Schwermütige Gedanken

    • (1) 31.10.11 - 11:05
      willichnichtsagen

      Hallo,

      ich muss es einfach mal loswerden: Ich hab manchmal Angst vor mir selbst und meinen Gedanken.

      Ich hab ziemlich viele Chancen in meinem Leben verpaßt und merke manchmal, wie ich darüber nachdenke, wie einfach es wäre aufzugeben. Wenn meine Eltern nicht mehr wären und mein Partner mich verlassen würde, ich glaube nicht, dass ich dann weitermachen würde. Der Gedanke daran nicht mehr dazusein erschreckt mich an sich nicht. Ich bin noch hier, weil es Menschen gibt, die mich lieben und deren Leben ich damit kaputt machen würde. Wären sie nicht da, wäre ich mir egal.

      Meine Probleme sind eher klein und nicht dramatisch. Ich bin nicht schwer körperlich krank, ich hab einen Job, nichts, was solche drüben Gedanken rechtfertigt. Mir ist nichts dramatisches passiert oder so, trotzdem werde ich die Gedanken nicht los. Tut mir auch leid gegenüber denen, die ein echt hartes Leben haben und mich gar nicht verstehen können. Ich versichere allen Menschen mit schwerden Schicksalsschlägen, die dennoch ihren Lebensmut behalten, ich mache es nicht mit Absicht mich so zu fühlen! Ich kann es nur nicht einfach abstellen.

      Und ja, ich halte mich immer mal wieder daran fest, dass noch Vieles auf mich wartet und ich noch tausend Chancen habe, aber mit jedem Jahr, habe ich mehr Angst, dass meine positiven Hoffnungen sich nicht erfüllen und die Menschen wegbrechen, die ich gerne hab. Ja, ich kann auch die Natur genießen oder lachen oder verwundert über die Vielfalt in der Welt staunen und habe Spaß mit Freunden, aber immer wieder kommen eben doch diese miesen Gedanken hoch! So aus dem Nichts.

      Ich fühl mich dann schäbig, dass ich mein Leben dann - ohne, dass es die Betroffenen wissen - von ihnen abhängig mache. Ich war schon beim Arzt, aber so richtig depressiv verhalte und scheine ich nicht - die Gedanken kommen einfach ab und an über mich. Ein bisschen Schilddrüsenprobleme wurden gefunden und die leichte Depression darauf geschoben... Ich bin da eher skeptisch.

      Gibt es vielleicht jemanden, der so etwas auch hat und dem eine Therapie geholfen hat? Wie fang ich sowas an ohne meinen Job und mein Leben aufzugeben? Mit wem rede ich darüber und wie reagieren Ärzte auf sowas? Ich will nicht in eine Klinik oder so, ich will nur schaffen meinen Lebensmut auch ohne Menschen um mich herum zu bewahren. Es ist auch nix aktues! Ich habe nur Angst vor dem Moment irgendwann in der Zukunft - ich hoffe, er trifft nicht ein - in dem ich ganz alleine sein werde. Versteht mich irgendwer?

      Ich freue mich auf eure Tipps, Erfahrung und hoffe, das mich nicht zu viele fertigmachen :/

      SD-Störung kann es durchaus auslösen. Wenn es nicht hilft, würde ich unbedingt zum Arzt (Psychotherapeut, kein Hausarzt), sag bei Terminvergabe, dass du Suizidgedanken hast, dann bekommst du ruckzuck einen Termin.
      Es ist wirklich ernst, der Arzt wird dich auch ernst nehmen und nein, du musst nicht in die Klinik, aber du wirst Medikamente bekommen.

      Ich drücke dir die Daumen, dass du den Mut aufbringst und zum Arzt gehst.

      LG

      • (6) 31.10.11 - 11:32
        willichnichtsagen

        Du hast das böse Wort ausgesprochen. :/ Ich hab echt Angst vor dem Anruf beim Doc - es ist so grundlos bei mir: Ich weiß, was es alles Schöne und Gute gibt. Ich seh die Welt nicht nur schwarz und grau, ich bin nicht hoffnungslos gegenüber allem und jedem. Ich passe gar nicht auf das Klischee, das man (oder ich) von solchen Personen im Kopf hat. Ich versteh mich selbst nicht. Hoffe, dass es wirklich von der Schilddrüse kommt. Vor Psychopharmaka hab ich nen Heidenrespekt und Angst.

