Krankenhausbesuche - unter Druck

    • (1) 30.06.19 - 21:59

      Hallo,

      vielleicht hat ja jemand mal ein paar aufbauende Worte für mich - oder für meinen Onkel, der seit Anfang des Jahres fast durchgehend im Krankenhaus liegt. Er hat nur seine Freundin, die selbst gesundheitlich angeschlagen ist und meine Mutter (seine Schwester) mit zwei Nichten samt Anhang.
      Anfangs war er noch fitter im Krankenhaus, aber dann kam das Durchgangssyndrom ins Spiel. Ein Symptom, dass ältere Menschen bekommen können, wenn sie zu lange im Krankenzimmer "eingesperrt" sind. Er hatte Halluzinationen. Es hieß, wir sollen ihn so oft besuchen wie es geht.
      Nur das artet jetzt echt in Stress und Streit und Ohnmacht aus. Seine Freundin besucht ihn drei mal die Woche. Die beiden haben nur sich, keine Kinder und nur eine kleine Wohnung. Und erwarten nun von uns ebenfalls die Besuche um die restlichen Tage der Woche abzudecken. Heute war ich bei meinem Onkel und er war ganz enttäuscht, fast verbittert, dass morgen keiner kommt.
      Mit Arbeit, Kindern, Haushalt können wir (meine Mutter, Schwester und ich) nicht mehr. Ich weiß das. Und trotzdem setze ich mich und wir uns gegenseitig doch immer mehr unter Druck. Und das scheint irgendwie nie ein Ende zu nehmen, Besserung ist kaum in Sicht.
      Hatte jemand von euch schonmal eine ähnliche Art Druck in der Familie irgendwas tun zu müssen, was zu kraftraubend war? Wie kann man damit umgehen? Und auch damit, sich selbst und in meinem Fall meinem Onkel nicht zu genügen (nicht genügend geben zu können?)

      Viele Grüße
      Jenny

      • (2) 30.06.19 - 22:02

        Hallo Jenny,

        Wenn seine Freundin ihn drei mal die Woche besuchen geht, könntet ihr es dann nicht so aufteilen, das jede von euch ein mal die Woche hingeht? Dann wäre doch die ganze Woche abgedeckt und jeder muss nur einmal hin. Oder sehe ich das falsch?
        Einmal die Woche wäre ja machbar, oder geht das auch nicht?

        Lg

        • (3) 30.06.19 - 22:51

          Nein so einfach ist es ja leider nicht.
          Meine Mutter fährt kein Auto. Das heißt, meine Schwester und ich müssen fahren (oder mein Dad am Wochenende, er arbeitet ganztags).
          Meine Schwester arbeitet mit zwei kleineren Kindern 80% und meine zwei sind etwas größer, ich arbeite 50 % meist vormittags. Die Fahrt ins Krankenhaus alleine sind schon mindestens 45 Minuten einfach - je nach Verkehr. Mittags haben meine Kinder Hobbys zu denen sie gebracht werden müssen. Natürlich können sie "mal" zu Freunden, aber das geht auch nicht jede Woche.

          Es ist jedes mal ein verbiegen. Wir würden versuchen abwechselnd zu fahren, so dass mindestens zwei mal die Woche jemand von uns dort ist. Aber unser Leben dreht sich nun mal nicht nur um das Krankenhaus. So leid mir mein Onkel auch tut.

      Ich lag selber für fast 2 Wochen über 200km entfernt von meiner Familie im KH. Es waren nur 2 Wochen und ich war trotzdem jeden Tag traurig, dass keiner kommen konnte. Mein Mann war am Wochenende einen Tag da, den anderen meine Eltern. Ich kann deinen Onkel verstehen, dass er deprimiert ist, nach so langer Zeit mit so vielen KH Aufenthalten. Außerdem bin ich Krankenschwester und sehe immer wieder, wie verbittert die Menschen im KH werden.
      Trotz allem, kann man halt nicht von euch verlangen, dass ihr nun ständig im KH seid. Aber meine Vorrednerin hat schon recht. Wenn seine Freundin 3mal die Woche hingeht, dann bleiben ja nur noch 4 Tage zu verteilen. Und wenn mal einen Tag keiner kann, dann ist das für deinen Onkel sehr schade, aber nicht zu ändern.

