3jährige macht mich wahnsinnig!

    • (1) 23.06.17 - 09:28
      Hilfe!

      Hallo,

      ich bräuchte einen Tipp wie ich mich richtig verhalte.
      Es geht um meine 3jährige Tochter. Wir haben große Probleme, die sich irgendwie alle um Kleidung drehen. Ein Beispiel: ich ziehe ihr eine gewünschte Hose an, aber in ihren Augen nicht richtig. Sie mag es gern, wenn der Fuß nicht ganz rausschaut. (Wenn ich aber das versuche, mache ich es auch nicht richtig...) Und dann geht es los. Sie brüllt mit Tränen und lässt sich nicht mehr beruhigen. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mich richtig verhalten soll. Das bringt mich wirklich an meine Grenzen. Das geht so lange, dass ich sie wirklich woanders hinbringen muss, weil ich sonst irgendwann ausflippe. Und das alles wegen Klamotten!!!!
      Hat irgendjemand einen Tipp, wie ich diese Anfälle durchbrechen kann?
      Wenn ich danach in Ruhe mit ihr rede, meint sie nur, dass sie gerne weint.

      Ich hoffe, jemand hat eine Idee,
      viele Grüße und danke!

      • Hallo,

        danke für deine Frage – und deine Geduld! Sorry. Es hat echt lange gedauert, bis ich dir geantwortet habe.

        Die gute Nachricht: Die Reaktion deiner 3-jährigen Tochter hört sich für mich sehr normal an. Das heißt ihr seid damit nicht alleine. ;-) Viele Fragen drehten sich hier im Erziehungsforum um genau das: Brüllen, Tränen und nicht beruhigen lassen – ein klassischer Wutanfall.

        In diesem Alter ist das, wie gesagt, völlig normal. Nicht umsonst hieß das früher Trotzphase. Heute sagen wir dazu Autonomiephase. Denn das ist, was eigentlich gerade passiert: Dein Kind wird autonom, das heißt selbständig. Dieser Entwicklungsschritt ist normal und wichtig – und anstrengend. Übrigens auch für deine Tochter!

        In der Autonomiephase beginnen Kinder sich von ihren Eltern ein Stück weit abzugrenzen und zu lösen. Sie entwickeln ihren eigenen Willen und wollen jetzt vieles selbst machen. Das Problem: Sie stoßen dabei an viele Grenzen. Und das frustriert.

        Eine Grenze ist zum Beispiel das eigene Unvermögen alle Ideen in die Tat selbst umzusetzen. Deine Tochter hat zum Beispiel eine sehr genaue Vorstellung, wie ihr Fuß aus der Hose schauen soll. Wahrscheinlich hat sie ein ganz konkretes Bild vor ihrem inneren Auge. Wenn das aber nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, ist sie enttäuscht.

        Dazu kommt, dass Kinder in diesem Alter sich auch sprachlich noch entwickeln. Das heißt nicht alles, was deine Tochter denkt, kann sie auch so in Worte fassen, dass du das verstehst. Auch das frustriert: Die Erkenntnis, dass ich mich nicht dem anderen mitteilen kann. (Kennen wir als Erwachsene ja auch – wenn wir unserem Partner was sagen und der uns dauernd missversteht ;-)).

        Es sind viele Momente, die traurig oder wüten machen können. Dazu kommt, dass die Kinder in dem Alter ihre Gefühle noch nicht beherrschen. Die Gefühle beherrschen noch sie. Selbst wenn es ihnen gelingt die Gefühle im Zaum zu halten, brechen sie irgendwann um so stärker hervor. Das klassische Beispiel ist der Kindergarten: alles läuft in der KiTa reibungslos. Aber wenn Mama sie abholt, beginnt das große Geschrei. Die Kinder haben sich so lange zusammengerissen – und jetzt in Mamas Sicherheit können sie loslassen.

