Kann man Empathie lernen?

    • (1) 21.02.18 - 17:53

      Hallo,

      ich mache mir zur Zeit immer wieder Gedanken wegen meinem 12-jährigen.
      Irgendwie ist er sehr auf sich und seine Vorteile bedacht. Meistens zumindest.

      Wenn ich zurück denke, war das schon im Kindergartenalter so. Jetzt geht er in die 6. Klasse und eckt auch in der Schule (bei den Mitschülern) häufiger an. Er hat schon ein gutes Allgemeinwissen für sein Alter, lässt dies aber auch auf eine überhebliche und arrogante Art raushängen. Zumindest wirkt es so. Ob er es wirklich so meint, weiß ich nicht. Will ich ihm nicht mal unbedingt unterstellen.
      Die Klassenlehrerin bestätigt das ebenfalls, indem sie erzählt, er wisse häufig alles besser, sei Vielen in der Klasse kognitiv überlegen, würde jedoch auf so eine herablassende Art sein Wissen vorbringen, dass sich das andere Kind - welches jetzt vielleicht keine so gute Antwort wusste - blöd vorkommt. „Dabei könnte er so eine Bereicherung für die Klasse sein“.
      Dadurch hat er inzwischen - verständlicherweise - nur noch wenige Freunde und macht sich in der Klasse nicht gerade beliebt. (Er ist aber zum Glück kein totaler Außenseiter).

      Zuhause ist es ähnlich. Es geht meistens nur um ihn. Auf die Idee freiwillig etwas für andere zu tun kommt er äußerst selten, was sicher derzeit auch mit der Pubertät geschuldet ist.
      Geht es aber um seine Bedürfnisse und Belange, möchte er bitte unbedingt gesehen und wichtig genommen werden.

      Wenn ich mit ihm abends manche Situationen reflektiere und ihm erkläre, warum sich der oder diejenige damit jetzt vielleicht schlecht fühlen könnte (z.B. in der Schule) versteht er das, würde aber nicht von selber darauf kommen. Denn erstmal hat doch er „nichts gemacht“.

      Mein Mann und ich sind auf jeden Fall empathische Menschen, vor allem mich würde ich als sehr empathisch bezeichnen (eher zu viel als zu wenig) und leben dies auch so vor. Unser kleiner Sohn ist da viel mehr so wie wir.

      Mir ist bewusst, dass Menschen verschieden sind (auch Kinder von den gleichen Eltern) und auch Empathie unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Dennoch mache ich mir Sorgen und hoffe, er entwickelt sich nicht zu einem total egoistischen Erwachsenen (Narzissten).

      Was denkt ihr, kann man Empathie lernen? Kann sich das alles noch geben?
      Und habt ihr evtl. Tipps, wie man es in eine positive Richtung lenken könnte?

      Danke und viele Grüße!

      • Hallo,

        Autist (Asperger) ist er nicht, oder?

        • Hallo,
          nein, da hat noch nie jemand davon gesprochen und das kann ich mir nicht vorstellen.

          • Ok, du kennst dein Kind natürlich besser als wir. Ich hätte es ja auf die Pubertät geschoben, wenn du nicht geschrieben hättest, dass er schon als Kleinkind so war.

            Das finde ich seltsam, zumal du ja schreibst, dass ihr Eltern es vorlebt. Sozialverhalten kann man lernen, bzw. aneignen oder abgucken, aber Empathie kann man, meiner Meinung nach nicht erlernen.

            Ich bin mir nur nicht sicher, ob du Egoismus meinst? Eigene Vorteile durchsetzen ist ja was anderes als Empathielosigkeit.

            Tun ihm Menschen leid, die Leid ertragen müssen? Hat er als Kind andere getröstet, wenn sie sich wehgetan haben? Weißt du was ich meine?

            • Ich glaube, du hast Recht, ich meine schon auch Egoismus. Eigentlich ist es beides, die Übergänge sind da ja teilweise fließend.

              Er hat Mitleid mit anderen, wenn die sich verletzen. Das hatte er auch schon als kleineres Kind.
              Er will seine Oma (meine Mutter) liebevoll umsorgen, die zur Zeit starke Rückenbeschwerden hat.
              Er spürt schon auch manchmal, wenn es jemandem nicht gut geht.

