Das Leben bereuen

    • (1) 22.06.15 - 17:04
      Frau Mitte 40

      In der Hoffnung hier auf Austausch unter Gleichgesinnten zu treffen. Im Zuge meiner Scheidung habe ich mich in Therapie begeben und mich mittlerweile daran gewagt auch das dunkelste aufzuarbeiten, was mir durch den Kopf geht. Meine Therapeutin hat mich auch auf das Konzept der Regretting Motherhood aufmerksam gemacht, ich habe alles dazu gelesen was ich in die Finger bekam.
      Heute kann ich sagen, ich bereue es nicht Mutter zu sein, von einem mittlerweile jungen Erwachsenen und einem ganz tollen Menschen, aber ich bereue meine Mutterschaft. Versuche mit Freundinnen darüber zu reden die ebenfalls Mütter sind, sind gescheitert. Am ehesten kann ich mit kinderlosen Frauen darüber reden, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben.
      Ich wollte eigentlich nie Kinder, die Schwangerschaft war ungeplant. Ich steckte damals mitten im Studium, hatte Träume von einer akademischen Karriere. Zwar habe ich mein Studium beenden können aber für eine Wissenschaftskarriere reichte es nicht, wie auch. Mein damaliger Partner und späterer Mann hat die Schwangerschaft zwar mitgetragen, aber aufgrund der finanziellen Situation mehr gearbeitet und schließlich in die Karriere investiert, nämlich seine. Angeblich alles uns zuliebe. Heute sehe ich das mit anderen Augen. Denn auch ich habe mein Studium mit Kind zügig beendet um mich danach ins Erwerbsleben zu stürzen. Jahre zogen vorbei mit Einfamilienhaus und allem Drum und Dran. Mehrfachbelastungen auf allen familiären Ebenen durch einen Mann der nicht im Traum daran dachte sich irgendwie familiär zu beteiligen. Im Grunde genommen blieb alles an mir hängen, nichts fruchtete. Keine Diskussionen, keine Aufgabenverteilung oder -umverteilung, keine Paartherapie. Die Alternative wäre alleinerziehend gewesen mit Kind. Auch nicht besser.
      Ich blicke heute auf dieses Leben zurück und gestehe mir ein zu vieles verpasst zu haben was mich hätte zufrieden werden lassen können.
      Ich würde, stünde ich noch einmal vor der Wahl, mich nicht mehr für eine Familie entscheiden.

      Für manche Dinge im Leben ist es dann zu spät. Das habe ich nach der Scheidung bitter bemerkt. Jahre des Lebens und der Energie in Sachen investiert die mich nie glücklich gemacht oder ausgefüllt haben.
      Es ist schwer diese Gedanken mitzuteilen aus Angst vor Verurteilung. Dennoch leide ich unter dieser Reue wirklich sehr und würde mir wünschen hier auch auf Verständnis zu treffen.

      • Weisst Du, mein Vater sagt immer: "Der Blick ist nach vorne gerichtet."

        Ja, man macht Fehler. Ja, das ist menschlich. Aber wir lernen daraus.

        Versuche Dich jetzt nicht auf das zu fokussieren was Du nicht hast. Richte Deinen Blick auf das was Du jetzt möchtest. Dein Leben ist noch lange nicht vorbei und DU hast es in der Hand! Tu was. Werde aktiv und ändere Deine Welt. Du kannst immer noch diesen Weg gehen von dem Du träumst.

        Und ja, ich war auch mal in so einer Situation wie Du. Aber ich habe nicht darin verharrt sondern wurde aktiv. Und mein bisheriger Erfolg übertrifft alles was ich mir je vorgestellt habe. Und ich bin immer noch hungrig und wünsche mir mehr!

        Ich wünsche Dir alles Gute. Geh Deinen Weg und lass Dich nicht beirren.

        Es bringt überhaupt nichts, über vergossene Milch zu weinen. Du musst Dinge akzeptieren, die Du nicht mehr ändern kannst.

        Außerdem bist Du keine alte Frau, sondern stehst mitten im Leben. Mach was draus!!

        Hallo!

        Ich kann das gut nachvollziehen. Ich wollte immer Kinder, das gehörte irgendwo dazu - es hat aber nicht geklappt und mittlerweile denke ich oft, dass ich darüber auch ganz froh bin. Ich weiß nicht, ob das so mein Leben gewesen wäre, oder ob es so wie es jetzt ist nicht besser ist.

