Erwarte ich von einer Therapie zuviel?

    • (1) 20.01.16 - 07:50
      Therapie

      Hallo,

      ich würde gerne etwas ändern in meinem Leben. Die aktuellste Baustelle ist für mich das Thema Partnerschaft. Ich scheine immer wieder Männer "anzuziehen" die mir überhaupt nicht gut tun.

      Wenn ich so zurückblicke hatte ich (35) bisher noch keine "gesunde" oder glückliche Beziehung und so langsam habe ich das Gefühl es liegt an mir oder an Irgendetwas was ich "sende"...keine Ahnung.

      Weiterhin habe ich sowas wie depressive Verstimmungen in Phasen seit vielen Jahren die ich selbst nicht wirklich loswerden kann.

      Ich war vor ein paar Tagen also zu einem Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten der tiefenpsychologisch arbeitet.
      Vor einigen Jahren hatte ich es schonmal mit einer Verhaltenstherapie versucht und bin nicht wirklich weitergekommen.

      Der Therapeut sagte mir nun es ginge in einer Therapie darum, mich selbst und mein Handeln und meine Gefühle verstehen zu können; dahinter zu kommen warum ich so oder so handle usw.

      Also habe ich es so verstanden: man sucht nach der Ursache, und klärt dann nach und nach auf wie Dies oder Jenes mein heutiges Verhalten beeinflusst.
      Ja...gut...und wenn ich es dann weiß und aufgeklärt habe? So wie der Therapeut es mir erklärt hat ist dann Ende der Therapie...das wäre das Ziel.

      Ich meinte auch dass ich gerne sozusagen "Herr über meine Gefühle" sein möchte und mich ihnen nicht mehr ausgeliefert fühlen möchte.
      Dazu meinte er, das wäre nicht möglich...wir wären unseren Gefühlen immer mehr oder weniger ausgeliefert.

      Irgendwie...hab ich mir das anders vorgestellt.

      Erwarte ich nun zu viel von einer Therapie? Ich meine, mir ist schon klar dass ich kein angefertigtes Lösungspaket vor die Nase bekommen werde.

      Aber sollte dieses Ziel wie er sagt erreicht sein irgendwann, und ich weiss dann warum und woher...dann wüsste ich schon auch gerne was ich nun damit anfangen kann.

      • In einer tiefenpsychologischen Therapie wird versucht die Gründe für dein Verhalten zu finden. Wenn du dir immer die falschen Männer aussuchst, hat das meistens
        eine Ursache in der Kindheit. Wenn dort etwas schief gelaufen ist und dich in deinem Leben unbewusst beeinträchtigt, ist es wichtig, das zu erkennen, um es nicht ständig zu wiederholen.
        Männer, die dir kein Leid zufügen, scheinen dich nicht zu interessieren. Daher ist es wichtig, dass du nachschaust warum das so ist.

        Es dauert lange, nicht nur ein paar Wochen. Das kann (muss nicht) Jahre dauern, aber du hast noch so viel Zeit, um dein Leben in bessere Weg zu lenken.

        Ich denke, wenn du weißt, warum du immer wieder in gewissen, eingefahrenen Bahnen handelst, dass du dann das Rüstzeug an die Hand bekommen hast, aus diesem Muster auszubrechen.

        Das kann dir aber niemand vorleben, denn was für den Therapeuten richtig wäre, muss ja nicht zwingend für dich perfekt sein.

        Nach der Therapie ist es an dir, mit den Ergebnissen zu arbeiten und einen neuen Weg einzuschlagen.

        Ich bin der Meinung, dass es schon ein tolles Ziel wäre zu erfahren, weshalb du immer entsprechend handelst.

        Gruß Hezna #klee

        • (4) 21.01.16 - 07:36

          Hallo Hezna,

          naja, wahrscheinlich kann ich mir das jetzt einfach noch nicht vorstellen.
          Und ich hoffe einfach mal, dass ich dann mehr damit anfangen kann wenn ich irgendwann weiß warum ich so oder so handle.
          Und falls ich dann wirklich immer noch nicht damit klarkommen sollte, könnte ich ja evtl. eine Verhaltenstherapie hintendran hängen um eben im aktuellen "Verhalten" noch ein bisschen Anleitung und Tipps zu bekommen.

      (5) 20.01.16 - 09:17

      "Dazu meinte er, das wäre nicht möglich...wir wären unseren Gefühlen immer mehr oder weniger ausgeliefert."

