Partnerschaft und Depressionen

    • (1) 28.07.12 - 20:50
      hopie777

      Hallo...

      habe hier schon sehr viel über die Problematik von Depressionen innerhalb der Partnerschaft gelesen.

      Auch ich habe mit dem "Monster" wie ich es nenne, zu kämpfen, weil es für mich so unberechenbar ist... mein Mann ist seit langem betroffen... schlechte Kindheit...es ist immer mehr dazu gekommen...und dann irgendwann der Zusammenbruch... Beruflich völlig klar denkend, aber privat kann er nichts entscheiden. Es wurde immer schlimmer... mal ist er gut drauf, dann plötzlich unnahbar, aggressiv, verletzend.... Es gab so viele Momente, wo ich hätte gehen müssen...aber ich bin da geblieben...
      Jetzt ist er erst mal gegangen...auf Abstand... möchte eine Auszeit haben...Er ist auch in eine Tagesklinik gegangen, nachdem er zunächst "nur" bei einem Therapeuten war. Er hat sich eine eigene kleine Bleibe gesucht, sagt er ist im Moment zu keinem Beziehungsgespräch in der Lage... Familientherapie etc lehnt er kategorisch ab.

      Ich liebe ihn sehr und habe Angst, daß es endgültig ist....

      Gibt es Heilung nach Depressionen ??? Kann eine Beziehung wieder schön werden...mit Nähe und allem was dazu gehört ? Ich habe einfach Probleme damit das zu verstehen, was in ihm vorgeht... er sagt, es fiele ihm leichter, mit Fremden über seine Probleme zu sprechen, eher als mit Menschen, die ihm was bedeuten.... Er sagt, sein Kind und ich seien die einzigen, die noch an ihn ran kämen...dann meldet er sich ne Woche wieder nicht... und ich fühle mich ausgeschlossen und irgendwie wie abserviert... Selbst "ich vermiss dich" möchte er nicht hören...das belastet ihn...

      Dann ist er wieder gut drauf...möchte gestreichelt werden und möchte auch mit mir schlafen... Das klappt auch und ist wirklich schön... Danach manchmal wieder Funkstille... Dann kommen böse Gedanken in mir hoch... Benutzt er mich nur ? Im schlimmsten Fall denke ich, er hat ne Andere...Ich phantasiere das richtig...

      Vielleicht können mir wirklich Betroffene weiterhelfen... Angehörige oder selbst Erkrankte....es zu verstehen....

      Wir haben ein kleines Kind und ich hätte natürlich gerne eine richtige Familie.

      • (2) 28.07.12 - 21:45

        Diese Zwiespältigkeit in den Gefühlen und die Launenhaftigkeit hängt mit der Krankheit zusammen. Das ist keine bewusste Entscheidung, die dein Mann je nach Lage bestimmen kann. Manchmal kippt die Stimmung dann auf Grund irgendeiner Kleinigkeit, die du vielleicht noch nicht einmal mitbekommen hast. Man kann das auch nicht logisch erklären, denn seine "Logik" ist anders als deine und trotzdem in sich schlüssig.

        Vielleicht gibt es keine Heilung der Depression in dem Sinne, dass sie völlig verschwindet. Aber man kann auch mit Depressionen, die man im Griff hat, sehr alt werden und eine Familie haben. Was genau stellst du dir unter einer "richtigen" Familie vor?

        Gib ihm die Zeit, die er braucht, und hoffe darauf, dass er in seinem Tempo und zu seiner gewählten Zeit wieder auf euch bzw. zu euch zurückkommen wird. Es klingt vielleicht etwas zu viel verlangt, aber es reicht schon, dass du ihm nur die Sicherheit gibst, dass deine Tür für ihn immer offen steht.

        Vielleicht findest du andere Betroffene oder eine Selbsthilfegruppe für Angehörige, die dir vielleicht ein bisschen erklären können, was bei so einer Depression eigentlich passiert.

        Bei Depression ist es so wie mit der Magersucht: Der Depressive möchte gerne was sagen, aber kann nicht. Es ist, als ob man zwei verschiedene Sprachen sprechen würde und keiner den anderen versteht. Außerdem kämpfen die Depressiven die ganze Zeit darum, wieder normal zu werden, aber es gelingt ihnen nicht, weil der Sog nach unten einfach viel zu stark ist. Man muss sich das vorstellen, wie einen Schwimmer, der gegen die Strömung kämpft, wobei der Lärm vom Wasser so laut ist, dass keiner seine Hilferufe hören kann, während der Ertrinkende verzweifelt sich die Seele aus dem Leib ruft. Und irgendwann kommt der Punkt, da ergibt er sich und hört auf zu schreien und gibt sich seinem Schicksal hin. In dem Stadium kommt man kaum noch an ihn ran.

