Gewissensbisse ... (Selbstmord)

    • (1) 17.10.15 - 20:39
      Kleine Nachtmusik

      Guten Abend.

      Seit Wochen treibt mich ein Problem um. Kurz die Vorgeschichte: Um mein Englisch zu verbessern, arbeitete ich in meinen Semesterferien jahrelang in einem kleinen, ländlichen Hotel und Restaurant in Großbritannien. Unter kam ich immer bei einer Hotelangestellten und mir selbst tat es auch sehr gut. Mein eigenes Elternhaus war sehr kalt - sie war sehr mütterlich und ich gehörte im Sommer wirklich "zur Familie". Ich habe diese Zeit unheimlich genossen.

      In dem Hotel arbeitete (finanziert durch das Arbeitsamt) eine Frau, die genauso alt war wie ich damals (22/23). In ihrem Leben war einiges schief gelaufen: sehr problematicher familiärer Hintergrund, eine gescheiterte Ehe, drei Kinder (drei Väter, davon zwei inhaftiert), das dritte Kind hatte sie zur Adoption freigegeben und kam damit nicht klar, die anderen beiden wurden immer wieder vom Jugendamt in Obhut genommen, Drogenerfahrungen, Gelegenheitsprostitution...

      Meine Gastmutter warnte mich immer "mich da fern zu halten". Es war so, dass nennen wir sie "Stella" gleich den Kontakt zu mir suchte. Es war das erste Mal, dass ich so direkt mit jemanden mit einer so "krummen" Biografie konfrontiert war und ich war wirklich erstaunt wie "normal" sie war. Und ich mochte sie. Dennoch wollte ich meine "Gasteltern" nicht vor den Kopf stoßen und habe den Kontakt immer geblockt. Ich hatte auch etwas Angst vor der "Unterwelt". Ich kannte das alles nichts und wollte in nichts reingezogen werden.

      Dann wechselte der Hotelbesitzer und mein Ferienjob endete. Jahrelang habe ich viel an "Stella" gedacht, der Kontakt zu meinen Gasteltern schlief irgendwann auch ein. Beruflich habe ich nun gelegentlich mit Menschen zu tun, die bei uns im Betrieb "wieder eingegliedert werden" und habe eben die Erfahrung gemacht, dass man vielen Menschen doch wieder zurück in ein "geregeltes" Leben helfen kann. Und irgendwie wurden meine Gewissensbisse immer größer, dass ich mich nicht gekümmert habe. Natürlich wäre es keine Garantie gewesen.

      Aber ich weiß z.B. noch, dass sie eines morgens in der Frühstückspause erzählte, dass sie sehr darunter litt, die Schule mit 15 (erste Schwangerschaft) geschmissen zu haben. Und ich glaube ihr das. Und ich habe mehr oder weniger geschwiegen. Warum habe ich nicht gesagt, dass es mit 22 noch eine Chance auf ein "richtiges" Leben gab?

      Ich habe beschlossen (nun im Zeitalter von Facebook) nach "Stella" zu suchen. "Stellas" Kinder hatten recht ungewöhnliche Namen und so wurde ich schnell fündig ... und musste lesen, dass sie sich im Jahr nach meinem letzten Englandaufenthalt wohl sehr einsam und verzweifelt in einer Kurzschlussreaktion umgebracht hat.

      Natürlich weiß ich, dass es nicht meine Schuld war. Und dennoch denke ich - ich hätte irgendwie versuchen sollen, ihr zu helfen. Irgendwie. Das lässt mich gar nicht los. Ich denke nun immer - wenn sie irgendwen gehabt hätte - außerhalb ihrer seltsamen Familie, außerhalb der falschen Bekannten, vielleicht hätte sie sich retten können. Und ich denke immer klarer, dass ich derjenige hätte sein können. Vielleicht. Oder ein Rädchen im System.

      • Nein, hättest du nicht.

        Stella hat diese Entscheidung für sich getroffen, du weißt nicht was noch alles eine Rolle gespielt hat, was alles dazu beigetragen und was noch dran hing.

        Wenn ein Mensch so verzweifelt ist und sich das Leben nehmen möchte, dann kann ein Aussenstehender kaum etwas tun. Wäre es "nur" ein Hilferuf, hätte sie es nicht geschafft. Sie wollte es, ganz gleich ob du ihr etwas liebes oder aufmunterndes gesagt hättest.

        Vielleicht hätte sie sich in deiner Nähe wohlgefühlt, vielleicht hättest ihr euch nett unterhalten und vielleicht wäre auch eine Freundschaft entstanden.

        Es ist schön das du so emotional bist und dir Gedanken machst, ich finde das ganz groß. Bin auch so ein Mensch.

      Hallo!

      In meiner Familie und der Familie meines Mannes hat es schon Selbstmorde gegeben.

