Könntet ihr eurem bruder verzeihen??

Hallo,
es geht um meinen bruder, er hat vor eieinhalb jahren eine schwere tat begangen im psychotischen wahn (psychotischer schub)- er hat schizophrenie. Seitdem lebt er in der forensik für unbestimmte zeit da er für schuldunfähig erklärt wurde. Ich habe seitdem kein kontakt zu ihm auch nie mit ihm dort telefoniert oder so obwohl wir zuvor eigentlich guten und regelmäßigen kontakt hatten. Auch zu meinen kinder hatte er ein gutes verhältnis.
Meine eltern und mein anderer bruder hatten gleich nach ein paar wochen mit ihm telefoniert. Meine mutter war damals leider schwer krebs krank und ist 6 monate nach der tat gestorben. Eines ihrer letzten wünsche war, das ich mal meinen bruder anrufe und ihn nicht fallen lasse. Leider hab ich es bis heute nicht geschafft. Er hat bald geburtstag und ich bin am überlegen ob ich den tag nutzen soll um ihn anzurufen. Es kostet mich SEHR überwindung denn die tat war sehr schwerwiegend und das meine arme mutter dies noch mit ins grab nehmen musste finde ich auch sehr schlimm zumal sie um ihr leben zu der zeit gekämpft hat!! Anderer seits ist mein bruder krank und hat nicht im "normalen" zustand gehandelt. Vielen dank fürs lesen und sorry das es so lang wurde.

Lg

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Hallo!
Deine Emotionen sind, wie sie sind. Aber kognitiv musst du dir Folgendes klar machen (das sage ich als Juristin, die lange in der Schwurgerichtskammer gesessen hat): Schuldunfähigkeit wird wirklich ganz ganz selten festgestellt, verminderte Schuldfähigkeit viel öfter. Wenn wirklich Schuldunfähigkeit festgestellt worden ist, dann kann ihm keinerlei Vorwurf gemacht werden. Deinen Bruder trifft an der Tat genau so viel Schuld, als wäre sie von einem Baby begangen worden. Und wenn er die Medikamente nicht genommen hat, weil es an der Krankheitseinsicht fehlte, so mache dir klar, dass die fehlende Krankheitseinsicht Folge der Krankheit selbst ist.
Liebe Grüße

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Logisch erklärt, aber gerade weil die Krankheitseinsicht fehlt und sie oft genug ihre Medikamente nicht nehmen, hätte ich echt Angst vor einem solchen Menschen, die dann vollkommen austicken können.
Letztes Jahr erst wurde in unserem Kreis eine Betreuerin einer Behindertenwerkstatt erschlagen, auch von einem Patienten ohne Krankheitseinsicht.
Auf alle Fälle würde ich ihn nicht alleine besuchen und nur mit der Sicherheit, dass die Medikamente genommen werden.
Klingt jetzt vielleicht herzlos, aber wir haben in der Stadt auch eine Große Strafkammer, da kriegt man einiges mit.
LG Moni

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Er sitzt doch aber in der Forensik auf unbestimmte Zeit. Da wird er nie mit Besuch alleine sein🙂

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Ohne zu wissen, was er getan hat: Was ist seine Schuld? Kann er etwas dafür, im Wahn gehandelt zu haben? Hat er versäumt, seine Medikamente zu nehmen?

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Ja, er hatte leider keine krankheitseinsicht und hatte einen kompletten realitätsverlust.

Medikamente hatte er ein halbes jahr zuvor ausgeschlichen auf eigene faust.

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Dann google doch mal den Beipackzettel oder frage mal in einem Forum von Betroffenen nach wie sich diese Medikamente anfühlen!

Ich nehme selber keine Psychopharmaka, aber ab und an ein starkes Migränemedikament und das nehme ich nur wenn es anders nicht geht denn die Nebenwirkungen können echt ekelig sein.

Ich habe auch damals auf die Wehenhemmer Nebenwirkungen gehabt, ich hatte so Schüttelfrost dass ich nicht einmal mehr selbständig aus einem Glas trinken konnte.

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Ich würde niemals eine Person die mir nahesteht (Verwandte, Freunde) fallen lassen, weil sie auf Grund einer nicht selbst verschuldeten Tatsache (in diesem Fall Krankheit) Mist gebaut haben.
Solch eine Person ist schon gestraft genug und wenn ich durch meinen Beistand oder bedingungslose Liebe helfen kann, dann kann man auf mich zählen. Das ist aus meiner Sicht auch das einzig richtige was man für eine positive Zukunft machen kann.

