Partner oder Kind?

Liebes Forum,

Ich habe seit einiger Zeit mit einer Therapie begonnen, weil meine Mutter letztes Jahr verstorben ist und davor im Koma lag.
Sie starb mit 53. Ich bin nun 29.

Ich habe meine Mutter sehr geliebt, hatte immer das Bild im Kopf einer glücklichen Kindheit.

Nur weiß ich nicht mehr ob das Stimmt, bzw weiß ich es eigentlich schon.

Ich telefonierte mit einer Freundin meiner Mutter, als sie noch im wachkoma lag und sie erzählte mir von einem Liebhaber meiner Mutter (meine Eltern waren früh geschieden), der sie angefasst und massiert hätte. Mir fiel fast das Telefon aus der Hand und es fühlte sich an, als würde etwas in mir zerbrechen. Anders kann ich es nicht beschreiben

Ich erinnere mich schon noch vage an diesen Mann aber es kam mir eine ekelhafte Erinnerung hoch. Kurzum, er hat mich missbraucht. Ich hatte es komplett verdrängt, allerdings erklärt das vieles meiner Verhaltensweisen als Kind.

Leider kann ich meine Mutter nicht mehr fragen, was mich wütend und traurig macht.

Nun gut, meine Mutter hatte die letzten 22 Jahre einen Lebensgefährten. Und wie soll ich sagen, er war mies zu mir, richtig gemein. Hat mich auf den Hintern gehauen, aus Spaß, obwohl ich ständig gesagt hab, er soll es sein lassen. Mir Wüste Dinge an den Kopf geworfen, sich über mich lustig gemacht.
Was hat meine Mutter getan? "Er meint es nicht so" war ihre Aussage :(

Einmal hat er etwas wirklich ekliges, abzüglich zu mir gesagt und als ich es meiner Mutter sagte, meinte sie nur, sie war ja nicht dabei.

Ich habe allgemein das Gefühl, in meinen jungen Jahren nicht erwünscht gewesen zu sein und dass Männer generell wichtiger waren sie ich.

Nun habe ich das Mal in Google eingegeben und ja .. scheint nicht so selten zu sein.

Später wurde es besser aber was kaputt ist..

Was für Erfahrungen habt ihr gemacht?

Ich danke euch

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Hallo,


das was du vermutest kann gut sein. Unser Unterbewusstsein blendet oft negativer Ereignisse zum Selbstschutz aus. Somit ist es möglich das deine Kindheit doch nicht so war wie du sie bis vor kurzem in Erinnerung hattest. Aus meiner Sicht kann es hilfreich sein wenn du das Thema mit therapeutischer Hilfe aufarbeitet. Versuchst du es allein, kann es sehr schnell passieren das Bilder zum Vorschein kommen die du nicht einordnen kannst und die dir mit der zeit den Boden unter den Füßen weg ziehen.


Freundliche Grüße

blaue-Rose

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Hallo,

Es tut mir leid, dass dir so etwas passiert ist.
Ich würde schnellstmöglich mit einer Aufarbeitung beginnen.

Ich kenne das auch. Meine Mutter hat meinen Vater früh verlassen und an meinem zweiten Geburtstag wieder geheiratet. Ein neues Kind war da schon unterwegs.

Mein Stiefvater war jeden Tag sehr gewalttätig und hat mich auch psychisch gequält. Ich hatte in meiner Kindheit keinen Tag keine Angst. Meiner Mutter war das egal. Meistens war ich sogar noch schuld an seiner schlechten Laune (es reichte aus, dass ich aus der Schule kam). Die ganze Familie, Omas, Opas, Onkel, Tanten wussten das und bedauern es heute sehr, gemacht hat aber keiner was.

Ich bin direkt mit 18 ausgezogen und habe eine Ausbildung gemacht mit der ich mich selbst unterhalten konnte. Zudem bin ich fast 400 km weit weg gezogen.

Heute besteht kaum Kontakt (Besuche ein bis zweimal im Jahr, jeweils nur für einen halben Tag) und den halte ich auch nur wegen meines Bruders. Selten gibt es Telefonate und dann nur oberflächliches Geplänkel.

Ich habe keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Mit wäre es vielleicht schneller gegangen, ich wollte aber gerne verbeamtet werden und habe deshalb verzichtet. Beide spielen in meinem Leben keine Rolle und erfahren auch meist als Letzte wenn etwas in meinem Leben ansteht (Hochzeit, Schwangerschaft). Damit fahre ich gut.
Das Gejammer von Ihrer Seite ist immer groß, hauptsächlich weil es Ihnen vor der Familie und Freunden peinlich ist, nicht weil echtes Interesse besteht, das ist mir aber egal.

Die einzige wirkliche Konsequenz für mich ist, dass ich im Falle einer Scheidung niemals einen neuen Partner haben werde, solange das Kind noch bei mir wohnt.

