Ich muss es mal aufschreiben

    • (1) 10.12.16 - 21:12
      ich will so nicht fühlen

      Ich bin Mitte 30, verheiratet, Haus auf dem Land, Kinder. Das Haus auf dem Land ist nicht von Herzen. Ich bin zwar ein Dorfkind aber habe mich eigentlich sehr an die Großstadt gewöhnt gehabt. Mein Mann ist eher ein Stubenhocker, ihm ist es egal, es muss praktisch sein und das ist es halt. Wie bei vielen berufstätigen Paaren frisst bei uns der Alltag die Liebe auf. Aber wir waren einmal ein so gutes Team, mein Mann war mein Seelenmensch. Was mich gerade am meisten stört, ist dass ich mich so einsam und unverstanden fühle und er aus meiner Sicht nicht in die Beziehung investiert, also emotional nicht nur materiell. Aber auch da scheine ich ja nicht alleine zu sein.

      Aber jetzt hat sich die Lage geändert. Ich habe über den Gesamtbetriebsrat einen Mann kennen gelernt mit dem ich mich sehr gut verstehe. Er ist aufmerksam und zuvorkommend und führt das Großstadtsingleleben das ich so vermisse. Er sagt mir übrigens immer das genaue Gegenteil und beneidet mich um mein Leben bzw. meinen Mann. Und wenn ich zu mir ehrlich bin schwärme ich ganz schön für ihn. Eigentlich hätten wir kaum miteinander zu tun. Aber irgendeiner von uns findet immer einen Grund fast täglich zu telefonieren, er legt seine Fortbildung so lange um bis er mit mir im Kurs ist, lässt sich als Aushilfe an unserem Standort planen oder nimmt für seinen Standort Aufträge an die es notwendig machen dass jemand von uns hinfährt und ich sag nicht nein wenn die Wahl auf mich fällt.

      So läuft es seit fast einem Jahr und keiner von macht einen Schritt weiter, aber eben auch keinen Zurück.

      Aber ich möchte eigentlich zurück in die Beziehung zu meinem Mann finden. Ich orientiere mich beruflich innerhalb des Unternehmens um um mehr Zeit mit meiner Familie verbringen zu können und weniger Kontakt zu meinem Kollegen zu haben. Diese Umorientierung ist ein großer Schritt und ein Rückschritt auf der Karriereleiter und ich hab Angst dass es nicht reicht oder ich unzufrieden bin und im Endeffekt alleine und mit schlechtem Job da stehe.

      Ich will auch gar keine Antwort glaube ich. Es wird nichts an meiner Entscheidung ändern weil ich hier sowieso nicht alle Argumente die ich persönlich für mich in die Wagschale geworfen habe wiedergeben kann, aber ich musste es einfach mal niederschreiben.

      • Dass du dir überhaupt schon Gedanken machst, wie du wieder zurück in deine Beziehung und Familie finden kannst, sagt schon sehr viel über deine Entscheidung. Es klingt sehr danach, dass dieser Kollege das grüne gras im nachbarsgarten symbolisiert für dich. Es zeigt dir, was du dir Vl insgeheim wünschst. Meinst du, es ist möglich mit deinem Mann zu reden und evtl eine Paarberatung zu machen? Es scheint mir nicht so, dass er sich mit Absicht so verhält. Egal wie, ich wünsche euch viel Glück!

        • (3) 11.12.16 - 08:31
          ich will so nicht fühlen

          Ja, es ist definitiv viel das Gras auf der anderen Seite und ich weiß, dass wir diese andere Seite auch ganz schnell abgegrast hätten. Eine Affäre kommt nicht in Frage und die aufreibende Doppelbelastung zwischen Kindern und Berufstätigkeit wird alleinerziehend auch nicht besser sein. Und der Neid auf die Idylle wird bei meinem Kollegen wahrscheinlich keine 2 Tage Realität überstehen.

          Paartherapie kommt für meinen Mann leider nicht in Frage. Das habe ich schon häufig angesprochen. Ich bin in Therapie und meine Therapeuten raten mir seit langem dazu mich deutlich von meinem Mann zu distanzieren wenn er nicht auf mich zukommt. Das weiß er und sieht dass als Beweis das eine Paartherapie nur die Trennung erleichtert und er will sich ja nicht trennen.

          • (4) 11.12.16 - 09:00

            hallo,

            da hat dein Mann ja eine ganz konkrete Befürchtung was die Paartherapie betrifft. Da würde ich an seiner Stelle auch nicht hingehen!