        Aber ich blicke da weniger in die Vergangenheit als im Hier und Jetzt zu leben. Weder die Vergangenheit noch die ferne Zukunft sind von Belang für mein Leben heute, es bringt nichts, unendlich ber verpasste Chancen nachzugrübeln.

      • Ich sehe es wie meine Vorschreiberin.
        Du bist Mitte 40, nicht Mitte 90!

        Ich verstehe, dass es Phasen im Leben gibt, in denen vieles düster erscheint, aber deshalb muss man nicht sein komplettes Leben in Frage stellen. Überleg dir lieber, wie du es in den kommenden Jahr(zehnt)en gestalten kannst, so dass du zufriedener wirst.
        Möglicherweise mit Hilfe einer anderen Therapeutin, denn auf mich wirkt es so, als hätte deine einen Begriff in den Raum geworfen und dich dann mit dem, was dieses Thema in dir auslöst, alleine gelassen.
        Aber da kann ich mich natürlich auch irren.

        • (6) 22.06.15 - 17:55
          Frau Mitte 40

          Ich glaube auch dass du irrst. Weil es sehr wichtig für mich ist diese ganzen negativen Gefühle anzunehmen und auch auszuhalten. Anzuerkennen dass sie da sind und nicht versuchen diese wegzudrücken weil es sich so nicht gehört oder weil man ansonsten zu funktionieren aufhört. Die Sorge meine familiären Verpflichtungen nicht zu erfüllen und zu funktionieren um jeden Preis hat weite Teile meines Lebens bestimmt. Hiervon möchte und MUSS ich mich aber lösen.
          Ich denke aber schon dass mir das erst dann gelingt, wenn ich durch das Tal indem ich mich befinde durch bin. Dazu gehört auch die Reue. Und für manche Dinge ist es nun einmal zu spät. Das bedeutet auch Abschied nehmen.
          Keine Sorge zur Verbitterung neige ich aber nicht, dafür war ich schon immer zu kämpferisch ;-)

      wie wäre es wenn du nicht deine mutterschaft bereuen würdest sondern deine ehe? es sei denn natürlich du machst sie vetantwortlich für deine ehe, das wäre aber tatsächlich sehr zu bereuen.
      v.

    Man kann nicht alles haben im Leben - und es ist nicht ausgeschlossen, dass Du mit toller akademischer Karriere, aber kinderlos, jetzt genauso dem anderen "verpaßten Leben" nachtrauern würdest.

    Dass die Arbeitsteilung in der Ehe nicht zu Deiner Zufriedenheit geklappt hat, ist ja nicht "Schuld" oder automatische Konsequenz des Kindes.

    Oder sieh es mal so: Mit Mitte 40 sind viele noch mit Grundschulkindern und Elternabenden beschäftigt, Du bist mit der Kinderphase durch und kannst jetzt tun und lassen, was Du für richtig hältst!

    Alles Gute!

    (13) 22.06.15 - 18:00

    Ich kann dich verstehen. Ich haben auch manchmal darüber nachgedacht, dass ich mehr aus meinem Leben hätte machen sollen.

    Es ist leider immer noch so, dass man gerade von Frauen erwartet, dass sie mit Leib und Seele Mutter sind, wenn sie es sind. Alles andere wird als Störung interpretiert.

    Ich habe mich sehr früh von meinem Partner getrennt als ich gemerkt habe, dass es an Unterstützung fehlt und dass er v.a. seine Arbeit sieht. Das war sehr schwer damals.

    Ich hatte das große Glück, Eltern zu haben, die mich damals unterstützt haben. Ich bin heute 47 und mein Sohn 19. Ich bereue ihn nicht aber ich bereue auch, damals nicht konsequenter an meiner Karriere gearbeitet zu haben. Mein Muttersein als der Junge noch kleiner war, war eine extrem stressige Zeit, voller Undankbarkeit. Ich habe mich oft gefragt wofür und für wen ich mir das alles antue.

    Wenn ich heute zurückblicke, würde ich mein Leben auch anders leben. Aber in diesem Land zählen Frauen und ihre beruflichen Bedürfnisse immer noch viel zu wenig. Ich werfe das nicht nur meinem Ex vor sondern auch der Politik, die es immer noch verschläft, für ausreichend Betreuung zu sorgen.