              Andererseits kann er sich aber nicht (oder erst nach Erklärung oder selten mal von allein) in die Person einfühlen, die er evtl. gerade verbal angegriffen hat, und die entsprechende Reaktion verstehen.

              Er wertet manchmal andere ab, und sich dadurch auf. Muss damit prahlen, was der andere schlecht macht und er viel toller kann. Seine Überlegenheit nutzt er gern aus.

              Er ist wahnsinnig hilfsbereit, wo es ihm Spaß macht und wo er gesehen wird. Z.B. beim Verein, Kuchenverkauf, verschiedenen Aktionen wie Zeltaufbau usw. und er dann Lob erntet. Nicht aber zu Hause z.B.
              Da könnte ich ihm 5 x sagen, dass ich Hilfe benötige und er würde nörgeln und hätte keine Lust...

              Ich könnte noch so viel erzählen, aber das sind mal einige Beispiele. Ich weiß nicht, was davon „normal“ ist (vor allem auch in der Pubertät). Ich seh einfach seinen jüngeren Bruder, der ein ganz anderes Sozialverhalten hat, viel rücksichtsvoller ist, Konflikte eher meidet (während der Große sie manchmal herausfordert), viel empathischer ist, mehr helfen will usw.

        Das war mein erster Gedanke...

    • An der Schule ist ein sehr guter Sozialarbeiter, mit dem ich auch schon darüber gesprochen habe. Er vermutet ein Selbstwertproblem.

      • Ja, vielleicht definiert er seinen Selbstwert über (Besser-) Wissen...

        Echte Empathiefähigkeit kann man nicht lernen. Helfen, Verständnis für bestimmte Situationen zu haben, geht denke ich aber schon.
        Kann ja auch sein, dass er momentan einfach anderes im Kopf hat, aber grundsätzlich schon empathiefähig ist. Vielleicht zeigt es sich bei ihm erst später.
        Er scheint ja sonst keine Probleme zu haben mit Aggression oä

        • Danke für deine Antwort.

          Nein, sonst hat er keine Probleme und ist auch nicht auffällig oder so.

          Der Sozialarbeiter hat empfohlen, ich soll die Situationen, die schwierig waren, mit ihm in Ruhe durchsprechen. Und ihm spiegeln, wie das Verhalten bei den anderen ankommt.
          Er meint, dass er selber wohl denkt, dass er nur durch sein protziges Verhalten und Auftreten ankommt. Woher das allerdings kommen sollte, weiß ich nicht.

          Teilweise zeigt er durchaus Empathie, aber eben erst in „krasseren“ Situationen.
          Z.B. als sein kleiner Bruder mal im Krankenhaus war, war er sehr besorgt um ihn.

          • Ach so, wenn es jemandem in der Familie nicht gut geht, bin ich auch besorgt und mache mir Gedanken. Bei der Familie ist das was anderes.

            (12) 22.02.18 - 11:47

            “Der Sozialarbeiter hat empfohlen, ich soll die Situationen, die schwierig waren, mit ihm in Ruhe durchsprechen. Und ihm spiegeln, wie das Verhalten bei den anderen ankommt.
            Er meint, dass er selber wohl denkt, dass er nur durch sein protziges Verhalten und Auftreten ankommt. Woher das allerdings kommen sollte, weiß ich nicht.“

            Das “Spiegeln “ funktioniert nur, wenn das Kind grundsätzlich imstande ist, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen.
            Natürlich ist dein Sohn theoretisch einsichtig und versteht das Prinzip über seinen hervorragenden Verstand sofort.
            Aber
            er FÜHLT es nicht, er kann das Besprochene nicht mit eigenen Erfahrungen abgleichen.

            Er braucht Kontakt zu ähnlich “denkschnellen“ Kindern, damit er die Chance erhält, das, was er nur theoretisch nachvollziehen kann,
            auch zu fühlen..