        • Es müssen ja nicht sofort die hammerharten Psychopharmaka sein. Wenn es evtl. eine leichte depressive Verstimmung sein sollte, so kann da auch durchaus schon Johanniskraut helfen.

          Du solltest auf jeden Fall mit deinem Arzt nochmal mit deinem Arzt darüber sprechen. Sollte er das Problem nicht ernst nehmen, dann such dir einen anderen Arzt.

          • (8) 31.10.11 - 12:20

            Ja, ich denke mal, ich komm am Arztbesuch nicht vorbei. Aber irgendwie ist das halt schon krass zu sagen: "Ich denk an sowas!" - der Satz liegt mir schon bei Verwandten manchmal schwer auf der Zunge. Vor so 8 Jahren hab ich mich mal geschnitten- nicht mehrmals, nur ein einziges Mal, um zu sehen, ob es wehtun würde, wenn man es so machen würde. Und auf die Frage, was für einen blutigen Kratzer ich da habe, hab ich eigentlich allen gesagt: "Da hab ich mal nachgeschaut, ob es wehtun würde, wenn man sich so etwas antun würde." Es wurde zur Kenntnis genommen - von Freunden und Familie gleichermaßen. Sicher, man war etwas empört, aber eigentlich wollte man sowas einfach nicht hören. Ist ja total unpassend so Gedanken zu haben.

            Damals, das weiß ich heute, war es sowas wie ein Hilferuf, um allen zu zeigen, schaut: "Ich hab Gedanken, die mir nicht gut tun. Mir geht es nicht gut. Hilfe!" und es war damals schon heftig, dass alle weggehört haben. Irgendwie hab ich damals erwartet, dass man mich packt und zum Arzt schleppt, aber man hat mich nur zum Arbeitsamt geschleppt, weil ich zu der Zeit meine erste Ausbildung abgebrochen hab.

            Naja, damals ging es mir wesentlich schlechter als heute, aber da hab ich auch mit fast allen Menschen um mich herum den Kontakt abgebrochen. Das würde mir beispielsweise heute nicht mehr passieren - ich weiß ja, dass die Menschen um mich herum total wichtig für mich sind. Damals hab ich mich selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen und um jedes Lachen gekämpft - da war ich sicher richtig depressiv und hochgeradig gefährdet - aber heute kann ich lachen, Freude am Leben haben und lauter so Zeug. Ich plane mein Leben und wünsche mir Kinder und eine Familie, gehe mit Freunden aus und so weiter - Nur diese doofen Gedanken kommen ab und zu wieder hoch und erwischen mich kalt.

            Ok, jetzt les ich es selbst noch mal durch, was ich gelesen habe, und fühl mich total wie ein Psycho :( So ein Mist aber auch.

    Hallo,

    ich kann Dich so gut verstehen... Diese Gedanken habe ich auch hin und wieder, meistens kann ich sie gut verdrängen. Das Leben wurde doch ohne mich weiter gehen, fast genau so wie mit mir... Das einzige was mich hält ist meine Tochter, gäbe es sie nicht, wäre ich auch nicht da...
    Doch es macht mir immer wieder Angst, dass irgendwann der passende Moment kommt...

    Die Lösung für Dich habe ich leider nicht, keine Ahnung was man damit macht. Ich versuche wie gesagt, die Gedanken zu verdrängen, so gut es geht. Mich abzulenken, so gut es geht. Mich an irgendwas fest zu halten so gut es geht.

    Vielleicht hilft ein neuer Job? Neue Aufgabe? Neue Menschen um Dich rum?

