Wie fühlt sich Wochenbettdepression an?

Hallo Mädels,

Wie der Titel schon sagt interessiere ich mich für das Phänomen Wochenbettdepression.

Zunächst wünsche ich erstmal allen Betroffenen ganz viel Kraft und Licht am Ende des Tunnels #liebdrueck

Ich bin in der 18.ssw und hatte in der Vergangenheit Probleme mit Angststörungen und Depressionen durch Mobbing und später auch verstärkt durch Drogenkonsum. Das liegt jetzt durch Aufarbeitung und Therapie in der Vergangenheit und mir geht es super.
Doch hört man ja immer, dass "vulnerable" Frauen mit Vorgeschichte anfälliger für Wochenbettdepression sind.
Deshalb habe ich mich etwas damit beschäftigt aber ich muss sagen die ganzen Fachbeschreibungen lassen mich immernoch nicht ganz verstehen was da mit einem passiert.

Ist es das die Differenz zwischen dem wie man sich fühlen "sollte" und der Realität, die einen in so ein Loch fallen lässt?
Und was war für euch der Grund, dass ihr euch nicht so wirklich freuen konntet? Bzw gab es überhaupt einen?
Das alles wirkt so abstrakt auf mich.
Vielleicht möchte eine von euch ja eure Erfahrungen mit mir teilen.

LG und alles Gute! :-)
Emselinchen

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Wenn du schonmal Depressionen hattest, dann weißt du im Prinzip auch wie sich eine Wochenbettdepression anfühlt. Der Grund für die Wochenbettdepression ist grob gesagt die Hormonumstellung. Bei einer "normalen" Depression liegt ja auch immer ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter vor. Passiert bei manchen einfach so und bei anderen gehen da z.B. Trauma oder allgemein viele unschöne Ereignisse voraus, die den Körper in Stress versetzen und sich somit negativ auf den Neurotransmitterhaushalt im Gehirn auswirken.
Und freuen kann man sich deshalb dann nicht, weil man depressiv ist. Das kann ich leider nicht anders erklären, weil das eben eines der Leitsymptome einer Depression ist.

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Der Grund, dass man sich nicht freuen kann bzw. eher ambivalente Gefühle hat, ist wahrscheinlich ein Mittelding aus tatsächlichen Ängsten ("Mein Leben ist vorbei mit Baby!") und hormonellen Problemen. Dadurch, dass man sich nicht freuen kann, entwickelt man auch einen Haufen Schuldgefühle (auch weil man sich einfach zu nichts aufraffen kann, man ist keine freudige Instagram-Mutter, sondern sitzt nur heulend auf der Couch, bis der Mann nach Hause kommt), die einen noch trauriger und freudloser werden lassen...und schon sieht alles noch dunkler aus.

Wichtig ist, dass du mit deiner Nachsorgehebamme darüber sprichst und nicht versuchst, dich in den 20 Minuten zusammenzureißen. Das war mir eine sehr große Hilfe. Sie erkennt auch, wann der Punkt ist, wo man ärztliche Hilfe braucht.

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Waren das Ängste die davor schon da waren oder haben die sich dann auch erst nach der Geburt entwickelt?
Also zum Beispiel, dass dein Leben jetzt vorbei ist mit Baby.

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Beides. Gedanken wie "Das Leben ist vorbei" hat man ja vorher auch mal - aber eben nicht in dieser Qualität, sondern ganz rational weiß man, dass das Leben, so wie es bisher war, vorbei sein wird. Dass das zwar bisweilen doof wird, weil man auf einiges verzichten muss (ganz vorne dabei Schlaf #zitter), aber dass es ja besser wird, man zu zweit ist, die Freiheiten wiederkommen, man dafür ein süßes Baby hat... Danach siehst du diese Lichtblicke gar nicht mehr und es hilft dir auch nicht, wenn jemand dir das permanent ins Gedächtnis ruft - dein hormonell verseuchtes Hirn sagt dir: "Das wars jetzt. Mein Leben wird schrecklich. Ich war so dumm, dumm, dumm, warum habe ich das gemacht?" Und dann fängst du an zu grübeln, zu überlegen und die Gedanken brennen sich förmlich ein.

Manche Dinge kommen auch erst danach. Eben weil man (aus gutem Grund) vorher nicht weiß, wie genau es werden wird. Plötzlich gibt es Probleme, die dir wie unlösbare Aufgaben vorkommen und wo du an dir selber zweifelst (wenn es mit dem Stillen nicht klappt, wenn das Baby einfach stundenlang nur brüllt, wenn die Wohnung aussieht wie ein Schlachtfeld und dein Mann sich neue Hemden kauft, weil keiner mehr mit Waschen und Bügeln hinterherkommt vor lauter Baby, Baby, Baby...). Und schon bist du drin im Schönsten "Ich kann es nicht, ich bin die einzige Frau die das nicht hinbekommt" (natürlich bist du das nicht, aber dass es so richtig sch... werden kann und dass es Phasen geben wird, wo du einfach nur gehen willst, ahnt man vorher so nicht :-D ).

Es ist also was von beidem - grundsätzliche Gedanken, die man schon vorher hatte (da waren es vielleicht gar keine Ängste, sondern eher Fakten), und dann aus der Situation heraus neue Ängste. Man kann das alles schaffen, aber es ist wichtig zu sagen, wie schlecht es einem geht. Man kann nichts dafür, das muss man sich immer wieder selber sagen.

