Wegziehen für Alkoholabstinenz

    • (1) 23.08.17 - 12:56
      Regina Ratlos

      Wir stehen vor einer ganz heiklen Frage.

      Nach außen ist bei uns alles toll: schnuckeliges Häuschen "auf dem Land", mein Mann pendelt zum Arbeiten in die nahgelegene Kreisstadt. Ein Kind, das dort zur Schule geht. Ich arbeite im Home Office als Übersetzerin.

      Nur leider hat mein Mann ein Alkoholproblem. Die Ärztin, bei der er war, hat den Begriff des "suchtgefährdeten Hochkonsums" genannt, der kurz vor einer Sucht steht. Sprich: Es ist ernst, sehr ernst, aber es geht noch ohne Entgiftung, ohne stationären Aufenthalt, ist noch "Willensfrage" und eine psychologische Betreuung hätte er durch sie.

      Er trank immer viel. Bei jeder Feier, nach jedem Fußballtraining, nach jedem Spiel, im Urlaub jeden Tag von mittags bis nachts durch beträchtliche Mengen. Kein Auswirkungen auf den Job, kaum "härtere Sachen", nur Bier - literweise. Er selbst hat das vor einigen Wochen angesprochen, nachdem ich vorher leider meist nur zaghaft mich getraut habe, was zu sagen. Er selbst ist zur Ärztin gegangen. Er selbst trinkt seitdem keinen Tropfen mehr.

      Nun das Problem: sein Umfeld. Jeder hier im Ort kennt ihn. Jeder kennt ihn als Trinkkumpan. Er geht nicht mehr zum Fußball, um nicht in Versuchung zu kommen - und weil eh keiner Verständnis für seinen Entschluss hätte. Die trinken da alle so viel, nur scheint es keinen zu stören. Hinzu kommt meine Familie (seine lebt woanders): Die sind auch alle trinkfreudig, wohnen alle hier im Ort, und irgendwer kommt ständig vorbei und es soll getrunken werden.

      Nun hat mein Mann innerhalb seines Unternehmens die Chance, sich gute 200 km wegversetzen zu lassen. Weg von all diesen Versuchungen, weg von all denen, die es ihm schwer machen werden. Wie sehr ihr das? Eine Achtjährige aus der Schule nehmen und aus den Vereinen, selbst wegziehen aus dem Ort, wo man soziale Kontakte hat? Ich wäre bereit dazu, er auch. Es wäre aber ein sehr großer Schritt.

      Klar, die Familie würden wir wiedersehen. Aber dann würde er halt fahren. Ich hab schon vorsichtig mal das Thema "zu viel Alkohol" (ganz allgemein) bei Familie und Freunden ausgelotet: außer grobem Gelächter kam da gar nichts. Da ist hier bei uns irgendwie Standard. Ziehen würden wir in eine mittelgroße Stadt, die alles bietet. Mensch, das ist alles so viel, aber ich will ihn nicht scheitern sehen, jetzt, wo er auf einem so guten Weg ist.

      • Ich finde es toll, dass er selber es einsieht und sich Hilfe holt und natürlich auch, dass du ihn dabei unterstützt. Leider gehört Alkohol für viele einfach dazu, auch in Mengen und sie verstehen es nicht wenn man nichts mehr trinken will. Dann wird man zum Spaß Verderber und es wird immer
        Versucht einen dazu zubewegen doch was zu trinken. Ihr habt eine wunderbare Chance für euch und eure Zukunft. Ergreift sie. Ich finde es ehrlich gesagt weniger problematisch eine 8 jährige in eine neue Umgebung zu bringen als mit einem hochgradig gefährdeten weiterhin so zu leben.

        Hallo,

        ich weiß nicht, ob es mit "weglaufen" getan ist. Es ist gut, daß Dein Mann ein sieht, ein Problem zu haben, aber ohne eine Therapie wird er es nicht wirklich schaffen. In einer Therapie lernt er, mit Situationen, in denen er widerstehen muss, um zu gehen. Ich will Dir nicht den Mut nehmen, aber das ist jetzt die erste Euphorie, irgendwann kommt der Alltag, der würde auch in einer anderen Stadt kommen. Zu aller erst würde ich die Therapie wählen.

