Schlechtes Gewissen gegenüber Kind

Hallo,

ich hab oft ein richtig schlechtes Gewissen. Mein Mann behauptet immer, das sei unnötiges Drama oder ich würde das sagen, um Komplimente zu bekommen. Er kann es auf jeden Fall nicht nachvollziehen.

Es lässt sich aber einfach nicht abschalten. Wenn unsere Tochter sich alleine beschäftigen muss, oder wenn sie weint und ich es nicht schaffe, sie schnell zu beruhigen, oder wenn sie mitbekommt, wie wir streiten, fühle ich mich immer sehr schlecht.

Und dann gab es neulich einen Vorfall, der alles noch viel mehr verstärkt hat. Sie hatte einen kleinen Unfall, weil ich nicht schnell genug reagiert habe, und musste im Krankenhaus genäht werden. Seitdem geht das schlechte Gewissen gar nicht mehr weg. Es ist ganz schlimm.

Als ich einer Freundin davon erzählt habe, meinte sie, es gehört zum Muttersein dazu, ein schlechtes Gewissen zu haben. Stimmt das? Geht es euch auch so?

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Was soll ich sagen? Es gehört definitiv dazu, dass eine Mutter/ein Vater ein schlechtes Gewissen hat, weil sie/er das Kind nicht genug beschützen konnte. Das ist eine Form von unserer Liebe gegenüber unseren Kindern. Und das ist gut so. Denn so sind wir gewappnet für das nächste Mal.
Aber: es ist definitiv nicht normal, das schlechte Gewissen immer und immer wieder zu haben. Gerade in unserer modernen Zeit, wo wir jederzeit im Internet lesen können, wie "richtige" Elternschaft zu sein hat, ist es sehr schwierig, gerade zu unmöglich, diesen Werten und Erwartungen zu genügen.

- Im Internet steht:"niemals vor den Kindern streiten." Im realen Leben ist es aber manchmal gar nicht anders möglich. Und auch das ist gut so. Wer will denn schon ein vorgeheucheltes Leben vorgelebt haben?? Die Kinder dürfen ruhig wissen, dass Mama und Papa nicht immer einer Meinung sind und in diesem Kontext können sie gerade auch lernen, wie man richtig (sprich respekt-und niveauvoll) streitet.
- Im Internet steht:" Kinder niemals bestrafen". Wie soll das denn im realen Leben funktionieren und wie sollen die Kinder bitteschön lernen, dass Konsequenzen, die weh tun, zum Leben dazugehören? Stichwort "Geldbussen" "Gefängnis" "Kündigung" "Trennung" "Strafaufgaben"(Strafaufgaben: wenn man das heutzutage überhaupt noch macht..).

-heutzutage muss man als Eltern auch bei einem tödlichen Unfall damit rechnen, angeklagt zu werden. Habe ich selbst vor einigen Jahren erlebt. Tödlicher Unfall, Eltern wurden angeklagt. Als ob der Verlust ihres eigenen Kindes nicht schon schlimm genug wäre. Es war ein Unfall. Unfälle passieren sooo soo, so verd*** schnell. Aber heutzutage darf man das nicht mehr sagen. Es gibt fast immer jemand, der dir "Vernachlässigung der Aufsichtspflicht" oder so etwas vorwirft. Also hat man ein schlechtes Gewissen, wenn das Kind sich den Arm gebrochen hat, nur weil man mal dem Schmetterling zugeschaut hat,statt dem Kind... jemand könnte ja sagen, dass man eine schlechte Mutter ist und das Kind leiden lässt... (vielleicht etwas überspitzt gesagt und doch ist es wahr...)

