Toxische Freundschaft oder normales Verhalten bei PTBS?

Hallo in die Runde,
Ich schreibe hier heute, da ich mir so unsicher bin, wie ich das Verhalten meiner guten Freundin werten und verstehen soll. Ist jetzt recht lang geworden. Ich fühle mich immer mehr hin- und hergerissen zwischen Mitleid haben, ihr helfen wollen aber auch „müde“ zu werden ob ihrer nicht enden wollenden Probleme und die Art, wie sie damit umgeht.

Dazu muss ich sagen, dass sie an PTBS aufgrund Missbrauchs im Kindesalter leidet und ich vermute, sie ist auch latent depressiv (wie ihre Mutter, die seit Ewigkeiten Medikamente dagegen nimmt).

Das alles ist sehr schlimm und ich kann mich nicht wirklich in sie hineinversetzen, da mir Ähnliches zum Glück nie widerfahren ist. Trotzdem haben wir seit über zehn Jahren ein sehr enges Verhältnis und sprechen teilweise mehrmals täglich miteinander (WhatsApp und ab und an Treffen). Haben auch Kinder im selben Alter.

Ich hadere nun damit, dass mir immer mehr auffällt, dass sie sich im Grunde fast nie für mich freuen kann (möchte?), wenn ich ihr etwas Positives erzähle. Es kommt sofort ein „ja DAS hätte/könnte/würde ich auch gerne, aber ist ja aus XYZ Gründen nicht möglich“ oder sie macht einen etwas abwertenden Kommentar. Ich habe tatsächlich angefangen, ihr gewisse Dinge nicht mehr zu erzählen, einfach weil ich keine Lust mehr auf negative Kommentare habe.

Im Grunde gibt sie mir das Gefühl, mich fast dafür entschuldigen zu müssen, dass es mir „besser“ geht als ihr. Sie hängt auch irgendwie in dieser Opferrolle drin, wobei sie seit Jahren Therapie macht und es ihr mal besser, mal schlechter geht. Mit ihrem Partner läuft es sehr mäßig und sie ist sehr genervt von ihren Stiefkindern, aber ich denke mir öfter, dass sie ihn schon mit Kindern kennengelernt hatte und manchmal „vergisst“, dass sie durchaus eine ganz andere Wahl gehabt hätte. Auch hatte er von Anfang an sehr wenig Geld und muss noch Unterhalt zahlen.

Sie kann aber auch super reflektiert und offen sein und wir haben teilweise intensive und interessante Gespräche.

In den letzten Wochen haben wir nun wesentlich weniger Kontakt als vorher, da ich nicht da war ich und bei ihr noch mehr schlecht läuft als sonst (Beziehung schwierig, Kind schwierig, viel Ärger mit Patchwork und Stiefkindern, zu viel Arbeit, wenig Geld weil Partner kaum verdient usw).
Ich weiß nicht, ob ich da vielleicht auf einem hohen Ross oder einfach in einer anderen Welt sitze, bei uns ist alles ganz anders.

Sie sagt zwar einerseits, dass sie mich und meine Art erfrischend findet und sie das aus ihren negativen Gedanken holt, aber andererseits vergleicht sie uns ständig und lässt mich dann wissen, wie schlecht es ihr geht und mir nicht. Sie meinte sogar mal, dass sie immer froh darüber ist zu hören, wenn mal was schlecht läuft bei mir, weil sie sich dann „normaler“ fühlt 😟 Sie sagt auch öfter, dass sie neidisch auf XYZ ist. Ich kenne so negativen Neid nicht, das fällt mir schwer, nachzuvollziehen. Sie hat auch sehr wenige, aber gute Freunde.

Ich stand da immer drüber, aber merke, dass mich das teilweise anfängt runterzuziehen bzw mir zu anstrengend wird und gleichzeitig fühle ich mich dann irgendwie schuldig, weil sie ja meine Freundin ist und ich ihr zur Seite stehen sollte.

Andererseits nimmt sie auch meine Tipps oft nicht an und sagt, das würde alles nichts bringen usw.

Kennt sich jemand damit aus? Ist es normal, in solchen negativen Denkmustern zu hängen, wenn man posttraumatische Belastungsstörung hat? Oder übersehe ich einen ganz wesentlichen Punkt?