      Der Aussage kann ich so nicht komplett zustimmen. Sicher, Gefühle werden immer ein Einfluss auf unser Handeln haben und es wäre auch schlimm, wenn das nicht so wäre, aber wie habe ich das so schön gelesen: "Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Moment der Freiheit". Und diesen Moment kann eine gute Therapie mit Sicherheit vergrößern.

      Bleiben wir bei deinem Beispiel: Reiz: Du triffst Mann XY, Reaktion: Dieser löst irgendetwas in dir aus, was dich anspricht, du verliebst dich.

      Der Moment, den Therapie in der Situation erweitern kann, ist ein Moment der Reflexion: Welche Knöpfe drückt dieser Mann bei mir? Was gibt er mir, was ich vielleicht vermisse oder glaube zu verdienen?

      Wenn du das reflektieren kannst, bist du vielleicht immer noch verliebt in XY, aber du kannst dich entscheiden, ob du diesen Gefühlen nachgeben willst. Der Pawlowsche Hund wird wieder ein Stück entkonditioniert.

      Im Rahmen einer guten Therapie wirst du Muster erkennen, nach denen du immer wieder handelst und die sich durch jahrelange "Übung" so eingefahren haben, dass sie dich wie ein Autopilot leiten. Kennst du diese Muster, bist du zumindest wieder Copilot und irgendwann vielleicht wieder sogar der Pilot.

      Was wirklich sauschwer ist, ist mit alten Gewohnheiten zu brechen, neue Wege zu gehen und das auch dauerhaft beizubehalten.

      Ich habe auch mal eine Therapie gemacht, das ist jetzt auch erst wenige Monate her und ich kann dir jetzt schon sagen: Aller Anfang ist leicht, nicht schwer. Nachdem ich anfang hoch motiviert von meinen neuen Erkenntnissen tatkräftig mein Leben umgekrempelt habe, schleicht sich so langsam der Alltag und die alten Muster wieder ein.

      Ich denke, dabei, dass das nicht passiert, kann Therapie nur bedingt helfen, diese Aufgabe, am Ball zu bleiben, ist deine und ein guter Therapeut wird allenfalls anbieten können, nach eigentlichem Abschluss der Therapie noch eine Weile mit dir sporadisch im Gespräch zu bleiben, um dir weiterhin Gelegenheit zu geben, eigene Verhalten im Gespräch zu reflektieren.

      Mein abschließender Tipp: Lass dich ruhig drauf ein, wenn du bei dem Therapeuten sonst ein gutes Gefühl hast. Eine Therapie ist kein Zaubermittel und du bist hinterher kein anderer Mensch. Solltest du kein gutes Gefühl gegenüber dem Therapeuten haben (nimm aber die 5 ersten Sitzungen mit, die zum Kennenlernen gedacht sind), Finger weg, weitersuchen.

      #winke Die Alltagsprinzessin

      • (6) 21.01.16 - 07:40

        Hallo,

        vielen Dank für die schöne Erklärung.
        Dieser Moment der Reflexion, der hat bei mir bisher immer erst irgendwann im Nachhinein eingesetzt. Dann wenn es mir eben schon so schlecht ging, dass ich endlich gemerkt habe dass da was nicht in Ordnung ist.
        Es wäre wirklich schön da schon ein wenig selbstkritisch im Vorraus rangehen zu können, damit ich mich nicht wieder Hals über Kopf irgendwo reinstürze.

        Soweit ich das nach einem Gespräch jetzt sagen kann, habe ich bei diesem Therapeuten ein ganz gutes Gefühl.

        Die ersten 5 Sitzungen habe ich mir aber auch schon als Ziel gesetzt um wirklich zu prüfen ob es harmoniert. Denn das möchte ich dieses Mal gerne durchziehen. :-)

        • (7) 21.01.16 - 08:41

          Ich wünsch dir viel Glück!!

          Ich denke, den Moment der Reflexion zeitlich vorzuverlagern, ist ein sehr realistisches Ziel, dass du mit einer Therapie erreichen kannst.

          #winke Die Alltagsprinzessin

    Hallo.

    Also meine Tochter hatte auch mal solch eine Therapie (depressive Angstzustände - zurück zu führen auf ihre WPW-Krankheit). Dort wurde ihr auch vermittelt, wie sie in manchen Gefühlslagen zu "reagieren" hätte. Zum Beispiel hatte sie immer große Angst vor Menschenmassen und auch vor öffentlichen Verkehrsmitteln. Ihr wurde gesagt, sie soll sich dann in solch einer Situation auf andere Geräusche oder Punkte konzentrieren, somit lenkt sie sich selber ab. Sie dachte erst, es klappt nicht, aber sie hat es versucht und fährt jetzt damit ganz gut ab. Ihre Ängste sind drastisch gezügelt, sodass sie sich jetzt auch wieder mehr in die Öffentlichkeit traut.

