Transmädchen

Hallo zusammen, ich schreibe in grau, weil ich mich zuerst wieder sortieren muss.
Vor einigen Jahren habe ich erfahren, dass eins meiner Kinder im falschen Körper geboren ist, als Junge aufgewachsen ist sie heute eine wunderbare junge Frau, meine Tochter.
Gestern das zweite Outing, eine weitere Tochter. Sie wird demnächst 20 Jahre alt, hat ihr Wissen jahrelang mit sich rumgetragen. Diesmal stecke ich es nicht so gut weg, meine Ängste, meine Trauer überrollen mich, ja wahrscheinlich bin ich egoistisch, es geht hier nicht um mich, das was ich "durchmache" steht in keiner Relation zu dem was mein Kind bewältigen muss. Ich hätte mir für meine Kinder so sehr einen schönen Lebensweg gewünscht, keinen voller Felsbrocken und Gefahren.
Ich muss und will für sie da sein, ich will mich darauf freuen mit diesem wunderbaren Menschen eine innige Mutter-Tochter-Beziehung aufzubauen, bereits die letzten Monate spürte ich, wie sich die Beziehung änderte, vertiefte, ich ahnte was kommt.
Aber wohin mit meinen eigenen Ängsten, meinem Schmerz, den ich mir nicht anmerken lassen darf?

Solltest du eigentlich beim Outing deines 2.Kindes nicht entspannter sein?
Warum hast du Angst? Wegen der Gesellschaft?
Haben deine Kinder Probleme damit anerkannt zu werden?
Erzähl doch mal wie es deinen Kindern damit geht. Denn das ist das Wichtigste. Wenn sie gut damit klar kommen, solltest du das auch.

Sie sind beide vom Typ her sehr introvertiert, haben soziale Ängste, sind melancholische Menschen. Komplexe, Ablehnung des Körpers, bis zu Ekel, all das inbegriffen.
Ich habe Angst, dass sie irgendwann zerbrechen könnten, Suizidalität bei Transmenschen ist ein grosses Thema.
Zudem das was sie sich am sehnlichsten wünschen würden, auf eine ganz normale Kindheit als Mädchen mit Röcklein, in rosa, zurückzublicken, das kann ihnen niemand mehr geben. "Normal" zu sein. (Ihre Worte, nicht meine)

Anerkennung ist nicht das Problem, auch nicht dass sie Ablehnung erfahren würden (also zumindest nicht im privaten oder beruflichen Umfeld, meine grosse Tochter fährt jedoch nicht spätabends alleine ÖV, Beschimpfungen usw. von Wildfremden hat sie mehrfach erlebt, wahrscheinlich von Leuten die zu besoffen sind um mehr zu erkennen als dass sie einfach etwas anders ist)

Deshalb unterdrücke ich (zumindest in ihrer Gegenwart), meine eigenen Ängste, meine Trauer, will stark sein. Wovor ich Angst habe? Dass sie nie ganz ankommen, das Glück nicht finden, von ihren Sorgen erdrückt werden, dass sie zerbrechen, vor Osteporose, Suizidalität, Komplikationen. Beide hätten sich immer Familie gewünscht, eigene Kinder, ob und wie sie das erleben werden?

Hey,

ich finde du klingst sehr emphatisch und auf mich wirkt es so, als wenn du deine Kinder wirklich so siehst, wie sie sind.
Du hast ja keine Angst was „die Leute“ sagen könnten, sondern deine Ängste beziehen sich sehr real auf die Situation die deine Kinder leben.

Ich, an deiner Stelle, würde das nicht verstecken, sondern ganz offen und ehrlich deinen Kindern erzählen. Vielleicht könnt ihr ja gemeinsam verpasste Möglichkeiten betrauern.

Die Gewissheit verstanden und so angenommen zu sein, wie sie sind, wird ihnen auf ihrem Weg sicherlich helfen.

Kinder spüren es, wenn ihre Eltern etwas bedrückt. Bitte lass nicht zu, dass sie die falschen Schlüsse ziehen!