Ich befürchte, über längere Frist könnte das auseinandergehen, wenn wir nicht einen Weg finden, mit weniger intensivem Kontakt „normaler“ miteinander umzugehen.

Danke fürs Lesen
C

3

Meine Lebenserfahrung (Gott, klingt das abgeklärt😎😉):
Du kriegst Menschen, die es sich in ihrer Opferrolle eingerichtet haben, da nicht raus - und das hat nichts nur mit PTBS zu tun sondern mit ihrer Lebenseinstellung.
Sie bekommen Aufmerksamkeit, Zuwendung, Trost - und können unbequeme Antworten oder andere Leute, denen es gutgeht, absolut nicht ab. Ist wohl auch ein Bild bei Depressionen.
Nicht mehr und nicht weniger.
PTBS habe ich "nur" bei Soldaten erlebt, andere Formen kenne ich nicht, aber keiner von denen war wie Deine Freundin. Also die haben andere nicht runtergemacht, wenn sie Positives erzählten.
Man kann mit einer Krankheit immer auf zwei Arten umgehen. Entweder gibt man sich Mühe, trotzdem ein gutes Leben zu führen, oder man richtet sich damit ein, Mitleid um jeden Preis zu bekommen. Zur zweiten Kategorie gehört wohl Deine Freundin - und da wäre wohl für mich irgendwann der Punkt erreicht, wo ich sage, will ich mich dauernd demotivieren und runtermachen lassen?
Meine Mutter hatte diese Opferrolle perfektioniert und wollte die ganze Familie damit fest im Griff haben; klappte nur bei meinem gutmütigen Vater, der allerdings schon mit 58 starb. Alle anderen Familienmitglieder flüchteten zum Selbstschutz vor ihr.
Zieh Dich ruhig mal eine Weile zurück, argumentieren wird Dir nichts helfen.
Mehrmals täglich würde ich NICHT zur Verfügung stehen.
Ist sie in einer Therapie? Du könntest ihr nämlich ohne weiteres klarmachen, dass Du gerne für lebenspraktische Tips da bist, aber nicht ihr Therapeut bist und dass Du Dir verdammt nochmal nicht alles vermiesen lässt. Ruhig deutlich werden, sie ist nicht aus Zucker - und ja, sie könnte sich im zwischenmenschlichen Bereich auch mal "zusammenreißen", wenn Du ihr als Mensch wichtig bist. Sie ist erwachsen und hat sich das eine oder andere im Leben wahrscheinlich einfach selbst versaut. Daran bist aber nicht Du schuld.
LG Moni

Bearbeitet von fruehchenomi
1

Ich kenne solche Verhaltensmuster auch bei depressiven Menschen. Manche blühen regelrecht auf wenn es anderen auch mal schlecht geht. Eine Freundin sagte mir sogar mal, ihre Therapeutin hätte ihr geraten Kontakt zu solchen Menschen wie mir zu meiden. Einen wirklichen Rat habe ich daher nicht. Du musst es so akzeptieren. Erwarte keine positiven Gefühle, dazu ist sie nicht in der Lage. Dafür hast Du bestimmt eine gute Zuhörerin in ihr wenn es bei Dir mal nicht so läuft. Denk aber auch an Dich. Wenn Dich die Freundschaft zu sehr belastet, minimiere den Kontakt.

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Was wäre denn, wenn es eine Krankheitsfolge wäre? Könntest Du dann gut damit umgehen?

Aus meiner Sicht ist es so: Du trägst keine Verantwortung für dir oder ihr Verhalten. Du darfst es scheiXXe finden, wie sie sich verhält. Und Du darfst Dich von der Freundschaft lösen, wenn sie Dir nicht gut tut. Möglicherweise sind einige ihrer ungünstigen Lebensentscheidungen auf ihr Trauma zurückzuführen, aber auch da muss man halt irgendwas sagen: "Änder was daran, oder hör auf, drüber zu meckern!"

