Eltern wie begleiten/unterstützen ? Wenn einer geht...

Als Familie geht es nicht nur darum, Kinder aufzuziehen. Es stellt sich auch irgendwann die Frage, was man für seine Eltern tun kann und muss und wie deren Perspektiven sind, wenn sie älter werden. Kein leichtes Thema, und auch man selber ist gezwungen, dem Altwerden in die Augen zu schauen.
Ein Tipp vom urbia Team

    • (1) 05.11.16 - 15:38

      Hallo ihr Lieben,

      Schweres Thema:

      meine Eltern sind leider nicht so die Vereinsmenschen, und verbringen eigentlich die meiste Zeit "nur" miteinander (wir Kinder und Enkel mal ausgenommen).
      Sie gehen eher nicht auf andere zu , auch besuchen sie andere eher selten , Besuch kommt eher zu ihnen , und wenn, dann eigentlich nur Familie.

      Nun ist mein Vater schwer krebskrank, und vermutlich werden wir uns in den nächsten Monaten (?) von ihm für immer verabschieden müssen...

      Meine Mama weint jetzt schon immer wieder , weil sie den Gedanken , ohne Papa sein zu müssen nicht ertragen kann ....und ich kann ihr nicht mal helfen. Ich ertrag ihn ja selber kaum.....

      Ich habe höllische Angst vor der Zeit "danach" - hat jemand von euch diese Zeit schon hinter sich, wenn ein Elternteil nicht mehr da ist?

      Wie war das bei euch?

      Meine Mama würde, wenn es soweit ist, partout zu keinem von uns ziehen wollen.

      Kann man da schon irgendwie vorsorgen?

      Ach , es ist so schrecklich wenn ein Familienmitglied todkrank ist....

      Ich fühle mich im Moment total erschlagen und so verdammt machtlos...

      Liebe Grüße,

      Lulu

      • (2) 05.11.16 - 16:48

        Liebe Lulu,

        Erst mal mein Beileid # liebdrueck. Es ist sehr schwer, zuzuschauen wie die eigenen Eltern altern und krank werden.
        Ich kenne deine Situation sehr gut. Meine Mutter ist bereits vor 6 Jahren gestorben. Meine Eltern haben auch keine Freunde oder sind in Vereinen. Seitdem lebt mein Papa alleine 600 km von uns entfernt. In den letzten Jahren haben wir uns abwechselnd besucht, ihn zu Weihnachten und Ostern eingeladen, ihn mit in Urlaub genommen und viiiel telefoniert. Zu uns in die Nähe zu kommen hat er immer konsequent abgelehnt. In diesem Sommer hatte er leider erst einen leichten Schlaganfall und jetzt vor einigen Wochen einen Sturz mit Beckenbruch. Leider weigert er sich nach wie vor hartnäckig in unsere Nähe zu kommen oder wenigstens regelmäßige Pflegehilfe in Anspruch zu nehmen. Und er ist mir gegenüber zunehmend bösartiger (schreit mich an und wirft mit Sachen nach mir). Er vergisst sehr viel...dann weint er wieder, weil er merkt, dass alles rasant schlechter wird. Um ehrlich zu sein, bin ich im Augenblick mit meinen Kräften am Ende. Ich fahre beinahe wöchentlich 1200km Auto und muss ständig meine beiden Großen bei Freunden "verstauen". Die Kleinste schleppe ich die ganze Zeit mit :-(
        Aber du wolltest einen Rat und keine Leidensgeschichte....
        Ich würde dir dringend empfehlen, eine Vorsorgevollmacht von deinen Eltern zu bekommen sowie eine Patientenverfügung. Falls du Geschwister Gast, besprich mit Ihnen wer sich um was kümmern kann, so könnt ihr eure Kräfte besser einteilen. Und besprich mit deiner Mutter immer wieder was sie sich vorstellen könnte, wenn sie mal nicht mehr kann ( betreutes Wohnen), mit Hilfe so lange wie möglich alleine zu Hause usw.
        LG

        Mauseputz

        • (3) 05.11.16 - 17:21

          "....Aber du wolltest einen Rat und keine Leidensgeschichte...."