        Es gibt für Depressionen einen tieferliegenden Grund, aber auch immer wieder Auslöser, die diese Tiefs auslösen können. Wenn man diese Auslöser irgendwann erkennt, kann man sein Leben darum herum organisieren oder sich zumindest bewusst machen: "Aha, jetzt ist es wieder soweit!" Und dann kann man nur eins machen: Durchhalten!

        Eines Tages wird es soweit sein, dass man diese tiefen Phase nehmen kann wie eine Grippe im Winter. Da ist es ja auch meistens so, dass die Erkältungszeit immer wieder so überraschend kommt. ;-) Man macht Pläne bis nach Meppen, vor allem um die Vorweihnachtszeit, und dann kommt im größten Stress ein Virus hereingeschneit und reißt einen quasi von den Füßen. Man ärgert sich kurz, dann sagt man alle Termine ab und meldet sich krank etc. pp. Und dann ergibt man sich und legt sich ins Bett oder auf die Couch und wartet darauf, dass der Körper seine Selbstheilungsarbeit verrichtet. Mein Arzt hat übrigens dazu gesagt: Ein grippaler Infekt dauert mit und ohne Medikamente 7 Tage.

        Es würde nie einer auf die Idee kommen, zu fragen, was einem einfällt, sich zu erkälten oder dabei "faul" auf dem Sofa herumzulümmeln. Bei Depressionen wird das schon gemacht. Du kannst nicht einfach sagen:"Mir gehts gerade nicht gut, habe eine depressive Phase." Da sagt auch keiner:"Och Mönsch, du armer Tropf! Gute Besserung!" :-(

        Mein Männern kann man übrigens die Depressionen oft daran erkennen, dass sie plötzlich und ohne erkennbaren Grund übertrieben aggressiv auf Kritik reagieren. Es dauert sehr lange zu begreifen, dass das absolut überhaupt nicht persönlich gemeint ist und ein Mann keinen Hass gegen die Person empfindet, sondern eigentlich das Gefühl, diesen Sog nach unten so hasst, und mit aggressiven Ausbrüchen dagegen ankämpft. Als Frau hat man es leichter, man kann einfach weinen, wenn es nicht mehr geht.

        Das ist auch besonders wichtig für das Kind. Da kannst du auch helfen, indem du dem Kind dann erklärst, dass es den Papa nicht wütend gemacht hat, sondern dass der vorher schon wütend war usw. und einfach müde ist und seine Ruhe haben möchte. Und am besten wiederholst du so oft wie möglich, dass der Papa sein Kind wirklich sehr doll lieb hat und ihm das bestimmt jetzt schon wieder leid tun, dass er so rumgeschrieen hat usw. Wenn er anfängt, das Kind zu schlagen, solltest du allerdings eine Notbremse ziehen.

        Mein Vater hatte Depressionen und meine Eltern haben sich sehr viel gestritten. Ich habe jahrelang gedacht, dass meine Schwester und ich schuld daran sind, dass die beiden sich so oft streiten. Sie haben sich dann getrennt und wenn wir dann bei unserem Papa waren, hat er sich total lieb um uns gekümmert, aber eben auch oft Termine abgesagt. Meine Mutter hat immer geschimpft, dass er unzuverlässig ist und wir ihn gar nicht interessieren.

        Ewig später als junge Frau habe ich mal mit meiner Mutter darüber gesprochen und habe festgestellt, dass meine Mutter ihre ganze Enttäuschung, dass sie eben keine richtige Familie haben konnte, an ihm ausgelassen hat und deshalb auch immer schlecht über ihn gesprochen hat. Im Nachhinein hat sie auch zugegeben, dass er uns sehr geliebt hat und dass sie einfach nichts über diese Krankheit gewusst hat. Sie hat auch vieles falsch eingeschätzt.

        Ich Nachhinein habe ich von ganz vielen Seiten gehört, dass mein Vater total stolz auf seine Kinder war, dass er ständig Fotos von uns rumgezeigt hat und uns nur "meine Mädels" genannt hat. Er hatte zwei Fotos in Postergröße von uns in seiner Wohnung hängen, das hatte ich schon wieder total vergessen.

        Und ich erinnere mich ganz dunkel daran, dass ich ihn als Kind öfter mal weinen gesehen habe. Ich konnte nur nie einordnen, warum.

        Inzwischen bin ich mir sicher, dass es nicht unsere Schuld war. Seitdem ich selber Kinder habe, kann ich erst so richtig verstehen, wie das alles so war damals.

        Ich wünsche dir alles Gute!#klee

        • (3) 28.07.12 - 22:04

          Vielen vielen Dank für deine Mühe, so viel zu schreiben.

          Das mit der Aggression...und der Kritik...das ist mir bei ihm wirklich genauso aufgefallen... Er kritisiert mich...mache ich das gleiche mit ihm...wird er unfair...wie Nachtreten beim Fußball...

          Er hat auch diese klassischen Symptome...wie kalte Schweißausbrüche und er schläft so gut wie nie...hat auch Herzprobleme...