Bei dir ist der Teufel nun aus der Kiste und du kannst deine Mutter vermutlich nie mehr mit den gleichen Augen sehen. Versuche trotzdem deinen Frieden mit ihr zu machen und das Thema nicht dein Leben bestimmen zu lassen.

Ich habe ungefähr zwei Jahre nach meinem Auszug gebraucht um mich davon zu lösen und zu erkennen, dass die Vergangenheit keinerlei Einfluss auf meine Zukunft hat und darauf, was ich jetzt gerade für ein Mensch bin. Das hatte und habe ich nur selbst in der Hand. War ein hartes Stück Arbeit und ich bin sehr stolz auf mich. Das schaffst du auch!

Die Täter haben keine Macht über mich.

Ich hoffe, dass du auch bald zu diesem Punkt kommst.

Alles Gute.

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>>>Ich habe ungefähr zwei Jahre nach meinem Auszug gebraucht um mich davon zu lösen<<<

Respekt! Das war eine Riesenleistung in deinem jungen Alter.

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Guten Morgen,

Gut möglich, dass dir Schreckliches in deiner Kindheit erfahren ist und das nun an der Oberfläche kratzt.
Arbeite das auf lange Sicht in einer Therapie auf, das hilft, so profan der Ratschlag auch ist.

Mein 12 Jahre älterer Halbbruder hat mich missbraucht. Einmalig, ich war ca. 7 Jahre alt. Das Wissen darum war irgendwie immer da, jedoch ging ich je nach Lebensabschnitt anders damit um. Rückblickend: als Kind Angst und Scham, ich muss etwas falsch gemacht haben, denn ich durfte den Vorfall nicht bei meinen Eltern ansprechen und hatte meinen älteren Bruder sonst geliebt und angehimmelt.
Bereits Kinder spüren, ob ein Umfeld so intakt ist, dass es den „Konflikt“ aushält (klingt so harmlos😑) oder ob die Bezugspersonen - oft eben die Mutter - selbst so krankt, dass sie sich mit dem Erlebten zurückziehen.
Häufig ziehen sich derartige Erlebnisse durch Generationen von weiblichen Biographien. Meine Mutter ist psychisch erkrankt im Sinne von Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, etc. Ihr ist Gleiches in ihrer Kindheit erfahren und sie war mangels Aufarbeitung nicht in der Lage, ihren Kindern zuliebe diese Abfolgen zu durchbrechen. Sie liebt ihre Kinder ernsthaft - ist aber gefangen in ihrer Erkrankung. Trennte sich früh von meinem Vater und suchte sich neue Beziehungen, die irgendwie toxisch waren. Bis heute. Sie ist so beschäftigt mit den Problemen der aktuellen Partnerschaften, dass sie nicht in die Versuchung kommt, Vergangenes aufzuarbeiten. Als würde sie sich unterbewusst so verweigern.
Ich habe auch erst mit der Aufarbeitung begonnen, als ich mich im Leben angekommen und angenommen gefühlt habe, durch meinen Mann. Innerhalb meiner Familie ansprechen würde ich es nie. Auch aus Angst, sie würden es „abtun“ oder mich als Lügnerin darstellen. Was mich wiederum verletzen würde, irgendwie liebe ich meine Familie auch.

Es tut mir leid, dass Du deine Mutter nicht mehr fragen kannst. Vielleicht hilft es dir, dass es möglich wäre, dass sie nicht anders gekonnt hätte. Natürlich ist dies nur eine Spekulation meinerseits. Meine Mutter würde für sich nie in Frage stellen, dass sie immer richtig gehandelt hat. Sie weiß in Momenten um ihre Fehler, dann verdrängt sie ihre Vergangenheit wieder. Um eben zu leben und nicht laufend unglücklich zu sein.

Ich wünsche Dir viel Kraft und alles Gute🌼

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Nachtrag: zu meinem Halbbruder habe ich vor einigen Jahren unter einer Therapie den Kontakt abgebrochen. Innerhalb der Familie habe ich Gründe erfunden, ihn selbst habe ich konfrontiert und den Kontaktabbruch angekündigt - aber nur via Brief. Für ihn kam es aus heiterem Himmel, er hat nur unter Alkoholeinfluss reagiert. Er lebt nicht mehr. So makaber es klingt, er hat irgendwie meine Last mit ins Grab genommen.

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Ich danke Euch für Eure Beiträge

Ich kann im Moment leider meine Therapie nicht fortsetzen, wegen der aktuellen Situation

Davor war ich ca 3 Mal dort, aber wir kratzen noch an der Oberfläche und es fällt mir noch schwer mich zu öffnen

Ich kann es einfach nicht glauben bzw verstehe ich es nicht, wie meine Mutter sich immer vor ihren Partner stellte und selten vor mich

Die letzten Jahre waren wir sehr innig, auch, weil sie oft meinen Sohn hatte und ich habe das Gefühl, dass sie später viel gut machen wollte

Viele gute Erinnerungen habe ich auch, ganz klar, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Sachen fallen mir ein, die so nicht hätten sein dürfen..