Hallo,

ich bin mir ziemlich sicher, dass man Empathie nicht lernen kann. Sonst hätte ich es getan! Ich muss leider zugeben, dass ich auch sehr wenig empathisch bin und mich so gut wie gar nicht in die Gefühlslage Fremder hineinversetzen kann, bzw. eigentlich interessieren mich die Gefühle anderer wenig (bis gar nicht). Auch wenn es sich hart anhört und mir auch sehr leid tut, aber ich kann ja nichts dafür. Genau so wie jemand anderes nichts dafür kann wenn er halt sehr empathisch ist...
Ich bin ein sehr rational denkender und handelnder Mensch und mir geht es meist nur um die Sache und nicht um die Befindlichkeiten einzelner Personen die dahinter stehen.
Mittlerweile habe ich gelernt damit besser umzugehen und das zu sagen und so zu handeln wie es erwartet wird. Nicht weil ich es so fühle sondern weil ich den Leuten nicht ständig auf den Schlips treten möchte.
Ich denke, dein Sohn wird das mit der Zeit auch lernen und ich muss sagen, ich komme gut klar.
Zu der Besserwisserei: hat dein Sohn denn Recht mit dem was er sagt oder ist er ein "Schwätzer" und Aufreißer? Ich habe (leider) auch schon seit der Schule die Dinge schneller und einfacher begriffen als andere, war meistens Klassenbeste ohne dafür viel zu tun (manchmal hab ich meine Schultasche nicht gefunden und bin dann ohne hin und musste mir dann da von den anderen Stifte und Papier borgen). Sowas kommt natürlich nicht bei allen gut an, vor allem wenn andere sich richtig rein hängen müssen und das Ergebnis schwächer ausfällt...

Ich glaube, wenn dein Sohn keine nachgewiesene Krankheit hat, wirst du nicht viel tun können. Jeder Mensch ist anders und wenn er den Eindruck macht glücklich zu sein, solltest du auch nicht versuchen ihn zu ändern. Das würde meiner Meinung nach bei ihm den Eindruck erwecken, dass etwas mit ihm nicht stimmt und ihr ihn nicht akzeptiert wie er ist.

Alles Gute für euch

  • Danke für deine Antwort und deinen Erfahrungsbericht.
    Ich glaube, ich verstehe, wie es dir damit geht. Ich bin komplett anders (muss eher aufpassen, dass ich nicht mit anderen zu sehr mitleide z.B.) und finde es deshalb oft so schwer zu akzeptieren, dass mein Sohn scheinbar deutlich weniger Empathie hat.
    Aber wenn du sagst, man lernt damit umzugehen und kann gut damit leben, ist das ja schon mal was.
    Er weiß wirklich viel und ist nicht nur ein „Schwätzer“, also er hat schon (fast immer) Recht, mit dem was er sagt. Er interessiert sich auch für alles Mögliche und lernt schnell und leicht. Vielleicht sind manche anderen Kinder in der Klasse darauf auch neidisch, ich weiß es nicht.

    LG

    (16) 22.02.18 - 15:22

    Für meinen hochintelligenten Sohn sind die Gefühle anderer auch grundsätzlich erstmal irrelevant.
    Er ist sachbezogen und wenn ein Mitschüler in einem Gruppenprojekt nichts Sinnvolles beizutragen hat, sagt er das auch. Er weiß theoretisch, dass eine überhebliche Zurechtweisung unhöflich, unsozial und unsympathisch ist. In der konkreten Situation reagiert er aber reflexartig nur auf der Sachebene. Und wenn eine Sache faktisch falsch ist, kann er emotional nicht nachvollziehen, warum man das nicht unverblümt äußern darf.
    Seine Prioritäten liegen nicht bei den Gefühlen anderer, sondern bei den Inhalten.
    Er möchte andere nicht bloßstellen und versucht auch das zu vermeiden, was mal besser mal schlechter gelingt.

    Wirklich hilfreich ist es für ihn, wenn er mit anderen begabten Kindern zusammenarbeitet und am eigenen Leib erfährt, wie man sich fühlt, wenn man auf Fehler hingewiesen wird.
    Diese Erfahrung kann er dann im Miteinander abrufen und so lernt er, sich zurückzuhalten, da er sich daran erinnert, wie der andere sich fühlen könnte.