    • (14) 22.06.15 - 18:05

      Danke deine Worte tun gut.
      Ich denke auch dass wir beide zur gleichen Zeit junge Mütter waren als es mit der Betreuung NOCH SCHLECHTER aussah als heute und es noch mehr Anfeindungen gab nicht nur Hausfrau sein zu wollen. Ich sehe da bis heute lediglich Minischrittchen und dabei sind so viele Jahre vergangen wo man familienpolitisch etwas mehr bewegen hätte können.

<<<Es ist schwer diese Gedanken mitzuteilen aus Angst vor Verurteilung>>>

Warum? Du hast nichts falsch gemacht.....im Gegenteil.

Ich habe Hochachtung vor Menschen, die innerhalb schwierigen Situationen nicht daran kaputt gehen, sondern sie durchziehen......vielleichtmit zusammengebissenen Zähnen....aber das spielt keine Rolle.

<<<Für manche Dinge im Leben ist es dann zu spät.>>>

Eigentlich gar nicht.

Sieh es mal umgekehrt......wenn Du Dir nun eine Familie wünschen würdest, weil die die Prioritäten jahrelang auf andere Dinge gerichtet hast, wäre es nun wesentlich schwieriger für Dich.

So kannst Du durchaus noch mal durchstarten, um zumindest einige der Dinge die Du aus Rücksicht auf Deine Familie nie gemacht hast, nachzuholen.

<<<Ich würde, stünde ich noch einmal vor der Wahl, mich nicht mehr für eine Familie entscheiden>>>

Mhhh.....Du sagst, es war eine "falsche" Entscheidung.....ich sage, es war evtl. einfach "nur" der falsche Mann.

Dir alles Gute
Tomm

  • (16) 22.06.15 - 20:12

    "Mhhh.....Du sagst, es war eine "falsche" Entscheidung.....ich sage, es war evtl. einfach "nur" der falsche Mann."

    Das mag in der Tat so sein.

    "So kannst Du durchaus noch mal durchstarten, um zumindest einige der Dinge die Du aus Rücksicht auf Deine Familie nie gemacht hast, nachzuholen"

    Das habe ich auch vorher aber leider gehört vorher dazu die alten Zöpfe abzuschneiden. Was schmerzhaft ist aber unvermeidlich.

    Nach wie vor bin ich mir übrigens trotzdem sicher dass ich einfach nicht zur Mutter geboren war :-).

    Aber ich werde mal über eure Beiträge nachdenken.

(18) 22.06.15 - 19:16

Du ich denke mit dem Gefühl der "Reue" und der "verpassten Chancen" bist du nie allein! Ich denke, dass das jeder kennt, der über sein Leben nachdenkt. Vor allem in der Mitte des Lebens, wenn man eine erste Zwischenbilanz zieht.

Jeder bereut etwas anderes. Wenn man 10 Frauen an einen Tisch setzen würde, würde da wahrscheinlich unterschiedlichstes Zusammenkommen:

Ich habe:
- zu jung geheiratet/ zu spät geheiratet/ den Falschen geheiratet/ den Richtigen geheiratet und trotzdem getrennt
- zu früh Kinder bekommen/ zu spät Kinder bekommen/ keine Kinder bekommen/ überhaupt Kinder bekommen
- zu viel gearbeitet/ zu wenig gearbeitet/ verbissen meine Karriere verfolgt/ keine Karriere gemacht
- xyz

Ich finde mich in der ein oder andere Aussage oben auch wieder und du hast Recht, dass der Gedanke "Lebenschancen" aufgrund falscher Entscheidungen verpasst zu haben, mitunter schwer zu ertragen ist. Manche Lebenschancen scheinen nämlich unwiderruflich verpasst und das ist in der Mitte des Lebens eine bittere Erkenntnis.

Bei der Bitterkeit bleibt man ja aber nicht stehen...du windest dich immer noch hin- und her und suchst nach einem Ausblick und nach einem Neuanfang :-). Max Frisch hat diesen positiven Effekt einer Lebenskrise sehr schön beschrieben:
"Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."

Ich kann dir also - als Frau mit fast 40 :-D - nur Zuversicht zusprechen. Keine meiner Krisen endete bisher in einer schweren Depression. Es gab mit Sicherheit depressive Phasen, denn auch ich habe das jedes Mal gebraucht, dieses genaue Hinschauen und das Wundenlecken..und das kann dauern, aber ich kam bisher immer an den Punkt, an dem ich Frieden schließen konnte. Mit mir und meinem "Schicksal".

