Pflegschaft Enkel

    • (1) 02.06.19 - 13:07

      Hallo,

      kann mir jemand vielleicht sagen, wie es sich verhält wenn ich eine Pflegschaft für mein Enkel beantragen möchte? Was für Voraussetzungen muss ich mitbringen,was ist alles zu beachten, was darf ich was darf ich nicht usw ?

      Kurz zur Info: das kind lebte schon einmal bei mir für einige Zeit im Haushalt, ging dann wieder zurück in den elterlichen. Nach Trennung der Eltern gab es das Wechselmodell und man fing an sich vor Gericht um das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu streiten. Leider von vielen Lügen der einen Seite begleitet. Dann gab es eine unschöne Situation für das Kind, Ende vom Lied wieder Gericht, der Richter konnte nicht feststellen wer lügt und somit stand kurzfristig im Raum das Kind sofort in Obhut zu nehmen. Man holte mich jetzt mit ins Boot und somit ist das Kind erst einmal wieder bei mir. Da ich dieses Hin und Her aber absolut schlecht für das Kind empfinde und es sich auch bei ihm deutlich zeigt, dass vieles falsch läuft überlege ich nun mein Enkel ganz zu behalten.
      Vielen Dank schonmal und ich wünsche euch noch einen schönen und sonnigen Sonntag.

      • (2) 03.06.19 - 02:36

        Guten Morgen mibri,

        wahrscheinlich meinst Du mit “Pflegschaft beantragen” Deinen Enkelsohn als Pflegekind bei Dir aufzunehmen. Da Du die Großmutter des Jungen und somit eine nahe Verwandte bist, benötigst Du keine behördliche Erlaubnis dazu, es handelt sich dabei um eine private Übereinkunft zwischen Dir und dem Inhaber der elterlichen Sorge. Solltest Du aber Pflegegeld über die Jugendhilfe beziehen wollen, ist darauf zu achten, dass der Sorgeberechtigte (Eltern(teil); Vormund; Ergänzungspfleger) beim Jugendamt am Wohnsitz der Eltern einen Antrag auf “Hilfe zur Erziehung” in “Vollzeitpflege” stellt, so wird daraus ein öffentliches Pflegeverhältnis. In diesem Fall durchläufst Du analog zu Fremdpflegefamilienbewerbern die übliche Eignungsüberprüfung mit Gesprächen, Hausbesuchen, Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses, ärztlicher Bescheinigung der Gesundheit und Offenlegung der Finanzen, eventuell auch Besuch eines Seminars. Zudem bist Du im Rahmen der Hilfeplanung zur Zusammenarbeit mit dem Jugendamt verpflichtet. Auch ohne Antrag auf “Hilfe zur Erziehung” hast Du einen Rechtsanspruch auf Beratung durch das Jugendamt. Solltest Du die erste Variante bevorzugen, müssten die Eltern für den Unterhalt ihres Sohnes aufkommen, bei der zweiten Variante würde der Unterhaltsanspruch des Kindes mit dem Pflegegeld gedeckt, die Eltern müssten allerdings einen Kostenbeitrag an das Jugendamt zahlen. Da Du in gerader Linie mit dem Jungen verwandt bist, besteht zwischen euch eine gegenseitige Verpflichtung zum Unterhalt. Aus diesem Grunde sind Jugendämter berechtigt das Pflegegeld für Großeltern “angemessen” zu kürzen, sofern diese leistungsfähig sind. Gewährt das Jugendamt keine “Hilfe zur Erziehung” und kann der Unterhalt weder durch die Eltern noch durch die Großeltern sichergestellt werden, kannst Du für Deinen Enkel “Hilfe zum Lebensunterhalt” beim Sozialamt beantragen, wenn er noch keine 15 Jahre alt ist. Außerdem steht Dir (anteilig) Kindergeld zu und gegebenenfalls auch Kinderzuschlag.