Frage dich, warum du genau ein schlechtes Gewissen hast. Du als Mutter bist auch einfach nur ein Mensch, der weder alles voraussieht noch alles verhindern kann. Hättest du ein schlechtes Gewissen, wenn du zb nicht bei Urbia mitlesen würdest und dir somit nicht tagtäglich vorgegeben würde, was "gut" und "schlecht", "richtig"und "falsch" wäre? Warum denkst du, dass es deinem Kind schlecht geht, wenn es sich selbst beschäftigt? Dein Kind wird auch keine psychischen Schäden davontragen, wenn es mal einige Minuten schreit... aber du wirst die Folgen von deinem selbstgemachten Stress merken!! Ich spreche leider aus Erfahrung.... bis ich bemerkt habe, dass ich all diesen unrealistischen, sogar ungesunden Werte der Internetcommunity und x Ratgebern Folge leisten wollte und somit unserer eigenen Familienkultur und Werte im Wege stand.

Es gehört zum Muttersein dazu, sein Bestes für die Kinder zu geben. Sie bedingungslos zu lieben und immer für sie da zu sein. Aber ein schlechtes Gewissen zu haben, weil man in realen Situationen menschlich reagiert, ist nicht normal. Ist nicht gut. Und genau da solltest du ansetzen.

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Danke, da sprichst du einige gute Sachen an. Es stimmt schon, dass einiges meine Ansprüche an mich selbst prägt. Durch (unbewusste) Vergleich habe ich dann manchmal das Gefühl, dass andere es besser hinbekommen oder ihnen das nicht passiert wäre.

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Das ist doch mal ein gelungener, realistischer Beitrag! Man täte gut daran die ganzen Elternratgeber zu verbrennen,anstatt Eltern damit zu verunsichern.

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Hallo liebes
Ich kann dich wirklich sehr gut verstehen. Ich bin auch so gestrickt. Ständig schlechtes Gewissen. 🤷🏼‍♀️ ich kann es nicht ändern. Ich habe zwei Kinder und bei der grossen war und isr es deutlich stärker. Beim kleinen bin ich entspannter. Er macht mir irgendwie den Eindruck, dass er stärker ist und ich bei vielen Dingen kein schlechtes Gewissen haben muss.

Ich sg mir immer wieder, dass ich eine gute mama bin. Das bist su bestimmt auch. Sonst hättest du nicht solche Gedanken. Selbstvertrauen als mama ist wichtig.

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Danke für deine liebe Antwort.

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Hallo
Auch wenn du was anderes hören möchtest, ich gebe deinem Mann recht.

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Liebe TE,

schlechtes Gewissen kann man durchaus mal haben, aber bitte nicht als Dauereinrichtung. Das würde ganz schnell ans Selbstwertgefühl gehen. Das man mal ein schlechtes Gewissen hat gehört eben halt zum Leben.

Es gab mal eine Zeit, ja da hatte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen großen Sohn. Sein jüngerer Bruder ist mehrfachbehindert durch Autismus und einer leichten geistigen Behinderung. Da fragte ich mich doch häufiger mal, werde ich meinem Großen gerecht und bekommt er genügend Aufmerksamkeit. Besonders wenn ich mal wieder unterwegs war mit unserem Jüngsten wegen Therapien, Ärzten und eben mich nicht so um ihn kümmern konnte. Zu dieser Zeit ging mein Großer in die Grundschule bzw. Anfang weiterführende Schule und brauchte auch meine Hilfe. Da kam ich mir teilweise zweigeteilt vor. Mein Mann meinte, komm ich unterstütze dich einfach mehr. Nahm mir wenn er Zeit hatte viel ab. Unternahm mit dem Großen etwas oder fuhr sogar 14 Tage mit dem Jüngste in Urlaub, damit ich Zeit hatte mich ausschließlich um den Großen zu kümmern.

Aber man lernt damit umzugehen, dass es nicht zur Dauereinrichtung wird. Damit ist nämlich keinem geholfen. Weder mir noch meinen Großen bzw. dem Rest der Familie.

Aber ich gebe deinem Mann teilweise Recht, man muss nicht aus allen Sachen ein Drama machen. Und das mit dem Unfall, ja da kann ich dich voll verstehen.

LG Hinzwife

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Das kann ich in Teilen nachempfinden und in einem gewissen Rahmen ist ein schlechtes Gewissen bestimmt normal.

