Fernbeziehung mit Depression

    • (1) 11.02.13 - 12:32

      Hallo alle miteinander,

      weil ich im "richtigen Leben" mit niemandem reden kann, müßt Ihr jetzt herhalten und Euch meinen Kummer anhören. Vielleicht hat ja jemand sogar ein paar nette Worte übrig. Wie Ihr vielleicht von den Antworten wißt, die ich sonst so gebe, kann ich mich schlecht kurz fassen. Ihr seid gewarnt...

      Mein Freund und ich leben in einer Fernbeziehung. Und fern ist hier wirklich fern - 15 Stunden Flug. Wir sehen uns etwa 3 mal im Jahr, was hoffentlich im September ein Ende hat, wenn ich endlich zu ihm ziehen kann. Hoffentlich.

      Letzten Herbst bemerkte ich ein paar Veränderungen an ihm. Er ist sonst ein wahnsinnig aufgedrehter, lustiger, liebevoller Mann und war plötzlich so... ruhig und ernst. Auf Nachfragen meinte er immer nur, er hätte viel zu tun und wäre gestreßt. Gut, das ließ ich durchgehen, er hatte schließlich gerade einen neuen Job angefangen.

      Im November war ich bei ihm und er war.... seltsam. Das Auffallendste war wohl, daß er nichts von mir wollte. Ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen - aber wenn man sich nur dreimal im Jahr sieht, dann ist man sexuell schon etwas... ausgehungert. Aber nein, nichts. Wir sind genau einmal im Bett gelandet. Nach einer Party, sturzbetrunken. Sonst nichts. Wir haben ganz viel gekuschelt, er war liebevoll, zuvorkommend, hat in der Öffentlichkeit meine Hand gehalten, mich die ganze Nacht umarmt.... aber wollte partout keinen Sex.

      Natürlich habe ich ihn gefragt, was los ist. Ob es an mir liegt, er eine andere hat, er Schluß machen möchte und nicht weiß, wie er's sagen soll.... Er meinte nur, es läge an ihm, er hätte einfach keine Lust und es täte ihm furchtbar leid. Ich konnte auch sehen, daß es ihm wirklich leid tat. Immer, wenn das Thema Sex irgendwo aufkam, im Gespräch oder einem Film, hat er mich gedrückt und mir gesagt, wie sehr er mich liebt. Dabei sah er aus, als hätte er wirklich Angst, daß ich gehe.

      Zurück zu Hause und mit ausreichend Abstand habe ich über meinen ganzen Aufenthalt und sein Verhalten nachgedacht. Er ist sonst sehr gesellig, aber in den letzten Monaten war er auffällig viel allein. Seine Freunde sind auch meine Freunde und ich weiß eigentlich immer ziemlich genau wer wann wo mit wem war. Wenn wir mit unseren Freunden unterwegs waren, war er auch scheinbar wie immer, aber im Nachhinein wirkte es für mich.... aufgesetzt.

      Kleiner Diskurs (verdammt, das wird lang): ich selbst leide schon seit ich 14 war unter Depressionen. Mal geht's mir gut, mal eben nicht. Mal nehme ich Medikament, mal lieber nicht. Mein Arzt riet vor Weihnachten wieder, ich solle meine Antidepressiva lieber durchgängig nehmen, um Rückfälle zu vermeiden und da meinte ich, ich mag die Dinger nicht, weil sie meine Libido noch mehr unterdrücken, als es die Depression ohnehin schon tut. Und in dem Moment machte es bei mir tatsächlich #klatsch.

      Mein Freund verhält sich genau so, wie ich es tue, wenn ich in einer depressiven Phase bin. Von Freunden abkapseln, kein Sex und überhaupt eher ernst und... schwermütig.

      Natürlich habe ich ihn sofort darauf angesprochen und siehe da - er hat depressive Phasen, genau wie ich. Aber er hatte Angst, es mir zu sagen. Jetzt kommen wir allerdings zum Problem - er will sich nicht helfen lassen und er will keine Medikamente nehmen. Dazu muß man sagen - er ist selbst Therapeut und arbeitet in einer Klinik mit 10 Kollegen. Er weiß, was seine Optionen sind.

