Gefühlen des depressiven Partners weg?

    • (1) 09.11.15 - 17:36
      istheuteegal

      Hallo,

      seit einiger Zeit leidet mein Partner unter einer Depression. Ich habe den Eindruck, dass er auf einem guten Weg ist und es stetig bergauf geht.
      Allerdings quälen mich - vermutlich sehr egoistische - Fragen.

      Er sagt, er kann derzeit keine Liebe für mich empfinden. Gut. Nach meinem Kenntnissstand ist dies nicht außergewöhnlich für eine Depression. Damit könnte ich vielleicht umgehen. Aber sein Verhalten ist so widersprüchlich. Verstehen wir unter Liebe einfach etwas anderes?

      Er sagt, er hat mich lieb. Er hat das Bedürfnis mich zu küssen, zu umarmen, mir Nahe zu sein. Auch Sex möchte er haben. Er streichelt mich, kuschelt sich an mich und möchte auch so Zeit mit mir verbringen.

      Ich kann mir nicht vorstellen all dies gerne mit jemandem zu machen (und auch so viel gemeinsame Zeit zu verbringen), den ich nur lieb habe.
      Nun könnte ich dies ja auch einfach so genießen. Aber es widerstrebt mir unterbewusst so viel Nähe an einen Mann zu geben, der mich "nur lieb" hat.

      Ich verstehe es nicht. Was ist der Unterschied?

      Danke für ein paar Denkanstöße im Voraus!

      • (2) 09.11.15 - 18:55

        Eine Depression ist sehr komplex. Ich leide selber darunter und kann die aussage und das Verhalten total verstehen. Ich versuche es zu erklären und hoffe es gelingt mir.

        Auf Grund der Depression empfindest du keine positiven Gefühle mehr. Nur noch Trauer.

        Er kann nichts dafür, dass er keine liebe mehr empfindet. Aufgrund diesem Gefühl sagt er er hätte dich lieb denn dieses Gefühl ist einfacher. Aber ich gehe davon aus , dass er auch das nicht fühlt aber das ist "eehrlicher " in seiner Situation als das "ich liebe dich". Er versucht dir damit ein positives Gefühl zu vermitteln weil er weiß wie weh es tun muss, nicht mehr geliebt zu werden.

        Seine körperliche Zuneigung ist echt!
        Gerade in der Depression ist das körpergefühl sehr wichtig. Er weiß, dass er dir diese Zuneigung aus liebe gibt. Und weil er dir das noch geben kann, weiß er, dass er dich Koch liebt sonst würde er auch das nicht tun.

        Wenn man in Krankheit ist und nichts mehr fühlt , hat man angst davor , es nie wieder für den Partner zu fühlen und über Zuneigung geben können redet man sich ein, die liebe ist noch da und im Endeffekt ist es ja auch so. Das Gefühl kommt irgendwann zurück und man fühlt wieder das Gefühl liebe.

        Er will dir damit nichts böses. Viel schlimmer ist liebe nicht mehr zu fühlen und Zuneigung nicht mehr zu geben aber auch nicht mehr ertragen zu können.

        • (3) 09.11.15 - 21:29

          Danke für deine Antwort! Auch, wenn das noch trauriger scheint, dass er wohl nicht mal lieb haben fühlen kann.

          Es tut unglaublich weh und es fällt schwer nachzuvollziehen, ob er mir die Nähe gibt weil er vielleicht Angst hat mich zu verlieren um dann später wenn er es aus der Depression geschafft hat nicht bemerken zu müssen, dass er mich doch wollte - oder ob er es wirklich auch jetzt will.

          Ich will mich nicht als Notnagel für bessere Zeiten fühlen, bin mir aber nicht sicher, ob ich nicht gerade dieser bin.
          Wie geht es dir in einer Partnerschaft? Weiß dein Partner Bescheid? Wie geht er damit um?

          • (4) 09.11.15 - 22:59

            Als ich das erste mal in unserer Beziehung krank wurde, waren wir noch nicht lange zusammen. Demnach fehlte bei mir das Vertrauen, dass er bei mir bleibt und den Weg mit mir geht. Ich habe offen mit ihm über meine Lage gesprochen und ihm gesagt, dass es besser ist sich zu trennen. Gefühle waren ja auch noch nicht gefestigt. Das wollte er absolut nicht. Er ist den weg mit mir gegangen. Ich war froh ihn an meiner Seite zu haben. Er hat mir Kraft gegeben. Jeden Abend kuscheln. Zusammen ins Bett gehen. Er hat mir seine Nähe gegeben und das war das beste was er tun konnte. Er hat mich trotz meiner Krankheit nicht alleine gelassen und ich wusste er meint es wirklich ernst mit mir. Die Probe am Anfang hat uns gut getan. Nach 9 Monaten geheiratet und dann relativ schnell schwanger. Ich habe keine Angst vor unserer Zukunft. Denn wenn ich wieder krank werde weiß er was in mir passiert und ich das er für mich da ist und mit Nähe, reden und Verständnis hilft.