          Mache ich was, was ihm nicht paßt...läßt er mich stehen...oder schmeißt mich aus dem Auto raus...
          Er will dann seine Ruhe haben...für sich sein...Ich klammere aber und will ihm vermitteln, daß es wieder gut ist...er läßt dann aber keine Nähe mehr zu...
          Dann meldet er sich lange nicht...ist wie Liebesentzug...

          Mein engstes Umfeld sagt komplett, ich solle ihn "abschießen"...er ist nicht gut für mich...

          Sie sehen ihn als charakterlos an. Natürlich will er nicht, daß andere von der Tagesklinik wissen...ich darf nicht drüber reden... Mit mir redet er auch nicht drüber...ich weiß noch nicht mal, in welche er geht... Es kommt mir so vor, als sieht er seine Lage selbst als Schwäche...oder unmännlich an...

          Unser Kind ist noch Baby... Er tut sich im Moment schwer, überhaupt eine Beziehung aufzubauen...er ist der Meinung, besser kein Vater als ein schlechter Vater.

          Danke nochmal für schreiben...

      Hallo hopie777,

      auch ich bin an Depressionen erkrankt.

      Es ist eine lange Geschichte, aber wenn du magst kannst du dich gern über meine VK melden.
      Vielleicht können wir uns etwas austauschen?!

      roterschmetterling7

      • Hallo ,

        ich habe durch ZUfall deine Antwort auf das Thema Depressionen gelesen.

        Mir ist es etwas unangenehm direkt um Forum zu schreiben.

        Ich bin auch eine Mutter von 3Kindern und verheiratet und habe sehr oft schlimme depressive Phasen, wie jetzt zur Zeit und ich weiß nicht an wen ich mich wenden kann...
        Deshalb habe ich mir gedacht mich an euch zu wenden!

        Ich weiß nicht an wen ich mich wenden kann, weil ich immer Angst habe das man durch meine Depressionen die Kinder wegnimmt oder so. Ich war noch nicht beim Arzt, aber es zerrt immer mehr am Eheleben und ich als Mutter bin auch schnell gereizt und ungedultig und total kraftlos. Ich fühle mich als totaler Verliehrer.

        Mein Mann ist total genervt und gestresst mit mir und weiß keinen Rat obwohl er versucht mir das Leben zu versüssen,aber kleine Dinge wechseln meine Laune schlagartig. Gerade habe ich noch gelacht und gekuschelt, kommt eine Situation oder ein Wort und ich werde sauer, traurig oder fühle mich als Versager...

        Es ist echt schlimm.

        Ich habe keine Familie, die mich unterstützt, nur meinen Mann...

        LG

    Guten Abend, ich habe deinen Beitrag gelesen.

    Ich kann dazu sagen das auch ich unter Depressionen leide.

    Wenn du wissen willst wie wir dann miteinander umgehen und was wir machen kannst du mich auch gerne persönlich anschreiben.

    Ich bin zwar noch recht jung aber kann auch einiges dazu sagen.

    Liebe Grüße ich freu mich wenn ich mich auch mit jemanden austauschen kann.

  • (7) 02.08.12 - 10:39

    Hallo,

    ich bin selbst Anfang letzten Jahres an einer schweren Depression erkankt und habe daher viel Erfahrung zu diesem Thema. Nachdem ich einige Wochen in einer Psychiatrischen Klinik war, ist es mir besser als je zuvor gegangen.

    Zunächst einmal ist es sehr wichtig, dass dein Mann die Therapie in der Tagesklinik fortsetzt, bis es ihm deutlich besser geht. Ich gehe davon aus, dass er Antidepressiva nimmt. Falls nicht, wäre dies der erste wichtige Schritt.

    Ich kann dir ansonsten nur raten, Geduld mit ihm zu haben und seine Aussagen nicht persönlich zu nehmen. Ich habe in dieser Phase auch immer auf meinem Mann herumgehackt und hatte schlimme Wutanfälle. Das ging so weit, dass meine Ehe in Gefahr war, weil mein Mann irgendwann genug von meinen Launen hatte. Ich denke, dass dein Mann sehr frustriert ist und dann seine Aggressionen an dir auslässt. Bitte lass ihn nicht fallen, da ihn eine Trennung nur noch tiefer herunterziehen würde. Wenn sich seine Depression gebessert hat, wird sich auch eure Beziehung wieder ändern. Dass sich dein Mann eine Woche lang nicht bei dir meldet, ist sicherlich auf seine Antriebslosigkeit zurückzuführen. Es liegt sicherlich nicht daran, dass er dich nicht mehr liebt oder eine andere Frau hat. Ich habe mich während meiner Krankheitsphase auch von Freunden und Angehörigen völlig zurückgezogen, weil mich der Kontakt zu anderen überfordert hätte.

    Generell ist es für Außenstehende sehr schwer, diese Krankheit zu verstehen.
    Falls du weitere Fragen hast, kann du dich gerne an mich wenden (auch mittels PN).

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