        Wenn für das Kind eine Vormundschaft oder Ergänzungspflegschaft eingerichtet wurde, kannst Du einen Antrag auf Übernahme dieser Aufgabe stellen, da ehrenamtliche Vormünder und Pfleger Amtsvormündern/-pflegern vorzuziehen sind. Ist noch mindestens ein Elternteil sorgeberechtigt, kann er/sie vor Gericht die komplette oder teilweise elterliche Sorge auf Dich übertragen, was jederzeit auch widerrufen werden kann. Dies ist die rechtssichere Alternative zur Ausstellung einer Vollmacht durch den Sorgerechtsinhaber.

        Wichtig ist bei wem das Aufenthaltsbestimmungsrecht liegt, gerade bei privaten Arrangements ohne Beteiligung der Jugendhilfe. Liegt es bei den Eltern, beziehungsweise einem Elternteil, kann dieser die sofortige Herausgabe des Kindes verlangen. Du hast allerdings die Möglichkeit in einem solchen Fall vor Gericht eine “Verbleibensanordnung” zu erwirken, unabhängig vom Status des Pflegeverhältnisses.

        Da Du nicht automatisch sorgeberechtigt bist, musst Du zwischen “Angelegenheiten des täglichen Lebens”, wie routinemäßigen Arztbesuchen oder der Teilnahme an Elternabenden und “Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung”, wie Impfentscheidungen oder Anmeldung in Kindergarten und Schule unterscheiden. Im ersten Fall obliegt die Entscheidung Dir, im zweiten Fall musst Du Dich mit dem Inhaber der elterlichen Sorge absprechen. Keinesfalls solltest Du unbefugt, beispielsweise in nicht lebensnotwendige Operationen oder Impfungen einwilligen, da Du im Schadensfall haftbar gemacht werden kannst!

        Wenn Dein Enkelsohn behindert und/oder pflegebedürftig ist, bist Du befugt einen Pflegegrad und/oder Schwerbehindertenausweis für ihn zu beantragen. Er kann weiterhin bei seinen Eltern, aber auch über Dich krankenversichert werden. Du solltest nicht auf seinen Namen ein Sparbuch anlegen, da der Inhaber der Vermögenssorge sonst Zugriff darauf hat und das Geld von Jugend- bzw. Sozialamt zur Sicherung des Unterhalts herangezogen werden kann.

        Unabhängig vom Entzug der elterlichen Sorge haben beide Elternteile ein Recht auf Umgang mit ihrem Kind.

        Als weiterführende Informationsquellen empfehle ich Dir das Portal ://www.moses-online.de/themen/verwandtenpflege, das Forum www.pflegeeltern.de, wo Du auch einige Verwandtenpflegeeltern zum Austausch finden wirst und www.pflegeelternnetz.de, ein weiteres Forum mit Lexikon rund um Pflegekinder. Alle Rechtsgrundlagen zu den Themen Familienpflege und Vormundschaft/Pflegschaft kannst Du im Bürgerlichen Gesetzbuch (Titel 5 Elterliche Sorge und Abschnitt 3 Vormundschaft, Rechtliche Betreuung, Pflegschaft), im Grundgesetz Artikel 6 und vor allen Dingen im Achten Buch Sozialgesetzbuch nachlesen. Besonders relevant für Dich sind die Paragraphen:

        SGB VIII:

        § 10 Verhältnis zu anderen Leistungen und Verpflichtungen

        § 18 Beratung und Unterstützung bei der Ausübung der Personensorge und des Umgangsrechts

        § 27 Hilfe zur Erziehung

        § 33 Vollzeitpflege

        § 36 Mitwirkung, Hilfeplan

        § 37 Zusammenarbeit bei Hilfen außerhalb der eigenen Familie


        § 38 Vermittlung bei der Ausübung der Personensorge


        § 39 Leistungen zum Unterhalt des Kindes oder des Jugendlichen

        und


        § 40 Krankenhilfe

        Du hast übrigens ein Recht auf Beistand im Umgang mit Behörden, das bedeutet Du kannst eine Begleitperson Deiner Wahl mitnehmen.

        Hier noch ein Ratgeber für Pflegeeltern: https://www.kreis-rz.de/media/custom/1814_722_1.PDF?1432736128. Informiere Dich auch unbedingt bei einem Pflegeelternverein in Deiner Nähe, Adressen findest Du u. a. im Internet.


        Alles Liebe und eine gute Entscheidungsfindung

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