            Du bist kein notnagel! Geh den weg mit ihm und genieße dass ihr trotz allem zweisamkeit habt. Nimm es so wie es ist ohne zu zweifeln. Wenn es wieder Berg auf geht werdet ihr feststellen wie gut es war zu kämpfen. Man lernt (egal ob kranker oder partner) gewisse Dinge nicht mehr als selbstverständlich zusehen und sie anders zu genießen.

            Wie lange seit ihr denn zusammen ? Wenn ich es richtig verstanden habe ist es die erste depressive Episode ?

          • (5) 09.11.15 - 23:05

            Es tut unglaublich weh und es fällt schwer nachzuvollziehen, ob er mir die Nähe gibt weil er vielleicht Angst hat mich zu verlieren um dann später wenn er es aus der Depression geschafft hat nicht bemerken zu müssen, dass er mich doch wollte - oder ob er es wirklich auch jetzt will.

            Für einen erkrankten ist der einfachste Weg zu sagen ich trenne mich weil ich andere nicht mit der Situation belasten will und weil es der weg des geringsten Widerstandes ist.

            Aber das tut er nicht. Er will dich nicht verlieren. Und er erhofft sich mit Sicherheit nicht, dich durch Nähe zu halten.

            • (6) 10.11.15 - 11:26

              Danke für deine Antwort. Die gibt mir schon ein wenig Mut.

              Wir sind erst 1 1/2 jahre zusammen. Dies ist die zweite Episode die ich miterlebe. Letztes Jahr gegen Mitte-Ende Juli ging die erste Episode los, welche ich mitbekam. Damals hatten wir noch nicht von Liebe gesprochen. Erst im November kam dies von mir aus, woraufhin er sagte, dass er noch nicht so weit ist. Auch damals war es so, dass ich mir eigentlich ganz sicher war, dass er so empfindet, da er mir offensichtlich so nah sein wollte. Daher dachte ich, bräuchte er einfach noch Zeit um dies auch in Worte zu fassen und drängelte auch nicht. Im Dezember hatte er es scheinbar aus seinem Tief geschafft. Er hatte wieder Spaß an der Arbeit und am Leben und dann war er auch ganz von sich aus bereit von Liebe zu sprechen. Er war sich nun ganz sicher, dass er mich will, eine Zukunft mit mir aufbauen möchte und sich seiner Gefühle ganz sicher.

              Damals dachte ich, dass er halt länger braucht um von Liebe zu sprechen. Nun weiß ich, dass es damals vermutlich auch die Depression war, die ihn dies noch nicht fühlen ließ.
              Es war ok, weil ich dachte er bräuchte noch Zeit, und dann wird es.

              Aber nun stellt sich heraus, dass ich dieses nicht-lieben wohl phasenweise immer wieder erleben muss. Grundsätzlich ist das für mich in Ordnung. Ich bin bereit ihn durch sein Tief zu begleiten und gemeinsam gestärkt hervor zu gehen (das würde man bei jeder körperlichen Krankheit ja auch tun). Meinetwegen auch immer wieder. Ich habe aber Ansgt davor, dass dieses oder irgendein anderes Mal soweit sein wird, dass er mich nicht mehr will. Wie soll man mit dieser Aussicht eine Zukunft aufbauen?

              Danke für deine Zeit und deine Erfahrungsberichte!

      Ich selbst erachte Liebe als viel zu vielschichtig und viel zu starken Wandlungen unterworfen, als dass ich unterscheiden würde zwischen "ich hab dich lieb" und "ich liebe dich". Ums mit Goethe zu sagen: "Namen sind doch Schall und Rauch."

      Habt ihr nicht andere Sorgen als euch über die Definition des Wortes "Liebe" den Kopf zu zerbrechen? Ich versteh das nicht. Wenn er kuscheln will, Zärtlichkeiten, Sex ... - nun denn, das ist mehr als viele Paare haben.

      • (8) 10.11.15 - 11:45

        Danke dir auch für deine Antwort.

        Ja, wir haben andere Sorgen als über die Definition des Wortes "Liebe" zu debattieren. Mir ist egal, wie er es nennt wenn er mich küsst und mit mir kuscheln will.

        Ich mache mir Sorgen um die Perspektiven dieser Beziehung. Ob diese Gefühle, die zum kuscheln scheinbar genügen auch für eine langfristige Beziehung genügen. Ich liebe diesen Mann und habe Angst ihn zu verlieren. Nun ist schon aus Liebe "lieb haben" geworden. Wann wird aus "lieb haben" "egal sein" oder vielleicht noch schlimmer "Last sein"?

        Ich kann mich in den Kopf eines depressiven Menschen schwer bis gar nicht hineinversetzen und versuche zu verstehen was er empfindet, ob dies schon viel ist für seinen Zustand, oder nicht. Auch um emotional nicht so hart getroffen zu werden, wenn er mich doch verlässt weil er uns aus seinem Tief heraus aufgibt.