Psychische Erkrankungen sind für die Betroffenen mies. Sie müssen aber nicht auch zwingend für das Umfeld mies sein, wenn der Betroffene alles dafür tut, dass er sein Umfeld nicht "mit reinzieht". Hätte sie keine Beine, könnte ein Rollstuhl helfen, mit Dir Schritt zu halten. Sich dann an Krücken mühselig voranzuschleppen und Dir zu sagen "ja, wenn ich wie Du Beine hätte, dann könnte ich auch gut laufen" würde halt langfristig nicht helfen. Natürlich nimmt man in einem gewissen Maße Rücksicht, und ich gehe auch nicht davon aus, dass Du bewusst Dinge planst, bei denen sie aufgrund ihrer Vorgeschichte schon von vornherein benachteiligt ist, aber Rücksichtnahme ist halt auch keine Einbahnstraße. Genau so, wie Du Rücksicht auf ihre Krankheit nehmen solltest, sollte sie eben auch Rücksicht darauf nehmen, dass Du nicht übermäßig belastet wirst.

Bearbeitet von onthebrightside
5

Hallo, lieben Dank für Deine Meinung. Da hast Du sicher Recht und ich weiss auch, dass vieles eine Folge ihrer Erlebnisse ist, sie sagt es sogar selbst. Trotzdem kommt sie aus dem Kreisel nicht so richtig heraus, wobei es ihr teilweise klar zu sein scheint. Ich glaube, ihre Familie leidet mehr darunter, als ihr bewusst ist, denn sie braucht viel Aufmerksamkeit und es ist teils anstrengend, sich wieder und wieder mit denselben Problematiken zu beschäftigen. Sie selbst hat aber das Gefühl, alle anderen beachten ihr Wohlergehen nicht und seien Egoisten.
Sie sagt aber selbst, sie steigere sich teilweise in Dinge hinein.
Also Reflektion ist schon da, aber sie kann es oft nicht umsetzen. Ich mag sie sehr gerne und möchte nicht, dass es auseinandergeht, aber weniger Kontakt ist besser, denke ich.

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Egal was der Grund dahinter ist, ihr seid ja in der Lage offene und tiefergehende Gespräche miteinander zu führen. Rede mit ihr darüber, wie du dich fühlst. Vorwurfsfrei und in Ich-Sätzen. Beschreib wie es dir damit geht und was du dir wünschen würdest. Zumindest, wenn du der Freundschaft noch eine Chance geben möchtest.

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Ich habe auch so eine Freundin, die ständig am jammern ist.

Besser wurde es erst, als ich mal ganz direkt zu ihr sagte:

"Du, XY, es tut mir leid, dass es bei dir so schlecht läuft (finanzielle Probleme und dadurch immer miese Stimmung ihrerseits). Aber die Kinder sind groß genug, dass du in die Pötte kommst und wieder mehr arbeiten gehst als 2 Vormittage die Woche. Die Kinder sind vormittags in der Schule und kommen um halb 2 mit dem Bus nach Hause. Dann such dir einen Job, den du täglich von halb 8 bis 13 Uhr ausübst. Somit habt ihr mehr Kohle zur Verfügung und brauchst nicht mehr in Selbstmitleid versinken."

Es war zu der Zeit sogar ein Job in ihrem erlernten Beruf ausgeschrieben, den sie sicher auch bekommen hätte, da eine gute Bekannte von uns auch dort arbeitet und die sich für sie eingesetzt hätte.
Anfahrtszeit mit dem Auto 10 min von ihrem Zuhause aus. Auto hat sie. Zeit hätte sie auch. Aber der Wille dazu fehlt einfach.....


Was soll man dazu noch sagen. Beworben hat sie sich natürlich nicht. Aber zumindest kommt jetzt nicht mehr bei jedem Treffen ein Gejammer über ihre Finanzen über ihre Lippen....

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Hallo,
ich bin in einer ähnlichen Situation wie Du, nur dass die Freundin (oder ehemalige Freundin?) keine PTBS hat, Depressionen aber wohl schon.
Lange ist mir die Einseitigkeit der Freundschaft nicht so aufgefallen, aber nun habe ich geäußert, dass die Freundschaft für mich so nicht mehr funktioniert. Ich hatte erhofft, dass sie sich der Situation stellt, aber nun macht sie sich doch wieder zum Opfer und fühlt sich ungerecht behandelt und weicht dem Konflikt aus.

