An die erwachsenen Autisten

    • (1) 06.02.19 - 14:09
      01805

      Liebe Autisten,

      mich würde interessieren, wie ihr so lebt.. Ist eure Diagnose „offiziell“? Beim Arbeitgeber zum Beispiel?

      Was unterscheidet euch im Alltag von „normalen“ Menschen?

      Was bereitet euch Schwierigkeiten? Was fällt euch leicht?

      Seht ihr Autismus als Krankheit oder ist es für euch ein Wesenszug?

      Ich hoffe ganz stark, dass sich niemand angegriffen fühlt. Mich interessiert es einfach sehr. Bisher habe ich nur Erfahrungen mit Kindern - da scheint es ja „schlimm(er)“ zu sein. Ich würde also gerne wissen, wie es als Erwachsener ist. Ein kleiner Einblick in eurer Leben sozusagen.

      Herzlichen Dank schonmal

      • (2) 06.02.19 - 15:34

        Bei meinem Mann und mir ist es so, dass Familie und teilweise Freunde von der Diagnose wissen.
        Arbeitgeber und Arbeitskollegen nicht.

        Familienalltag ist bei uns der ganz normale Grossfamilienwahnsinn, einfach mit dem Unterschied, dass nun nur noch Autisten und meine demente Schwiegermutter zusammenleben, somit sehr entspannt alles.

        Ich gönne mir zuhause gerne meine autistischen Gewohnheiten/Abläufe, ansonsten interagiere ich völlig gesellschaftskonform.
        Bei meinem Mann verhält es sich ähnlich.

        Wir arbeiten beide in sozialen Berufen, beide mit sehr guten Zeugnissen/Qualifikationen, Empathie immer doppelt positiv bewertet ;-)

        Es liegt ja eigentlich im menschlichem Spektrum, die eigene Wahrnehmung als Massstab zu nehmen, genau den Aspekt finde ich bei Nicht-Autisten so enervierend und enttäuschend: der oft fehlende Perspektivenwechsel. Im Gegensatz zu Nicht-Autisten müssen sich Autisten den erst aneignen. Am Ende sind es aber genau die Nicht-Autisten, die in der Lebenspraxis souverän den Perspektivenwechsel nicht zum Einsatz bringen...
        Womit ich extrem Mühe habe, bis zu Angst davor: hinterfotziges Verhalten und Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gedachtem.
        Dies ist ein Grund warum ich meine Freizeit wenn möglich lieber mit Autisten verbringe.

        • (3) 06.02.19 - 16:03

          Vielen Dank für deine ausführliche Antwort.

          Ist es zu privat zu fragen, was genau du mit „Ich gönne mir zuhause gerne meine autistischen Gewohnheiten/Abläufe“ meinst? Was sind das für Gewohnheiten?

          • (4) 06.02.19 - 16:30

            Tja, was sind das so für Gewohnheiten: ich esse sehr gerne mit den Fingern, habe generell eigenwillige Essensvorlieben, ich mag absolut kein Wasser trinken, stürze mich aber zum Schwimmen in jedes Gewässer, bei jeder Witterung, ich liebe meine fixen Abläufe/Rituale, habe ich die freie Wahl, dann habe ich lieber einen Hund neben mir im Bett als einen Menschen (mein Mann bleibt da aber stur, er möchte wohl nicht im Hundekörbchen schlafen ;-)) ich mag keinen spontanen Besuch oder sonstige unvorhergesehenen Ereignisse, ich mag keine Geschenke, schon gar nicht wenn ich nicht weiss, was im Paket drin ist, ich lese bei jedem Buch den Schluss, bevor ich mich entscheide, das Buch zu lesen (saublöd, dass ich eigentlich Krimis liebe). Bei Serien lese ich zuerst den Episodenguide auf Serienjunkies.
            Also zusammengefasst: ich mag keine Überraschungen.
            Im Beruf, oder zusammen mit Nicht-Autisten, kann ich mich jedoch 100 Prozent regelkonform verhalten, null Problem. Ich muss mich dafür nicht einmal anstrengen oder so. Ich kann sehr bewusst switchen zwischen beiden Welten.

