Entwicklung Frühchen 25+3

    • (1) 05.04.17 - 13:28

      Hallo liebe Experten,

      ich wende mich heute an Sie, da ich von den behandelten Ärzten so unterschiedliche Meinungen höre.
      Unser Sohn kam in der 25+3. SSW zur Welt. Er war ein Zwilling (zweieiig). Sein Brüderchen hatte bei 18+1 einen Blasensprung. Obwohl wir anfangs kaum Hoffnung hatten, dass überhaupt eines der Kinder überlebt, haben wir es mit Ach und Krach in die 25+3. SSW geschafft. Leider ist unser Sohn, bei dem der Blasensprung vorlag, bereits 5 Tage vor Geburt im Mutterleib verstorben. Meinem anderen Sohn ging es bis hierher sehr gut. Man entscheid sich deswegen abzuwarten. Schließlich musste man jedoch beide Kinder holen, da ich Wehen entwickelte sowie eine Entzündung.
      Unser Sohn hatte einen steinigen Weg vor sich. Er wurde mit 900g und 35cm geboren. Am 2. Lebenstag bekam er eine beidseitige Hirnblutung 2.-3- Grades. Diese wurde auch zeitweise übers Rückenmark punktiert. Nach ca. 3-4 Wochen wurden die Ventrikel aber plötzlich wieder schmaler, die Blutung wurde resorbiert und bis zur Entlassung sah man noch nicht einmal auf den Ultraschallbildern, dass jemals eine Blutung da war.
      Außerdem hatte er eine Darmperforation mit anschließendem Stoma für ca. 4 Monate. Und kurz darauf eine Magenperforation. Alle OPs verliefen gut, auch die Rückverlagerung des Stomas gelang problemlos.
      Soweit zur Vorgeschichte.

      Heute ist unser Sohn 25 Monate, wiegt 9,5kg und misst 81 cm. Er ist ein zufriedens, fröhliches und ausgeglichenes Kind. In seiner Entwicklung hinkt er schon hinterher. Er lernt alles, aber halt mit etwas Versatz im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern. So konnte er erst mit 23 Monaten laufen.

      Wir sehen seine Entwicklung relativ entspannt und erfreuen uns an jedem Fortschritt. Ihm geht es gut und man sagte uns, dass - falls er überhaupt etwas davon getragen hat - es eine Kleinigkeit sein wird.

      Geistig entwickelt er sich in unseren Augen ebenfalls gut. Er versteht alles, was man ihm sagt, befolgt Anweisungen, probiert sich aus und scheint recht pfiffig zu sein.

      Was ihm allerdings noch fehlt ist die Sprache. Er kann Wörter wie Mama, Papa, Oma, Opa, ja, nein, Auto, Apfel, Nase, Ohr, Eier, Eis. Das wars aber dann auch schon... Ich bin da eigentlich entspannt und sage immer, dass er spätestens anfängt zu reden, wenn er in den Kindergarten geht (August 17). Das HTZ, welches uns betreut sowie der Physiotherapeut sind der gleichen Ansicht. Unsere Kinderärztin riet uns allerdings auch schon, zur Logopädie zu gehen. Ich sehe da noch keinen Anlass zu. Ich möchte meinem Kind außerdem die Zeit geben, die es braucht.

      Oft habe ich bei Ärzten das Gefühl, dass einfach nur nach Entwicklungstabellen gegangen wird und gar nicht auf den Einzelfall geschaut wird. Und vor allem: Wenn das Kind nicht in dieses Schema passt, nicht auf einer Perzentilenkurve liegt, direkt mit "Kanonen auf Spatzen geschossen wird", als dass man ihm einfach etwas Zeit gönnt. Zeit, die ihm am Anfang genommen wurde...

      Da mich die unterschiedlichen Meinungen verunsichern und ich natürlich meinen Sohn bestmöglich fördern möchte, wende ich mich heute an Sie mit der Frage: Wie sehen Sie die sprachliche Entwicklung. Liegt sie noch im Rahmen und soll ich meinem Bauchgefühl vertrauen und meinem Sohn die Zeit geben, die er braucht oder wäre eine entsprechende Therapie zum jetzigen Zeitpunkt ratsam?

      Mit freundlichen Grüßen

      leni-83

      • Liebe leni-83,

        da hat Ihre Familie aber wirklich schon eine ganze Menge hinter sich. Insgesamt scheint es sich aber einigermaßen „zurechtgeruckelt“ zu haben und Sie befinden sich offensichtlich in ruhigerem Fahrwasser

        Im Zusammenhang mit Fragen zur Entwicklung von Frühgeborenen zitiere ich regekmäßig den Ausspruch von Arvo Yllpö, dem finnischen Neonatologen, der selbst als Frühgeborenes zur Welt kam und 104 Jahre alt wurde:

        „Was aus einem Frühchen wird, weiß man mit einiger Sicherheit frühestens in hohem Alter, kurz vor seinem Tode.“

        Bei Ihrem kleinen Mann sind viele der Komplikationen eingetreten, die typisch sind für ein so früh geborenes Frühgeborenes: Infektion, Hirnblutung, Darmperforation/NEC, Operation,…

        Ihren Schilderungen zur Folge hat er aber alles einigermaßen gut überstanden und Sie sind insgesamt mit seiner Entwicklung zufrieden.

        Ärzte, und da nehme ich mich selbst nicht aus, neigen dazu, Dinge messen zu wollen und bedienen sich daher der Instrumente, die ihnen in diesem Zusammenhang, Hilfestellung leisten können.

        In aller Regel vergleicht man das einzelne Kind mit allen anderen und schaut sich an, ob und wie weit es sich von diesen in der Entwicklung, geistig wie körperlich, unterscheidet.

        Betrachtet man Ihren Sohn unter diesen Gesichtspunkten, muss man zugeben, dass er sich sowohl in Bezug auf die Körpermaße als auch auf seine körperliche und sprachliche Entwicklung von gleichaltrigen Kindern abhebt.

        Ich würde die Ratschläge Ihres Kinderarztes nicht negativ verstehen wollen. Er möchte, meiner Meinung nach, das allerbeste für Ihr Kind und möchte Sie daher ermutigen alles erdenklich mögliche für Ihr Kind zu tun, damit es die bereits erreichten Entwicklungsfortschritte noch weiter ausbaut. Betrachten Sie die erwähnten Therapieansätze nicht als etwas schlechtes, sondern als Chance, dass Ihr Kind sein Potential maximal ausschöpfen kann.

        Dass Sie dabei Ihr eigenes Tempo wählen, steht Ihnen natürlich zu. Ich denke allerdings, dass es immer Sinn macht, so früh wie möglich mit diesen Dingen zu beginnen, um den bestmöglichen Erfolg zu erzielen.

        Ich wünsche Ihnen weiterhin alles erdenklich Gute

        Lieben Gruß

        Kinderarzt.jahn

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