Manchmal habe ich ein sehr irrationales schlechtes Gewissen - wegen Erkrankungen, die unser Kind hat, worauf ich keinen Einfluss habe. Auch wenn ich weiß, dass mich keine Schuld trifft, habe ich deswegen manchmal Schuldgefühle.

Er ist zwei Jahre alt und hat keine sozialen Kontakte. Er darf nicht mit anderen Kindern spielen, Trotzdem beschäftigen wir uns nicht 24/7 mit ihm. Das würde gar nicht funktionieren. Und obwohl ich rein rational weiß, dass es ok ist, habe ich deswegen manchmal Schuldgefühle.

Was dagegen hilft: Etwas Schönes mit dem Kind machen. Wenn ich das Gefühl habe, mich nicht genug mit ihm zu beschäftigen, nehme ich mir eine halbe Stunde oder Stunde, in der ich alles andere liegen lasse und in der wir irgendwas machen, was er liebt. Wenn er sich danach wieder alleine beschäftigen soll oder ich nebenbei etwas anderes mache, hab ich dann auch kein schlechtes Gewissen mehr.

Du schreibst, dass das schlechte Gewissen nach dem Unfall gar nicht mehr weggeht. Das ist nicht gesund. Vielleicht fallen dir Strategien ein, die dir helfen, besser damit umzugehen (zB. so wie oben beschrieben Quality Time, rausgehen wirkt sich oft positiv auf die eigene Stimmung aus, Konzentration auf das Positive)?

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Danke. Das mit der Quality Time ist eine gute Idee. Dann kann ich es auch irgendwie besser vor mir rechtfertigen, wenn ich sie danach mal nicht bespaße, während ich das Bad putze oder so.

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Hallo, mein Sohn ist heute 20 Jahre alt. Und auch heute habe ich noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich an Dinge denke, die damals passiert sind. Wenn ich ihm das dann heute erzähle, und ihm sage, dass ich da ein total schlechtes Gewissen heute noch habe, guckt er mich an und fragt, was ich überhaupt will. Er kann sich an vieles gar nicht erinnern oder er hat das nicht als so schlimm empfunden….

Trotzdem ist das schlechte Gewissen da, wie schon jemand schrieb: selbstgemachte Leid und unnötig. Aber es ist eben auch eine Typfrage.

Ich mache es mir dadurch einfacher, dass ich mir sage: Auch ich bin nur ein Mensch mit all meinen Fehlern, Schwächen, falschen Entscheidungen usw.
Wir tun alle unser Bestes, dass es den Kindern gut geht und sie müssen auch lernen, dass das Leben nicht nur rosig ist.

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Ich glaube das haben viele Mütter. Mein Partner kann es auch nicht nachvollziehen. Ich hab ein schlechtes Gewissen wenn ich meinen Kaffee trinke und meine kleine weint. Er trinkt weiter ruhig seinen Kaffee. Für mich ist das schlimm, meistens stell ich dann den Kaffee weg und geh zur kleinen. Obwohl ich selber ja auch weiß sie quengelt nur und hat mittlerweile gelernt, dass Mama dann gleich gerannt kommt. Ich kann es schwer abstellen. Aber ich glaube es ist eigentlich total wichtig daran zu arbeiten. Denn die kleinen spüren das.. und es kann nicht gut sein, zu wissen: Mama hat dauernd Schuldgefühle wegen mir.
Ich gehe zur Therapie und rede oft darüber. Versuche Dinge zu ändern. Hoffe es wird irgendwann nicht mehr so sein :)

Manchmal denke ich auch, dass es Erziehungssache ist. Ich musste immer Mama glücklich machen sonst war die Hölle los. Wenn meine Mutter traurig war musste ich sie zum lachen bringen. Wenn mein Vater einen schlechten Tag hatte, schickte meine Mutter mich ihn aufheitern. Ich war also immer für die Gefühle von anderen zuständig und das kann man dann auch nicht so einfach ablegen. Ist doch klar, dass es mir dann schlecht geht wenn meine kleine weint und ich das Gefühl habe ich muss da jetzt was dran ändern.