Das mal grundsätzlich.

Was ich dir zu deinem Bericht oben rückmelden kann, ist, dass ich da gar nicht so sehr ein "Regretting motherhood", sondern vielmehr ein "Regretting partnership" :-D herauslese. Es war in deiner Beschreibung oben nicht das Kind, das dich am Erreichen deiner Ziele gehindert hat, sondern vielmehr die Rollenverteilung in der Ehe. Mit einem anderen Partner hättest du dich vielleicht ganz anders entwickelt - trotz Kind.

Aber das ist das nächste Problem beim Kopfzermatern. Das Wörtchen "vielleicht" oder wahlweise: "wäre, hätte, könnte". Schlussendlich ist es doch so: Du weißt es einfach nicht! Du weißt nicht, wie du dich heute fühlen würdest, wenn du KEIN Kind bekommen hättest. Vielleicht hättest du nämlich exakt den oberen Beitrag geschrieben, nur mit anderem Inhalt und dann hätte es geheißen: "ICh habe Karriere gemacht und hatte nie Zeit für ein Kind. Jetzt bin ich Mitte 40 und wünschte mir so sehr eins, nur geht es jetzt nicht mehr!"

Du weißt nicht, wie sich dein Leben entwickelt hätte, wenn es anders gelaufen wäre! Mich tröstet inzwischen immer folgender Gedanke, wenn ich wieder mal in dieses destruktive Bereuen rutsche. Ich sage mir immer, dass ich zu diesem Zeitpunkt, an dem ich mich entscheiden musste, dies nach bestem Wissen und GEwissen getan habe. Und mehr kann man bei bestem Willen nicht tun! Natürlich wäre es wunderbar eine Zeitmaschine zu haben, um mit dem Wissen von heute die Weichen des vergangenen Lebens anders zu stellen...nur leider ist er mir eben noch nie begegnet, Dr. Emmett Brown mit seinem DeLorean :-).

So einfach geht es leider nicht, man muss durch das Tal hindurch, um zum produktiven Teil der Krise zu gelangen: Zum Neuanfang, zu einem viel geschärfteren Bewusstsein, zu mehr Wissen über sich selber...über seine Grenzen, über das, was man will und das, was man auf keinen Fall mehr will und diese ganzen neuen Erkenntnisse, die sich da Bahn brechen, geben einen ungeheuren Energieschub!

Wenn du also eine Karriere anstrebst, dann hast du immer noch die Möglichkeit, dich mit deinen 45 Jahren voll ins Getümmel zu stürzen! Das kann man nämlich tatsächlich nachholen, ganz im Gegensatz zum Kinderkriegen. Du hast dich also defintiv für die richtige falsche Entscheidung entschieden! :-D

Liebe Grüße

Luka #klee

Und was steht JETZT einer wissenschaftlichen Karriere im Weg?
Was TUST du dafür?

K

  • (21) 22.06.15 - 19:34

    Naja, an der Uni wird es tatsächlich schwierig, wenn man da mit 40 nicht etabliert ist ...

    • (22) 22.06.15 - 19:35

      Nein, es stimmt nicht. Ich bin 41 und starte da auch gerade durch, es läuft Super.

      • (23) 22.06.15 - 20:05

        Natürlich, die Uni wartet nur darauf mich mit meinem eher mittelprächtigem Abschluss, da Studium mit Kind beendet, als Promovierende mit Mitte 40 anzunehmen, die seit fast 20 Jahren aus dem Unibetrieb raus ist

        • Na gut, du hast offensichtlich nix gemacht in den letzten 20 Jahren... Das kann allerdings nicht am "Mutter sein" liegen, du hättest nebenbei arbeiten können, promovieren können. Das machen viele Frauen so, jüngere, ältere (von wegen Generationen).

          Trotzdem denke ich, du sollst es versuchen. Sonnst sitzt du in 10-20 Jahren und bereust es, nicht versucht zu haben. Genauso wie du es jetzt bereust.

          K

          • (25) 23.06.15 - 10:02

            "Na gut, du hast offensichtlich nix gemacht in den letzten 20 Jahren... "

            Du bist unverschämt, lies meinen ersten Beitrag richtig. Ich habe mein Studium beendet und gearbeitet, und zwar Vollzeit.

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