meine ganzen Freundinnen lieben meinen Vater und scharen sich um ihn, wenn es zu einem Treffen kommt.

          Deswegen kann ich kaum mit jemandem darüber sprechen. Irgendwie möchte ich bei Aussenstehenden den positiven Eindruck durch das Negative nicht zerstören. Wozu auch.

          Zum Arzt wird niemals klappen. Ich denke er neigt zu Depressionen und bräuchte jemanden zum Reden. Seine schwierige Kindheit verarbeiten. Aber das sind utopische Gedanken. Er ist ja völlig in Ordnung. Die anderen sind das Problem.

          Dankeschön für den Tee. :-)

          • Hallo,

            Ich kenne auch solche launische Menschen. Aber wenn du das auf die Ukrainekrise beziehst und das sein Heimatland ist, dann hat er wohl einen inneren Sicherheitsverlust, depressive Verstimmungen und möchte sich stark geben.

            Rede doch mal unter vier Augen und bestärken ihn darin, das er hier seinen sicheren Platz hat. Du sagst ja selber, das er hier nie richtig angekommen ist.
            LG

            • Hallo Liebeskind2,

              Vielen Dank für deine Antwort.

              Ja, er ist halb Ukrainer und halb Russe. Deswegen nimmt ihn das alles so mit. Aber er kann doch gar nichts an der Situation ändern!

              wie könnte ich mit ihm noch sprechen?

              Wenn ich anfange mit: Du gehörst doch zu uns oder Du bist nicht alleine, wir sind doch alle für dich da! Ist seine Antwort: lass diese Gefühlsduselei. Oder du bist zu jung, du verstehst das nicht. Oder er lächelt herablassend und sagt: ach komm...

              Ich sage auch, dass die Medien nicht die richtige Situation darstellen und ich mir sehr sicher bin, dass der große Teil der Menschen diesen Krieg nicht möchten. Er winkt nur ab.

              Mir fehlen irgendwie die Ideen. Hast Du Vorschläge?

              Mir fällt gerade auch ein, das meine Oma, seine Mutter, auch andauernd diesen Satz "ich bin alleine" sagte....Aber Sie hatte wirklich einen Grund dazu...

              Jetzt ist er gerade aufgewacht und checkt die Lage, indem er jeden auf Belanglosigkeiten anspricht....

              • Hm, klar mimt er den Starken. Ihr könnt aber weder etwas dafür, das es in der Ukraine so ist noch das dein Vater sich zerrissen fühlt.
                Ihr könnt ihn nur immer wieder zeigen, das er trotz seiner Launenhaftigkeit gern habt und bis zu einem gewissen Grad Verständnis habt. Wird es aber zu persönlich, wie mit dem Besuch bei deiner Tante darf man ihn schon Mal in einem sachlichen Ton zurecht weißen.

                Er braucht auch eine gewisse Führung, weil seine Gefühlwelt durcheinander ist.

      (7) 05.03.17 - 12:02

      Hallo,

      schwierig - einen wirklich Rat weiß ich leider auch nicht.

      Kannst du versuchen in einer ruhigen Minute mal das GEspräch mit ihm zu suchen, ihm einfach klarzumachen, was bei solchen Aktionen IN DIR passiert. Du scheinst ja trotz allem eine enge Verbindung zu ihm zu haben. Wenn du ihm mal erklärst, daß dir dabei innerlich das Herz blutet, vielleicht bringt das was.

      An der politischen Situation in seinem Heimatland wird er nichts ändern können. Dass es ihn dennoch irgendwie belastet, kann ich ein Stück weit verstehen.

      LG

      Da rein, da raus. Akzeptiere ihn so wie er ist und nimm das nicht so ernst.
      Anders wirst Du damit nicht umgehen können.

      (9) 05.03.17 - 18:29

      Vielen Dank für die Antworten.

      Da rein, da raus ist eine Taktik, die ich natürlich immer wieder versuche...doch bis jetzt war ich leider noch nicht erfolgreich damit. :-(

      Bei solchen Situationen wie mit der Musik, da bin ich hilflos. Wie soll sowas geregelt werden? Es ist eigentlich nicht möglich ohne Streit :-(

      Aber eventuell ist es wirklich ein Ansatz, wenn er versucht mir über Politik etwas zu erzählen, höre ich ihm einfach zu und sage gar nicht meine Meinung.

      Wenn er mich provoziert mit Sticheleien, sag ich einfach nichts oder lenke vom Thema ab.

      Ich muss auf jeden Fall mein Verhalten ändern um nicht immer wieder mit ihm zu streiten....
      Ich sollte ihn wirklich als traumatisiert betrachten....

