Schwere Zeiten

Wie geht ihr mit schweren Zeiten, Schicksalsschlägen, Unwägbarkeiten um?
Wie kann man lernen damit zu leben bzw.besser umzugehen, Stichwort Resilienz?
Oder ist einfach irgendwann das Maß für jeden voll und man geht einfach daran kaputt?
In meinem Leben gab es durchaus unbeschwert Zeiten, aber immer nur von kurzer Dauer.
Meine Kindheit in der ehemaligen DDR war unbeschwert, da habe ich schöne Erinnerungen, meine Mutter war zwischen durch sehr krank aber da war ich bei meiner Oma gut aufgehoben.
Als Jugendliche dann Tod der Mutter, mein Vater starb wenige Jahre danach.
Studium mit einigen Schwierigkeiten angeschlossen, danach nur befristete Verträge, und Zeiten der Arbeitslosigkeit.
Mein Ex und ich haben uns trotzdem dazu entschlossen Kinder zu bekommen, beim Dritten ging dann einiges schief und ich habe das fast nicht überlebt und mich auch nicht mehr vollständig erholt.
Unser Sohn war auffällig, Diagnose ADHS, Depression, es folgten Therapien, Suizidversuch, er ist 17 und sagt, dass er sein Leben hasst.
Mein Ex wurde selbst schwer krank, viele KH Aufenthalte, dazu die finanziellen Sorgen, teilweise Hartz 4, nie geschafft uns finanziell abzusichern , oft umgezogen , ich verdiene zu wenig um die Familie zu ernähren.
Dann die Katastrophe, Autounfall, meine kleine Tochter schwer verletzt, sie war damals 3.
Lange Krankenhäuser, Reha etc, Körperliche Beeinträchtigung durch teilweise Lähmung im Bein.
Die schönste Wohnung die wir je hatten, habe ich vor 2 Jahren verloren, Investoren kamen und haben daraus moderne aber unbezahlbare Eigentumswohnungen gemacht.
Ich weiß, vielen geht es schlechter als mir bzw uns aber manchmal frage ich mich ob es auch mal langweilige, ruhige Zeiten geben wird .
Ich bin jetzt 50 und habe bisher noch keine erlebt
Wie komme ich besser damit klar, wenn der der nächste Hammer kommt?

2

Mein Mann und ich hatten als Teenager 3 schwere Schicksalschläge in kurzer Zeit. Zur Erklärung: Wir kennen uns seit der Geburt, sind zusammen aufgewachsen und und haben eigentlich schon zur Familie des anderen gehört.

Uns haben Gebete geholfen, unser Glaube. Wir haben bespürt, dass Gott uns trägt und dadurch konnten wir auch den anderen tragen.
Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht auch mal kurz vor dem Zusammenbruch standen. Das kam auch vor.

Wir haben beide ein optimistisches Temperament.
In der Familie von meinem Mann ist es so dass am Silvester jeder sagt, was das Positivste im vergangenen Jahr war und was er in dem Jahr gelernt hat.

Das hat uns dann auch geholfen, weil wir am Ende (oder mitten in) der Katastrophe etwas Positives daran gefunden haben:
Ich habe gelernt, für Dinge zu kämpfen und zu arbeiten.
Ich habe gelernt, dass ich das genieße, was ich habe und mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren, nicht nur auf die negativen.
Ich habe gelernt, mitzuleiden und ich habe gelernt, wie man mit absoluter Ungewissheit über die Zukunft umgeht.
Ich habe gelernt, auch negative Gefühle zuzulassen, nicht alles zu schlucken, sondern auch mal rauszuschreien. Wir sind manchmal wirklich nach draußen gegangen, in die Natur und haben einfach ganz laut gebrüllt oder geschimpft.
Ich habe auch gelernt, darauf zu vertrauen, dass alles einen Sinn hat. Auch wenn ich glaube, dass ich von manchen Dingen nie den Sinn verstehen werde.