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Das sehe ich auch so. Dass er die Tat begehen konnte, nachdem er die medikamentöse Behandlung eigenhändig beendet hat, spricht dafür, dass in der vorherigen Diagnostik einiges falsch gelaufen ist und er ggf. früher eine Betreuung gebraucht hätte.
Aber im Prinzip ist er (wahrscheinlich genauso wie das Opfer) einfach eine arme Wurst. :-(

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Ja, da ist leider im vorfeld viel schief gelaufen.

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Ich sehe in der Tat, was auch immer es war, seine Schuld, weil er die Medikamente nicht genommen hat und keine krankheitseinsicht hatte. Man kann nicht alles auf eine Krankheit schieben. Als er sich entschieden hat, die Medikamente nicht mehr zu nehmen, hat er sie ja noch genommen und hätte anders entscheiden müssen. Ist er jetzt einsichtig und lässt sich freiwillig behandeln? Hat er sich denn bei dir gemeldet und sich entschuldigt? Wenn nicht, würde ich ihm auch nicht verzeihen. Nur weil jemand zufällig die selben Eltern hat kann er sich nicht alles erlauben.

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Ja, er ist jetzt einsichtig und lässt sich behandeln- muss er auch, da wird er jetzt eh nicht mehr gefragt. Er hat sich nicht bei mir gemedet- ich denke die scharm ist zu groß. Er hat mir zwar letztes jahr geburtstagsgrüße ausrichten lassen über meine oma aber mehr nicht.

Lg

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"Ich sehe in der Tat, was auch immer es war, seine Schuld, weil er die Medikamente nicht genommen hat und keine krankheitseinsicht hatte."

Das ist aber leider falsch. Ich kann verstehen, dass man so denkt, aber wie schon mehrmals beschrieben wurde ist die fehlende Kranheitseinsicht ebenso ein Symptom der Erkrankung. Für die Erkrankten sind die Gedanken real.
Und ich glaube, keiner, der das nicht selbst jemals erlebt hat, kann das auch nur annähernd verstehen.

An die TE: Du hast ja geschrieben, dass du auf Wartelisten bei Psychotherapeuten stehst und das finde ich auch gut so. Das, was deinem Bruder passiert ist plus das, was dann mit deiner Mama geschah ist wahnsinnig hart und belastend und muss unbedingt von Grund auf verarbeitet werden. Und wenn du Zweifel hast, ob du dich bei deinem Bruder melden sollst, dann würde ich es tatsächlich auch so lange dabei belassen. Ja, es war der Wunsch deiner Mama, aber das allein sollte nicht wichtiger sein als dein eigenes Wohlbefinden. Ich bin mir sicher, dass auch deine Mama das so nicht wollen würde.

Ich wünsche dir aber auf jeden Fall von Herzen alles Gute für die Zukunft und viel, viel Kraft beim Verarbeiten dieser Schicksale. Du schaffst das! Und wer weiß, vllt. werden die Zweifel mit der Zeit weniger und du kannst irgendwann wieder Kontakt zu deinem Bruder aufnehmen.

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Wenn er damals richtig eingestellt und betreut gewesen wäre, dann glaube ich nicht, dass er einfach so die Medikamenten eigenhändig abgesetzt hätte.

Ich finde es auch, ganz ehrlich, nicht fair von dir, in einem Forum zu fragen, wie wir handeln würden oä, wir wissen nicht mal, was passiert ist, müssen wir auch nicht, das musst du mir dir ausmachen und nicht durch fremde Meinungen.

Aber man sieht doch schon an den Reaktionen hier, das die meisten GAR NICHT wissen, was Schizophrenie bedeutet.
Diese stumpfen und trockenen Beschreibungen im Internet helfen rein gar nichts...
Dieses lapidare, er hat die Tabletten nicht genommen, ist super leicht gesagt.
Diese Personen durchleiden wortwörtlich die Hölle.
Keiner und das meine ich auch so (!), wirklich keiner, kann sich auch nur im geringsten vorstellen, welche Qualen sie durchleiden, ständig in diesem Wahn zu sein, stimmen zu hören, die nicht da sind, Sachen zu sehen, die nicht da sind etc und wenige Augenblicke oder Tage später zu realisieren, dass sie wieder einen Schub hatten und sogar evtl etwas Schlimmes begangen haben und bevor sie sich wieder professionell helfen lassen können, wieder einen Schub durchleiden und die netten Stimmen sagen, es sei doch alles in Ordnung etc.
Diese Menschen sind krank, wirklich krank, das muss man wissen.
Wenn du "nur" die Tat in Augen hast, dann ist das so, aber es tut mir wirklich leid für deinen Bruder, weil sich durch die Krankheit jemand abwendet, was on top auf die sowieso gravierenden Probleme draufkommt.
Ich habe viele Patienten betreut, viele haben sogar versucht, sich das Leben zu nehmen, weil sie mit dieser Last nicht mehr umgehen konnten.
Deswegen so blöd zu schreiben, dass er Schuld ist oä, finde ich persönlich abolsut nicht in Ordnung.