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Hallo,

Ich war vor der Geburt meines Sohnes eine scheinbar gesunde Frau (soll heißen ich war psychisch stabil, lebensfroh und ausgeglichen). Auch in der Schwangerschaft ging es mir psychisch gut. Ich hatte kaum Stimmungsschwankungen und meine Beschwerden waren ausschließlich körperlicher Natur.

Nach einer schweren Geburt inklusive Intensivstation bzw. Kinderkrankenhaus (kannst gerne meinen Geburtsbericht lesen, wenn du mehr erfahren möchtest), fiel ich in ein tiefes Loch und in die Depression.

Ich stand ab dem Tag der Geburt unter Dauerstress. Bislang konnte ich mich in solchen Situationen zurückziehen, ausruhen oder schlafen. Doch mit Baby (inklusive Heimmonitor) ging das plötzlich nicht mehr. Alles was mir Sicherheit gegeben hatte, war auf einmal weg. Mein geregelter Tagesablauf, das "in Ruhe essen", "in Ruhe schlafen" oder "in Ruhe auf der Couch sitzen und lesen". Das gab es nicht mehr und damit kam ich nicht zurecht. Ich wollte weg. Ausbrechen. Oder einfach mein altes, geordnetes Leben wieder. Ohne das Kind, das mir sagt, was ich tun muss. Mir Sorgen bereitet und den Schlaf raubt. Das waren meine Gedanken. Bis hin zu: Ich möchte nicht mehr leben.

Alle fragten immer, wie es meinem Sohn geht. Kaum einer fragte, wie es MIR geht. Ich fühlte mich so unwichtig und schämte mich gleichzeitig dafür, dass ich das nicht schaffte, was anderen so mühelos gelang. Ich konnte mich nicht über mein Kind freuen. Wollte keine Glückwünsche oder Geschenke. Ich sehnte mich nach jemandem der mein Kind mitnehmen und versorgen konnte. Ich wollte einfach die Geburt vergessen und vergessen, dass ich nun Mutter war. Der Gedanke an die Verantwortung erfüllte mich mit Angst. Ich konnte nicht mehr essen, nicht schlafen (bekam sogar Panikattaken) und mich auch nicht anderweitig beschäftigten. Selbst wenn mein Sohn von meinem Mann oder meinen Eltern betreut wurde, saß ich nur teilnahmslos da. Ich war wie gelähmt.

Wenn ich das so schreibe kommen mir noch immer die Tränen. Aber so war das einfach.

Gott sei Dank habe ich einen wundervollen Mann, eine tolle Familie und ich habe eine gute Selbstreflektion. Ich wusste, dass mit mir etwas gewaltig nicht mehr stimmte und wusste sofort was es war. Nur deshalb konnte ich mir schnell Hilfe und Medikamente holen und die Depression in 6 Monaten überwinden.

Heute bin ich überglücklich einen so fröhlichen Jungen zu haben und möchte ihn nie mehr hergeben #verliebt

Ich wünsche dir eine schöne Schwangerschaft, eine Traumgeburt und hoffe, dass du von Anfang an eine glückliche Mutter sein darfst.

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Hallo, vor 9 Jahren habe ich meine erste Tochter bekommen und habe nah der Geburt fast gar nicht geschlafen. Ab dem 3.Monat fing die depression an. Ich habe es bewusst wahrgenommen, da ich mich vorher darüber informiert habe. Eigentlich von einem auf den anderen Tag habe ich aufgehört mich auf sie zu freuen. Ich war sogar sauer dass die Bescherden kommen, weil ich mich geistlich total präsent gefühlt habe. Die Anzeichen waren körperlich und erst mit der Zeit kam der Rest: weinen jeden Tag, ich sah keinen Sinn mehr, freute mich nicht mehr auf sie und konnte mich an sie nicht binden. Medikamente haben direkt geholfen, leider habe ich die Einnahme zu weit verschoben da ich lange stillen wollte. Jetzt bin ich der Meinung, dass der Wohl der Mutter, also mein, hier wichtiger war. Die Flas he hätte ihr nicht geschadet. Nach der Geburt der zweiten Tochter war ich mir sicher, dass sich die Geschichte wiederholen wird, also habe ich Vorkehrungen getroffen und wusste: an erster Stelle kommt das Schlaffen, sonst hat niemand etwas von mir. Ich hatte nicht mal Baby-Blues. Die dritte Tochter ist geboren und gestorben. Ich dachte-jetzt aber sicherlich kommt die postnatale Depression. Nein, sie kam nicht. Dank der körperlichen Erholung. Geistlich war das eine andere Geschichte, aber sie gehört nicht in den Chat.
Meine Freundin hatte paar mal Depressionen und ich habe sie für die Zeit nach der Geburt, während der Schwangerschaft, vorbereitet. Sie hat fest damit gerechnet. Sie hat es aber nicht bekommen.
Es ist also unterschiedlich und muss nicht unbedingt kommen.
Meine Cousine, die auch ihre Vorgeschhatte, hat die Depression bekommen. Dafür war schon, durch meine Geschichte, die Familie vorbereitet. Sie hat sie am 5. Tag bekommen und, anders als bei mir leicht, sehr schwer. 2 Wochen hat es gedauert bis die Medikamente gewirkt haben. Sie beschreibt es immer noch: sie ging unter die Dusche unf fühlte wie das schreckliche gefühl mit der Seife runter gespült wird.
Also mach dir nich unnötig zu viele Sorgen aber kläre schon jetzt ob deine Mutter oder Schwiegermutter kurzfristig einspringen könnte wenn du ausschlafen musst. Bei mir war das ein Wundermittel