Alles hat seine Zeit ... weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.

1

Die meisten Menschen werden nicht alt ohne früher oder später ein paar schlechte Zeiten zu erleben.

Ich hatte auch schon Schicksalsschläge, auch gefühlt etwas mehr als andere in meinem Umfeld- aber du hast schon ein etwas schwereres Päckchen mitbekommen.

Mir hat mal eine Freundin nach dem schlimmsten Schicksalsschlag gesagt sie wüsste nicht wie ich das ertrage ich wäre so „stark“..aber das ist Unfug. Niemand sucht sich einen Schicksalsschlag aus und es ist nicht „stark“ ihn zu erleben- man hat ja keine Wahl. Man versucht einfach weiter zu leben, und kommt mehr oder weniger unbeschadet davon.

Ich lese nun nicht raus was du meinst falsch zu machen, daher kann ich dir keinen Rat geben. Aber ich wünsche dir das 2021 ein gutes Jahr wird auf das du gerne zurückschaust..#klee

3

Ich habe das Gefühl, ich kann nicht noch mehr verkraften und habe mittlerweile große Angst vor der Zukunft.
Was kommt noch? Woher soll ich die Kraft nehmen, noch mehr Krisen zu bewältigen?

7

ich hab mich nach ein paar üblen dingern total zurückgezogen. ist einfacher zu sagen "ich will gar keinen sehen" und "ich bin gerne alleine" als (sich selber) einzugestehen dass die, die man gerne um sich hätte, sich von einem abgewendet haben, warum auch immer.

und dann kam aber irgendwann dieser drang doch wieder unter leute zu gehen, neue leute kennen zu lernen usw. nur sporadisch und so. und siehe da, wenn man nicht damit rechnen passieren plötzlich ganz komische dinge. plötzlich sind da leute die ähnliches erlebt haben, die damit gar kein problem haben dass du hier oder da eine vielleicht unkonventionelle entscheidung getroffen hast.

die schlimmsten dinger habe ich dann vorsichtshalber verhindert. einen job angenommen, in dem keine kinder stattfinden, oder nur seeehr sporadisch, in einem betrieb wo beziehungen am arbeitsplatz absolut verboten sind, dann tut es nicht so weh dass die eigene eher gescheitert und die kinder erstmal weit weg sind.

und letztlich hat es mir immer geholfen, mit mit dem supergau anzufreunden, der ja dann doch selten eintritt.

weiteren Kommentar laden
4

Wenn es kommt, dann kommt es sowieso.
Sich vorher kirre machen bringt nichts.
So gehe ich mittlerweile damit um.

Dein Sohn ist natürlich ein anderes Kapitel.
Du schreibst zwar, dass er sein Leben hasst, aber nicht warum. Vielleicht magst du dazu noch was schreiben.

Auch wenn es noch so schwer fallen mag, ist es besonders wichtig, dass man sich positive Dinge vor Augen hält.
Besonders dann, wenn man so ein pralles Päckchen wie du zu tragen hat.
Ich wünsche dir alles Gute.

5

Hi,
ich weiß es nicht, ich mache einfach weiter und weiter und weiter..........und merke, ich bin immer weniger belastbarer.

Wir hatten in der Kinderheit nicht viel Geld, aber es hatten im Freundeskreis keiner viel Geld, also war es OK, und es war so.

Was habe ich gespart, als ich in der Ausbildung war, brauchte kein Auto, da ein Firmenbus fuhr und kaufte mein 1. Motorrad. Das 2. 2 Jahre später.

Der langjährige Freund, der ganze Ort trinkt schon gerne, aber bei ihm und der Clique nahm es überhandt.

Anstatt wie ausgemacht an einem Wochenende im August, mit Hilfe von Bruder und Schwester auszuziehen, musste der damalige und ich meine Eltern aus dem Urlaub holen, da mein Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam.

