Allergien/Intoleranzen ein Phänomen der heutigen Zeit?

    • (1) 28.04.18 - 13:54

      Hallo zusammen!

      Der Sohn meiner Freundin hat eine Fruktose- und auch Laktoseintoleranz.
      Mein Mann sagte dazu, Unsinn, so etwas gab es früher gar nicht.
      Ich habe da länger drüber nachgedacht und muss sagen, ich kannte auch kein Kind, dass so etwas hatte.
      Nicht, dass ich alle Kinder kannte, aber ich kannte viele und das war nie ein Thema. Auch Allergien und ADS - gab es nicht.
      Wie kann das denn angehen?

      LG
      bruchetta

      Da gibt es viele Meinungen und Theorien dazu...

      Ich finde zum einen sehr plausibel, dass Kinder heute nun mal anders aufwachsen, viel "behüteter" in Bezug auf Keime u.a. und auch unsere Ernährung hat sich ja stark geändert (Fertigprodukte, Anbau und Menge der einzelnen Lebensmittel, usw.)... Es gibt da sicher viele Faktoren, die eine Rolle dabei spielen, dass so viele Kinder und Erwachsene! Allergien oder Unverträglichkeiten entwickeln...

      Zum anderen würde ich deinem Mann auch Recht geben: Früher gab es bestimmte Diagnosen einfach nicht. Allerdings nicht, weil es die "Krankheit" nicht gab, sondern weil diese einfach noch keinen Namen hatte. Dann war das ADS-Kind eben ein Träumer oder das Kind mit ADHS ein Zappelphilipp... Heute braucht man für alles, was aus dem Rahmen fällt, eine Diagnose...

    • Ich glaube vieles gab es schon, es wurde zum Teil nur nicht so diagnostiziert wie heute. Gutes Beispiel ist mein Cousin, heute Anfang 40. Er hatte als junge oft Bauchweh nach dem Essen und oft Durchfall. Seine Eltern fanden das nicht weiter schlimm. Das Bauchweh wurde auf keine Lust auf Schule geschoben. Als junger Mann war er beim Arzt, Diagnose Laktoseintoleranz. Seit er darauf verzichtet hat er weder Bauchweh noch Durchfall mehr. Aber seine ganze Kindheit war geprägt davon.

      Ja, wir leben in einer Zeit wo man Schubladen liebt. Von Hochbegabt bis Hochsenisbel, Intoleranz hier, Allergie dort. Aber vieles, gerade an Krankheiten wurde früher vielleicht einfach oft übergangen weil die Eltern die Kinder nicht wegen jedem pups zum Arzt geschleppt haben.

      Also meiner Meinung nach ist es eine Mischung. Ich kenne auch einige Leute, die sich selbst als Laktoseintolerant oder so diagnostiziert haben, ohne jemals beim Arzt gewesen zu sein. So was nehme ich nicht weiter ernst, nicke schön und denke mir meinem Teil. Aber ich kenne auch wirklich viele Leute, die oft Probleme hatten und es lange dauerte, bis sie es auf Milch zurückführen konnten. Das ist ja inzwischen wissenschaftlich auch ganz gut untersucht warum Kuhmilch für viele Menschen nicht ideal ist. Früher war es wegen des Kalziums ebne Nonplusultra.

      • " Ich kenne auch einige Leute, die sich selbst als Laktoseintolerant oder so diagnostiziert haben, ohne jemals beim Arzt gewesen zu sein"

        Dafür braucht man keinen Arzt. Es reicht, ein Glas Milch zu trinken und abzuwarten, was passiert...

    Ich wurde Ende der 80er eingeschult. Ich weiß noch, dass ich irgendwann angefangen habe Allergien zu erfinden weil gefühlt jede Freundin eine hatte nur ich nicht. Ich weiß auch noch ganz genau, wie unser Klassenclown in der 6. Klasse "drauf war", er war total intelligent aber unglaublich chaotisch. Ich mochte ihn aber leider musste er das Gymnasium verlassen. Ich bin mir sicher, dass ihm eine der Modediagnosen sehr geholfen hätte.
    Ich kann also überhaupt nicht bestätigen dass es sowas früher nicht gab.