            • (5) 06.02.19 - 16:42

              Hast du deine Diagnose ärztlich prüfen/bestätigen lassen? Sorry, dass ich dich so frage. Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst.

              FG

              • Ja die Abklärung/Diagnose war kurz vor meiner Pubertät, die Jahre davor "durfte" ich jährlich zu neuen Tests und neuen Therapien, weil meine Mutter fand, mit mir sei was nicht richtig, mein Vater fand mich immer schon sehr normal, somit ist auch die genetische Disposition klar ;-) Wobei mir die Ergebnisse nie kommuniziert wurden, meine Eltern starben wenig später, und erst als Dachbodenfund vor ein paar Jahren entdeckte ich die Berichte, damals waren schon die meisten unserer Kinder abgeklärt/diagnostiziert.
                Mein Mann erhielt die Diagnose schon vor seinem 3. Geburtstag.

          • (8) 06.02.19 - 20:09

            Danke, dass du das so öffentlich mit uns teilst. Scheinbar bin ich ja nicht die einzige Interessierte hier. 😊

            Wobei ich sagen muss, dass ich keine der Gewohnheiten, die du aufgezählt hast, sonderbar finde. Ich dachte, es wären so extreme. Keine Ahnung wie. Aber das sind für mich tatsächlich einfach nur Vorlieben ohne Wertung. Gibt es denn so extreme bei dir? Und tust du dir schwer die Emotionen andere zu deuten oder erlernt man sowas?

            • (9) 06.02.19 - 22:22

              Ich bin ziemlich gesichtsblind, das heisst, für mich sehen sich Leute ähnlich, bei denen andere nur den Kopfschütteln können und keine Ähnlichkeit sehen. Ähnliche Frisur, ähnliche Brille/Augenbrauen was auch immer....Manchmal kann ich Menschen nicht einordnen, wenn ich sie in einem anderen Kontext sehe als sonst (zb. ehemalige Arbeitskollegen irgendwo in einem Supermarkt...)
              Ich bin ziemlich empathisch (ohne mich selbst loben zu wollen), wobei sich vieles über Kognition abspielt. Ich arbeite mit ganzer Seele in der Altenpflege, habe ein immenses Wissen über frühere Gewohnheiten/Ansichten usw. . Bei Menschen mit Demenz ist ihre Wahrnehmung für mich gleichwertig mit meiner Realität.
              Ich bin nicht so der Kuschler, der jeden anfassen muss, aber bei der Arbeit habe ich null Probleme mit Körperkontakt.
              Vorlieben ohne Wertung: sehr schön gesagt, für mich ist es sehr wichtig nicht zu werten, insbesondere keine Wertehierarchisierung vorzunehmen, nicht meinen Erfahrungshorizont als Massstab zu nehmen.
              Meine Tochter antwortete als kleines Mädchen mal so schön, als jemand zu ihr sagte, sie wäre nicht normal: Normal ist nur eine Frage der Perspektive..... ;-)
              Ich tue mich aber sehr schwer mit Falschheit, Hintenrum, das macht mir wahnsinnig Angst. Damit kann ich nicht umgehen.

              Ich würde sagen, ich bin in gewissen Aspekten anders, aber weder richtig noch falsch, weder besser noch schlechter, weder extremer als andere, noch sonst irgendwie abartig.

              Emotionen sind grundsätzlich kein Problem für mich, teils ist mein Zugang bestimmt kognitiv. Kommunikation ist bei mir sehr bewusst auf der Sachebene und nicht auf Appell-Ebene.

              Ironie und Sarkasmus, eine Leidenschaft, wie ich es von sehr vielen Autisten kenne.