Alles Gute für Euch!

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Ich finde, du gehst erstmal sehr gut mit der Situation um. Du nimmst deine Kinder an wie sie sind und das ist so viel wert.

Trotzdem darfst auch du Ängste und Sorgen haben, darfst auch Zeit brauchen alles zu verarbeiten. Du stellst deinen Schmerz damit nicht über deine Töchter oder drängst dich in den Vordergrund. Es ist doch normal und auch völlig in Ordnung auch eigene Emotionen zu haben, die du verarbeiten musst.

Vielleicht gibt es eine Selbsthilfegruppe für Angehörige oder ein Internetforum oder ähnliches. Irgendeine Anlaufstelle, wo du mit anderen Eltern in Kontakt kommst.

Unterstütze weiter deine Töchter auf ihrem Weg, aber kümmere dich auch um dich selbst. Du musst ja auch irgendwohin mit deinen Gedanken.

Du solltest übrigens auch das Gespräch mit deinen Töchtern suchen. Nicht im Sinne von "tröstet mich", sondern einfach deine Gefühle äußern. Gerade weil sich deine Sorgen sehr um ihr Glück und ihr Empfinden drehen, solltest Du mit ihnen sprechen.

Ich denke, du darfst und solltest dir ruhig Zeit einräumen. Klar ist das erstmal etwas, was verarbeitet werden will von dir. Ich finde daran überhaupt nichts Verwerfliches. Hast du die Möglichkeit, mit jemandem zu reden? Vielleicht suchst du dir sogar psych. Unterstützung.
Du liebst deine Töchter, das ist doch die beste Grundvoraussetzung. Ich bin mir sicher, dass sie verstehen, dass du die Neuigkeit erstmal sacken lassen und verarbeiten musst.
Alles Gute für euch 3 Mädels :-)!

Weißt du, ich finde, du gehst klasse damit um!
Deine Gedanken sind ja nicht, dass du sie abstoßend findest, sondern dass du dir Sorgen machst, dass sie nicht glücklich werden.

Und das sind, meiner Meinung nach, ganz normale Sorgen einer liebenden Mutter :)


Die Trauer um Vergangenes oder um das, was man nicht hatte, gehört zum Leben dazu. Ob nun die Trauer darüber, dass man keine rosa Kindheit hatte oder darüber, dass vielleicht die Eltern geschieden sind oder dass man relativ arm aufgewachsen ist oder oder oder. Meine Kindheit, vor allem meine Jugend, war sehr schwer und traumatisch. Ich habe oft getrauert um das, was ich nicht hatte. Ich habe auch lange Therapie gehabt. Und nun :ich bin 29,habe drei Kinder, einen Mann, bin mit mir im Reinen und glücklich über das, was ich im Hier und Jetzt habe.

Was ich damit sagen möchte : Jeder hat sein Päckchen zu tragen und gerade dieses junge Erwachsenenalter ist für sehr viele sehr schwierig, weil man sich erstmal finden muss.
Da unterscheidet sich deine Tochter also nicht viel von anderen.


Ich selbst hatte wegen Traumata eine Essstörung, Depressionen, soziale Ängste usw. Meine Mutter hatte in dieser Zeit nicht zu mir gehalten, sondern mich gedemütigt vor anderen, mir Vorwürfe gemacht usw.

So etwas lese ich aus deinen Zeilen nicht raus.

Und ich habe für mich gelernt klar zu kommen. Aber dass meine Mutter mich so behandelt hat... Diesen massiven Vertrauensbruch kann nichts heilen.

Deswegen : sei für deine Töchter da. Du darfst dir Sorgen machen, du darfst sie aussprechen. Ihr könnt nach Lösungen für Probleme suchen oder einfach ein offenes Ohr füreinander haben.