    Viele Grüße

    Kulka

    • (10) 31.10.11 - 11:39
      willichnichtsagen

      Danke für deine Tipps und dass Du mir das Gefühl gibst, dass ich nicht alleine mit sowas bin. Ich hab auch schon überlegt, ob ein neuer Job und mehr Bekannte was helfen, aber müsste ich mir nicht selbst genügen? Weißt Du, was ich meine?

      Es kann doch nicht sein, das Frauen oder Männer oder Kinder alles Leid der Welt und große Verluste wegstecken und weitermachen und gar nicht daran denken aufzugeben und ich das, ganz ohne traumatische Erlebnisse, nicht kann. Ich will diese doofen idiotischen Gedanken nicht und ich will die loswerden! Abschütteln! Leben, als gäbe es kein Morgen ohne die Angst alleine aufzuwachen und aufzugeben! Das will ich! Ich finde es überhaupt nicht angenehm solche Gedanken zu haben und kann tausend Sachen aufzählen für die es sich lohnt jeden Tag zu leben. Das ist doch total paradox.

      • Genau dafür gibt es Therapie, aber bei einem Hausarzt kommst du nicht weiter.
        Normalerweise wartet man Monate auf einen (kostenlosen) Therapieplatz, aber wenn du erwähnst, dass du solche Gedanken hast, müsstest du sehr schnell drankommen.

        • Nicht zwangsläufig. Zumindest hier in der Region bekommt man auch bei Suizidgefahr nicht sofort einen Therapieplatz. Wenn es so dringend ist, muss man sich grundsätzlich an eine Klinik/Krankenhaus wenden.

          Niedergelassene Ärzte geben i.d.R. auch in dringenden Fällen nicht sofort einen Termin.

          • (13) 31.10.11 - 12:25

            Wie gesagt, so akut ist es nicht. Ich hab nur das Gefühl, dass ich mich jetzt darum kümmern sollte und nicht, wenn es dann irgendwann wirklich akut wird. Ist nunmal so, dass man Menschen um sich herum irgendwann verlieren kann - sei es durch Trennung oder durch das Alter oder Krankheit. Ich möchte das doofe Damokles-Schwert über meinem Kopf loswerden und nicht irgendwann kalt erwischt werden.

            Ich bin sozusagen ziemlich prophylaktisch unterwegs im Moment.

            • (14) 31.10.11 - 12:43

              Ok, gerade noch mal alles quergelesen! Vielen Dank, dass mich keiner angegriffen hat oder so. Manchmal liest man ja schon fiese Antworten auf so ähnliche Beiträge - und danke für eure Tipps.

              Ich werde demnächst mit meinem Hausarzt sprechen - ich muss eh hin wegen Blutkontrolle und neuen SD-Medikamenten. Entweder soll er mich behandeln oder mich zu einem Experten überweisen. Ich glaube, das wollte ich nur noch mal von Euch bestätigt haben.

              Ich will dieses Leben bejahen! Wirklich und von Herzen, aber alleine(! das Wort muss man betonen) schaff ich das nicht immer, also brauch ich wohl Hilfe. Vielleicht ist durch die Jahre mit so einer schleichenden Depression - mal schwerer, mal kaum spürbar - einfach meine Gehirnchemie so durcheinandergeraten, dass irgendein Medikament das wieder in die richtigen Bahnen lenken muss. Rein medizinisch funktioniert das wohl auch so ähnlich. Irgendwo hab ich das ja alles im Hinterkopf, aber manchmal hilft es einfach, es anonym nochmal aufgeschrieben zu haben, Feedback zu erhalten und sich seine eigenen Widersprüche im Text nochmal durchzulesen.

              Danke für eure Zeit und euer Antworten.