    Umso mehr solcher Erfahrungen er macht, umso sozial verträglicher wird er.:-)

    Bei ihm liegt eine sehr leichte Asperger -Ausprägung vor, aber ohne jeden Krankheitswert.

    Du hast ja auch irgendwann gelernt, auf die Gefühle deiner Mitmenschen adäquat zu reagieren, was aber vermutlich recht mühselig war.

    Der Abgleich mit eigenen Erfahrungen geht halt schneller.
    Dafür müssen diese dem Kind aber ausreichend zur Verfügung stehen, was für ein überdurchschnittlich begabtes Kind in einer normalen Klasse nicht immer gegeben ist.

    Man lernt innerhalb seiner eigenen Peergroup am leichtesten, auch Empathie.

    Mein Sohn ist nun (durch Klassensprung) seit einem halben Jahr in der gleichen Klasse mit einem ähnlich begabten Jungen. Das hat meinen Sohn sozial mehr reifen lassen, als die 11 Jahre zuvor.

Der Sohn einer Freundin ist ähnlich. Er ist 8 Jahre alt, hat Freunde, aber eher wenige. Er sagt manchmal Dinge zu anderen, die beleidigend sind, merkt das aber nicht (z.b. "du siehst aus wie ein Fischkopf"). Er ist auch oft besserwisserisch oder findet es lustig andere zu ärgern.

Ich kann dir nur sagen, dass es auch da sicher nicht an der Erziehung liegt. Seine Mutter ist sehr herzlich und einfühlsam.

Reflektiere einfach weiter mit ihm und spiegle ihm sein Verhalten. Mehr könnt ihr nicht machen. Wenn du sein Selbstwertgefühl als Problem ansiehst, könnt ihr da ansetzen.

Was der Sozialarbeiter bezüglich geringem Selbstwertgefühl gesagt hat finde ich interessant und da würde ich am deiner Stelle ansetzen. Oder hast du eher das Gefühl dass das nicht zutrifft, er also sehr selbstbewusst ist? Das wird aber oft falsch gedeutet - ich war z. B früher recht schüchtern und viele hielten meine Zurückhaltung und Unsicherheit erst einmal für Arroganz.

Wenn das tatsächlich nur Gehabe ist um seine Unsicherheit zu überspielen, dann würde ich ihn in seiner Persönlichkeit stärken. Nach außen sieht er vielleicht stark aus in seinem Auftreten, aber es kommt ja nicht gut an und dass wird er auch merken. Das nagt dann sicher am Selbstbewusstsein und daraus kann sich Narzissmus manifestieren. Andere bloßstellen, erniedrigen um sich selbst besser zu fühlen...

Ich bin da Laie, aber kann mir vorstellen dass es kontraproduktiv ist wenn ihr auch noch in die Kerbe schlagt und ihm abends vorhaltet er hätte sich nicht toll verhalten. Seine Reaktion er hat nichts gemacht, was in gewisser Weise auch stimmt, zeigt das doch deutlich. Was ihm fehlt ist sicher Akzeptanz seitens seiner Mitschüler, aber im ersten Schritt dass er sich selbst ok findet - wenn dass des Pudels Kern ist.

Ich finde ja, dass viele heute gängige Erziehungsmethoden ein Verhalten, wie du es beschreibst, begünstigen.

Es ist von klein auf sehr viel auf Wettbewerb ausgelegt, den Kindern wird gezeigt, wie toll es ist, im Vergleich zu anderen besser zu sein. "Du bist jetzt schon groß, da kannst du doch schon ..., da musst du doch nicht mehr ..." höre ich Erwachsene sagen. "Du bist zu klein, du darfst da nicht mitmachen" höre ich Kinder sagen.

Im Kindergarten wird gut schlafenden Kindern ein Gummibärchen gegeben oder ein Smilie aufgestempelt. Das schlecht schlafende Kind hat diesen natürlich nicht verdient. Der Fokus liegt kein bisschen darauf, gemeinsam etwas zu erreichen und vielleicht mal als Stärkerer die Schwächen eines anderen auszugleichen, sondern es geht darum, sich selbst gut zu fühlen, da man gegenüber dem Schwächeren eine bessere Position hat.

