künstliches Koma

    • (1) 17.08.17 - 08:44

      Hallo zusammen,

      mein Freund wurde am 08.03.17 operiert. Er sollte fast den kompletten Dickdarm entfernt bekommen. Durch diverse Komplikationen wurde er am 13.03.17 not operiert. Die Naht war von innen gerissen und hat seinen Körper mit Fäkalien vergiftet. Er bekam eine sehr schwere Sepsis und stand dreimal vor einem multiplen Organversagen. 53 Tage lag er im künstlichen Koma. Er hat jetzt zwei künstliche Ausgänge (einen für den Rest des Dickdarms und einen für den Dünndarm) Ich kann diese schwere Zeit nur sehr schwer beschreiben. Danach war er soweit über den Berg und durfte wieder aufwachen. Bis er so einigermaßen wieder klar denken konnte, vergingen noch einige Tage. Ich war nur so unendlich froh, dass er das überlebt hatte. Nach etlichen Wochen ging es endlich in die Reha. Er war so wahnsinnig motiviert. Durch die Lange Zeit des liegen musste er alles neu erlernen. Laufen, schreiben, essen - einfach alles. Nach sechs Wochen Reha konnte er an Krücken wieder eine kurze Strecke laufen und auch alles andere klappte besser. Ich habe ihn immer unterstützt und war oft bei ihm. Er freute sich unbändig auf zuhause (nach einem halben Jahr auch kein Wunder). Ich war so glücklich, ihn endlich wieder bei mir zu haben. Das kann sich keiner vorstellen. Aber seitdem er zuhause ist, ist alles anders. Er lässt sich hängen - ist kaum noch motiviert. Am liebsten liegt er fast die ganze Zeit auf dem Sofa, schaut fern oder schläft. Er ist sehr wortkarg. Ich gebe mein Bestes und versuche ihn zu motivieren und mit ihm Gespräche zu führen. Aber allzu viel kommt nicht von ihm. Ich versteh ihn nicht. Will ihm keine Vorhaltungen machen. Möchte ihn anstupsen, wieder motiviert zu sein. Wie soll ich das anstellen? Ich weiß mir keinen Rat! Habt ihr vielleicht eine Lösung für mich? LG

      • Hallo,

        das hört sich ja schrecklich an, gut dass er es soweit überstanden hat!

        Mein Vater (72) ist letztes Jahr schwer auf den Kopf gestürzt (schweres Schädel-Hin-Trauma), wurde auch ins künstliche Koma versetzt.
        Niemand wusste, ob er überlebt und wenn ja, ob dauerhaft Schäden zurück bleiben.
        Zum Glück war es so. Auch er musste alles wieder lernen, hat aber noch Gedächtnislücken und Wortfindungsprobleme.

        Auch er sitzt nur herum, hat zu nichts Lust, er geht manchmal tagelang nicht aus dem Haus.
        Gut, mein Vater ist sicher auch wesentlich älter, aber dennoch, was bei deinem Freund helfen könnte, wäre ein Psychologe, um alles aufzuarbeiten.
        Da sollte er sich mal mit seinem Hausarzt drüber unterhalten.

        Alles Gute!
        sonntagskind

      Dein Freund wirkt depressiv. Opfer von Traumata versucht man heute mit einer Psychotherapie wieder aufzurichten. Wahrscheinlich braucht dein Freund Hilfe für seine angeschlagene Psyche.

    • Ouh ha, da habt ihr ja echt was hinter Euch.

      Wie lange ist er denn schon zuhause? Ich denke nach all dem kann man sich erstmal eine Verschnaufpause gönnen. Seit einem halben Jahr war sein Leben total fremdbestimmt. Essen gab es, wenn die Schwester es brachte, bewegt wurde sich, wenn die Physio es wollte etc.

      Das birgt natürlich auch das Risiko, dass man erstmal in der Lethargie hängen bleibt, aber wenn es zwei, drei Wochen sind, dann kann man das ja auch als Verschnaufpause vor dem nächsten Schritt verstehen.

      Ich würde das Gespräch suchen und das auch klar benennen.

      Inwieweit wird er ärzlich überwacht? Eisenmangel macht einen ja auch sehr platt und nach all dem was er durch hat, wäre das kein Wunder, Medikamente haben auch oft entsprechende Nebenwirkungen. Kriegt er B12 gespritzt?

      • rosdubh:
        Er ist jetzt knapp drei Wochen zuhause. Natürlich gönne ich ihm eine Verschnaufpause von all dem Mist, den er erlebt hat. Habe nur die Angst, dass er von sich aus da nicht mehr raus kommt. Er bekommt im Moment noch viele Medikamente. Auch für den Eisenmangel und B12. Aber alles in Tabletten Form. Er ist eigentlich jede Woche bei seinem Hausarzt. Bekommt Ergo- und Physiotherapie. Aber er soll sich halt auch viel an der frischen Luft aufhalten (soweit wie er kann natürlich). Vitamin D tanken.