(15) 31.10.11 - 13:34

Bei mir ist der Grund ein anderer, aber ich kann es sehr gut nachvollziehen. Mein Grund ist eher, dass ich nichts mehr vom Leben erwartete. Ich hatte jahrelang keinen Wunsch, kein Ziel. Meine Wunschzettel waren immer leer. Weder materielle Besitztümer, noch Menschen oder persönliche Errungenschaften (Urlaub, Sportauszeichnungen, Erfolg im Job) waren für mich wichtig. Das Leben plätscherte vor sich hin und ich lebte nur noch für meine engere Familie, da alle stolz auf mich, meine Fähigkeiten und Leistungen waren. Wir waren eine sehr arme Familie, meine Familie ab Großeltern (und ich) sind in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen (kein Bett, kein fliessend Wasser/nur Regenwasser, Plumpsklo, wenig essen, definitionsgemäß so etwas wie ein Slum). Ich habe den Teufelskreis der Armut durchbrochen (ich trage einen Doktortitel, dem dt. Bildungssystem sei dank) und meine selige Großmutter hat bei meinem letzten Besuch geheult vor Glück darüber.

Ich habe jahrelang heimlich immer Menschen gesucht, denen das Leben auch nicht so viel bedeutet. Der Wunsch nach Freitod ist nahezu überall zu finden. Aber die Menschen hatten alle fest zementierte Gründe für ihren Freitod. Viele Menschen sandten es auch oft als Hilferuf aus, aber bei mir war es weder ein Hilferuf, noch eine Belastung irgendwo. Ich merkte auch, dass diese Menschen nur mißmutig, depressiv waren und auch ihre Lage nicht wirklich erforschen, verändern oder partiell aufarbeiten wollten. Daher wandte ich mich von diesen Menschen ab suchte mir positiv gestimmte Menschen. Und es reicht -eine- Person, mit der man auf der selben Wellenlänge über den Sinn des Lebens reden kann. Das reicht, um einen ersten Ansatzpunkt zu haben. Das Thema Freitod ist natürlich absolut tabu, denn wir reden über die Ursache, nicht das Symptom.

Übrigens habe ich auch jahrelang mehrere Psychotherapien besucht. Das war zwar cool, was ich über mich selbst gelernt habe, aber man darf sich die Psychotherapie nicht wie eine Fabrik vorstellen: Hingehen, therapieren lassen und "geheilt" rausgehen - so funktioniert das nicht. In der Psychotherapie arbeitet der Klient, nicht der Therapeut. Geholfen hat es mir etwas, aber es fehlte trotzdem ein entscheidender Baustein. Meine Krankenkasse hat das im übrigen alles bezahlt (ein Hoch auf das dt. Gesundheitssystem).

Der entscheidende Baustein setzt sich aus 2 Komponenten zusammen. Die eine Komponente ist meine jetzige Frau. Sie ist (oberflächlich) so ziemlich genau das Gegenteil von mir und jeder Tag kann eine Herausforderung sein. So klischeehaft es auch klingen mag, aber sie hat die Komponente "zusammen" in mein Leben gebracht. Ich muss den ganzen Mist hier nicht allein aushalten, denn wir machen das "zusammen". Und sie gibt kräftig Ziele und Wünsche vor ;-); ich bringe zwar das Geld rein, bekomme aber meist nur Taschengeld (Scherz).

Die zweite Komponente ist unser Sohn. Ich war seit jeher eigentlich Kinderhasser (Haha! Anonym kann ich das schreiben), aber mit der richtigen Frau hat sich auch das geändert. Unser Sohn bringt aber nicht die Komponente "Verantwortung" - das habe ich auch so genug. Er ist ein "Leuchtfeuer" für mich. Seine Entwicklung liegt vor mir wie ein Leuchtfeuer, woran ich arbeiten möchte. Ich freue mich schon darauf, wenn er das erste mal eine Scheibe einschiesst, FreundInnen nach Hause bringt, betrunken auf's Sofa kotzt, mein Auto kaputt fährt oder sich entscheidet zu studieren - das sind kleine Stationen, die mir zeigen, wie es voran geht.

Ich habe meine Ziele im Leben gefunden. Meine materiellen Wunschzettel sind nach wie vor leer, aber nicht mein Herz. Hin und wieder kommt wie früher der Gedanke auf, dass mein Leben recht wertlos/nicht lebenswert ist. Aber ich habe mit diesen Gedanken gelernt zu leben. Diese Gedanken sind ein Teil von mir und haben mich mitunter dahin gebracht, wo ich jetzt stehe.

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