    Ich kenne einige in meiner Verwandtschaft, die schon als Kinder Allergien hatten. Heute sind sie teilweise über 70 Jahre alt.

    Die Torturen, die sie deswegen erleben mussten, waren furchtbar. Von Spott wegen Hautausschlägen bis hin zu essen müssen, was sie nicht vetragen haben. Bauchschmerzen etc. Manchen fiel es auch nicht auf, weil sie vor Hunger Bauchschmerzen hatten. Es kam dann erst später heraus, als wieder genug zu essen da war.
    Bei Cousins und Cousinen gab es das Problem, dass sie bei Festen trotzdem "gefüttert" wurden. "Probier doch mal." "Das kannst du doch." "Stell dich nicht so an." Für meine Tanten echt kein Spaß, wenn sie deswegen wieder in die Notaufnahme mussten mit den Kindern oder wenn sie übel beschimpft wurden. Ein Kind, das keine Nüsse mag? Undenkbar.

    Ich selbst habe ADHS seit meiner Geburt. Ich würde darauf wetten, dass es sehr viele aus einem Verwandtschaftszweig auch haben. Ebenso meine Großeltern.
    Es hatte nur keinen Namen. Na ja doch, sie wurden mit Hans guck in die Luft und Zappelphilipp verspottet.

    Ich selbst hätte darauf gewettet, dass ich früher getestet worden wäre, wenn es das "damals schon gegeben hätte". Tja, dann habe ich mich testen lassen und bin froh. Froh, weil ich endlich weiß, wie ich mir selbst helfen kann. Wie ich mich in der Welt besser zurecht finden kann.

    Als Kind ging es irgendwie. Heute würde ich kein Kind sein wollen ohne es zu wissen. #zitter Die Anforderungen haben sich verändert.


    Auch Diabetis und Krebs gab es früher schon. Es wurde oft nur später oder gar nicht erkennt. Darüber gesprochen schon gar nicht. :-(

    Es kann gut sein, dass manche Diagnosen zugenommen haben.
    1. weil man heute früher und feiner diagnostizieren kann.
    2. weil sich die Lebensumstände verändert haben, die manche Faktoren begünstigen.


    Auch war das Umfeld damals noch kleiner.
    Meine Welt spielte sich als Kind in den Regionen ab, wo wir Verwandte hatten. Zwar mehrere, aber diese kontinuierlich. Wenn ich denke, wie viele soziale Kontakte mein Kind schon hatte, käme ich mit dem Zählen nicht hinterher.
    Ein neues Kind in meiner Klasse war damals wow, außergewöhlich, bemerkenswert!
    Insgesamt waren es 3 in 12 Schuljahren.
    Bei meinem Kind ist ein Kommen und Gehen in den Schulklassen völlig normal. Wer die Schulzeit über an einer Grundschule bzw. einer weiterführenden Schule bis zum Abschluss bleibt, ist fast schon exotisch. Das gibt es noch, sind auch einige. Aber eben nicht mehr der große Teil. Ungefähr die Hälfte hat schon mal oder mehrmals die Schule gewechselt. Umzug oder vieles andere.

    • Der Versuch manchen Kindern ihren Unsinn auszuprügeln hat nich dazu geführt, dass es ihnen besser ging.
      Sie lernten nur es besser zu verstecken.

      Egal ob beim Essen (nicht essen und verschwinden lassen), Bauchschmarzen, Verhalten. Sie lernten zu schweigen und sich zu verstecken. Um Prügel zum umgehen, nicht um deswegen "normaler" zu sein.