Seitdem............die Eltern erholten sich nie davon. Ein Kind war gestorben, ohne sich verabschieden zu können............

Ich trennte mich von ihm 9 Monate später, zog heim. Der nächste Freund hatte so Angst zusammenzuziehen. Ich fing dann nach 3 Jahren an zu bauen. 3 Monate nach dem Richtfest trennten wir uns, einvernehmlich. Er ist immer noch ein sehr guter Freund der Familie.

9 Monate später, als der Estrich ins Haus lief, suchte ich einen Freund, frisch angemeldet auf 2 Partnerbörsen. Fand auch jemanden. Das der kein Handwerker vor dem Herrn war, OK. Als Speditionskaufmann nicht die Hölle verdient, OK. Das er sich aber auch noch unter Wert verkauft, als er ein Jobangebot bekam.............ich war schwanger, zum heulen.

Ich ging an die Ersparnisse während der Elternzeit, und nach 2 Jahren wieder Teilzeit arbeiten. Mein Mann inzwischen aus der Firma rausgemobbt worden, arbeitslos. Noch 2x befristet eingestellt worden.

Während dem Arbeitslos, wollte ich Vollzeit, ins Büro, bin Industriekauffrau, bekam ich das Angebot 3 Schicht in die Produktion und nie mehr zurück..........dankend abgelehnt.......da wusste ich auch was ich Wert bin, Danke aber auch.........Immer da gewesen, etliche Überstunden, die teilweise gestrichen wurde, da über dem Limit..............alleine in der Firma gesessen, die anderen waren auf dem Neujahrsempfang, ich habe den Jahresabschluss gefahren.

2. Kind, angerufen worden, ob nicht schon nach 11 Monaten Elternzeit kommen könnte. Klar, alles möglich gemacht. Arsch aufgerissen, in 26 Stunden einen 40 Stunden Job gerockt.

Und nach 3 Jahren, fix und fertig, Tochterfirma geschlossen, im Stammwerk 10 Leute entlassen, ich war dabei. War ja nach 2 x Elternzeit wiederkommen, und die Absage damals, 3 Schicht zu arbeiten........das hat die schon gestört. Die Kollegen entsetzt, aber ich wusste genau wie die Firma nach 23 Jahren tickt.

Mein Abfindung musste ich einklagen, da hat sich die Firma noch mal so richtig blamiert. Und dann schreibt man Bewerbung um Bewerbung......................und dann wird man immer befristet eingestellt. Arbeit ist da, aber die Zahlen in der Zentrale haben ja zustimmen. Oder der Steuerberater, sagt der Chefin, das man sparen muss, Elternzeitvertretung usw usw.

Und zwischendurch noch Kinder einschulen, und es klappt nicht mit der Schule, 3 Stunden Hausaufgaben pro Tag. Die Eltern die jeden Tag, jetzt 22 Jahre, auf den Friedhof pilgern. Immer wieder bewerben, immer neuen Narzisstischen Chefs ausgesetzt, immer das Auge aufs Geld. Nicht einfach mal bei der Skifreizeit anmelden, sondern bei den Großeltern so erwähnen, das sie ein Zuschuß geben.

Ohne die finanzielle Unterstützung meiner Eltern, hätte es hier ganz schön alt ausgesehen. Mein Mann ist jetzt zwar seit 8 Jahren unbefristet, aber 53 km einfach, mit keine 2500 Brutto, ist das eine.

Ich arbeite immer entgegengesetzt der Fahrtrichtung, da wir hier mitten im Nirgendwo wohnen. Mit dem Geld was wir hier zur Verfügung haben, hätten wir nichtmal ne 2 Zimmerwohnung bezahlen können. Haus ist abbezahlt, vom Erbe meines Bruders. Außengelände ist noch komplett zu machen. Innen gehört noch der Feinputz ins Treppenhaus, WZ und Elternschlafzimmer inzwischen mal tapeziert.