      Ich kann dir/euch nur als Tip geben, es nicht persönlich zu nehmen, wenn dein Onkel schlechte Laune hat, weil niemand kommt. Setzt euch nicht so sehr unter Druck, ihr habt auch noch ein eigenes Leben. Es ist sicher sehr traurig und anstrengend für deinen Onkel, aber er muss auch verstehen, dass es eben nicht nur nach seiner Nase gehen kann, auch wenn er krank ist. Ich sehe täglich auf Arbeit, wie manche Patienten mit ihren Angehörigen umspringen. Sie machen das sicher nicht mit Absicht und sind einfach unzufrieden mit sich und der Gesamtsituation.
      Also tut was ihr könnt und wenn ihr eben mal einen Tag Ruhe braucht, dann gönnt sie euch. Das habt ihr genauso verdient.

      • Danke!
        Habe deiner Vorschreiberin schon geantwortet, dass es eben leider nicht so einfach ist. Meist müssten unsere Kinder mit und das ist für Kinder keine geeignete Betreuung jede Woche mindestens einen Nachmittag im Krankenhaus zu verbringen. Meine Mutter fährt nicht selbst. Das würde evtl. einiges erleichtern. Das Krankenhaus ist in einer größeren Stadt 45 Minuten entfernt.

        Für meine Schwester und mich ist es dann halt auch noch so ein Ding. Jahrelang hat er sich nicht wirklich für uns interessiert. Er kam zwar jeden Freitag zu seiner Schwester /unserer Mum, wenn wir da waren ärgerte er auch noch meine Schwester wegen ihrem Körperumfang, mich, weil meine Kinder sich nicht mit ihm sprechen trauten und war sonst nicht anwesend. Für mich hat sich durch die Besuche einiges verändert. So gut wie ich mit ihm im Krankenhaus gesprochen habe, hatte ich vorher nie. Weiß nicht, warum das mit meiner Schwester nicht so gut klappt, es ist halt noch was anderes als wäre es zb. ein Elternteil.

          • Dachte ich mir auch.
            Aber ich denke bei der TE ist der Druck ála "Er-hat-ja-nur-uns" sehr groß(Wobei er ja auch noch einen freundin hat)
            Sie sollten sich,auch wenn es schwer fällt,etwas mit den Besuchen zurück halten und erstmal wieder Raum für sich selbst schaffen.Zum durchatmen,nachdenken,planen wie das ganze in Zukunft gehandhabt werden soll.

        Ich habe auch so einen Onkel. Ein sehr schwieriger Charakter. Wenn etwas großes ansteht, wie jetzt z.B. die Geburt meiner Zwillinge, dann besinnt er sich mal wieder auf die Familie und merkt, was eigentlich wichtig ist im Leben. Da kommen auch mal ellenlange Whats App Nachrichten, die auch sehr emotional sind. Ansonsten höre ich aber von ihm nichts und er macht auch sonst immer sein eigenes Ding. Meldet sich auch nicht groß bei meiner Mutter oder Tante und sucht auch noch oft Streit, wenn er denn mal anwesend ist.
        Ich muss ehrlich sagen, wenn er jetzt sehr krank werden würde, dann täte es mir natürlich leid und ich würde ihn auch mal im KH besuchen, aber ich würde mich nicht so unter Druck setzen lassen.
        Dass ihr jetzt ein besseres Verhältnis habt ist schön. Aber ich glaube ehrlich, dass es nur aus Eigennutz so ist. Er weiß ja, dass er nett sein muss, sonst kommt keiner.
        Ich würde die Besuche auf einmal, maximal 2mal pro Woche beschränken und ansonsten mal kurz anrufen.