Keine Ahnung, was ich Dir raten soll. Klar kann man bis zu einem gewissen Grad Verständnis und Mitleid aufbringen, aber Du darfst dabei nicht selbst auf der Strecke bleiben. Du hast doch auch das Recht, innerhalb der Freundschaft etwas für Dich einzufordern. Es ist ein Geben und Nehmen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Dir irgend die Puste ausgeht, und das merkst Du ja auch schon. Du schreibst ja selbst, dass Dich ihre negative Art runterzieht.
Von außen betrachtet würde ich Dir raten, das alles bei ihr anzusprechen. Notfalls kracht es und ihr guckt, wie es danach weitergeht. Besser als alles tot zu schweigen und darunter zu leiden oder sich selbst zu verlieren. Vielleicht hast Du mehr Glück als ich.
Alles Gute!
Grüße Jujo

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Da hilft nur ein offenes Gespräch. Ist doch nix dabei wenn du ihr sagst wie du dich fühlst und dass du dich distanzieren wirst wenn sie das nicht unterlässt. Jeder ist seines Glückes Schmied. Sie muss auch was verändern wollen..

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Als jemand, der eine ganze Weile mit Depressionen zu tun hatte und eine gute Freundin hat, die unter PTBS und Angststörungen leidet kann ich dir sagen, dass man dir anmerkt, dass du mit beidem keine Berührungspunkte hast.

Es ist tatsächlich schwierig sich für jemanden zu freuen, weil man sein eigenes miserables Leben mit den anderen vergleicht.
Ich kann mich auch schwer für jemanden freuen, weil ich selbst sehr neidisch sein kann. Ich kann es aber auch nicht abstellen. Ich weiß, dass ich es den gegenüber nicht wissen lassen sollte, aber neidisch bin ich trotzdem oft, vor allem bei Dingen, die ich nicht ändern kann (ich kann mir keine Familie herzaubern, der wir und die Kinder wichtig sind).
Gerade als die Depression mich abhielt was zu erreichen, war der Neid nochmal größer. Aber das Wesen einer Depression ist, dass man es nicht schafft was zu erreichen, auch wenn man es wirklich will. Und das nervt. Man merkt sowieso, dass man die anderen damit nervt, das macht es nochmal schwieriger.

Sie ist jetzt vielleicht nicht die Freundin, die sich bedingungslos mit dir freut. Sie ist vermutlich eher die Freundin, die aufblüht, wenn es dir schlecht geht. Die dann in diesem Moment eine Stärke mitbringen könnte, die du in diesem Moment brauchst. Die sich kümmert, wenn alles über dir zusammenbricht.
Ich habe auch so eine Freundin, die oft jammert und meckert und ihr Leben nicht gut auf die Reihe kriegt. Ja, dann bin ich da, wenn es mal wieder aus dem Ruder läuft und manchmal nervt sie mich. Aber wenn es mir richtig schlecht geht, kann ich sie jederzeit anrufen und zu ihr fahren. Sie weiß wie sich das anfühlt, wenn man jemanden braucht, wirklich braucht. Sie lässt alles stehen und liegen (außer den Job) und dann reden wir.

Überlege dir gut, ob du so eine Freundschaft wirklich aufgeben willst. Jemand mit dem man sehr reflektiert reden kann. Ich kann auch mit meinen Freunden nicht alles machen. Die einen habe ich zum Spaß haben und die anderen für gute Gespräche (was nicht heißt, dass ich mit den Spaßfreunden nicht auch gute Gespräche habe und mit den tiefgründigen nicht auch mal meinen Spaß).
Wenn ich möchte, dass sich jemand mit mir freut, gehe ich nicht zu der Jammerfreundin.

Ich akzeptiere ihre Art und sie meine. Wir nerven uns, aber die Freundschaft ist doch stärker.

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Vielen lieben Dank, das ist eine sehr hilfreiche Antwort, habe sie jetzt erst gesehen (bin nicht oft online hier). Du hast ganz Recht und ich möchte die Freundschaft nicht aufgeben, da sie eben trotz aller Differenzen doch eine sehr vertrauenswürdige Basis hat und wir uns gut kennen, auch wenn wir uns nicht immer im Detail verstehen. Deine Beschreibung hat mir ein wenig die Augen geöffnet, wie es in ihr aussehen könnte! Sie spricht selten so detailliert darüber, kommt aber vor. Danke nochmal und alles Gute.