      Leider ist er stark vorbelastet. Weil er als Kind nicht so war, wie sein Vater sich das gedacht hatte (er ist adoptiert), wurde er von einem Arzt zum anderen geschickt, und mit Mitteln gegen ADHS (das er nicht hatte) und Antidepressiva (die er nicht brauchte) vollgepumpt. Mit 5 Jahren. Bis er 18 wurde. An Großteile seiner Kindheit und Jugend kann er sich nicht einmal erinnern. Deshalb ist er heute Therapeut für Kinder, aber deshalb will er heute auch keine Medikamente nehmen.

      Im Moment ist es ganz schlimm. Wenn er nicht auf der Arbeit ist, vergräbt er sich allein zu Hause. Er geht nicht ans Telefon und ich höre manchmal tagelang nichts von ihm, obwohl wir normalerweise immer in Kontakt waren über Skype, WhatsApp oder Email. Dann rufe ich ihn auf Arbeit an, weil er dort rangehen muß und mir nicht ausweichen kann. Letzte Woche habe ich ihn gefragt, ob ich ihn in Ruhe lassen soll und er meinte nein, er ist froh, daß ich ihn nicht aufgebe, es hilft ihm zu wissen, daß er mir wichtig ist, auch wenn er mir gerade nichts zurückgeben kann. Er meinte, jede andere Frau hätte ihn längst verlassen und er wäre so froh, mich zu haben.

      Aber es kostet mich alles soooo viel Kraft. Ich schreibe ihm Nachrichten, auf die ich keine Antworten bekomme, schlage mich mit dem ganzen Visums-Kram für meinen Umzug allein rum, obwohl ich selbst ein bißchen seelische Unterstützung brauchen könnte und fühle mich so allein. Über meinen eigenen psychischen Zustand denke ich lieber gerade gar nicht nach.

      Ich kann erst Ende April wieder zu ihm und es ist noch so lange hin. Am liebsten würde ich hier alles stehen und liegen lassen und zu ihm fahren. Gleichzeitig habe ich auch ein bißchen Angst davor, denn wirklich helfen kann ich ihm nicht. Außer ihm immer wieder zu sagen, daß ich für ihn da bin und ihn nicht verlassen werde, kann ich ja nicht viel tun.

      So, jetzt bin ich fertig. Wer's bis zum Ende geschafft hat - danke für's Lesen. Falls sich jemand fragt, warum ich mir das alles zumute - weil ich ihn liebe. Er war immer für mich da, auch als es mir wirklich schlecht ging. Außerdem nehme ich dieses "in guten und in schweren Tagen" Ding ernst, auch wenn wir es uns noch nicht versprochen haben. Jedenfalls werde ich mich nicht von ihm abwenden, nur weil es eine schwere Phase ist.

      Leider bin ich kein gläubiger Mensch, sonst würde ich um Kraft bitten. Oder darum, daß es bald wieder besser wird. Vielleicht hilft es ja, mir alles mal von der Seele geschrieben zu haben. Für eine virtuelle Umarmung wäre ich auf jeden Fall dankbar.

      Bumblebees

      • Hallo.

        Dann drücke ich dich mal virtuell.
        Der Umgang mit einem Menschen der an Depressionen leidet ist schwer. Das weisst du ja scheinbar von dir selber. Und über die Entfernung ist es ganz sicher nicht leichter.
        Ich finde es toll, dass du nicht einfach aufgibst oder noch nicht einmal darüber nachdenkst :-)
        Jetzt musst du etwas unsicher in dein Neues Leben starten. Aber du schreibst, dass du ihn liebst. Ich finde das reicht um es zu probieren. Möglicherweise kannst du ihm vor Ort den Halt geben, den er dringend braucht.

        Ich wünsche dir jedenfalls alles Gute dabei.