          Ach was - ich freue mich über jede Antwort , und oft genug fühlt man sich schon allein dadurch besser, dass man sieht, dass einen jmd versteht, dass man nicht allein ist...

          Kann das mit der "Bösartigkeit" deines Vaters evtl.beginnendes Alzheimer/Demenz sein?

          So fing es nämlich bei meiner Oma damals auch an.....

          "Ich würde dir dringend empfehlen, eine Vorsorgevollmacht von deinen Eltern zu bekommen sowie eine Patientenverfügung"

          Eine Patientenverfügung haben wir, eine Vorsorgevollmacht - das muss ich erst einmal googeln - weiß gar nicht was das ist, danke!

          Ja ,Reden hilft, das stimmt schon...jetzt , wo Mama geistig noch fit ist, sollten wir wohl immer mal mit mir über ihre Wünsche sprechen...aber wer weiß, vielleicht ändert sie ihr Meinung auch dann , wenn es soweit ist?

          Wer weiß....

          Ich würde sie ja gerne hier in einem der Damenturngruppen sehen, das würde ihr echt guttun...

          Früher hatten sie einen Hund, jetzt eine 14J. Katze - vielleicht wäre ein Welpe oder junger Hund was ?

          Das meiste betrifft im Moment mich , auch meine Schwester, wobei die einfach noch weniger Zeit hat als ich..

          Unsere zwei Brüder kümmern sich recht wenig, der eine wohnt auch nicht hier....aber das ist wohl oft so...vielleicht tun sich Männer da schwerer?

          Wobei der eine Bruder dafür sehr rational und wichtig ist , was Organisatorisches usw. betrifft...das wird uns wahrscheinlich eine riesen Hilfe sein , wenn es um so Dinge wie Eingriffe oder Beerdigung geht, ich bin da leider oft zu emotional...

          Wir sollten uns wohl demnächst einfach mal zusammensetzen...

          Ich danke dir sehr für deine Antwort und #liebdrueck

          Liebe Grüße,

          Lulu

          • (4) 05.11.16 - 18:25

            Liebe Lulu,

            Super, dass du so viele Geschwister hast. Und wenn einer deiner Brüder gut organisieren kann, dann wäre es gut, ihr klärt rechtzeitig, dass das sein Teil des Jobs ist.
            Mein Paps hat leider bis jetzt keine Vorsorgevollmacht ausgestellt und das macht alles Organisatorische unglaublich schwer...er kann mit dem Beckenbruch kein Geld holen gehen, seine PIN hat er vergessen und wenn ich eine neue bei der Bank bestelle, darf die aussschließlich an ihn gesendet werden und nicht an mich. .und das hatte zur Folge, dass er jede neue PIN in den vergangenen Monaten in den Müll geworfen hat- seufz. Ich darf nicht mal Post von der KK an mich schicken lassen um Anträge für Kurzzeitpflege u.Ä. ausfüllen zu können. Ich konnte keine bereits gebuchte Reise bei einer Rücktrittsversicherung einreichen, weil ich NICHTS unterschreiben darf usw... es ist ja gut und schön, dass persönliche Dinge so geschützt sind, aber im Augenblick treibt mich das in den Wahnsinn.

            Falls deine Eltern bei einer Patientenverfügung keine weitere Behandlung im Ernstfall wünschen, solltet ihr klären, ob man sie zum Trinken "zwingen" kann ( Infusionen). Ich hatte jetzt nämlich den grotesken Fall, dass mein Vater sich nach seinem Beckenbruch geweigert hat zu trinken- einfach weil er nicht in so eine Bettflasche pullern wollte. Dadurch hatte er sich nach 3 Tagen in eine nahezu lebensbedrohliche Situation gebracht.

            Wie alt ist deine Mutter denn? Ist sie fit? Meine Schwimu ist 71 und topfit. Sie hat sich vor 3 Jahren dazu entschieden, nochmal ein Hundewelpen zu nehmen und 2 Stunden laufen jeden Tag hält sie echt auf Trab.
            Ja, ich denke bei meinem Paps auch an Demenz...dennoch kann ich es oft schlecht aushalten 1200 km zu fahren, mich anschreien und rausschmeißen zu lassen...ich weine dann oft..
            Schei*** ich wünschte oft, ich hätte einfach mehr Kraft um das Alles besser wegstecken zu können. Meine Freunde sagen: "lass ihn machen, wenn er keine Hilfe will". Aber ich kann ihn ja schlecht mit gebrochenem Becken alleine in seiner Wohnung liegen lassen.