Was hätte ich so gerne mal ne Esszimmer Garnitur, oder Wohnzimmerschrank der mir gefällt.

Ja wir sind "gesund". Der letzte Arbeitgeber hat mich so fertig gemacht. Das ich ihn aufgeforder habe, mich zu kündigen. Bin seit 1. 8. daheim, und fühle mich seit 2 Wochen erholt.

Alles überfordert mich, selbst zum Arzt zu gehen, dafür habe ich keine Kraft. Telefonate führen, Augenarzt, Zahnarzt, brauche ich 2 Wochen anlauf. Hatte schon Panickattacken und Schwindel, konnte kaum Auto fahren, bzw. bin an den schlimmen Tagen auch nicht gefahren. Baldrian in rauen Dosen.

Ich bräuchte so dringend mal ne Kur, ich geh aufm Zahnfleisch.

Ich weiß nicht wie ich es gemacht habe, fange zum 1.1. einen neuen Job an. Jetzt muss ich SAP lernen. Habe aber anscheinend am Dienstag gefallen, war 5 Stunden Probarbeiten. Aber wieder ne Elternzeitvertretung. Aber dann kann ich SAP. Datev, Lexware, Software von unserer Kreisverwaltung und Remondis, kann ich auch, bzw. abrufen.

Aber nächstes Jahr wieder arbeitssuchend melden. Bewerbungen schreiben, Freudenstrahlend im Vorstellungsgespräch überzeugen..................auf der Heimfahrt Toffifee essen, weil alles so scheiße ist.

GsD verdiene ich jetzt mal Geld, genug mal um was auf die Seite zu legen. Ich habe seit 14 Jahren nichts auf die Seite legen können. Immer wurde was gebraucht, Auto, Reifen, Inspektion, Reparatur vom Auto, Jugendherberge, Gleitsichtbrille mit 9 Dioptrien = 1200 Euro daher Brillen.de.

Was einen nicht umbringt, macht einen nur härter!
Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist!
Nur die harten kommen in den Garten !

Ohne meinen Galgenhumor hätte es noch beschissener ausgesehen. Die Kinder fahren 2x im Jahr zu einer Therapie, haben so die Schulprobleme gut in den Griff bekommen. Aber seit Oktober 2019, 15 Beerdigungen von Familie, Freunde, Lehrer. Auf der Konfirmation dieses Jahr, haben 3 Menschen gefehlt. Es ist Mega anstrengend alles. Aber da müssen wir durch..................

Ich wünsch Dir Alles Alles Gute!

6

„Wie komme ich besser damit klar, wenn der der nächste Hammer kommt?“

Ich kenne dieses Gefühl, dass man Angst vor dem nächsten Schicksalsschlag hat, sehr gut. Alleine deswegen zögere ich, dir hier einen „Rat“ zu geben. Kann gut sein, dass ich ihn mir bald selbst wieder zu Herzen nehmen muss. Nun gut, ich wage es trotzdem.

Mir hilft bei aller Sorge und Angst immer der Gedanke, dass ich auch das überstehen werde. Irgendwie geht es immer weiter. Selbst wenn ich mal vor lauter Schicksalsschlägen in der geschlossenen landen sollte und den Rest meines Lebens da vor mich hin vegetieren muss, wird das auch irgendwann vorbei sein: entweder durch Genesung oder durch meinen Tod. Und hier kommt der Knackpunkt:

Für mich bedeutet der Tod nicht das Ende. Ich glaube, dass auf alle, die an Jesus Christus glauben und auf ihn hoffen, ewiges Leben in Fülle wartet. Dadurch weiß ich auch: mein kurzes Leben hier ist nur ein Bruchteil dessen, was mich noch Schönes erwartet. Deshalb ist es auch nicht so tragisch, wenn dieses Leben hauptsächlich aus Schicksalsschlägen besteht, wenn ich keine wirklich guten Zeiten hatte (was ich aber hatte!), wenn ich kaum Liebe, Anerkennung oder Ehre bekommen habe, wenn ich sonst irgendwie zu kurz gekommen bin. Das alles ist völlig egal, wenn man diese 70-80 Jahre in Relation dazu sieht, was mich in meiner Hoffnung Schönes nach diesem Leben erwartet.