        LG
        Kimmi

        • Danke für Deine Antwort.

          Aufgeben werde ich ganz sicher nicht. An manchen Tagen ist es eben alles nur etwas schwieriger als an anderen.

          Es einfach mal alles zu rauszulassen hat schon ein bißchen geholfen. Also, danke für's Lesen. :-)

      #liebdrueck

      Was meint Visum für den Umzug? Wann ziehst du um? Ziehst du zu ihm?

      Er möchte keine Medikamente nehmen, das verstehe ich gut, bei der Vorgeschichte. Was ist mit einer Therapie? Er ist Therapeut, kann er das einschätzen, ob ihm eine Therapie helfen würde?

      Ich glaube, ich würde wahnsinnig werden, wenn ich wüsste, es geht ihm mies und ich kann ihm kaum helfen.

      Also, fühl dich gedrückt und bestärkt. Du trägst ein schweres Los mit deiner Liebe und ich finde es ungemein gut, dass ihr beide dennoch daran festhaltet. So viele hätten schon gesagt: Nö - ist uns zu anstrengend.

      L G

      White

      • Ich brauche ein Arbeitsvisum, um zu ihm ziehen zu können. Das ist natürlich alles nicht ganz einfach und mein Leben hier abzubrechen ist auch nicht ganz unkompliziert. Alle Arbeitsvisa für sein Land werden zum 01.10. gültig, d.h. ich werde im September umziehen, wenn alles klappt.

        Ja, wir könnten auch einfach heiraten, aber das Visum würde in etwa genauso lange dauern und ich fühle mich irgendwie besser, wenn ich nicht des Visums wegen geheiratet werde. Ich bestehe auf Romantik. ;-)

        Er hat schonmal 1,5 Jahre Therapie gemacht und es hat ihm wohl auch geholfen. Dabei ging es aber eher um die Aufarbeitung seiner verkorksten Kindheit. Er will momentan keine weitere Therapie machen und da kann ich ihm auch nicht reinreden. Mir persönlich hat das nichts gebracht und ich muß einfach darauf hoffen, daß er es für sich selbst abschätzen kann.

        Und ja, es macht mich wahnsinnig, daß ich ihm nicht helfen kann und so weit weg bin. Ich weiß, daß er kaum schläft und es macht mich fertig, daß ich nicht da sein kann, wenn er mich braucht.

        Ich vertraue einfach darauf, daß wieder bessere Tage kommen. Danke für's Drücken und Zuhören! #liebdrueck

    Bin nicht so von der kuscheligen Sorte......Umarmung fällt also aus. *brummt*

    Bei einem Partner mit Depressionen braucht man eines: viel Kraft und Geduld, Verständnis und Nervenstärke.

    Läufst Du was das angeht selbst schon auf "Reserve" wird es für Dich schwierig, weil Du nicht wirklich helfen kannst, es aber eigentlich schon eine riesige Hilfe für den Betreffenden ist, wenn er weiss, dass da jemand ist der zu ihm steht....ganz unabhängig davon ob er sich immer mal wieder aufführt wie die Axt im Walde...oder im Gegenteil abweisend ist, ohne das eigentlich zu wollen. Er wird es Dir auch nur selten zeigen können, wie gut Du ihm tust.

    In jeder Beziehung gibt es Phasen wo man dem anderen lieber mal mit Ablauf ins Gesäss treten würde....aber das wechselt sich auch wieder mit guten Zeiten ab, wo alles soweit stimmig ist.

    Kommen Depressionen ins Spiel, ist das leider etwas ungerecht verteilt.....in meinen Augen lohnt es sich aber trotzdem, sofern genug Vertrauen da ist....und ausreichend Wille, das durchzustehen. Die "guten Tage" sind dafür heller als die Sonne....und von denen muss man dann auch mal zehren können...manchmal lange.

    Ob das klappt ...bzw. ob das reicht.....das muss jeder selbst entscheiden, und dazu braucht es Zeit....und ehrlich sein.....sich selbst gegenüber.....und den Mut, wenn man erkennt das es nicht geht, die Notbremse zu ziehen.