            Mauseputz

            • (5) 07.11.16 - 08:47

              Mensch,

              das klingt wirklich sehr schwer bei dir im Moment :-(

              Das ältere Menschen manchmal so unfassbar stur werden.....wobei du ja selber schreibst, dass du Demenz nicht ausschließt - was die Sache aber ja nicht einfacher macht.

              Aber vielleicht kann man DA genau ansetzen - dass du dich beraten lässt, inwiefern du deinen Vater quasi vor sich selbst beschützen lassen kannst.

              Bei (Verdacht auf) Demenz müsste es da doch Möglichkeiten geben - vor allem, weil er keine Hilfe annehmen will und seine Gesundheit und seine Lebensqualität dadurch direkt bedroht sind...?

              Meine Oma wurde auch immer aggressiver, sie und mein Opa haben damals bei uns damals gewohnt , und es war für mich als Kind schlimm, weil ich gar nicht wusste , was los war - für meine Mama war es ganz schrecklich.

              Ohne Pflegeheim ging es recht schnell auch gar nicht mehr, mein Opa ist zur gleichen Zeit damals auch schwer erkrankt....

              Ich hoffe sehr , dass es für dich Möglichkeiten gibt, das liest sich wirklich schrecklich...

              Meine Schwester und ich werden uns mit den Brüdern nochmal zusammensetzen - es stimmt was du sagst - wenn sie wenigstens in bestimmten Bereichen unterstützen können ist das auch viel wert!

              Alles Gute ,

              Lulu

              (6) 18.11.16 - 19:34

              Es ist immer furchtbar und traurig. Wir haben unserem Vater einen kleinen Hund organisiert. So muss er raus. Die Pflege der Mutter teilen wir drei Kinder gerne.

        (7) 21.11.16 - 21:18

        Hallo Mauseputz,
        darf ich fragen, ob ihr mal drüber nachgedacht habt eine Pflegekraft für euren Papa anzustellen? Wenn irgendwie die finanziellen Mittel da sind, kann ich das extrem empfehlen. Da gibt es verschiedene Optionen. Einmal könnt ihr natürlich einfach Pflegestufe für ihn beantragen. Dazu müsste er natürlich mal zum Arzt gehen und evtl auch beginnende Demenz diagnostiziert bekommen. Mein Vater hat sich da auch lange dagegen gewehrt, aber es war eine enorme Erleichterung als er das dann endlich angenommen hat.
        Eine Stufe drunter und eher für übergeordnete Organisation zuständig, wäre eine Sozialarbeiterin für ihn anzustellen. Die könnte z.B. seine Post für ihn übernehmen (und darüber wachen, dass eben keine Pins mehr verloren gehen), Briefe archivieren und Arzt- und Behördenbesuche begleiten. Vielleicht kannst du ihm das einfach als Erleichterung seines Alltags verkaufen, damit er sich um Wichtigeres kümmern kann, dann nimmt er das nicht so sehr als Eingriff in seine Rechte wahr.

        Meine Mutter ist vor fast 7 Jahren gestorben. Mein Vater hatte da schon weit fortgeschrittenen Parkinson mit beginnender Parkinsondemenz und starken Einschränkungen in der Alltagsorganisation. Die Sozialarbeiterin hat uns Kindern wirklich extrem entlastet. Mein Vater war ein sehr schwieriger Mensch und hat sich extrem gegen jede Abgabe von Souveränität gewehrt. Die Sozialarbeiterin hat aber jeden Schritt den sie gemacht hat mit ihm abgesprochen und ihm damit das Gefühl gegeben immer noch Herr seiner eigenen Dinge zu sein. Sie war quasi eine Hilfskraft in der Alltagsorganisation. Das lässt sich natürlich besser verkraften als eine Pflegekraft. Vielleicht schaust du dich mal um ob es in der Gegend deines Vaters auch so etwas gibt, also SozialarbeiterInnen die auf die Versorgung alter Menschen spezialisiert sind.
        Ich wünsch dir weiter gute Nerven und dass du es schaffst auch Freiräume für dich zu schaffen. Dein Vater hat ja auch nichts davon wenn du dich völlig aufreibst bei seiner Pflege.

