Der "Biss" ist weg

Hallo,

wollte mal fragen, wie es Euch so geht. Ich werde in knapp 4 Wochen 46 Jahre alt und irgendwie merke ich, dass ich langsam komisch werde.

O.k. mein Mann meint, die Welt um uns herum wird komisch, das halte ich aber eher für unwahrscheinlich :-)

Ich merke an mir selbst, dass ich weniger kompromissbereit bin - gerade so in Jobfragen. Ich habe im letzten Jahr 2 mal den Job gewechselt, weil ich wirklich verzweifelt war. So übertrieben es sich anhört, es war nicht nur eine Unzufriedenheit, es war wirklich pure Verzweiflung. So nach dem Motto, dafür ist mir mein Leben zu schade. Ich kann es noch nichtmal an einer bestimmten Person oder Gegebenheit festmachen. Es war eher so das Gesamtpaket.

Habe dann einen neuen Job gefunden, bei dem ich wesentlich weniger verdiene, aber glücklich bin. Das ist sowas das wäre mir vor 20 Jahren nicht passiert. Nach dem Motto "dann sind die Kollegen halt doof, Hauptsache die Kohle stimmt".

So verschieben sich die Prioritäten und das Schlimme ist, ich kann auch mit meinem Umfeld immer weniger anfangen. Bekannte/Freunde machen Karriere verdienen sich dumm und dämlich und erzählen mir dann von ihren Jobs.

"Heute musste ich nach Berlin und hatte ein Meeting mit XYZ und stell Dir vor nächste Woche kann ich tatsächlich dem Ministerpräsideten von meiner Arbeit berichten"

Und ich sitze daneben und denke nur, du arme Sau. Ich mache gemütlich meinen Halbtagsjob, habe den Nachmittag (abgesehen von Hausarbeit) für mich, kann spazieren gehen, lesen, im Garten werkeln usw. D. h. uns gehen da so langsam die Gesprächsthemen aus, weil unsere Welten immer weiter auseinander triften.

Oder auch so alltägliche Dinge wie Kleidung interessieren mich eigentlich nicht mehr. Ich gehe an den Schrank, finde eine Jeans die sauber ist und passt und ich bin glücklich. Und wenn diese Hose 5 Jahre alt ist - prima, dann habe ich die letzten 5 Jahre nicht zugenommen :-) Und ich habe auch gar kein Interesse mehr an shoppen gehen. Wenn ich mir überlege, welche Unsummen ich für Schuhe/Klamotten noch für 3 Jahren ausgegeben habe - zugegeben für Jobs, die ich gehasst habe, das geht auf keine Kuhhaut.

Und dann, vor ca. 2 Jahren, als wenn man einen Schlater umgelegt hätte - zack alles vorbei. Ich glaube, ich bin mir selbst wichtig geworden. Aber irgendwie eckt man damit auch immer an. Bekannte wollen mir endlich wieder einen geilen Job vermitteln, weil so geht das ja nicht weiter. Dann die vorgeschlagegenen Treffen, auf die ich eigentlich gar keine Lust habe, weil die Gesprächsthemen soweit auseinander gehen, obwohl ich die Leute eigentlich mag.

Aber genug geschwafelt, habt Ihr das an Euch auch gemekrt, dass Ihr komisch werdet?

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Moin

Ich werde jetzt auch 46 Jahre alt, und mit Verabredungen ist es auch nicht mehr wie früher.
Ich habe schlicht keine Lust stellenweise.
Man unterhält sich meist über immer gleiche Themen, völlig nervig. Ich gehe gerne alleine durch den Wald oder an den Deich, da habe ich meine Ruhe. Abends gucke ich gerne auf dem Sofa einen Film, anstatt Party zu machen.
Ich denke man will weniger persönlich Abstriche machen, will weniger gefallen. Ich bin viel gefestigter, wenn ich nicht telefonieren will, lass ich es klingeln.

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Hallo,

keine Ahnung ob der Biss weg ist, ich bin 51.

Jobmässig verändere ich mich auch gerade, fange nächste Woche einen neuen Job an und freue mich drauf.
Es bleibt bei Teilzeit, mit einer kleinen Gehaltssteigerung zum bisherigen Job, ich hätte den Job aber auch angenommen, wenn es nicht mehr gewesen wäre, meine jüngsten Kinder sind noch lange nicht erwachsen, wir haben spät nochmal nachgelegt.
Wichtig ist mir, dass mir der Job wieder Spaß macht, ich wieder gern arbeiten gehe und es mit dem Familienleben vereinbar ist, der Arbeitsweg ist definitiv eine Verbesserung.