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Auch wenn die Menschen völlig krank sind und leiden und nichts für ihre Krankheit können, hat jeder Angehörige das Recht auf sein eigenes glückliches Leben ohne sich freiwillig zum Opfer des kranken zu machen. Ja, der kranke leidet, aber muss deswegen die ganze Familie mitleiden? Ich sage ganz klar NEIN! Jeder hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes und glückliches Leben und muss sich nicht mit den Problemen anderer belasten auch wenn sie zufällig dem selben Uterus entspringen. Und das hat auch nichts mit Egoismus zu tun. Egoistisch ist wenn erwartet wird dass sich die Schwester bei ihm meldet obwohl sie es nicht möchte und es ihr nicht gut tut.

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Ich sagte auch mit keinem Wort, dass sie sich um ihn kümmern muss, weil er zur Familie gehört und das man kein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat, sobald jemand in der Familie krank ist, habe nur erwähnt, dass es bei ihm aber dann eben on top draukommt.

Mir ging es hauptsächlich um diese Pauschalisierungen und das die meisten gar keine Ahnung haben, wie schlimm diese Erkrankung überhaupt ist.

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Hallo Ratlosss,

zunächst mal finde ich die Antwort von 6543 sehr gut, weil sachlich und fachlich fundiert.

Meinungen sind immer schwierig, weil letztlich niemand in deinen Schuhen geht. Würde ich niemals oder würde ich immer - naja, ich glaube ehrlich, da kann keiner sich seiner selbst so sicher sein.

Ob du dich deinem Bruder wieder nähern willst, kannst nur du entscheiden. Wie auch immer du entscheidest - es ist in Ordnung. Vielleicht steckst du auch noch sehr in der Trauerarbeit um den Verlust deiner Mutter. Wenn ich dich richtig verstehe wollte sie, dass du deinem kranken Bruder zur Seite stehst, zugleich empfindest du, dass er deine Mutter schwer belastet hat. Möglicherweise würde es dir helfen, wenn du für dich selbst mal Beratung oder Gesprächstherapie in Anspruch nimmst, einfach um zu sortieren.
Kontakt zu deinem Bruder zu suchen, wenn sich doch alles in dir sträubt tut dir nicht gut und ihm auch nicht. Verzeihen heißt nicht ignorieren, was war. Du mußt damit Leben lernen, mit Kontakt oder ohne, aber du darfst auf dich schauen und den für dich richtigen Weg finden.
Ich wünsche dir von Herzen viel Kraft und mag dir eine Umarmung schicken, wenn du magst!

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Danke, für die nette antwort. Das stimmt.... das mit meiner mutter ist auch noch nicht verarbeitet.

Lg

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Muss man denn verzeihen?

Zwischen verzeihen und nicht mehr hassen gibt es große Unterschiede.
Manchmal ist es nicht eindeutig.

Man kann verzeihen (was war) und trotzdem Angst vor jemandem haben.
Man kann auch nicht verzeihen und trotzdem irgendwie Umgang mit jemandem haben.

Hast du selbst auch therapeutische Unterstützung?
Jemanden, der dich begleitet? Der dich nicht in die Ecke drängt, sondern deine Gefühle ernst nimmt. Mit dir herausfindet, was dir gut tut. Was du zulassen kannst und was nicht?

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Ich bin auf der warteliste bei therapeuten. Angst hätte ich glaube ich nicht vor ihm..... mit ihm kontakt haben fällt mir einfach schwer weil es mich vermutlich immer wieder zurück wirft und an die schlimme zeit erinnert.

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Dann hab keinen Kontakt wenn es dir nicht gut tut. Er ist doch jetzt schon schuld an deiner Lage. Seine psychische Krankheit ist schuld daran dass es DIR psychisch schlecht geht. Den Schuh musst Du Dir wirklich nicht anziehen. Tu das was DIR gut tut und nicht was andere von Dir verlangen.

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Ja ich würde ihn anrufen. Nicht um seines Willen, sondern um den letzten Wunsch deiner Mama zu erfüllen.

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Es kommt darauf an was er angestellt hat. Wenn es um eine Vergewaltigung geht, dann ist es mir völlig egal ob er krank ist oder mein Bruder oder eben meine Schwester ist. DAS würde ich nie verzeihen.