        LG

    (8) 06.11.16 - 16:15

    Hallo!
    Ja, das ist eine Sch****Situation.
    Meine Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben und meine Eltern waren aehnlich wie deine. Und ich wohne ziemlich weit weg, so dass ich nicht mal einfach vorbei kommen kann.

    Am Anfang war es hart, aber mittlerweile hat mein Vater, ich nenne es mal 'zweites Leben' angefangen, er hat sich einen Freundeskreis aufgebaut, ein Hobby, Leute zum reden und macht Sachen, wo ich denke 'wow...das haette ich nie von ihm gedacht'.
    Ihm hat die Angehoerigengruppe von dem Hospiz wo meine Mutter war, am Anfang sehr geholfen.

    Vielleicht gibt es sowas bei euch?

    Alles Gute!

    • (9) 07.11.16 - 08:27

      Hallo und danke für deine Antwort!

      Das Hospiz , in welches mein Papa umsiedeln wird, ist große Klasse, und ich könnte mir vorstellen , dass die sowas haben - ich werde mich mal schlau machen....gute Idee...

      " 'wow...das haette ich nie von ihm gedacht'...."

      DAS wünsche ich mir auch sehr für meinen Mama :-)

      Ganz liebe Grüße,

      Lulu

(10) 07.11.16 - 10:21

Hey #liebdrueck

mir geht es ähnlich, jedoch mit meinen Großeltern, die aber eigentlich meine Eltern sind/ waren. Mein Opa starb letztes Jahr, es ging alles recht schnell, er hat auch nicht groß leiden müssen. Meine Oma hatte sich nach einem Jahr einigermaßen gefangen. Sie ist sehr, sehr sensibel, hat immer geweint und der Verlust war wirklich hart. Sie hatte aber noch Haus und Garten und auch alles noch super erledigen können. Ich bin mit Ihr einkaufen und zu den Ärzten gefahren und war ebenen einfach da. Vor 4 Wochen, sie hatte schon 4 Wochen wechselnd Durchfall und Blasenentzündung, meinte sie und der Arzt, dann der Durchbruch. Riesentumor im Bauch, Diagnose Eierstockkrebs, gestreut. Es folgen OP, künstl. Darmausgang und jetzt demnächst folgt eine leichte Chemo. Sie kann nicht mehr laufen und ist zur Kurzzeitpflege in einem super schönen Pflegeheim untergebracht, das seit letzer Woche Freitag. Sie möchte da nicht bleiben, aber sie kann sich nicht mehr selbst versorgen in Ihrem Haus und wird wahrscheinlich da bleiben müssen. Keiner weiß, wie lange sie noch hat. Ich habe die große Narbe am Bauch gesehen :-( Sie ist so tapfer, aber ich kann mich nicht daran gewöhnen, sie in näherer Zukunft nicht mehr bei mir zu haben. Sie ist 78 Jahre alt, ich muss mir also nichts vormachen. Wie geht man damit um....schwierig :-(
Ich bin da für meine Oma, das ist das Einzige, was ich derzeit tun kann, gut, die ganzen Wege die so anfallen noch, aber ich schaue, daß ich ganz oft bei Ihr bin. Das kannst Du für Deine Mutter sicher auch tun, mehr geht wahrscheinlich nicht.

LG und ganz viel Kraft

  • (11) 07.11.16 - 10:47

    Oh weh,

    na , das hört sich aber auch alles nicht so leicht an bei dir :-(

    Lass dich auch mal #liebdrueck

    "Sie ist sehr, sehr sensibel, hat immer geweint und der Verlust war wirklich hart. .."

    Ich denke , so wird es bei uns auch sein...sie kommt jetzt schon sehr schlecht mit der Situation klar :-(

    "Sie ist so tapfer, aber ich kann mich nicht daran gewöhnen, sie in näherer Zukunft nicht mehr bei mir zu haben."