Diese Gedanken trösten mich tatsächlich, wenn sich Katastrophe an Katastrophe reiht. Auch wenn ich von anderen Menschen missverstanden werde, verleumdet, nicht wertgeschätzt.. wenn ich mir wieder bewusst mache, dass es jemanden gibt, der mich sieht wie ich wirklich bin und, ganz wichtig, der mich bedingungslos liebt. Das wiegt alles auf.

Falls du weitere Geschichten hören willst, was Menschen Hoffnung gibt, kann ich dir wärmstens den Kanal „ERF MenschGott“ bei YouTube empfehlen. Das sind kurze, recht simpel gehaltene Interviews, wo Menschen auch von ihren (teils schweren) Schicksalsschlägen berichten und erzählen, wie sie wieder Hoffnung, Mut und Perspektive bekommen haben. Mich bauen diese Geschichten häufig total auf und damit bin ich bei der hohen Abonnentenzahl scheinbar nicht alleine.

Alles Liebe dir!

8

Na ja, das Leben geht weiter, da kann ich nicht stehen bleiben.
Wir sind viel zur Seelsorge gegangen, bis heute, wie wir es brauchen. Wir halten uns auch die Option zur Therapie offen.
Wenn es finanziell knapp für euch ist, ist Seelsorge wahrscheinlich eine gute Option für euch.

Mir hilft, was schon andere geschrieben haben: Mein Glaube. Um es mal mit Paulus auszudrücken: Ich glaube, dass das Leiden aus dieser Welt kaum ein Gewicht haben wird, im Vergleich zur Herrlichkeit Gottes, die uns erwartet.
Und ich vertraue darauf, dass Gott einen Plan für unsere Zukunft hat. Ich glaube, dass er etwas Gutes im Sinn hat.
Und ich glaube auch, dass er alle Tränen sieht, die ich geweint habe und dass es ihm nicht egal ist. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass er mit mir leidet. Und ich glaube auch, dass er mir zuhört und mich ernst nimmt, wenn ich ihn anklage.
Das ist ein riesiger Trost für mich!

Für den Moment versuche ich, zu genießen. Das gelingt mir nicht immer. Natürlich nicht. Aber ich bemühe mich.
Mein Mann und ich unterstützen uns gegenseitig. Wir brauchen einander. Ich glaube, man braucht immer einen anderen Menschen, vor dem man seine Gefühle ohne Scham aussprechen kann.

10

Guten Morgen

Meine Kindheit war geprägt von Misshandlung, vielen Aufenthalten in kinderpsychiatrien und viel zeit in Krankenhäusern, da mein großer Bruder schwerkrank war. Ich habe sehr gelitten und immer gehofft, irgendwann fällt mal auf, das ich eigentlich woanders hingehöre, das ich bei der Geburt vertauscht wurde oder sowas, Hauptsache weg. Aber es passierte nichts. Und mit 15 wollte ich einfach nur noch sterben, ich war komplett zerbrochen.

Das ich weiterlebte, habe ich meiner besten Freundin zu verdanken. Genau zu der Zeit lernte ich sie kennen und ab da verbrachte ich so viel Zeit wie nur möglich mit ihr! Das Leben wurde schöner, heller. Und als ich mit 18 vom stiefvater rauamsgeschmissen wurde, war ich erst verzweifelt. Aber das Leben ging dann endlich Berg auf.