      Hallo,
      darf ich fragen, was es für dich verändert hat eine Diagnose zu haben?
      Ich und teilweise mein Umfeld (vor allem mein Mann) glauben, dass ich autistisch bin. Schon als Kind war ich „anders“. An Geburtstagen erzählt meine Familie gerne von meinen „Macken“, meine Eltern sind daran aber damals verzweifelt.
      Heute komme ich im Alltag gut zurecht...wenn alles nach Plan läuft. Mit zwei kleinen Kids ist das natürlich nicht immer der Fall.
      Jetzt frage ich mich, was es mir bringt die Diagnose bestätigt zu bekommen. Könnte es mir helfen, nicht mehr „anders“ zu sein, sondern einen Namen dafür zu haben. Mein Sohn hat auch ein paar autistische Züge, wurde auch schon im SPZ untersucht (Termin beim Psychologen im SPZ steht noch aus). Ich bin 28.
      ich freue mich, wenn du vielleicht kurz berichtest, was es für dich verändert hat, die Diagnose zu bekommen. Vielen Dank :)

      • Bekommen habe ich die Diagnose so ca. mit 11 Jahren, nur gesagt hat keiner was. Eltern sind kurz danch gestorben, und ich war froh, dass ich nicht mehr dauernd zu Abklärungen und irgendwelchen Spieltherapien musste. Wobei ich mich zuletzt königlich amüsiert habe mit Testmanipulationen....zum Leidwesen meiner Eltern.
        Somit hatte ich in der Pubertät erst mal andere Sorgen, aber auch Freiheiten. Ich empfand mich immer als extrem normal, logisch, strukturiert, rechtschaffen, leider um mich herum sehr viele Spinner (meine Sicht). Mit etwa 18 habe ich erstmals ein Buch über Autismus gelesen, von einer Sonderschullehrerin. Damals waren diese "Erfahrungsberichts-Bücher" ja so in Mode. Ich dachte mir damals: wie kann man so arrogant und ungeschickt mit so einem Kind umgehen.
        Vor meinem 20. Geburtstag hatte ich zwei Töchter. Die ältere eine echte Herausforderung. Für mich. Alle anderen fanden sie soooo toll. Die zweite so einfach im Umgang, für mich. Alle anderen fanden sie soooooo schwierig, keiner war bereit sie zu betreuen.
        Später Scheidung, meinen Mann kennengelernt. Irgendwann erfuhr ich, dass mein Mann die Diagnose "frühkindlicher Autist" hat. Mir gefiel an ihm seine Sachlichkeit, seine Gelassenheit, seine nichtwertende Art. Wir lernten uns bei der Arbeit kennen, in der Pflege, beide hatten und haben wir diesselbe Pflegeethik. Sehr schnell das erste gemeinsame Kind. Ich fand das Kind unglaublich "anders", eine extreme Herausforderung. Mein Mann war tiefenentspannt, wenn das Baby halt nachts um drei nicht anders zu beruhigen war, dann ging er mit ihm zum Spielplatz im Dorf und schaukelte zwei Stunden lang.... Bei diesem Kind war nach wenigen Wochen offensichtlich, das kann nur Autismus sein.
        Drei gemeinsame weitere Kinder folgten, eins ums andere erhielt eine Autismusdiagnose, schlussendlich auch meine Zweitgeborene. Meine Familie sagte schon lange, ich sei auch "so". Ich persönlich stritt das ab. BIs zum Umzug, der Dachbodenfund, meine alten Abklärungsberichte in Ordnern...
        Was hat sich geändert? Nichts. Meine Familie lachte sich scheckig. Ich fühle mich immer noch genau so normal, logisch, strukturiert, die Welt ist immer noch voller Spinner ;-)

        • (12) 08.02.19 - 22:15

          "Ich fühle mich immer noch genau so normal, logisch, strukturiert, die Welt ist immer noch voller Spinner ;-)"

          Warst du schon als Jugendliche so gelassen?

          Mittlerweile stört es mich nicht mehr, weil ich einfach weiß, dass mich andere oft komisch finden, aber als Kind und Jugendliche, selbst noch im Studium hat mich das schon irgendwie belastet. Mir wurde oft gesagt, ich sei komisch, bei mir wäre eben alles anders und ich dachte immer: "Häh? Warum findet ihr das Normale so komisch? Was ist mit euch los?" Damit eckt man ja schon an und ich habe mich ganz oft außen vor, so unverstanden gefühlt.

          Mich würde außerdem noch interessieren, wann dir aufgefallen ist, dass du "gesichtsblind" bist? Also wann war dir das selbst bewusst?