    So geht's uns mit Papa auch - unfassbar tapfer ist er, aber den Gedanken ohne ihn zu sein, kann man kaum ertragen :-(

    "Ich bin da für meine Oma, das ist das Einzige, was ich derzeit tun kann, gut, die ganzen Wege die so anfallen noch, aber ich schaue, daß ich ganz oft bei Ihr bin. Das kannst Du für Deine Mutter sicher auch tun, mehr geht wahrscheinlich nicht...."

    Mal gucken , was sie überhaupt zulässt...helfen werde ich natürlich weiterhin, wo ich kann...

    Am meisten Angst habe ich davor, dass sie depressiv wird und keinen Lebensmut mehr hat....

    Danke und LG,

    Lulu

    • (12) 07.11.16 - 10:51

      >>Am meisten Angst habe ich davor, dass sie depressiv wird und keinen Lebensmut mehr hat....<<
      Eine Weile sollte man den Menschen schon trauern lassen, die Erfahrung musste ich selbst schon machen, ich habe mich so zurück gezogen, bis ich irgendwann selbst gemerkt habe, so geht es nicht weiter. Du bist für Deine Mama da und das ist sehr wichtig.

      Ich habe mein Oma weinen lassen, sie in den Arm genommen und mir immer wieder die "alten Geschichten" mit großen Ohren angehört. Das hilft.
      Man macht sich vorher auch viel zu viele Gedanken, wenn man mittendrin ist, hat man oft keinen Kopf mehr zum nachdenken, es passiert einfach alles, man funktioniert.
      Verbringt so viel Zeit mit Eurem Vater, wie es geht, redet viel und über alles, was Euch beschäftigt #liebdrueck

      • (13) 07.11.16 - 11:51

        "Man macht sich vorher auch viel zu viele Gedanken, wenn man mittendrin ist, hat man oft keinen Kopf mehr zum nachdenken, es passiert einfach alles, man funktioniert."

        Das stimmt auch was du da schreibst - was macht man sich Gedanken um die "großen" Dinge im Leben - und letztlich kommt doch immer alles ganz anders , und es läuft ab wie in einem Film - es passiert einfach alles, das stimmt.

        Was hatte ich die riesen Vorstellungen von der Geburt meines ersten Kindes - niemand hätte mich darauf vorbereiten können, und "anders" war es sowieso....

        Wer weiß was kommt....

        "Verbringt so viel Zeit mit Eurem Vater, wie es geht, redet viel und über alles, was Euch beschäftigt "

        Vor allem habe ich für mich entschieden , ihn nicht als sterbenskranken Menschen zu behandeln.

        Ich versuche, in seinem Rahmen "normal" mit ihm umzugehen, frage ihn nach wie vor um Rat und mache "doofe" Sprüche usw.....die Jungs verbringen nach wie vor viel Zeit bei ihm oder bei Oma , wenn Opa im KH bei der Chemo ist...sie Kniffeln usw, als wär gar nichts...nur manchmal , wenn er Luftnot hat oder Kreislaufprobleme, dann kann man das nicht mehr ausblenden , und die Jungs sprechen dann auch drüber...aber dieser "normale" Umgang tut ihm sehr gut....

        "Du, heute war Opi gut drauf/ Heute hatte Opi keinen guten Tag..." , das berichten sie dann , oder ich eben , je nachdem....

        Wir reden ganz viel....

        Ach, alles nicht so einfach *seufz*

        Danke für deine lieben Worte #liebdrueck

(14) 07.11.16 - 11:29

Hallo, ich möchte dir etwas Mut machen. Klar ist die Vorstellung heftig, das die Menschen, die wirklich immer da waren, plötzlich nicht mehr da sind. Aber im Grunde, und das hat meine Mutter mir schon von Klein auf an beigebracht, ist es einfach der Lauf der Dinge.