      Ich möchte Dir nicht zu nahe treten, aber kann das sein, dass Dein Vater zuviel trinkt? Ich kenne mehrere russlanddeutsche Familien recht gut und auch zwei alte Herren, die sich ähnlich aufführen. Einer auf der Hochzeit seiner Tochter so schlimm, dass ihn drei Männer dann packten und heimbrachten. Die weinende Braut tat mir so leid. Und ja, dieser Vater jammerte dann auch auf russisch, dass er sie doch so liebe und nicht hergeben wolle und keiner ihn verstehe in Deutschland usw. Er hat auch kaum deutsch gelernt. Er will auch der Patriarch sein und keiner nimmt ihn aber noch recht für voll; es wird immer schlimmer, er ist Ende 70. Wenn er sich wieder so aufführt, können am ehesten Männer der Familie was ausrichten. Wäre das für euch auch vielleicht eine Option, dass mal die Männer der Familie mit ihm reden, dass er sich lächerlich macht? Denn DAS will er ja am wenigsten. Die sollten ihm auch sagen, dass er so den Respekt und die Zuneigung seiner Familie aufs Spiel setzt. Den Versuch wäre es wert. LG Moni

      • Hallo Fruehchenomi,

        Danke für deine Antwort.

        Du trittst mir nicht zu nahe und durch meinen Text kann durchaus so ein Gedanke entstehen.

        Aber nein, so ist er nicht. Er trinkt nicht viel. Auf meiner Hochzeit hat er gar nicht getrunken. Und auch so wird nur in Gesellschaft und zu bestimmten Anlässen getrunken. Er weiß auch wo seine Grenze ist und hört je nach Laune entsprechend auf....

        Er ist auch kein Patriarch. Er macht den Haushalt mit. Kocht. Geht Einkaufen. Also in der Partnerschaft meiner Eltern herrscht Gleichberechtigung.

        Die Männer reden natürlich auch mit Ihm in solchen Situationen.

        Ich habe heute den ganzen Tag gegrübelt und ich denke es ist wirklich so, dass sein Weltbild aus den Fugen geraten ist. Und er einfach nicht weiß wie er das verarbeiten soll....

        • Dann wäre vielleicht mal ein Gespräch mit seinem Hausarzt nötig. Ihr habt doch sicher einen russisch sprechenden? Vielleicht weiß er auch einen russisch sprechenden Therapeuten, denn Dein Vater verrennt sich da in Ansichten, die womöglich wirklich immer schlimmer werden können. Bei uns sind russisch sprechende Ärzte wie Therapeuten aller Art sehr verbreitet, ihr könntet da auch Glück haben. Natürlich müsste er erstmal einsehen, dass er Hilfe braucht.
          Sich aufzuführen wie ein kleines Kind ist doch nicht "männlich" - das müsste man ihm schon so vermitteln.
          LG Moni

    Sprache. Die fehlenden Sprachkenntnisse machen Deinen Vater zum einsamen Wolf und legen ihn auf eine Art russischsprachige Insel mitten in D fest. Wie kann es sein, dass er in 24 Jahren nicht Deutsch lernen konnte? Wollte er nicht wirklich hier leben und ist nur Deiner Mutter zuliebe mitgekommen? Und wie sieht sein Leben aus? Arbeitet er, wenn ja: Seiner Qualifikation entsprechend? Beruflich ausgebremst durch fehlende Sprache?

    Ich kenne einige Aussiedlerfamilien aus Kasachstan. Die Eltern sprechen Deutsch mit Akzent, sie arbeiten in qualifizierten Berufen (Kranken- und Altenpflege, LehrerInnen, Ärztin, Apotheker) und legen größten Wert auf die Bildung und Erziehung ihrer Kinder. Ich weiß natürlich, dass man nicht verallgemeinern darf, aber diese Familien haben mein Bild von "den Aussiedlern" und "den Russen in D (es sind russischstämmige Ehepartner der Aussiedler darunter)" geprägt: Leistungsorientiert, stolz auf Erreichtes, Scham wenn auch nur übergangsweise Sozialleistungen bezogen werden müssen.

    Kann es sein, dass Dein Vater das Gefühl hat, nicht mehr das Oberhaupt der Familie zu sein, weniger Erfolg zu haben als die eigenen Kinder? Muss er sich durchs Blockieren des Tisches, die laute Musik etc. profilieren? Dass er so unter der politischen Krise zwischen Ukraine und Russland leidet, tut mir sehr leid. Hat er in der Ukraine noch Familie?

    LG, basta.pasta

    • Hallo basta.pasta,

      Danke für deine Antwort.

      Ja so ist meine Familie. :-) wie Du es beschrieben hast. Meine Eltern arbeiten beide und schon immer. Und Kinder sollen lernen, lernen, lernen.

      Warum er Deutsch immer noch nicht gut kann? Manche Menschen können es einfach nicht lernen. Sie sind nicht sprachbegabt. Egal wie sehr sie sich bemühen. Das ist so wie mit Mathematik. Der eine kann es, der andere nicht. Und Er hat wirklich viel versucht. Er versteht viel, kann aber schlecht antworten.

      Nein, dieses "Oberhaupt der Familie" oder "Mann ist der Herr" Denken hat er nicht. Aber dass die Kinder Respekt zeigen sollen, schon. Er ist auch stolz auf uns und sagt das auch immer.

      Seine / unsere Familie ist dort schon vor Jahren weggezogen....

      Vielleicht hat er zusätzlich ne midlife crisis....

      • Manchmal habe ich den Verdacht, dass mein Vorurteil zur Leistungsorientiertheit "der Aussiedler/der Russen in D" die reine Wahrheit ist ????.

        Wie schön, dass Dein Vater Euch sagt, wie stolz er auf Euch ist!

        basta.pasta

Top Diskussionen anzeigen