    Ärzte und med. Fachpersonal sind übrigens die schlimmsten Patienten, da die wissen was Sache ist, und viele Behandlungsmöglichkeiten kathegorisch abgelehnt werden. Die Vorgeschichte Deines Freundes verstärkt das alles sogar noch. Ich kann es nachvollziehen.....eine Therapie käme für mich ebenfalls nie in Frage.

    "Habe fertig".......Dir alles Gute.

    TJ

    • (7) 12.02.13 - 02:18

      "eine Therapie käme für mich ebenfalls nie in Frage."
      Was ist das für eine Scheiß-Aussage?
      Gerade von dir finde ich das sehr enttäuschend.
      Du scheinst zu den Menschen zu gehören, die glauben, niemals Hilfe inanspruch nehmen zu wollen/müssen?
      Komm mir jetzt nicht mit deinen Pseudoerfahrungen.

      • Hui.......warum so Aggro? Ist Dein Kauknochen weg oder was?

        Komm mal wieder runter.

        <<<Komm mir jetzt nicht mit deinen Pseudoerfahrungen>>>

        Keine "Sorge".....wäre ja Perlen vor die S.........

        (9) 12.02.13 - 09:00

        Was ist denn nun an einer Aussage, daß für jemanden persönlich etwas nicht in Frage kommt so schlimm?

        Hier hat niemand behauptet, daß eine Therapie allgemeingültig schlecht wäre.

        So hatte ich jetzt TJ nicht verstanden. Ich selbst würde auch keine Therapie wegen meiner Depressionen machen. Einfach, weil es mir nichts bringt. Das heißt nicht automatisch, daß ich generell Therapien ablehne.

        Ich habe mal eine zur Traumabewältigung gemacht, die war sehr hilfreich. Meine Depressionen haben aber andere Ursachen und stundenlanges Drumherumreden wird mir nichts bringen.

    Lieben Dank für Deine Antwort.

    Vieles, was Du schreibst, trifft genau ins Schwarze. Besonders das Zehren von den guten Momenten habe ich wohl inzwischen perfektioniert. Einmal liebevoll in den Arm genommen werden bringt mich schon über ein paar Wochen scheinbare Gefühlskälte. Glücklicherweise ist er nicht böse oder aggressiv. Dann hätte ich wohl ein Problem.

    Ich denke, daß ich selbst weiß, wie es sich anfühlt, mitten in einer Depression zu stecken, ist in dieser Situation ganz hilfreich. Manchmal, wenn ich frustriert bin, weil er nicht ans Telefon geht, denke ich daran wie meine Pflanzen immer eingehen, wenn es mir schlecht geht, weil ich einfach nicht die Energie aufbringen kann, sie zu gießen. Dann geht es wieder. Hätte ich diese Erfahrung nicht, würde sich wohl sehr viel mehr Frust aufbauen und irgendwann in Ablehnung umschlagen. So weiß ich, daß er sich selbst schlecht fühlt, weil er abweisend ist und kann damit entsprechend umgehen.

    Ich hoffe sehr, daß es leichter für uns beide wird, wenn wir erstmal zusammen wohnen. Oder wenigstens auf dem gleichen Kontinent. Er ist gut darin, mir mit kleinen Dingen zu zeigen, daß er mich liebt (Kaffee am Bett, wenn ich aufwache), auch wenn er es gerade anders nicht ausdrücken kann. Ihm scheint es dagegen zu helfen, wenn er die sprichwörtliche Schulter zum Anlehnen und Kuscheln in der Nähe hat.

    Gestern mußte ich mich einfach mal ein bißchen ausheulen, heute geht es mir schon wesentlich besser. Alles in allem bin ich optimistisch. Streng nach dem Motto "this too shall pass".

    Also... auch wenn Du ein grummeliger anti-Kuschler bist.... #liebdrueck Danke.

Top Diskussionen anzeigen