Bei uns war es meine Mutter, die an Krebs erkrankte und auch daran verstarb. Von der Erstdiagnose bis zum Tod hatte sie noch 3 Jahre. Und bei uns war es mein Vater, der sein Couchpotatoeleben genoß und eigentlich nur seine Frau und die Familie um sich brauchte. Wir haben uns alle wahnsinnige Gedanken gemacht, was danach wohl mit ihm geschehen wird. Ohne meine Mutter, so dachten wir, wäre er einfach aufgeschmissen.
Dann war es soweit. Natürlich war die erste Zeit ohne unsere Mutter schrecklich, es war als wenn die Zeit stehen geblieben wäre. Alles musste sich erst wieder neu ordnen. Und dann geschah etwas meinem Vater. Irgendwie hatte er wieder Kontakt zu einer seiner Jugendlieben aufgenommen, wie der entstanden ist wissen wir bis heute nicht. Mein Vater kam komplett aus sich heraus, hat sich total verändert. Sein Äußeres war ihm plötzlich wichtig, er war viel unterwegs. Es war, als wenn er in einen Jungbrunnen gefallen war. Wochenlang gingen seine Touren, zu alten Bekannten, Verwandten...quer durch Deutschland. Und das mit über 70, ein Mensch der wirklich jahrelang auf seinem Sofa verbracht hatte. Es war so schön das erleben zu dürfen und wir waren sehr erleichtert. Seine Jugendliebe war auf seinen Touren immer an seiner Seite, auch sie war Witwe und genoß diese kurze Zeit an seiner Seite in vollen Zügen.

Leider ist mein Vater ca 1 Jahr nach meiner Mutter plötzlich verstorben. Das war schrecklicher als der Tod meiner Mutter, denn auf ihren konnten wir uns ja doch vorbereiten. Am schlimmsten traf es zu diesem Zeitpunkt aber wohl seine Jugendliebe. Ihre Tochter hatte zwischendurch ja auch berichtet, wie positiv sich die Mutter entwickelt hatte. Ein paar Monate später verstarb auch sie dann.

Falls du jetzt denkst, wie kann man denn so kurz nach dem Tod seiner Frau wieder Kontakt zu anderen Frauen aufnehmen und das es doch für uns schlimm gewesen sein musste. Nein, in keinster Weise. Es war so schön ihn noch einmal so glücklich zu erleben, richtig verliebt war er. Wir alle hätten ihnen noch ein paar schöne, gemeinsame Jahre gewünscht.

Ich wünsche dir viel Kraft für die nächste Zeit.

  • (15) 07.11.16 - 12:45

    Ich danke auch dir sehr für deine Antwort!

    Den Gedanken, dass meine Mama sogar nochmal einen Partner hätte - das kann ich mir im Moment tatsächlich absolut nicht vorstellen - komisch eigentlich, daran dachte ich auch gar nicht...

    Mit Ende 60 ist man ja eigentlich auch noch jung genug!

    Ich würde das auch wunderschön für sie finden und nicht schlimm- absolut nicht.

    Nichts und niemand könnte ihr ja meinen Papa wiederbringen, aber ein Partner ist natürlich das beste Mittel gegen Einsamkeit, absolut....

    "Leider ist mein Vater ca 1 Jahr nach meiner Mutter plötzlich verstorben. Das war schrecklicher als der Tod meiner Mutter, denn auf ihren konnten wir uns ja doch vorbereiten..."

    Im Moment empfinde ich das genau anders herum...

    Als der SchwieVa meines Bruders total plötzlich verstarb (morgens nicht mehr aufgewacht mit Mitte 60), da war das zwar ein riesen Schock, aber jetzt, mit zeitlichem Abstand und der Leidensgeschichte meines Vaters vor Augen , agt meine Schwägerin , dass sie das viiieeel schlimmer findet.

    Diese Aufs und Abs, diese ganzen Ängste, immer den schrecklichen Gedanken der Krankheit im Hinterkopf, die Hilf-und Machtlosigkeit....das alles musste sie nicht durchmachen.

    Sie weint heute zwar noch manchmal, aber sie und ihre Mama kommen mittlerweile gut klar - und sie sagen selber immer wieder, dass sie "froh" sind, dass ihnen so ein langer, qualvoller Abschied erspart blieb....

    Ich hoffe, das kommt jetzt nicht hartherzig rüber, aber es ist manchmal einfach so schwer , meinen Papa, den "Macher", so zu sehen - und ihm einfach nicht wirklich helfen zu können...

    Naja.