        Alles Gute für Deinen Mann!

        Ich denke, ein Wegzug würde nicht die Lösung sein. Mittelfristig eventuell, da das soziale Umfeld geändert wird.
        Aber auch dort wird er im laufe der Zeit Fuß fassen und in trinkfreudige Situationen geraten.

        Nein. Ich denke, ein Wegzug aus dem Grund macht wenig Sinn.
        Er muss für SICH grade stehen. Er muss für SICH Grenzen setzen - auch anderen gegenüber. Das wird er überall müssen, also kann er auch im gewohnten Umfeld damit beginnen.

        Erfahrungsgemäß gewöhnen sich die Leute irgendwann daran und die Nötigungen ebben ab. Bis dahin muss er eben die Kraft haben, dem Stand zu halten. Das wird ihm gelingen, wenn er hinter seiner Entscheidung -wenig bis gar nichts zu trinken-, steht.

        Gruss
        agostea

      • Hallo!
        Möchte er denn wegziehen? Ich denke schon, dass ein neues Umfeld so einen "kalten Entzug" erleichtern kann. Und ganz ehrlich: Familie und Freunde, die das NICHT verstehen, kann man ja auch von der Liste streichen. Am besten fände ich, wenn er sehr offen und ehrlich für sein Verständnis kämpfen würde. Er wird nicht der einzige sein, bei dem das so ist. Aber mir ist schon klar, dass das sehr schwierig ist. Ansonsten fällt mir noch ein, dass er vielleicht auf eine medizinische "Notlüge" zurückgreifen kann. Keine Ahnung, z.B. dass seine Leberwerte sauschlecht sind und die Ärztin ihm ein Jahr Alkoholverbot verhängt hat, weil sonst die Leberzirrhose anfängt oder so …
        So oder so: Alles Gute für Euch und #pro für deinen Mann, der das Problem erkannt hat und angeht.
        Ks

        • (6) 23.08.17 - 14:43

          Nein, so eine Notlüge käme für uns nicht in Frage. Mein Mann ist ja stolz auf seine Entscheidung und darauf, dass diese eben "aktiv" von ihm getroffen wurde.

          Klar, der beste Weg wäre es, das offen zu kommunizieren. Aber ich bin mir sicher: Beim Fußball wäre er dann raus. Und meine Familie würde ihn verspotten, bestenfalls. Sobald da der Pegel stimmt bei den Familienfeiern, dann beginnt das Herziehen über Leute, die nicht richtig feiern wollen, Spießer sind, Streber sind, nichts vertragen... Das ist kein Umfeld, in dem man abstitent leben kann.

          Ich hoffe einfach, dass nicht überall alle so sind. Und dass es einfacher ist ohne diese Familie und diese "Freunde", und wenn man von Anfang an als Nicht-Trinker kommt.

          Mein Mann würde auf Fußball verzichten, wenn da überall so viel getrunken wird. Er hat aber auch schon mit einem vom türkischen Verein in unserem hoffentlich baldigen Wohnort gesprochen, da wäre er dann der zweite Deutsche und da trinken die fast alle nichts.

          • Naja, ob davon so viel gelogen wäre …? Wie auch immer, die Zeichen scheinen auf Neuanfang zu stehen. Wenn das für euch alle 3 so stimmt, dann ist das doch eine gute Gelegenheit. Ich würde einfach nicht nur deswegen umziehen, sonst ist es frustrierend, wenn das mit der Abstinenz dann vielleicht doch nicht klappt. Aber wenn auch noch anderes für den Umzug spricht, ist das vermutlich in vielerlei Hinsicht eine Chance.

            Grüsse, Ks

      (8) 23.08.17 - 14:38

      Ich habe selbst jahrelang alkoholmißbrauch betrieben und habe von heute auf morgen damit aufgehört, so wie Dein Mann.