Wenn ich mit anderen Müttern unterwegs bin, werden deren Kinder durch Wettbewerb motiviert, "am schnellsten an der nächsten Laterne" zu sein. Wenn ein Kind traurig ist, dass es nicht die gelbe Schaufel hat oder auf der Schiffsschaukel schaukeln darf, dann ist sie rote Schaufel oder die Rutsche doch "viel besser" als das, was das andere Kind gerade hat. Nicht etwa "auch schön", sondern viel besser. Ich höre dann direkt das Kind in einem halben Jahr dem anderen Kind klarmachen, dass seine Action-Figur ja "viel besser" sei als die langweilige Puppe des anderen Kindes.

Hilfsbereitschaft (und viele andere erwünschte Eigenschaften) wird versucht, den Kindern durch Lob beizubringen. Dabei wäre es viel zielführender, einfach seinen Dank auszudrücken und die eigenen Gefühle zu benennen. Anstatt also den Kindern zu zeigen, dass Helfen an sich ein gutes Gefühl bereitet (denn es ist ein Bedürfnis, sich in seiner Gemeinschaft sinnvoll einzubringen) wird der Fokus darauf gelegt, den Kindern im Austausch für gutes Verhalten etwas zu geben (und sei es nur ein Lob). Den Kindern wird also regelrecht abtrainiert, um der Sache selbst willen zu helfen, indem man ihnen antrainiert, nach der Belohnung für Hilfe Ausschau zu halten. Das hat ja bei deinem Sohn scheinbar echt gut funktioniert.

Jetzt kenne ich ja deine Erziehung nicht, will dir gar nicht unterstellen, dass du deinen Sohn so gemacht hättest. Vielleicht hat der Kindergarten da viel zu beigetragen. Vielleicht liege ich auch komplett falsch und es ist einfach sein Naturell. Das muss ja definitiv eine Rolle spielen, wenn euer kleiner Sohn da so viel anders geraten ist. Aber vielleicht ermuntert dich mein Beitrag, ein wenig an den kleinen Stellschrauben deiner Kommunikation mit deinem Sohn zu arbeiten.

Ich würde damit anfangen, mein Kind (bzw. beide Kinder) nicht mehr zu loben, sondern authentisch meine Gefühle zu spiegeln. Also wenn er etwas für eure Familie tut ihm zeigen, welchen Mehrwert das jetzt für dich hat und wie du dich darüber freust. Seine Gefühle aus dem Fokus nehmen und eure hineintun.

Zusätzlich kannst du vielleicht für eure Abendgespräche einen etwas positiveren Blickwinkel einnehmen. Jemand schrieb ja zu recht, dass es blöd sei, wenn er schon ein Selbstwertproblem hätte und du ihm nun noch abends aufzeigst, was er alles falsch gemacht hätte.

Ich kenne das bereits von meiner kleinen Tochter, dass sie gar nicht mehr zuhören möchte, wenn man ihr etwas sagt, da alle dazu neigen, sich nur dann einzumischen, wenn sie sie korrigieren wollen. Und sei es noch so 'liebevoll'. Sie spielt eine halbe Stunde unbehelligt mit ihren Figuren vor sich hin und wenn sie dann anfängt, ein Holz gegen den Tisch zu klopfen, sagt plötzlich jemand etwas. Ich bin also gerade dabei, zu versuchen, ihr mehr positive Rückmeldung zu geben. Das Wissen, dass Kinder vor allem Gutes tun wollen, auch anzuwenden und meiner Tochter auch mehr Gutes zu unterstellen. Bevor sie die Katze am Schwanz zieht schon zu sehen, dass sie die Katze liebevoll gestreichelt hat. Und dann aber nicht zu loben, sondern die Gefühle der Katze zu spiegeln ("Das gefällt der Katze. Schau, jetzt hebt sie den Schwanz, da mag sie gerade besonders gerne gestreichelt werden"). Wenn sie etwas tut, das für mich nicht akzeptabel ist, das eigentlich Sinnvolle in ihrer Handlung zu sehen und Tipps geben, wie man das umlenken kann. ("Oh, du hast gerade Gewürze in der Küche verteilt, du möchtest wohl etwas kochen? Wir müssen das jetzt wieder aufräumen, aber möchtest du danach mit mir einen Kuchen backen oder im Sandkasten Kochen spielen?").