    Wahrscheinlich ist es so - oder so egal.
    Schlimm ist es doch eigentlich in jedem Fall - außer vielleicht bei denen, die quietschfidel 100 werden , und vorher nicht leiden mussten und eine tolle Lebensqualität hatten....und selbst dann tut es ja trotzdem weh....

    Ganz liebe Grüße,

    Lulu

(16) 07.11.16 - 12:12

Ich denke "vorsorgen" ist da schwierig, wenn einer im Sterben liegt hat die Zeit einen andere Takt. Es ist ganz richtig, dass deine Mutter zur Zeit nur im "jetzt" leben will und kann.

Die Zeit für Entscheidungen ist erst später. Aber als eine Möglichkeit: Meine Schwiegermutter ist vor vier Jahren im Alter von 75 Jahren in unseren Ort gezogen. Als wir das das erste Mal vorgeschlagen haben ist sie total erschrocken, wie sie mir später gestanden hat "was wir von ihr erwarten". Bei uns gibt es eine so genannte "Wohnanlage für Jung und Alt", zentral und rollstuhlgerecht mitten im Ort gelegen mit einer guten Nachbarschaft. Wir hatten da Interesse angemeldet und nach einer 2-Zimmer-Wohnung angefragt. Als dann relativ kurzfristig was frei wurde hat meine Schwiegermutter mit uns die konkrete Wohnung besichtigt, und fand sie sehr schön. Wir haben die Wohnung gemietet und eingerichtet und sie hat ihr Haus in der alte Heimat behalten, so dass sie sich sicher sein konnte jederzeit zurück zu gehen, wenn sie hier nicht heimisch wird. Diese beiden Faktoren: das "rückgängig machen können" und das"konkrete Wohnung sehen und besichtigen" waren die Voraussetzungen dafür, dass sie sich auf dieses Wagnis einlassen konnte.

Sie hat sich sehr schnell eingelebt und hat in der Wohnanlage ihre neue beste Freundin gefunden. Inzwischen wohnt ihr anderer Sohn in ihrem Haus, und sie fährt so fünf mal pro Jahr in die alte Heimat. Zuhause ist sie aber eindeutig hier. Der Familienanschluss ist "gesund", nicht zu viel und nicht zu wenig. Sie besucht uns und hilft bei der Kinderbetreuung aus, aber sie hat auch ihr eigenes Leben. Wenn bei ihr was in der Wohnung nicht tut, bei Bürokratie oder wenn sie krank ist helfen wir ihr im Gegenzug. Ich denke, dass sie noch sehr lange allein in ihrer Wohnung bleiben kann, eben durch die Nähe. Zudem sagt sie selbst, eine so kleine Wohnung kann sie gut bewältigen, ein Haus mit Garten würde sie nicht mehr schaffen.

Du kannst ja mal schauen, ob es ein ähnliches Modell bei Euch in der Nähe gibt. Gegenüber deiner Mutter / deinen Eltern würde ich jetzt aber nicht drüber reden, das würden sie sicher als unangemessen empfinden. Aber dich könnte es beruhigen, wenn ihr schon eine Vorstellung hast, wie ihr das "danach" vielleicht gut lösen könnt.

Ich wünsche dir viel Kraft in dieser belastenden Zeit.
Liebe Grüße, d.

  • (17) 07.11.16 - 12:58

    Hallo ,

    ich danke dir!

    Ja , das mit der Wohnsituation war eine der ersten Dinge , die wir nach Diagnosestellung angegangen sind.

    Seit fast 2 Jahren haben sie ihr Haus verkauft und sind in eine Wohnung gezogen , die nah bei mir und meiner Schwerster liegt.

    Da waren sie erst gar nicht für - aber als es meinem Papa rapide schlechter ging, haben sie selber gemerkt, dass sie das große Haus und den riesen Garten nicht mehr bewältigen können.

    Meine Mama hatte einen Schlaganfall, von dem sie sich zwar gut erholt hat , aber so ganz fit wie früher ist sie auch nicht mehr.

    Mittlerweile sind sie sehr glücklich so...

    Es gibt solche Wohneinrichtungen hier auch - aber meine Eltern fühlen sich mit Ende 60 noch zu jung dafür - allerdings schließt meine Mama das für später eigentlich auch gar nicht aus....