    "Er sagt, er hat mich lieb. Er hat das Bedürfnis mich zu küssen, zu umarmen, mir Nahe zu sein. Auch Sex möchte er haben. Er streichelt mich, kuschelt sich an mich und möchte auch so Zeit mit mir verbringen."

    Na, das ist doch Liebe, oder? ;-)

    Gerade der Punkt "Zeit zusammen verbringen" ist übrigens ein sehr deutlicher Hinweis. Depressive Menschen möchten häufig viel lieber alleine sein, können kaum ertragen, sich auf eine zweite Person einzulassen, weil sie so sehr auf sich fokussiert und mit ihren negativen Gedanken und Gefühlen beschäftigt sind.

    Bei Euch scheint sich der Spruch "Taten zählen mehr als Worte" zu manifestieren. Er kann Liebe gerade nicht aussprechen/fühlen, aber er zeigt sie deutlich.
    Du hast wirklich Glück, dass es so herum ist. Schlimmer wäre doch, er würde ständig betonen, wie sehr er Dich liebt, aber Dich abweisen, wegstoßen oder vor Dir fliehen..

    • (10) 09.11.15 - 21:35

      Dir auch vielen Dank für die Antwort.

      Ja, in guten Momenten ist dies auch meine Sicht der Dinge. "Lieber einen Mann der mir zeigt dass er mich liebt und es nicht sagt, als einen, der es andauernd sagt und anders handelt."

      Andererseits fühlt man sich so unsicher. Ich war mir durch seine Gesten so sicher, dass er noch Liebe empfindet. Nun sagt er, es wäre schon ein paar Wochen nicht mehr so und ich habe es nicht bemerkt. Wie kann ich zukünftig Vertrauen in seine Gefühle mir gegenüber haben (ohne dass er es mir permanent sagen muss), wenn ich nicht einmal merke wenn es nicht mehr so ist?

      Irgendwie muss man ganz schön aupassen nicht in eine Co-Depression zu rutschen...

      • Bist Du in einer Angehörigen-Gruppe, online oder live?

        Was ich noch dazu sagen kann ist, dass man in einer Depression unheimlich schwer schauspielern kann. Das funktioniert eine Weile vielleicht, kostet aber so wahnsinnig viel Kraft.. stell Dir einfach in Deiner gesunden Situation vor, wie lange Du jemandem glaubhaft körperlich vorgaukeln könntest, Du würdest ihn lieben? Das geht nicht lange gut.

        Die Liebe muss bei ihm noch da sein, aber er hat den Kontakt, die Berührung verloren. Wie ein Gegenstand, den er irgendwo verlegt hat. Er weiss, er muss sich im Haus befinden, aber er sieht ihn nicht und kann ihn gerade auch nicht finden.

        Ich kann Dir nur empfehlen, Dich mit anderen Menschen zu unterhalten, die in Deiner Situation sind. Natürlich kannst Du aber auch, wenn Du das Gefühl hast, Du leidest selbst zu stark, eine Therapeutin aufsuchen. Oder Dir von seinem Therapeuten erklären lassen, wie die Zusammenhänge sind. In irgend einer Form solltest Du schon auch etwas für Dich tun. :-)

        • (12) 10.11.15 - 11:39

          Nein, ich bin in keiner Angehörigen Gruppe. Ich recherchiere allerdings recht viel über den Umgang mit depressiven Partnern und bekomme überall mehr oder weniger die gleichen Tipps, welche ehrlich gesagt ziemlich schwer zu befolgen sind.

          Ich versuche mich in ihn hinein zu versetzen, versuche ihm Ratschläge zu geben (nach welchen er fragt). Immer wieder. Es dreht sich um nichts anderes mehr. Und dann macht er doch alles ganz anders. Es ist so ermüdend.

          Im Moment geht es mir aber wieder ganz gut (vergangene Woche war es wirklich schlimm). Ich versuche mich immer wieder aus seiner Depression heraus zu nehmen. Schon allein dadurch, dass ich täglich auf Arbeit bin geht dies meistens ganz gut. Offensichtlich hilft es ja auch nicht wenn ich mir den ganzen Tag Gedanken für ihn mache - meine Ratschläge werden ohnehin verworfen.

          Im Moment habe ich auch das Gefühl, dass er auf einem guten Weg ist, was mir Mut macht. Er hat ab und an Tage an denen er schon lichte Moment hat. Rumalbern kann, und fröhlich ein Lied mitsingt. Gleichzeitig wirkt es so, als hielte er voller Angst wieder funktionieren zu müssen an seiner Depression fest. Immer wenn er merkt, dass gerade etwas besser lief als sonst scheint er sich einen kurzen Moment zu erschrecken um dann schnell wieder missmütig zu werden, sich ja nicht erlauben positiv zu empfinden.

          Mal sehen....

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