        • Hallo, so wie du deinen Onkel beschreibst war es bei meinem auch früher.
          Ehrlich gesagt können wir auch gerade nicht mehr geben.
          Evtl. muss er in einigen Wochen in eine Kurzzeitpflege und das wäre dann nur 15 km von uns entfernt. Da sind dann häufigere kurze Besuche sehr viel besser möglich.
          Gestern Abend hat er nun wieder bei meiner Mum angerufen und mitleidig gefragt, ob sie heute kommt. Da sie kein Auto fährt ist das schlichtweg nicht möglich.
          Mit seiner Freundin habe ich geschrieben (WhatsApp) aber solche Themen schiebt sie immer auf uns. Ich soll ihm sagen, dass wir alle (einschließlich ihr) nicht MEHR geben können als jetzt.
          Mein Gefühl sagt mir, dass so ein Gespräch auch nötig wäre.
          Allerdings fehlt es bei meinem Onkel UND seiner Freundin an Verständnis für uns. Sie hatten nie Kinder und können den Umgang gar nicht. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern in der ich NUR Vollzeitjob und Freizeit hatte. Familienleben ist ganz was anderes. Aber mach mal einem das klar, der seine Zeit hauptsächlich auf der Couch verbringt, wenn er nicht gerade im Krankenhaus liegt?!

          • (10) 01.07.19 - 09:27

            Dann muss ich aber ehrlich sagen, ist das selbst gewähltes Elend. Ihr könnt nichts dafür, dass er nichts aus seinem Leben gemacht hat. Nicht jeder muss Kinder haben, aber man muss auch nicht den ganzen Tag auf der Couch versauern.
            Dann ist sein Leben ja im Moment gar nicht so anders, nur hat sich die Örtlichkeit geändert.
            Ich würde ihm einfach sagen, so und so sieht es aus. Wenn er es nicht akzeptiert, dann ist das nicht euer Problem. Und wenn er oder seine Freundin euch nochmal Vorwürfe machen sollten, würde ich dann ganz klar sagen, dass ihr auch überhaupt nicht zu Besuch kommen müsst. Entweder zu euren Konditionen oder gar nicht. Ihr seid ja nun schon mehr als bemüht, den beiden alles recht zu machen.

            • (11) 01.07.19 - 10:02

              Deine Antwort ist so wahr. Aber wahrscheinlich weist du selbst: Wenn es um Gefühle geht, ist das gar nicht so einfach.
              Hab mir schon vorgenommen beim nächsten Gespräch unter vier Augen ihm einfach nochmal ganz klar zu schildern, wie bei uns eine Woche abläuft und ihm lieb aber klar zu sagen, dass wir nicht mehr geben können.

              • (12) 01.07.19 - 10:08

                Ja das weiß ich. Ich habe selber auch lange immer versucht es allen recht zu machen und mich dabei vergessen. Das ist heute noch so, aber ich bin schon besser darin geworden, auch mal nur an mich zu denken😅

                -Hab mir schon vorgenommen beim nächsten Gespräch unter vier Augen ihm einfach nochmal ganz klar zu schildern, wie bei uns eine Woche abläuft und ihm lieb aber klar zu sagen, dass wir nicht mehr geben können.-

                Das kannst du probieren. Aber ich denke, das kommt bei ihm nicht an. Du sagtest ja, er hat auch das Durchgangssyndrom. Ich denke nicht, dass er in der Lage ist, sich in euch hinein zu versetzen. Und selbst wenn, denke ich, dass es ihm egal ist. Er ist im KH. Er ist sterbenskrank und nur das zählt im Moment für ihn. Die Probleme anderer werden ihm herzlich egal sein und er wird trotzdem auf eure Besuche bestehen. Ich kann mich auch irren, aber das ist so meine Erfahrung, die ich mit vielen kranken Menschen gemacht habe, die so sind wie dein Onkel.

(14) 30.06.19 - 22:45

Ich nochmal. Hab noch eine Idee.
Wie wäre es wenn ihr ihm ein Handy besorgt und an den Tagen, an denen ihr nicht hingehen könnt, per FaceTime/WhatsApp telefoniert?

(16) 30.06.19 - 23:34

"Es hieß, wir sollen ihn so oft besuchen wie es geht."
Das bedeutet nicht das ihr euer Leben nach ihm/seiner Krankheit ausrichten müsst.
Setzt dich mit deiner Schwester und Mutter zusammen und macht euch vielleicht so eine Art "Besuchsplan" aus der für euch drei nicht in Stress ausartet und setzt euch nicht gegenseitig unter Druck und lasst euch auch nicht von deinem Onkel und Freundin unter Druck setzen.
Sonst fliegt euch die ganze Geschichte emotional und mit Pech gesundheitlich um die Ohren.

