Ich halte es nicht mehr aus

Hallo, ihr Lieben,

ich weiß, dass mir niemand helfen kann, aber es tut gut, mal den ganzen Schrott von der Seele zu schreiben.

Zu den Fakten: Bei meinem Mann wurde vor etwa einem Jahr Krebs diagnostiziert. Er wurde zweimal operiert und war eigentlich krebsfrei. Dann aber hat sich ein neuer Krebs gebildet und er bekommt seit etwa drei Monaten Chemo. Dass die Haare ausgefallen sind, ist gar nicht der Rede wert. Aber ich komme damit immer weniger klar, dass sich mit jeder Chemo so sein Charakter verändert. Er ist nur mehr aggressiv, ein normales Gespräch kaum mehr möglich, er kritisiert mich von früh bis abends und beobachtet alles haargenau, was ich mache und kommentiert es auf eine ganz verletzende Art. Ich bin selbst nicht gesund und total am Ende, könnte nur losheulen oder abhauen.

Ich nehme sehr viel Rücksicht auf meinen Mann, koche extra für ihn "krebsgerecht" und schlucke bis jetzt alle seine Bosheiten runter. Aber irgendwann geht es nicht mehr. Ich stehe mit Magenschmerzen auf und gehe mit Magenschmerzen ins Bett. Ich bin kurz davor zu platzen, aber ich möchte mir natürlich auch keinen Vorwurf machen müssen, weil ich ja nicht weiß, ob mein Mann den Krebs besiegen kann.

Gibt es vielleicht jemanden in dieser großen Runde, der auch Chemo hatte und diese charakterliche Veränderung selbst erlebt hat? Oder vielleicht einen Angehörigen, der mir Mut machen kann, dass alles nur eine Phase ist? Ich bin am Verzweifeln.

Danke fürs Lesen!

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Huhu,

ich hatte mal als junger Mensch ein Praktikum auf einer Krebsstation gemacht und da sind mir einige Menschen begegnet, die bösartig erschienen.

Mir erklärten damals die Schwestern, dass einem eine Krebsdiagnose sehr aus der Bahn werfen kann. Je schlechter die Prognose, desto schlimmer die Auswirkungen beim Verhalten.

Es gibt unterschiedliche Arten mit so einer Diagnose umzugehen. Manche ziehen sich zurück und werden still, andere sind plötzlich so voller Energie und Kampfeswillen und wieder andere sind quasi neidisch auf die, deren Leben so normal weiter geht. Dieser "Neid" äußert sich dann in extrem respektlosen Verhalten, sie machen den anderen alles madig, ihn fertig - je schlechter der andere sich nach den verbalen Attacken fühlt, desto besser fühlt sich zunächst der Angreifer.

Ich denke, du erkennst das Muster.
Dein Mann braucht dringend psychologische Hilfe, um seine Wut loszuwerden.
Es ist nicht okay, dass er sie gegen dich einsetzt und auch du darfst, trotz seiner Diagnose, deine Grenzen wahren.
Rede mit ihm, er muss sich Hilfe suchen!
Macht er es nicht, kündige die Konsequenzen an (Abstand suchen) und ziehe es auch durch. Es hilft niemanden, wenn du am Boden liegst und er weiter auf dir herum trampelt.
Respektloses Verhalten darf sich niemand gegenüber einem anderen Menschen leisten, völlig egal aus welchen Gründen.

LG

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Habt ihr das mal beim Arzt angesprochen? Vielleicht würde auch eine zusätzliche Psychotherapie euch helfen. Denn so eine Krebsdiagnose ändert ja alles.

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Erst mal starke Nerven euch.

Dass es zu so starken Veränderungen kommen kann, habe ich nur im entfernten Umfeld mitbekommen.
Daher eher sachlicher in der Antwort.

Geholfen hat wohl, dass es Seelsorger und Therapeuten auch für Angehörige gab.
Medikamente können nicht immer umgestellt werden. Charakteränderung kann wohl auch eine Nebenwirkung sein.

Wichtig sei wohl , dass sich Angehörige selbst auch Hilfe suchen. Nicht alles runterschlucken und dann auch krank werden. Sondern eben mit Seelsorgern oder Selbsthilfegruppen, Therapeuten aus dem Krankenhaus sprechen.

Natürlich steht der Patient selbst im Vordergrund und Medikamente Therapien etc. sind nach ihm auszurichten.

Psychische Unterstützung dürfen sich aber auch Angehörige holen.
Stark sein können sie nur, wenn sie für sich selbst auch sorgen. Für sich selbst reden. Dass sie dies nicht mit dem Betroffenen aufhalsen möchten, ist klar.

Falls du beim Krankenhaus nicht durchkommst oder es schwieirig ist.
Auch Caritas, pro Familia, Beratungsstellen, evlt. auch Sorgentelefon, Pflegeeinrichtungen haben oft Tipps für Adressen. Tipps wo man für sich als Angehörige jemanden zum Reden findet. Jemanden, der/die die Situation kennt, durchlebt hat. Austausch mit anderen. Nicht alleine sein damit.

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Völlig andere Situation hier, und helfen kann ich leider auch nicht. Wollte dir nur sagen, dass du eine tapfere, tolle Ehefrau bist 🍀

Meine Mama litt ab meinem vierten oder fünften Lebensjahr unter Psychosen. Sie stirbt nicht daran, aber die Medikamente ändern einen. Die Psychosen verändern ihre Erinnerungen, sie lebt in ihrer eigenen Realität... Die Medikamente machen sie apathisch und gefühlskalt.