      Den Spruch: früher hätte man das aus dir rausgeprügelt, habe ich als Kind oft gehört. :-(
      Außer dass ich es grausam find, nichts ändern konnte, hat es nur bewirkt, dass ich manche Menschen gemieden habe. Es gab zum Glück auch einige andere.
      Die, die mich so genommen haben wie ich bin UND die einen guten Augenarzt empfohlen haben, so dass ich wenigstens eine Brille bekam, mit der ich sehen konnte. :-)

      Das war keine Lösung. Nur ein (grausamer) Versuch damit umzugehen, dass man nicht damit umgehen konnte. Erschrocken war, weil man nicht wusste, was es ist oder wie man das "austreiben" konnte.
      Beim betroffenen Verwandtschaftszweig fiel ich hingegen nie auf. Zumindest nicht mit ADHS. Dafür mit dem Augenfehler, der im ADHS-freien Verwandtschaftszweig völlig normal war. Bunter Hund war ich also immer. Nur eben mal wegen des einen, mal wegen des anderen.

      Heute kennt man mich nur mit Brille und den Vorwurf an meine Mutter, wie sie mich mit so einem Ding im Gesicht verunstalten könnte, habe ich zum Glück schon ewig nicht mehr gehört.

(10) 28.04.18 - 14:46

Meine Großmutter ist daran gestorben, dass sie an Zöliakie litt und es damals nicht diagnostiert wurde. Sie hat von ganz vielen Nahrungsmitteln Verdauungsbeschwerden bekommen und niemand wusste, was es ist. Sie hat dann fast nichts mehr gegessen... Das war in den 50/60er Jahren auf dem Land. Sie ist 1970 mit Ende 50 gestorben, weil ihr Darm komplett kaputt war... Nur, weil man nicht wusste, was es war, heißt nicht, dass es das nciht gab.

Wenn jemand im Sommer viel geniest hat, dann war es halt so.

Ich bin in den 70ern aufgewachsen und war ein Draußenkind, wir hatten Haustiere etc.. Ich habe diverse Allergien bekommen im Laufe meines Lebens. Die ersten so mit 18, also in den 90ern.

Ich weiß nicht, ob es früher weniger Allergien gab, aber man sagt, dass der Körper deshalb vermehrt Allergien ausbildet, weil die Abwehrkräfte weniger zu tun haben (gibt viel weniger Infektionskrankheiten) und sie deshalb auch Stoffe attackieren, die eigentlich harmlos sind (z. B. Pollen :) ). Ich finde, das klingt recht plausibel.

ADHS und Co: Wir hatten auch immer Kinder in der Klasse, die hibbelig oder träumerisch waren. Diese Kinder kamen halt dann auf die Hauptschule, weil ihre Noten nicht passten. Auch LRS oder Dyskalkulie wurde in den wenigsten Fällen gestestet oder erkannt. Außerdem hat es sich früher m. E. Tatsächlich weniger stark geäußert, weil Kinder eine andere Freizeitgestaltung hatten (sie waren eigentlich immer draußen). Unter der Woche gab es ja nicht einmal ein anständiges Fernsehprogramm, nur am WE und in den Ferien. :-p Ich denke schon, dass die Zeit heute schneller-lebig ist als früher und sich deswegsn solche Einschränkungen stärker bemerkbar machen.

  • (11) 28.04.18 - 14:51

    Ach so: ich finde es gut, dass bestimmte Dinge heute einen Namen haben. Es geht ja nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken, im Gegenteil. Früher hat man einfach gesagt: der ist dumm. Heute weiß man, dass es bestimmte Ursachen gibt und kann da ansetzen und daran arbeiten, fördern, etc. So haben Menschen eine Chance, die sie früher gar nicht bekommen haben.
    Und Krankheiten kann man eben diagnostizieren und heilen bzw. Den Menschen das Leben erleichtern.

(13) 28.04.18 - 14:49

Hallo,

wann soll den dieses früher gewesen sein?