  • (17) 01.07.19 - 09:24

    Deshalb schreibe ich hier!
    Danke übrigens für die vielen Antworten!!

    Um meine Mutter mache ich mir mehr Sorgen als um mich (meine Schwester hat keine Möglichkeit ihn öfter zu besuchen wegen der Arbeit, deshalb denke ich, dass sie es sich nicht so schwer macht). Mir macht mehr der Druck, den meine Mutter und ich uns selbst und gegenseitig geben zu schaffen, als es auszuhalten eben mal nicht zu besuchen.

(18) 01.07.19 - 06:32

Ich kenne bei uns in der Familie auch so einen Fall, gewollt kinderlos geblieben, Kinder sind ja nur ein Klotz am Bein... Und natürlich wird es da im Alter oder bei Krankheit einsamer sein. Das ist dann einfach so. Ich finde nicht, dass Dein Onkel von Euch so eine Betreuung erwarten kann. Meine Meinung ist sowieso, was nicht freiwillig und von Herzen kommt, trägt sowieso nicht zur Genesung bei.
In Krankenhäusern gibt es doch sonst auch die grünen Damen, so heißt es bei uns jedenfalls. Ein ehrenamtlicher Besuchsdienst. Sprecht doch mal mit dem Sozialdienst im Krankenhaus.

(21) 01.07.19 - 07:36

Als ob Kinder ein Garant für regelmäßige Besuche wären...

  • (22) 01.07.19 - 08:11

    Ich denke schon, natürlich kommt es immer auf das Verhältnis an..
    Und eine Garantie gibt es für nix im Leben. Aber wenn ich gewollt oder ungewollt alleine mit einer Partnerin und scheinbar ohne Freundeskreis lebe, dann bin ich einsam.

    • (23) 01.07.19 - 09:27

      Es kommt nicht nur auf das Verhältnis an, sondern auch darauf inwiefern die Kinder überhaupt vor Ort sind und es gibt noch einige weitere Faktoren, aber gut.

      Auch "Freunde" sind so ein Thema. Ab einem gewissen Alter sterben die nunmal häufig weg, bzw sind selbst krank oder immobil.

      Deshalb kann man nicht pauschal darauf schließen, dass ausschließlich Kinderlosigkeit oder mangelnde Kontakte Gründe für Einsamkeit im Alter sind.

      LG

      Das denkst Du wirklich?
      Selbst bei einem guten Verhältnis, ziehen Kinder durchaus mal weiter weg, wandern aus, haben zeitraubende Jobs und eigene Kinder/Familie, da bleibt dann keine Zeit, die Eltern oft und regelmäßig zu besuchen und zu betreuen.
      Eine ältere Bekannte von mir muss nach Norwegen fliegen, um ihren Sohn, Schwiegertochter und die Enkel zu sehen, die sind vor einigen Jahren ausgewandert und können sie auch jetzt nach dem Tod ihres Mannes, ohne den sie das Haus praktisch nicht verlassen hat, nicht einfach besuchen.

Aufgrund des Durchgangssyndroms hat er sogar eine ständige (Bewachung) meistens junge Medizinstudentinnen. Das heißt er ist gar nicht alleine im Zimmer. Das ist für ihn aber nicht das gleiche.
Er hat Krebs. Zwar sagt er mir, dass er bald wieder fitter sein will und nach Hause, aber vielleicht - mag sein - bemerkt er jetzt erst, dass seine Zeit begrenzt ist. Wie die von jedem von uns. Von den Ärzten gibt es aber keine Zeitangabe. Deshalb muss sich meine Mum auch mit allem drum rum beschäftigen. Seine Freundin kann aufgrund ihrer Krankheit die Betreuung nicht übernehmen, er braucht im Moment einen Vormund. Je nachdem wie es weiter geht braucht man Kurzzeitpflege, Pflegeheim oder Betreuung zuhause. Das hängt natürlich auch bei meiner Mum im Kopf herum.

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