Es wäre falsch, sich abzuwenden. Das machst du nicht. Und damit setzt du automatisch schon das richtige Signal :)


Und mit 20 ist man noch jung und hat noch viel Zeit, sich um Kinder Gedanken zu machen. Es gibt Wege und Möglichkeiten. Vielleicht etwas steiniger als normal, aber machbar, wenn man es dann später wirklich möchte.
Bekannte von mir haben viele, viele Jahre versucht, ein Kind zu kriegen (natürlich.. Mit Hilfe von Kinder Wunsch Kliniken.. Adoptionsverfahren..) .. Jetzt, nach über 10 Jahren, haben sie eine Tochter adoptiert.
Ein langer Weg und nun sind sie die glücklichsten Menschen der Welt mit 40 Jahren :) das war nicht abzusehen, als sie 20 waren. Sonst hätten die Eltern vermutlich geweint, weil sie gewusst hätten, wie schwierig dieser Weg werden würde und wie viel Leid die eigenen Kinder erfahren deswegen.
Du kannst dich schon drauf einstellen, dass es wohl alles etwas schwieriger wird. Aber das hat auch Vorteile.
Und unmöglich ist eine Familien Gründung unter diesen Umständen heutzutage zum Glück auch nicht mehr :und in 10-15 Jahren sind wir da hoffentlich noch ein Stückchen toleranter :)

Ich wünsche euch alles Gute :)

Leider kann ich dir keine pn schreiben, da du anonym gepostet hast. Ich kenne jemanden, der viel mit Transgendern und auch deren Familienmitgliedern spricht bzw. Therapiert.
Wenn du Interesse an einer Therapie oder einem Gespräch hast, dann schreib mir mal eine pn. Soll jetzt keine Werbung sein, sie könnte dich auch selbstverständlich an Kollegen weitervermitteln, aber es wäre zumindest schonmal ein Ansprechpartner, der weiß, wo du entsprechend Hilfe bekommen könntest, wenn du denn welche annehmen möchtest/brauchst.

Liebe Maedchenmaedchen,

Zunächst möchte ich dir sagen, dass ich es ganz toll finde, wie du damit umgehst.
Ich möchte dir auch ein bisschen Mut mit auf den Weg geben.

Ich bin mit einem transsexuellen Mann verheiratet und weiß ganz gut, wie beschwerlich der Weg in den richtigen Körper sein kann.

Als wir uns kennengelernt haben, hatte er die geschlechtsangleichenden Operationen noch nicht hinter sich gebracht.

Während seiner Krankenhaus Aufenthalte habe ich natürlich auch andere Transmänner - und Frauen kennengelernt und habe auch weiterhin Kontakt zu ihnen. Über die Meisten kann ich sagen, dass diejenigen, die ein stabiles familiäres Umfeld haben, sehr glücklich mit ihrer Entscheidung sind, endlich im richtigen Körper zu leben.
Eine begleitende Therapie oder, so hat es mein Mann gemacht, der Austausch über spezielle Internetforen helfen sicherlich auch.
Am wichtigsten war es, laut meines Mannes aber, dass er von seiner Familie, seinen Freunden und mir als das gesehen und behandelt worden ist, was er ist. Durch und durch ein Mann. Jemand, der seine Geschichte nicht kennt, würde auch nie auf die Idee kommen, dass er kein Biomann ist.

Ein ganz normales Leben ist also tatsächlich kein Problem.
So wird unser Sohn nun bald ein halbes Jahr alt und niemand käme auf die Idee, dass er nicht der biologische Vater ist.

Ich wünsche dir und deinen wundervollen Töchtern alles, alles Gute und dass sie richtig glücklich in ihrem neuen Leben werden 💕

"Biomann" - toller Ausdruck #pro #pro! Werde ich mir merken :-)

Bei Bekannten haben sich die Eltern ein paar Mal mit einem Psychologen ausgetauscht, das hat wohl der ganzen Familie gutgetan.

Ich möchte euch allen danken, danken für eure empathischen, respektvollen Antworten, danken für eure Worte und Gedankenansätze. Das hilft mir sehr mich zu sortieren.
Nun versuche ich erst mal, das Thema für mich etwas sacken zu lassen, akzeptieren, dass es auch für mich ein Prozess ist, der dauert und dauern darf.