    Da läuft eigentlich bis jetzt noch ganz gut...

    Da müssen wir sie dann wahrscheinlich auch von selbst lassen...

    Mehr Sorgen mache ich mir eher wegen ihres Kummers usw....

    Aber auch das müssen wir wohl einfach auf uns zukommen lassen....

    Ganz lieben Gruß,

    Lulu

    • (18) 07.11.16 - 13:08

      Danke, dass du dir die Mühe machst, allen zu antworten :-)
      Zur Wohnanlage meiner Schwiegermutter: dort wohnen auch junge Familien, es ist kein betreutes Wohnen. Aber die Wege sind kurz, die Nachbarschaft funktioniert gut, es gibt viele Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu kommen.

      Wenn deine Schwester, du und die Eltern in einem Ort wohnen sehe ich da auch keinen Grund zu einem Umzug. Wie sie die Trauer bewältigt, kann vorher keiner erahnen. Vielleicht startet sie wie andere berichtet haben, tatsächlich nochmal aktiv in einen neuen Lebensabschnitt. Das wünsche ich ihr und Euch.

      Liebe Grüße, d.

      • (19) 07.11.16 - 14:17

        Ach - klar - wenn ich schon mal Zeit habe antworte ich natürlich auch - und bei mir ist auf der Arbeit im Moment eine sehr ruhige Zeit, und so habe ich dann schonmal die Möglichkeit, vernünftig zu antworten - außerdem bekomme ich hier ja auch durchweg tolle Antworten - das ist auch nicht selbstverständlich , und wenn sich einer schon die Mühe macht mir zu antworten , dann versuche ich auch - je nach Möglichkeit- zu antworten :-)

        Dake :-)

        Achso , dann hatte ich das mit dem Wohnen falsch verstanden ...

        "Wie sie die Trauer bewältigt, kann vorher keiner erahnen. Vielleicht startet sie wie andere berichtet haben, tatsächlich nochmal aktiv in einen neuen Lebensabschnitt. Das wünsche ich ihr und Euch..."

        Danke - das wünschen wir uns auch #liebdrueck

(20) 11.11.16 - 14:14

Hallo,

das tut mir leid. Ich kann kann mir vorstellen, wie machtlos du dich fühlst.

Dennoch solltest du bedenken: Deine Mutter wird trauern, egal wo, mit wem. Die beiden haben ein langes, gemeinsames Leben hinter sich und, wie bei den meisten Paaren, bleibt einer dann i-wann zurück. Du /ihr könnt nur versuchen, dann viel für sie da zu sein, aber die Trauer kannst du ihr leider nicht ersparen, da wird es uns evtl. mal ähnlich ergehen.

Ich habe beruflich viel mit Trauernden zu tun. Den meisten tut es gut, einfach nur reden zu können, erzählen zu können über das gemeinsame Leben, über die Krankheit, über das Sterben... den Schmerz kann man da leider niemanden abnehmen. Neulich hatte ich ein Gespräch mit einer Witwe, sie erzählte eben, wie traurig sie oftmals sei, wenn sie alleine ist, wie sich das manchmal von einer Minute auf die andere ändere (sie wird von ihren beiden Töchtern und den Enkelkindern sehr liebevoll umsorgt) und sie erzählte auch, was sie alles getan hat für ihren Mann... er war "haushaltstechnisch" recht unselbständig. Daraufhin habe ich ihr sanft erklärt, daß es schon seine Gründe hat, dass SIE nun alleine zurückbleibt und nicht ER... da war sie mir richtig dankbar dafür, das habe sie ja noch gar nie so gesehen, aber das sei vollkommen richtig, er hätte nicht alleine zurückbleiben dürfen.

Was in solchen neuen Lebensabschnitten schon hilfreich ist/sein kann: christlicher Glaube, Gleichgesinnte Nachbarn o. ä. die einen da ein Stück weit auffangen. Es gibt da mittlerweile auch einige Senioren-Angebote, die man sich dann wirklich mal ansehen sollte - wobei dies aber manchmal Zeit braucht (etwa Gymnastik, Trauercafe, Seniorenkreise etc.)
Ist deine Mutter körperlich noch fit?
LG

Top Diskussionen anzeigen