      Und weiß Du was? Man kann es nicht verhindern. In keinem Fall. Es ist an den Menschen die Hilfe brauchen, dass sie diese auch annehmen. Wenn man jemandem sagt "ruf doch mal an, komm doch mal vorbei" dann hat man damit genug getan. Wenn er aber weder anruft noch vorbei kommt und mit einem über die Probleme redet, wie soll man da helfen?

      Die Bekannte war nur eine sehr entfernte Bekannte, keine enge vertraute, aber sicher hätte sie mit Dir Kontakt aufnehmen können oder mit irgendjemand anderem. Hat sie aber nicht, sondern sich umgebracht.

      Selbstmord ist oft die einfach erscheinende Möglichkeit, damit man sich nicht den eigenen Problemen stellen muss. Und wenn in Österreich an hohen Brücken tafeln mit der Telefonnummer der Telefonseelsorge stehen gibt es trotzdem noch leute die lieber springen als die angebotene Hilfe anzunehmen.

      • `Selbstmord ist oft die einfach erscheinende Möglichkeit, damit man sich nicht den eigenen Problemen stellen muss.`

        so was widerliches habe ich schon lange nicht mehr gelesen. kotzurbini.

        • Guten Morgen,

          Ich finde die Aussage nicht widerlich. Sie ist bestimmt auch
          anders gemeint, als du sie aufgefasst hast. Aus Sicht des

          Betroffen ist das meist so. Für diese verzweifelten Menschen
          scheint das der einfachste Weg zu sein.

          Natürlich ist ein Suizid nicht der einfachste Weg, aber der Betroffene
          selbst empfindet das so.

          LG

          • Suizid ist NICHT der einfachste Ausweg, sondern der Letzte! (Ja, ich spreche aus Erfahrung)

            Wenn man keine Ahnung hat, usw...

            • Warum reagierst du so aggressiv?

              Ich habe beruflich damit zu tun und lediglich

              versucht zu erklären wie ein Betroffener in
              Der letzten Phase denkt. Klar ist das der letzte
              Weg, aber in der Situation für denjenigen
              der scheinbar leichteste.

              • Hallo,

                Ich habe ebenfalls beruflich "damit" zu tun.

                Zusätzlich habe ich selbst eine suizidale Phase durchlitten, und dein Statement regt mich deshalb so auf, weil Du mir indirekt unterstellst ich hätte mir den leichtesten Weg aussuchen wollen. Und das stimmt nunmal einfach nicht.

                Es ist nicht der leichteste Weg, sondern der Letzte und scheinbar EINZIGE.

                LG

                • Hallo,

                  Ich denke wenn man selber betroffen ist, was natürlich sehr tragisch ist, bekommt man solch eine Aussage schlichtweg in den falschen Hals und reagiert sehr emotional. So wie du jetzt. (Verstehe ich)

                  Ich habe sehr viel mit Krisenintervention zu tun. Ich versuche es jetzt noch einmal zu erklären. Ja es ist der letzte Ausweg für denjenigen. In seiner / ihrer Situation erscheint dieser Weg der Einzige und damit der Leichtere im Gegensatz zu dem, was bei einem Weiterleben auf ihn/ sie warten würde.
                  Ich spreche hier von der Momentaufnahme.

                  Die verschiedene Phase des Suizids sind nicht der leichteste Weg. Im Gegenteil. Die Phase der Entscheidung ist sicher eine sehr schwere. Nur, wer nicht mehr leben möchte, erhofft sich ja eine Erlösung von seiner scheinbar unlösbaren Situation. Jegliche Perspektiven erscheinen unerreichbar. Und dann (und nur so meinte ich es) ist der Suizid in diesem Moment der "leichteste" / "einfachere" Weg.

                  Ich weiß nicht, ob du wenigstens ansatzweise verstehen kannst wie ich es meine.

                  Ich möchte ganz sicher nicht die emotionale und verzweifelte Lage eines Suizidanten herunterspielen. Dafür bin ich viel zu empathisch.

                  Alles Gute für dich

                  PS: auch wenn man anderer Meinung ist, finde ich Freundlichkeit ein Muss. ;-)

                  • Hallo zurück,

                    Du hast Recht, ich habe überreagiert und schroff geantwortet, dafür entschuldige ich mich.

                    Da sind wohl ein paar Pferde mit mir durchgegangen deren Zähmung ich eigentlich schon hinter mir wähnte.

                    Dein P.S. nehme ich mir zu Herzen!

                    LG

          so ein quatsch!!! :-[

Selbst wenn Ihr Euch angefreundet hättet, hättest Du es nicht verhindern können. Das war eine einsame Entscheidung,
Eine Freundin meiner Mutter hatte auch ein problembeladenes Leben und hat sich mit Rattengift getötet, so wie ich das in Erinnerung habe.
Die beiden waren sehr eng, aber meine Mutter wußte nichts von diesen Plänen, obwohl sie ihr immer zur Seite stand,
Du hättest aufgrund der Entfernung und der kurzen Zeit, die Du sie kanntest, wirklich nichts machen können.
Wenn jemand ernsthaft Suizid begehen will, tut er es in aller Heimlichkeit.

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