Einige Jahre später machte ich eine Therapie, um meine Kindheit zu verarbeiten. Leider starb in der Zeit mein großer Bruder. Für mich der schlimmste Tag in meinem Leben. Alles Leid, was ich in meiner Kindheit erfahren habe, war plötzlich so klein. Mein Bruder war für immer fort und mit ihm starb ein Teil von mir.
Ich bin froh, das ich schon vorher durch meine schlechten Erfahrungen wusste, das ich jedes kleine Glück genießen sollte. Und immer zugreifen sollte. Ich habe nicht eine Sache ausgelassen, die sich anbot, um mit meinem Bruder Zeit zu erbringen, schöne Erinnerungen zu sammeln. Wir haben dafür auch mal eine Nacht am Bahnhof von Köln verbracht, weil zuvor ein Konzert statt fand. Und dafür bin ich mit dem Zug acht Stunden durch Deutschland getingelt. Das war z.b. echt ein anstrengendes Erlebnis, aber ich bin so froh, es gemacht zu haben!
Ich habe mir viele Beine für ihn ausgerissen, habe zurückgesteckt. Ich wusste, das der Tag kommen wird, das er nicht mehr sein wird... Und der Tag kam vor fast fünf Jahren im Februar.

Es war so hart... Und ich dachte, das Leben kann kaum schlimmer werden, als jemanden zu verlieren, der wie ein Teil von dir ist. Vllt sollte mich die ganze sch***e in der Kindheit darauf vorbereiten... Ich weiß es nicht. Ich leide noch immer unter seinem Tod. Ich kann bestimmte Dinge an Musik und Film nicht hören/schauen, ohne zu weinen. Manchmal habe ich, wie zu seinen Lebzeiten, diese eingebung, ich sollte ihn mal eben anrufen - und dann realisiere ich im nächsten Moment, dass es ja nicht mehr geht. Das schmerzt. Wieder und wieder.

Nach seinem Tod habe ich meine Ausbildung beendet, geheiratet, Kinder bekommen. Ich war überrascht, wie viel an Glück mir einfach zugespielt wurde. Nicht viel Geld für die Hochzeit - da schenkte mir jemand sein Brautkleid, weil sie es nach der Scheidung nur loswerden wollte - und es war extrem teuer gewesen, ein Schmuckstück!
Dann wollten wir unser erstes Kind bekommen... Ich wurde sofort schwanger. Wir planten dicht dahinter Nummer 2. Und es kam auch direkt. Und so spielte sich eine Sache nach der anderen zu uns.

Gerade wurde ich frisch gekündigt, der Arbeitsplatz war nicht gerade Bombe. Und zack, tut sich die perfekte wunschstelle auf! Nun muss ich auf antwort warten.

Ich habe gelernt, von klein auf, das es schon morgen vorbei sein kann mit meinem Leben. Oder das große Probleme über mich hereinbrechen. Ich genieße jeden kleinen Moment, ich freue mich über jede kleine Sache - ich habe ja bereits erfahren, wie grausam das Leben zu mir sein kann!
Und ich habe immer vor Augen: ICH lebe noch! Mein Bruder ist tot, er kann alles nicht mehr erleben!!! Er hätte gerne ein Leben mit normalen Problemen gehabt, in diesen Genuss kam er nie. Er hat die Hälfte seines Lebens im Krankenhaus verbracht, hat Medikamente ohne Ende fressen müssen, hatte so unglaublich viele Schmerzen... Und dennoch sagte er einmal zu mir während meiner tiefen Depression: wenn es mir so schlecht geht, denke ich an all die anderen Menschen da draußen, denen es noch viel viel schlechter geht, als mir - die kein Dach über dem Kopf haben, die nichts zu essen haben, nicht wissen, wo sie den nächsten Tag hin sollen.

Es kann jeden Tag mit uns vorbei sein - und es gibt immer jemanden, dem es noch viel schlechter geht, als dir selbst. Das Leben ist hart. Aber du bist hier! Und du hast die Chance, etwas daraus zu machen. Genieße jedes kleine Glück - hinter der nächsten Ecke könnte der nächste Stein im Weg liegen, der dich stolpern lässt.