        Erst mal danke für den Tip. Werde ihn in einem ruhigen Moment mal das erfragen.

        LG

        • Hallo,mir fällt dazu gerade ein, dass Antibiotika u.U. auch depressive Stimmungen auslösen können, da sie den Darm gehörig durcheinander bringen.

          Gabe das einmal selbst erlebt und das war wirklich erschreckend.

          Er hat ja evtll viel AB bekommen?

          Ich würde auf jeden Fall eine Darmsanierung mit hochwertigen Darmbakterien - über einen längeren Zeitraum - machen (Bactoflor 10/20 zB, gibt aber auch andere) und auch Eisen, Vitamin D, Magnesium,B Vitamine auffüllen.

          Gerade bei Vitamin D reicht es definitiv nicht, nur bisschen raus zu gehen! VitminD wird nur in Deutschland so niedrig als Tagesdosis angesetzt...da gibt es auch gute Bücher und zB Gruppen auf Facebook (falls ihr da seid) zu. Sich damit mal ernsthaft auseinander zu setzen, kann in eurer Situation sicher nur von Vorteil sein!
          Kannst mich auch gerne privat anschreiben, was das angeht...
          Bewegung an der frischen Luft ist an und für sich natürlich auch gut!

          Alles Gute für euch!

    Ich glaube auch, dass ihr das alleine nicht schafft. Eine so schwere Krankheit wirft einen Menschen aus der Bahn, egal, wie stabil er ist. Bitte sprecht mit seinem Hausarzt darüber, wie man ihm psychisch helfen kann. Wenn Dein Freund nicht will, probier es alleine. Er wird ja sicher wieder mal zu einer Nachuntersuchung müssen, dann sollte dieser behandelnde Arzt Bescheid wissen. Mich wundert, dass er in der Reha keine psychologische Betreuung bekam. Gibt es doch für Krebskranke auch. Ich finde es wirklich schön, wie Du Deinem Freund beistehst, das ist nicht selbstverständlich. Aber auch er ist in der "Bringschuld", sich wieder auf die Beine zu stellen, er ist ja noch keine 80. Mein Mann war in unseren 35 Jahren mehrmals schwerkrank, wollte aber immer möglichst schnell wieder auf die Beine kommen. Job, Hobby, Freunde...hat Dein Freund garnichts, was ihn hochziehen könnte? LG Moni

    Hat dein Freund keine psychologische Betreuung erhalten? Entweder schon im KH oder später in der Reha?
    Die braucht er nämlich m. M. n. ganz dringend.

    Erst einmal ist er dem Tod von der Schippe gesprungen. Das ist eine gewaltige Hausnummer, die man verdauen lernen muss. Zudem hat sich sein komplettes Leben geändert. so wie es sich liest, wird oder werden die künstlichen Ausgänge nicht zurück verlegt, oder? Damit muss man sich als recht junger Mensch erst einmal abfinden.

    In der Klinik und der Reha war er noch vollumfänglich mit seiner Genesung beschäftigt. Er hatte ein Ziel, für das er kämpfen musste. Und jetzt fällt er in ein tiefes Loch. Ich kenne das von Krebspatienten aus meinem Umfeld. Meine Freundin z. B. bekam in der Klinik schon psychologische Betreuung nach einer Darmkrebserkrankung mit künstlichem Ausgang und allem Drum und Dran.

    Arbeitet er schon wieder?

    Du kannst wenig bis gar nichts tun. Verstehen musst du ihn eigentlich auch nicht, weil man vermutlich nicht nachvollziehen kann, wie er sich fühlt, wenn man nicht selbst betroffen war. Du kannst ihn nachdrücklich bitten, sich professionell helfen zu lassen. Aufraffen muss er sich schon selbst.

    • guest70:
      Im Krankenhaus hat er von einem geistlichen psychologische Hilfe bekommen. Inder Reha leider überhaupt nicht. Da lag viel mehr die körperliche Verfassung im Vordergrund.
      Werde ihm das mit dem Psychologen auf jeden Fall noch mal ans Herz legen. Das muss auf jeden Fall was passieren.
      Danke fürs aufbauen!
      LG

(11) 17.08.17 - 09:11

Puh, da ist er ja dem Sensemann noch einmal direkt von der Schippe gesprungen. Nimm es mir nicht übel, aber ich schreibe jetzt ganz direkt und ohne "nette Verpackung" meine Meinung.