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Allergie
Allergische Erkrankungen sind wahrscheinlich älter als die Menschheit. Schon aus dem alten Ägypten und aus dem alten Rom sind Krankheitsbeschreibungen bekannt, die man heute als Allergie bezeichnen würde.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter
Die Beschreibungen des Zappelphilipps und zum Teil auch des Hanns Guck-in-die-Luft werden als volkstümliche Beschreibungen bzw. Symbole für Spielarten der Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS) herangezogen.[7] Dabei zeige der Zappelphilipp eine Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität („Zappeln“), weshalb diese psychische Störung im deutschsprachigen Raum zum Teil als Zappelphilipp-Syndrom bekannt geworden ist. Hanns-Guck-in-die-Luft hingegen wird zum Teil als verträumter Gegentyp gelesen, manchmal auch als Träumerle beschrieben, und vertrete demnach eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität,

Gruß Sol

Moin,

1. Die Forschung ist einfach weiter, man weiß über viele Dinge mehr.
2. Umweltgifte haben auf Intoleranzen und ADS einen Einfluss.

Es stimmt aber nicht, früher gab es auch schon Getreide und Milchunverträglichkeit, ich bin jetzt 40 und kenne es aus meiner Kindheit. Damals lebten die Leute aber damit, und die Eltern hielten ihre Kinder nicht für den Nabel der Welt und informierten alle dass bitte nur Maisbrot gereicht werden dürfe, sondern man behielt es eher für sich oder brachte ganz schüchtern ein eigenes Brötchen mit und sagte einfach "die verträgt nicht alles".

ADS gibt es auch schon ewig, ich kenne viele Erwachsene die heute sagen zurückblickend hatten sie wohl ADS, damals kannte man das halt nicht. Den Zappelphilipp hatte doch fast jeder in seiner Klasse?! Oder sie landeten halt in den Sonderschulen, da hat man das halt nicht mitbekommen.

Wie das angehen kann? Keine Ahnung, wir halten uns für die intelligenteste Spezies auf dieser Erde, könnten alles wissen, alles nachlesen, aber sobald die Gurke im Supersonderangebot weniger kostet als das Wasser das sie braucht schreien alle Geiz ist geil und "geh doch zu Netto" und denken dass die Politik Probleme wie Glyphosat lösen muss und weißen alle Schuld und leider auch alle Vernunft von sich. Dass die Umweltgifte uns kaputt machen ignorieren wir getrost und tun alles als Modeerscheinung bequemer Eltern ab, weil wir selber zu bequem sind mal über unser Konsumverhalten nachzudenken ... oder es gar zu ändern.

LG
WuschElke

Hi,

ich denke auch, das gewisse Sachen eben Mode sind, wie ich auch bei einigen Kollegen schon mitbekommen habe, die sich selbst diagnostizieren.

Beliebt hierbei ist Laktose/Fructoseintoleranz oder vertrage kein Gluten.

Seid diese Krankheiten bekannter wurden, leidet gefühlt die halbe Bevölkerung unter zumindestens einer "leichten" Form 😉.

Aber ich sehe es Mal positiv für die Menschen die wirklich darunter leiden.
Die bekommen nämlich inzwischen die benötigten Produkte in fast jedem Supermarkt und zu Preisen, bei dendn man sich nicht in Schulden stürzen muss 😊.
Das hat sich nämlich drastisch verbessert zu früher.
Und ist ja ein ganz netter Nebeneffekt.

ADHS usw. Wurde inzwischen eben akzeptierter und so gingen mehr Eltern zum Arzt. Früher wurden aber Zappelphilippe eben anders akzeptiert und sie kamen auch so durch die Schule. Vielleicht nur Hauptschule aber früher konnte man damit ja noch was anständiges lernen.

Heute werden Abweichungen von der Norm einfach sofort untersucht und müssen benannt werden. Keiner kann und will sich mehr damit rumschlagen.

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