    Ich denke mal, eine Therapie ist dafür da, dass man für sich Denkanstösse bekommt, die man dann für sich einsetzen muss. Das wird der Sinn der Therapie sein. Wie du das dann umsetzt, hängt von dir ab.

    Alles Gute.

    LG

    (9) 20.01.16 - 09:38
    Therapieerfolg?

    Hallo,

    meine Erfahrung ist, dass das, was wir erlebt haben, immer irgendwie in unseren Knochen stecken wird. Was aber nicht heißt, dass schlimmes Erlebtes die Führung übernimmt.
    Zum eine geht es für mich darum, neue Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren.

    Und zum anderen geht es für mich darum, das was unbewusst in mir schlummert, aufzudecken und zu verstehen, damit ich hier "Herr im eigenen Haus" werden kann und bewusst handeln/entscheiden etc kann. Ich hatte deswegen für mich zum Teil für eine Weile eine Gesprächstherapie gemacht (bei einer Frau, die systemischen Hintergrund hatte und nicht nur strikt nach Plan gearbeitet hat), dann habe ich aber noch nach alternativen gesucht, in welchen ich mehr aus dem Kopf/Verstand gehen musste und mehr über das Erleben zu neuen Lösungen kam.

    Das muss nicht immer eine Therapieform sein, mir hilft auch deine Wanderung in den Bergen oder ähnliches...

    lg

    • (10) 21.01.16 - 07:44

      Hallo,

      es gibt bei mir natürlich auch so einige Dinge von denen ich jetzt schon sagen kann:
      Ja, mit Sicherheit spielt das hier in mein jetziges Verhalten mit rein.
      Aber das sind eben bisher nur ein paar Vermutungen und so richtig greifen kann ich es nicht.
      Bewusst handeln und entscheiden ist eine gute Formulierung für das was ich mir selbst auch wünsche.

      Ich führe z.b. gerne mal bei einem längeren Spaziergang so eine Art Selbstgespräch.
      Grade bei Situationen vor denen ich Angst habe hilft mir das dann als Vorbereitung.
      Ich muss nur immer zusehen dass ich eher einsame Wege dabei laufe. :-)

Hi Du,
ich mache seit 6 Monaten eine tiefenpsychologisch Therapie. Man wird mit den Erkenntnissen Herr über viele Dinge und kann sie beeinflussen. Man versteht warum man wie handelt. Für mich ist das sehr interessant und aufschlussreich. Von selbst wäre ich nie darauf gekommen. Mit diesem Wissen gehe ich nun unter anderem anders mit Fremden und Bekannten Menschen um, breche mit Gewohnheiten & Meinungen über mich und kann meine Probleme selbst lösen, weil ich weiß welches Verhalten nicht förderlich ist. Das macht mich am Ende auch glücklicher weil ich es im Griff habe mich glücklicher zu machen, Dinge zu akzeptieren und zu wissen was ich möchte und wo meine Grenzen sind.

Wenn Du "nur" Depressive Verstimmungen hast und keine Depression hilft das auch. Bei Depressionen muss man zusätzlich häufig Medikamente einsetzen. Depressive Verstimmungen können aber auch durch Deine Situation herrühren, die Dich unglücklich macht. Änderst Du Deine Situation kann sich das schnell zum positiven wenden.

Ich wünsche Dir alles Gute. Lass Dich darauf ein. Ich bin sehr froh, dass ich mich getraut habe diese Hilfe anzunehmen.

LG

  • (12) 21.01.16 - 07:47

    Hallo,

    das hört sich sehr gut an bei dir.

    Wahrscheinlich kann ich mir das bis jetzt einfach noch nicht wirklich vorstellen.
    Wenn es dann mal soweit ist, dass ich erkenne warum ich so oder so handle...stellt sich das evtl. ja ganz anders für mich dar.

    Im Moment habe ich natürlich schon so einige Vermutungen woher es rühren könnte, aber es ist eben alles noch sehr vage.

    Depressionen sind es bei mir nicht, es ist wirklich eine leichtere Form und bedarf denke ich keiner Medikamente.
    Und wie du schon sagst, spielt natürlich das Eine ins Andere mit rein.

    Dankeschön

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