Das könntest du bei deinem Sohn machen, indem du ihm unterstellst, dass er den anderen vermutlich helfen wollte, indem er sein Wissen mit ihnen geteilt hat. Vielleicht kannst du darüber, dass er sich selbst seiner positiven Grundmotive klar wird, erreichen, dass er diese auch etwas effizienter verfolgt.

  • (21) 22.02.18 - 07:21

    Wow....das ist wirklich ein guter mal anderer Ansatz. Danke für deinen Beitrag😊Lg Thommy04 mit Fussel an der Hand

    Toller Beitrag, danke!

    Ich habe kürzlich angefangen, mich mit Alfie Kohn zu beschäftigen und wir versuchen ebenfalls auf Lob und wertende Floskeln zu verzichten. Meine Kinder sind noch sehr klein (1 und 3) und bin ich sehr gespannt, wie sich das auf ihre Entwicklung auswirkt wenn sie mal älter sind.

    Der Grosse ist gerade durch die Kita in so einer "ich bin der schnellste/ich bin größer als du/ich bin als erster fertig" usw Phase. Ich versuche dem positiv entgegenzuwirken, aber es ist nicht leicht, da er sich natürlich mehr an seinen Freunden als an uns orientiert.

(23) 22.02.18 - 07:49

Gegenfrage: warum ist es so wichtig empathisch zu sein bzw.warum findest du das erstrebenswert für deinen Sohn, dass er das lernt?

  • Weil er in seinen Sozialkontakten immer wieder Schwierigkeiten hat.

    Sicher bietet es auch Vorteile, so zu sein, wie er ist. Er macht sich um Vieles viel weniger einen Kopf als ich, er macht sich viel weniger daraus, was andere Leute denken und er kann deutlich besser Nein sagen 😉
    Wo ich mir noch überlege, ob ich nun vielleicht jemanden vor den Kopf gestoßen habe, verschwendet er längst keinen Gedanken mehr daran.

    Dennoch finde ich, er sollte „etwas“ mitfühlender und rücksichtsvoller werden.
    Das würde ihm und seinen Mitmenschen Vieles erleichtern.

    • Beispiel:

      Er hatte vor kurzem eine sehr gute Mathearbeit geschrieben. Er war Klassenbester.
      Sein Freund hat Schwierigkeiten in Mathe und seine Arbeit ist sehr schlecht ausgefallen. Der Freund leidet darunter, hatte auch schon Nachhilfe.

      Der Freund war nachmittags bei uns zu Besuch und es spielte sich folgender Dialog ab (ich nenne meinen Sohn hier mal A und den Freund B):

      A: Soll ich vielleicht mal mit dir Mathe lernen?
      B: Warum meinst du?
      A: Naja, schau mal deine Note an... das sagt doch alles...

      Daraufhin kam ein kurzer Blick vom Freund, er musste sich erstmal sammeln, schaute betreten auf den Boden und lenkte dann irgendwie ab...

      Sein Grundgedanke war ja eigentlich super, er wollte helfen. Nur bringt er das dann auf so eine blöde, überhebliche Art zum Ausdruck, dass er dadurch alles wieder kaputt macht. Und er merkt das selber nicht. Oder es ist ihm egal? Ich weiß es nicht.
      Es ist nicht so, dass er sich nicht anders ausdrücken könnte. Im Gegenteil. Er hat einen großen Wortschatz und ist sehr sprachgewandt. Das war schon früh so.

      Der Sozialarbeiter der Schule sagt, er steht sich oft selber im Weg. Er kann gut verbal austeilen, aber nicht einstecken.
      Und er provoziert gern die anderen durch seine spitzen Bemerkungen, die meist sehr treffend sind und einfach sitzen.
      Er kann nichts auf sich beruhen lassen, sondern muss immer diskutieren.
      Und das sei so schade, denn eigentlich sei er so ein toller, netter intelligenter Kerl.

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