Ergebnis: die Frau provoziert dich bis aufs Blut. Sie provoziert - verbal - bis du platzt. Und dann bist du die Böse. Erzählst du jemandem davon, hört sich die Situation aber eigentlich gar nicht so schlimm an... Eigentlich war ja "nichts". Wer nicht dabei war, und das nicht gesehen hat, kann das nicht verstehen... So oft hab ich versucht, mit Menschen darüber zu reden, aber wer keine geistig Erkrankten um sich hat, kann das nicht verstehen. Und ihre Realität ist so anders, wenn sie ein und dieselbe Geschichte erzählt, ist nicht sie die Irre, sondern du 🤪

Wir innerhalb der Familie wissen, dass sie die "Irre" ist. Zehn gegen eins, SIE muss die Irre sein 😉

Ich war unfassbar froh, als ich meinen Mann kennengelernt hatte und bei ihm einziehen konnte. Einfach raus von da. Seither komm ich so viel besser klar mit ihr und ihrer Krankheit, ihren Medikamenten und allem was dazu gehört... Weil ich Abstand habe.

Hast du jemanden zum Reden? Jemanden, der dich versteht? Der in der gleichen Situation ist/war?

Kannst du ihn auch mal eine Weile alleine lassen? Runterkommen, was andres tun? Einfach FREI sein? Wenigstens ein paar Stunden... Dir was gutes tun.

Halte dir auf jeden Fall vor Augen, dass es zeitlich begrenzt ist! Irgendwann ist die Zeit mit den Medikamenten vorbei. Entweder auf die eine Art (was ich dir nicht wünsche 😕) oder die andere.

Und wenn er wieder gesund wird, nehmt euch Zeit für euch, arbeitet das auf und findet euch neu 🍀

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Hey,

meine Mutter hatte auch Krebs.
Sie war zwar auch vorher nicht der liebenswerteste Mensch der Welt, aber mit der Diagnose und den Therapien haben sich ihre negativen Charaktereigenschaften echt verstärkt.
Ich bin weiter auf Distanz gegangen, ich konnte das. Meinem Vater habe ich mal eine Selbsthilfegruppe empfohlen mit dem Thema "Angehörige Krebserkrankter". Das hat meine Mutter jedoch nicht erlaubt, sie wäre ja schließlich krank - nicht er.
Ich kann dir nur den Tipp mit der Selbsthilfegruppe geben, um den Umgang zu lernen und zu hören, dass das normal sein kann.
Bestimmt lernst du dort auch Tricks im Umgang.
Es gibt auch spezielle Krebsberatungen.

Alles Gute

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Fühl dich mal fest gedrückt.

Such dir bitte Hilfe. Mit hat es während der Krebserkrankung meiner Mutter sehr geholfen, dass ich Gespräche mit der Beraterin der dt. Krebsgesellschaft hatte. Das ging es nur um mich, ich mußte keine Rücksicht nehmen und trotzdem waren ein paar augenöffner dabei.

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Wir hatten Krebsfälle in der Familie und ich habe manche davon mitbekommen.
Es ist nicht die Chemo die die Menschen so verändert sondern diese Angst, die Sorgen...
man fällt jedes Mal wieder in ein ganz tiefes Loch.
Ich denke, dass dein Mann psychologisch betreut werden muss um diese Diagnosen und damit verbundenen Traumata und Ängste die in ihm schlummern zu verarbeiten.
Und nein, du musst NICHT alles hinnehmen und runterschlucken, auch nicht wenn er krank ist.
Es ist auch eine Form von Liebe, seinem Partner einen Therapieplatz zu suchen.
In guten wie in schlechten Zeiten... ihr steckt grade in sehr schlechten. Aber nur gemeinsam gehts da wieder raus. Und sein emotionales "um sich Schlagen" sollte er ablegen und seine Energie lieber in Hoffnung und Kraft sammeln stecken.

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Mein Mann bekommt palliative Chemo bis an sein Lebensende. Ich weiß wie es dir geht. Man ist hilflos denkt man muss es ertragen, aber er und auch du müssen sich Hilfe von außen holen. Bei uns war es zwischenzeitlich sogar soweit das ich ihm gedroht habe das ich ausziehe. Er hat dann einen Physiologen mit ins Boot geholt Wir haben zwei Kinder 10 und 18. Die große hat mittlerweile eine eigene Wohnung. Ich habe auch viel geweint, es ist auch nicht mehr der Mann den ich geheiratet habe, alles hat sich verändert mit einem Schlag. Er hat Angst und ich auch wir wissen nicht was kommt.
ABER TROTZDEM BIST DU NICHT DER FUSSABTRETER.

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Schwierige Situation, aber auch wenn er Krebs hat, würde ich mir an deiner Stelle von deinem Mann nicht alles gefallen lassen. Sag ihm in einem ruhigen Ton, welche Sachen dir nicht gefallen und das du ein Recht hast vernünftig behandelt zu werden. Hier muss du nicht alles schlucken. Hilfreich wäre auch ein
Psychiater mit dem Schwerpunkt Psychoonkologie.

Lg Hinzwife