    Womit ich extrem Mühe habe, bis zu Angst davor: hinterfotziges Verhalten und Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gedachtem.
    Mal so als Neurotypische: Damit komme ich auch so gar nicht klar. Ganz schlimm finde ich auch eine Diskrepanz zwischen dem was gesagt und wird und wie es gesagt wird, wenn jemand total fiese Sachen sagt, dabei aber immer ganz lieb säuselt, da krieg ich die Krise.

(14) 06.02.19 - 17:39

Hallöchen,

ich gehe sehr offen mit meiner Diagnose um. Für mich ist es kein Makel und wenn ich von Anfang an anspreche, dass ich vielleicht mal "komisch" reagieren könnte entstresst es soziale Situationen für mich enorm.

Auch beruflich spiele ich auf Grund von sehr schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit mit offenen Karten. Das hat mir mit Sicherheit schon viele Jobchancen versaut, aber lieber bin ich arbeitslos als in einer Arbeitsumgebung, die mich fertig macht für Dinge, für die ich nichts kann...

Im Gegensatz zur anderen Userin fällt mir das Kompensieren nämlich nicht ganz so leicht. Ich kann es, ich falle in guten Zeiten auch nicht auf. Aber es strengt mich an. Ich sage immer: "Was andere intuitiv machen, mache ich kognitiv." Und das verbraucht ziemlich viele Ressourcen.
Das hat zur Folge, dass ich in meinem holprigen Berufsleben sehr, sehr viel krank und arbeitslos war (bzw. bin). Und das obwohl ich einem eigentlich sehr autismusfreundlichen Umfeld arbeite.

Ich bin seit fast 14 Jahren immer mal wieder in depressiven Phasen. Aber das ist ok, ich kenn das und weiß damit umzugehen.

Zuhause ist es so, dass ich seit meiner Diagnose nichts mehr tue, was mir nicht gut tut, nur "weil man das eben so macht". Wenn ich nicht kuschelnd auf der Couch liegen will, dann sag ich das und mach das auch nicht. Das war früher anders.

Mein Mann ist mir da eine sehr große Stütze. Und er tut mir im Moment ein bisschen Leid, weil unsere 1-jährige Tochter den Großteil meiner sozialen Ressourcen aufbraucht. Da hat er ein bisschen das Nachsehen. Aber nach einer gewissen Zeit Körperkontakt schmerzt jede weitere Berührung schon fast.

Abschließend kann ich für mich sagen:
Ich find's gut, ich bin wie ich bin. Mir fällt vielleicht vieles schwerer als anderen aber dafür kann ich andere Dinge sehr viel besser. Ich konzentriere mich auf meine Stärken und fahre gut damit.

(16) 06.02.19 - 18:19

Hallo,

ich antworte mal als Nicht-Autist - wobei ich das gar nicht mit Sicherheit sagen kann, getestet wurde ich ja nie :-p

Ich persönlich sehe Autismus nicht als Krankheit, sondern tatsächlich als Wesenszug. Ich habe gelernt: In jedem Menschen steckt ein bisschen Autist. Für die Diagnose muss eben genug zusammenkommen. Man muss den "anderen Menschen" anders erscheinen oder sich selbst einfach anders vorkommen. Eine Diagnose kann hilfreich sein, ist aber nicht in jedem Fall ein Muss.

Im Zuge eines interessanten Seminars, dass das Thema aber nur am Rande mitbehandelt hat, habe ich mal bewusst auf typische Wesenszüge von Autisten geachtet. Ich habe tatsächlich ein paar davon. Für eine Diagnose wahrscheinlich zu wenig und da ich im Alltag gut zurecht komme und meine Macken nicht permanent ausleben muss, sehe ich auch keinen Bedarf da etwas testen zu lassen. Es gab aber Zeiten, da ist es mir gar nicht so leicht gefallen, meine Macken zu kontrollieren und ich brauche auch heute mein gewohntes Umfeld, in dem ich sie ausleben kann.

LG

(17) 07.02.19 - 17:23

Äähhm - was genau zeichnet denn hier alle als Autisten aus, die geantwortet haben?!
Ist das ein komischer neuer Trend?!

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