        Das ist auch ein Grund, warum Wutanfälle eigentlich ein Zeichen sind, dass das Kind gut mit dir verbunden ist. Bei dir hat es die Sicherheit sich gehen zu lassen, seine ganze Wut rauszuschreien.

        Was hilft nun? Erstens, glaube ich, ist es hilfreich zu verstehen, was bei dem Kind in der Autonomiephase passiert. Daraus kann Verständnis erwachsen. Zweitens mir vorher zu überlegen, wie ich typische Stresssituationen in meiner Familie vermeiden oder entschärfen kann. Und drittens nach Strategien zu suche, die ich mir als Elternteil aneigene, damit ich besser mit dem Wutanfall umgehen kann.

        Eine für mich hilfreiche Methode wird in dem Buch „Disziplin ohne Drama“ von Daniel Siegel dargestellt. Kurz erklärt: In einer Stresssituation verbindest du dich zuerst mit dem Kind, bevor du nach Lösungen suchst oder dem Kind sagst, was es aus deiner Sicht anders machen sollte. Also: Erst das Kind mit seiner Verzweiflung oder Wut oder Angst annehmen. Verstehen wieso es so aufgewühlt ist. Das dem Kind zeigen/spiegeln. Erst wenn sich daraufhin das Kind beruhigt hat, können wir nach einer Lösung suchen.

        Ich wünsche dir, euch viel Kraft, diese spannende und herausfordernde Zeit gut zu überstehen und eurem Kind dabei zur Seite zu stehen.

        Liebe Grüße

        Chris

        PS: Durch deine und andere Fragen anregt schreibe ich gerade einen Blogpost zum Thema Autonomiephase und Wutanfälle. Ich sag dir Bescheid, wenn er online ist.

        • (3) 30.06.17 - 04:49

          Hallo Herr End,

          vielen lieben Dank für Ihre Antwort!

          Spiegeln werde ich -auch wenn es schwer fällt- mal probieren. Ansonsten hat mich nämlich wirklich keine Reaktion zum Erfolg gebracht.

          Interessant für mich war, dass Sie das Verhalten für ein Zeichen einer guten Verbundenheit sehen. Für mich es war es bisher eher das Gegenteil, weil es mir so vorkam, als würde ich sie überhaupt nicht gut kennen und wäre damit unfähig nit ihren Reaktionen umzugehen. Von meinem älteren Sohn kenne ich nämlich so etwas in diesen Ausmaßen nicht. Mit ihm fühle ich mich in vielen Dingen vertrauter und weiß besser, wie ich reagieren soll. Daher habe ich mir schon viele Gedanken um eine schwache Bindung zu meine Tochter gemacht.

          Von dem her kann ich ihrem Verhalten ja jetzt sogar etwas abgewinnen.

          Vielen Dank und viele Grüße

          • Hallo,

            das freut mich, dass es Ihnen ein wenig geholfen hat.

            Ich hatte aus dem Text verstanden, dass es vor allem beim Anziehen zu Tränen und Brüllen kommt. Vielleicht fragen Sie sich: Wie ist es denn sonst so? Wie fühlen Sie sich in anderen Moment mit Ihrer Tochter? Und wie sehen Sie (und Ihr Mann und andere) Ihre Tochter?

            Hilfreich finde ich zu wissen, dass Kinder verschieden sind. Bei unserem ersten lief vieles glatt und das haben wir uns dann stolz auf die Fahnen geschrieben ("das haben wir aber gut gemacht"). Die zweite war dann völlig anders und das hat mich viel Demut gelehrt ;-) Es steckt viel in den Kindern drin (Temperament), vieles andere lernen sie von uns (mit Gefühlen umzugehen).

            Ich wünsche Ihnen, dass Sie gut durch diese aufregende und bewegte Zeit kommen.

            Liebe Grüße

            Christopher End

            PS: Hier ist auch der versprochene Blogpost zum Thema Trotz http://christopher-end.de/trotzphase-und-autonomiephase/

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