            Was ich schön finde: er weiß genau, er will mit dir zusammenbleiben. Und in einer ehrlichen und guten Therapie geht es auch darum zu klären, was man auf keinen Fall möchte und was man gerne ändern würde. Und so lange ihr bei einem Therapeuten wäret, der die Trennung erleichtern möchte, seid ihr bei jemandem, der nichts von seinem Handwerk versteht. Auch geht es nie darum, sich als Therapeut auf die Seite des Mannes oder der Frau zu schlagen!
            Sag ihm das.

            Ihr könnt, wenn ihr euch nicht beide wohl fühlt, so lange Therapeuten ausprobieren, bis ihr beide das Gefühl habt, dass ihr euch dort sicher und wohl und ernst genommen fühlt. Ansonsten hätte das ganze Unterfangen überhaupt keinen Sinn.

            Und wenn der Therapeut das gerade nicht auf dem Schirm haben sollte, dann ist es euer gutes Recht anzusprechen, wenn einer von euch eine Schieflage wahrnehmen sollte. Therapeuten sind keine Götter, sondern auch nur Menschen.

            Ich würde deinen Mann da sehr ernst nehmen und ihm zusichern: ihr könnt einen ausprobieren - und wenn es nicht für euch stimmt, geht ihr wo anders hin.

            Ein Therapeut sollte euch die Möglichkeit geben, zu erkennen, warum es Schwierigkeiten gibt - und zwar das zu erkennen, was ihr alleine noch nicht sehen könnt (blinde Flecken haben wir alle!) - und vor allen Dingen sollte er euch Werkzeug in die Hand geben, damit ihr ein neues Repertoire lernt, wie ihr in schwierigeren Situationen neu miteinander umgehen könnt. Etwas mehr Verständnis für sich und für den anderen und ein Schritt auf den anderen zu - das bewirkt manchmal sehr viel und gibt auch neuen Mut, da weiter zu gehen.

            alles Gute

      (5) 11.12.16 - 15:12

      Hallo,

      ich bin nur geringfügig älter als du und kenne die Situation auch. Man hat einen Partner mit dem man sich gut versteht, macht Dinge die IHM wichtig sind (bei dir wohnen auf dem Land), bekommt Kinder. Und irgendwann hat man das Gefühl, dass man nicht mehr zufrieden ist mit der Gesamtsituation. Und dann lernt man zufällig noch jemand anders kennen, der einem Aufmerksamkeit schenkt...

      Was ich merkwürdig finde ist die Aussage deines Therapeuten, dass du dich von deinem Mann distanzieren sollst??? Wie kommt er (oder sie) zu so einer Aussage? Wie direkt hast du mit deinem Mann darüber geredet? Hast du ihm klar gemacht, dass es so nicht weiter geht und du über eine Trennung nachdenkst? Manche Männer wachen dann erst auf. Meinem ging es so. Ich hab ihm klipp und klar gesagt, dass meine Gefühle für ihn weg sind. Er hat sich dann sehr viel Mühe gegeben in unsere Beziehung zu investieren, Zeit mit den Kindern zu verbringen, mich im Haushalt zu unterstützen usw. Naja, meine Gefühle sind in der Form, wie sie früher mal waren, noch nicht wieder gekommen und laut unserem Paartherapeuten wird es auch nicht mehr so werden. Es ist okay momentan wie es ist. Mehr aber auch nicht. Dieser "Störfaktor" eines zusätzlichen Mannes, auch wenn man keine richtige Affäre beginnt (hab ich auch nicht, ich genieße die gemeinsam verbrachte Zeit mit Reden und Lachen), ist aber doch enorm. Ob man es schafft das auszuschalten, das wüsste ich auch nur zu gern. Wir telefonieren auch ab und an mal während der Arbeitszeit und schreiben viel übers Handy. Allerdings verabreden wir uns nicht. Wir sehen uns eher zufällig alle paar Wochen mal. Und trotzdem weiß jeder von uns, was der andere fühlt. Das macht es nicht gerade einfach...

      Einen wirklichen Tipp hab ich nicht für dich. Du siehst aber, dass du nicht allein bist mit deinem Gefühlschaos.

      Achso: Die Arbeitsstelle würde ich nicht wechseln deswegen und schon 3x nicht, wenn ich mich damit finanziell schlechter stellen würde. Um meinen Bekannten nicht mehr über den Weg zu laufen, müsste ich auch die Arbeitsstelle wechseln. Aber dafür mag ich meine Arbeit viel zu sehr.

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