Dein Partner hat eine heftige Zeit hinter sich und die Zukunft ist nun auch nicht mehr so, wie man sich das alles so vorstellt. Ja, er ist von der letzten Zeit geschwächt und braucht halt mehr Ruhe als vorher. Das ist der eine Punkt, der andere ist halt, das wenn er sich jetzt nicht aufrafft, dann macht er riesige Rückschritte (Muskelaufbau). Die Psyche wird auch mächtig gelitten haben, hat er vielleicht eine Depression ausgebrütet? Wäre jetzt nicht so verwunderlich in seiner Situation. Er hat noch viele Baustellen anzugehen und das muß man ihm ganz klar vor Augen halten. Ihn in Watte packen bringt niemandem etwas, ihm am allerwenigsten. Und auch du selber solltest jetzt klare Worte finden und deine Grenzen abstecken. In der letzten Zeit warst du ihm eine große Stütze und hast ihm immer zur Seite gestanden, jetzt ist er an der Reihe. Wenn er sich jetzt "hinlegt", dann wird es am Ende immer schwieriger. Angehörige neigen nun mal dazu es ihren Lieben in so einer Situation so komfortabel wie möglich zu machen, leider ist das einfach nur kontraproduktiv für den Patienten.
Schaffe Fakten. Besprich dich mit dem behandelnden Arzt, was dein Partner jetzt noch für sich machen muß(!). Therapie? Krankengymnastik? Schulung wegen der Stomaversorgung? Selbsthilfegruppe (evtl auch online)? Maßnahmen um zurück ins Berufsleben zu kommen? Er hat viel Arbeit vor sich, die kannst du ihm einfach nicht abnehmen. Aber wenn er mitzieht bist du weiterhin eine gute Stütze für ihn.
Finde klare Worte, das es aktuell so nicht funktionieren kann. Ich weiß das Männer und ihre Erkrankungen eher ein heikles Thema sind udn sie oft SChwierigkeiten haben, da aktiv zu werden. Das solltest du aber nicht durch deine uneingeschränkte Hilfe unterstützen.

  • knoeterich:
    Die beiden Stomas sollen nächstes Jahr zurück verlegt werden.
    Du beschreibst genau die Ängste, die ich im Moment auch sehe (Muskelabbau usw.) .
    Ich werde noch einmal versuchen in Ruhe mit ihm zu sprechen. Auch das er sich psychologische Hilfe holen muss. Ich bin mit meinem Latein ein wenig am Ende und denke auch, dass nur ein Psychologe ihm helfen kann. Hobbys sind unsere Hunde und sein geliebtes Motorrad. Beides Dinge, die er im Moment nicht ausleben kann. Leider!
    LG

    • (13) 17.08.17 - 09:47

      Ich empfinde deine Ängste und Sorgen völlig berechtigt. Erkennst du denn, das bei ihm überhaupt ein Wille zur Zeit vorhanden ist? Auch wenn man liegt kann man ja das Gehirn benutzen und auch durch kleine Übungen die Muskeln spielen lassen. Oder liegt er nur noch stumpf da rum? Wie lange schon?
      Und ich denke, das auch du prof. Unterstützung brauchst. Nicht nur er hat diese Grenzerfahrung gemacht, auch du hast diese Zeit hautnah miterlebt....auch das hinterläßt Spuren. Also, auch du solltest die Zeit aufarbeiten und erlernen, wie du ihn wirklich helfen kannst.
      ER weiß, das du die Hunde gut versorgst, also hat er ja keinen Grund sich da wirklich aufzuraffen. Den Zahn mußt du ihm ziehen. Es ist wirklich schwer und jetzt kommt irgendwann der Punkt, das auch du deine Kräfte schützen musst.
      Nicht das er sich noch ein Jahr verkriechen möchte, bis die Ausgänge wieder weg sind. Alleine die Ausgänge sind eine extreme psychische Belastung, gepaart mit den massiven Komplikationen nach der OP ist das schon ein Supergau. Sag ihm klar, das du ihn in der extremen Zeit gerne unterstützt hast, aber jetzt nur noch bereit bist Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.

Hi,

nach so langer Zeit im KH fühlt man sich zu Hause erstmal fremd, so wie bestellt und nicht abgeholt.
War bei mir auch so, dazu kam, dass mein Mann alle meine Aufgaben übernommen hat und mich nichts machen lassen wollte.

Ich würde ihn vorsichtig Stück für Stück wieder an alte Aufgaben heranführen, aber überfordere ihn nicht. Ich habe damals auch viel geschlafen, so richtig fit und wie vorher war ich erst einige Monate später.

lg

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