      Ein neues Umfeld hat mich dabei wahnsinnig geholfen. Von daher, ja, er soll den Job annehmen, das ist jedenfalls sicherer als sich im alten Umfeld neu positionieren zu müssen.

      Die Entscheidung kann euch natürlich keiner abnehmen. Es hört sich aber so an, als ob ihr euch damit abfinden könntet.

      Wie wäre es, wenn er trotzdem in die Offensive geht, und seinem Umfeld einfach erklärt, dass er diesen ständigen Alkoholkonsum nicht mehr will. Ich verstehe schon, was du meinst mit: Da erntet man nur Gelächter. Man sollte dies wahrscheinlich in 4-Augen-Gesprächen tun, da lässt sich das Gegenüber oftmals leichter davon überzeugen, als am Stammtisch, wo gerade jeder seinen Humpen in der Hand hält...
      Vor allem innerhalb der Familie sollte er das irgendwie versuchen - denn das ist ja weiterhin eure Familie, egal ob ihr hierbleibt, oder wegzieht.

      Wir wohnen hier auch ländlich, ich verstehe, wovon du sprichst. Bei uns im Chor war lange Jahre eine Frau die ein absolutes Alkoholproblem hatte - irgendwann ging sie auf Entzug, war lange weg und kam dann nach etwa einem Jahr wieder zur Probe. Zwei, drei Wochen später hatte dann ein anderes Chormitglied Geburtstag und gab Sekt aus - wie so oft an Geburtstagen - Aber nur Sekt, keinen O-Saft, keine Alternative - NICHTS. Ich fand das damals unmöglich, wie sie jedem ein Glas in die Hand drückte... Schon klar, daß diese Frau damit ständig konfrontiert wird und aus eigenem Überzeugung dazu nein sagen muss... Aber da hat man schon auch gemerkt, wie dieses Thema für manche einfach nur "lächerlich" ist
      LG und alles gute Euch

      Hi,
      Kenne ich alles

      Jeden Abend voll, ist auch ein geregelt Leben :-(

      Wären wir damals nur in den Nachbarort gezogen , wäre alles gut gewesen. Aber die Feuerwehr, die Kumpels, der Bruder.......

      Er hat es nicht gesehen, die Kumpels auch nicht, nur D. der ist zu seiner Freundin gezogen, was für ein Weichei. Das Weichei, wollte er 15 Jahre später nicht sein.

      Nachdem mein Bruder, durch ein Dorfbekannten Jungen, immer alkoholisierten, Klassenkameraden, unserer Schwester ums Leben kam, dachte ich, das er aufhört. Falsch gedacht, ich bin dann nach 9 Jahren ausgezogen und Schluss.

      Kurz drauf, mit neuer Freundin, geht dann alles. Kein Alkohol, keine Zigaretten und in ihr Ort, 20 km weiter, nix 6 km, ist er auch gezogen, klappt dann.

      Eine Arbeitskollegen die paar Häuser weiter wohnt als ich, hatte nach einem Burn out, auch alle Feiern im Dorf gemieden. Sie trainiert 3 Tanzgruppen, geht aber nicht auf Fastnacht, sie höllisch den Applaus und die Blumen ab und geht wieder. Kein Winzerfest, kein Pfingstzelten, überall wo es Alkohol gibt, geht sie nicht mehr hin. Ihr Mann weiterhin, er ist oft Tagesvollster, er lernt leider nicht dazu.

      Ja, es wird gelästert und geschwätzt, aber nur das 1. Jahr. Danach wird es besser, aber irgendeine hohle Nuss, findet sich immer, der ein Spruch abdrückt.

      Bleibt dort wohnen, wenn ihr doch die Feste eurer Heimat besucht, kommen noch viel länger die doofen Sprüche :-(

      alles alles Gute
      Claudia

      Ich würde es machen. Das ist dann nicht nur ein symbolischer, sondern auch ein realer Neuanfang.

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