Habe länger danach gesucht, durch langfristige Kurzarbeit/ Mitarbeiterwechsel/Kündigungen haben sich die Arbeitsbedingungen im bisherigen Job sehr zum Negativen verändert, es war nicht mehr der Job den ich jahrelang wirklich gern ausgeübt habe und eigentlich bis zur Rente weitermachen wollte. Nachdem schon vor Monaten eine Kündigungswelle anlief, von der ich (erstmal) noch nicht betroffen war, suchte ich mir was Neues, unzufrieden war ich schon eine ganze Weile und wollte nicht darauf warten, bis ich dann an der Reihe bin, vor 1 Jahr war daran absolut noch nicht zu denken, im Gegenteil da wurde mir noch eine Stundenerhöhung angeboten.
Es endet jetzt nach reichlich 6 Jahren mit dem Arbeitsgericht, da sich der AG nicht an gesetzliche Bestimmungen hielt, mein Anwalt konnte eine Abfindung und noch ausstehende Gehaltsnachzahlungen für mich durchkämpfen, auch wenn sich der AG anfangs sperrte, der Kampf war es wert.
Mir war mein Leben auch zu schade, um noch jahrelang unter schlechteren Bedingungen so weiter zu arbeiten, ich hatte das Gefühl der Job macht mich krank.

Karriere macht in meinem Umfeld keiner mehr, Jobwechsel gibt es schon.
Aber auch gesundheitliche Probleme, eine gleichaltrige Freundin steht unmittelbar vor der Frührente, die meisten haben die Kinder schon aus dem Haus, daran ist bei uns noch lange nicht zu denken.

Shoppen gehen vermisse ich nicht groß, schon vor Corona waren wir nur wenig shoppen.
Kleidung trage ich jahrelang, da muss nicht ständig was Neues her, das war schon immer so.
Ich freue mich darauf nach Corona irgendwann mal wieder ohne Maske... zu shoppen, aber es geht auch ganz ohne stundenlanges shoppen, dringend benötigte Kinderkleidung/Schuhe wurden online bestellt.

Treffen mit Freundinnen hatte ich schon länger nicht mehr, ab und zu trafen wir uns in den letzten Jahren mal abends irgendwo zum Essen, das kommt irgendwann nach Corona wieder.

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Jau, dito, dito und dito.

Ich stecke aber auch echt fies in den Wechseljahren, da ist sowieso alles total anstrengend und meine Launen, naja...

Im ersten Lockdown war ich fast froh über die ausgefallenen Sozialkontakte, auch wenn ich die schon minimiert habe und nur noch mache, was ich mag und mit wem ich mag.

Und meine Vita ist eh eine derartige Achterbahn, bin froh, jetzt selbstständig zu sein und zu tun, was ich mag. Verdienst ist auch nicht der Burner, aber reicht.

Und shoppen tue ich am liebsten in meinen drei Lieblingssecondhand-Shops - und die vermisse ich sehr!

LG,katzz

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Das hat nichts mit fehlendem Biss zu tun sondern Du merkst eeeendlich, dass vieles im Leben einfach oberflächlich ist - oder man nur das tat, was man meinte, das die anderen von einem erwarten.
Irgendwann ist das Thema "höher, schneller, weiter, schöner" einfach durch und danke Gott, dass es bei Dir angekommen ist.
Ich kenne Kollegen, die hatten die Erkenntnis nie und sind arme Schweine. Mit 60 noch an einen Karrieresprung glauben ist genauso Blödsinn wie in dem Alter einer Dreißigjährigen hinterherjoggen #cool
Ungefähr in Deinem Alter habe ich auch rigoros zurückgeschaltet. Keine unnützen Lehrgänge mehr, zurückschrauben der ehrenamtlichen Jobs usw. Mit 55 habe ich meine Altersteilzeit unterschrieben und mit 60 ging ich somit heim - andere hechelten immer noch.
Gut, mein Traum, dass ich mit meinem Mann noch einige schöne Jahre haben werde, erfüllte sich nicht. Er wurde sehr krank und starb - aber trotzdem bereue ich nicht, frühzeitig heruntergeschaltet zu haben. 45 Jahre Vollzeitbeschäftigung reichten wirklich.
Du wirst nicht komisch, sondern endlich "gescheit" #freu
Ich bin schon ein Stadium weiter - beim Altersstarrsinn #rofl Ich mache absolut nur noch das, wozu ich gerade Lust habe und kann Faulheit richtig geniiiießen. Herrlich :-p
Sämtliche bohrenden Aufforderungen zu Ehrenämtern habe ich ausgeschlagen, nun hab ich Ruhe. Da ich eine Enkelin habe und auch Freunde genug, kann ich jederzeit Umtrieb haben, wenn ich das will. Wenn endlich mehr Freiheiten sind, werde ich auch wieder durch die Lande fahren, momentan reizt mich noch nichts. Ich liebe weder die Maske noch die Tests überall.
LG Moni

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Ich bin auch über 40 und mir ist mein Beruf auch lange nicht mehr so wichtig wie mit Anfang 30, obwohl ich ihn immer noch mag. Ich sehe das auch eher in meinem Umfeld, Work-Life-Balance ist wichtiger. Diejenigen, die immer noch am Anschlag arbeiten, tun das, um das große Haus und die 3-4 Kinder und das dazugehörige Riesen-Auto zu finanzieren und ja, damit kann ich auch tatsächlich so gar nichts (mehr) anfangen und da denke ich eher: „Selbstgemachter Stress“.
Bei Freundschaften wähle ich auch mehr aus. Wer tut mir gut, wo sind die Gespräche wertvoll für mich. Aber das finde ich erfreulicherweise immer noch in meinem Umfeld.
Klamottentechnisch ging es mir jetzt so 2-3 Jahre wie dir, aber irgendein Schalter hat sich da umgelegt und diesen Winter / dieses Frühjahr habe ich total viel (online) geshoppt und bin total happy mit meinen neuen Klamotten. Aber auch wenn ich mich daran erfreue, als wirklich wichtig im Leben erachte ich das nicht. Wichtig finde ich Zeit für meine Familie und mich und als Familie durchaus auch ein gutes finanzielles Polster, weil mir das doch auch Ruhe gibt und Stress reduziert.

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Hallo, vielleicht ist es aber auch so, dass Du endlich gemerkt hast, was Du wirklich willst und Dich traust, das zuzugeben. Wenn man sich verändert, passen manche Freunde nicht mehr so gut... Das kenne ich schon immer aus meinem Leben.
Stell Dich einfach nicht so sehr in Frage. Meiner Meinung nach hat das nichts mit "Biss" zu tun oder Alter. Sondern mit Selbstfürsorge und Mut.
Alles Gute!

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Ich finde dich gar nicht komisch, sondern habe den Eindruck, dass du zufrieden und geerdet bist. Der eine erreicht diesen Punkt eher, der andere später und manche nie. Genieß dich und dein Leben so wie du bist. Du schreibst selber: Ich glaube, ich bin mir selbst wichtig geworden. Genau richtig!! Mein Motto: Stelle dich selbst in das Zentrum deines Handels. Schaue, dass es dir gutgeht und wenn du dieses Ziel erreicht hast, kümmere dich um andere. Eine glückliche Partnerin/Mutter/Freundin ist das Schönste, dass dein Umfeld sich wünschen kann.

Ich bin erst Ende 30 aber mein Mann und ich setzen dieselben Prioritäten wie du jetzt. Wir wollen arbeiten, weil es Spaß macht (und wir das Geld brauchen 😂) aber wir arbeiten nicht, um Karriere zu machen. Wir haben beide studiert und lehnen z.B. konsequent Angebote ab, Führungsverantwortung zu übernehmen, wenn diese nicht mit familienfreundlichen Arbeitszeiten gekoppelt sind. Der Preis, den wir sonst zahlen würden, erscheint uns einfach zu hoch. Wir sorgen fürs Alter vor aber wir wollen auch heute jeden Tag glücklich (oder zufrieden) sein und das nicht auf später verschieben. Wer weiß, ob es ein "später" überhaupt gibt.

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Ich habe, als ich 40 wurde, Inventur gemacht. Und für mich habe ich festgestellt, dass ich nicht nach dem Motto "Höher, weiter, besser" leben will, sondern eine gewisse Grundzufriedenheit haben will. Was brauche ich dafür? Kleidung: da habe ich reduziert und mir qualitative Kleidung besorgt, die man kombinieren kann. Resultat: mehr Platz im Kleiderschrank. Auch im Haushalt habe ich einiges aufgeräumt, nicht sehr minimalistisch, aber praktisch/pragmatisch. Beim Job habe ich reduziert, vorher noch meinen Versicherungsfritzen bestellt und ihn beauftragt auszurechnen, wie viel ich für meine Altersvorsorge und den ganzen Versicherungskram brauche. Urlaub mache ich jedes Jahr, ich verschiebe nichts mehr "nächstes Jahr" (Ausnahme Corona). Ich raffe mich öfter hoch, um Familie und Freunde zu treffen, habe auch neue Leute kennengelernt, denn Interessen und Bedürfnisse ändern sich. So weit zu meinem Komischsein.