Ernste Diagnose verschweigen

    • (1) 15.01.18 - 22:07
      Diagnose

      Liebe Urbia Gemeinde, denke derzeit über etwas sehr intensiv nach. Mein Studien und Arbeitskollege und guter Freund ist Spezialist im Bereich Onkologie und hat nun selbst eine Tumordiagnose erhalten. Es handelt sich um ein frühes Stadium das mit einer alleinigen Operation und engen Nachkontrollen voraussichtlich heilbar ist. Er ist verheiratet und hat Kinder, möchte aber niemandem davon erzählen, um seine Lieben zu schützen und nicht zu erschrecken, da sie die Bedeutung dieser Erkrankung nicht ausreichend einschätzen können würden und unendlich erschrecken würden - meint er. Er selbst ist gefasst, ich glaube aber er ist recht erschüttert. Ich kenne die Familie gut, respektiere natürlich die ärztliche Schweigepflicht, denke aber immerzu darüber nach ob das so richtig ist. Vlg

      • Hallo, wenn er selbst Onkologe ist, wird er es ja selbst ganz gut einschätzen können. Wie ich Dich verstehe ist keine Chemo oder Bestrahlung nötig und es gibt keine Metastasen? Denn das kann niemand geheimhalten. Ich stelle es mir auch schwer eine OP zu verheimlichen. Welche Krebsart ist es denn? Vielleicht muss er erst selbst damit klarkommen und nachdenken und wir es dann erzählen. Wenn, sollte er das selbst tun und auf keinen Fall ein Dritter.

        Mh. Schwierig. Immerhin kann er den Ernst der Lage als Spezialist recht gut einschätzen. Trotzdem ist es ja auch emotional was anderes, wenn es einen plötzlich selber bestrifft.
        In gewisser Weise kann ich seine Bedenken im Hinblick auf die Sorgen der Familie nachvollziehen. Und vielleicht ist es tatsächlich sinnvoll, es nicht allen zu sagen. Mindestens seiner Frau sollte er es meiner Meinung nach aber sagen. Ich finde sie hat ein Recht darauf und ich als Partnerin würde mir sehr hintergangen vorkommen, wenn mein Partner mir so etwas verschweigt, was unternehmen Umständen erhebliche Auswirkungen auch auf mein Leben und das der Familie hätte.
        Außerdem wird er ja operiert werden müssen und muss dann im Anschluss viele Termine zur Nachkontrolle wahrnehmen. Wie will er das denn vor seiner Frau verheimlichen? Ich hoffe er plant nicht, sie aktiv anzulügen - das wäre wirklich ein krasser Vertrauensbuch!
        Abgesehen davon ist es für ihn sicher auch gut, wenn er in der bevorstehenden Zeit seine Frau als emotionale Untersuchung hat...

        Wenn ich meinem Mann, dem ich geschworen habe mit ihm durch dick und dünn zu gehen, jede Krise mit ihm durchzustehen und ihn in Krankheit und Gesundheit zur Seite zu stehen und der all das ganz selbstverständlich auch für mich und mit mir tun würde, nicht etwas so wichtiges sagen könnte, würde ich ihmich nicht vertrauen und dann hätte unsere ehe keinen Wert. Seinem Partner muss man solche wichtigen Dinge nicht nur sagen können sondern auch sagen wollen. Warum sollte man Dinge verschweigen wollen, die einen belasten? Mein Partner ist mein Fels in der Brandung und umgekehrt genau so. Darauf, auf gegenseitigen halt ist unsere Beziehung aufgebaut. Das ist ein Grundpfeiler unserer ehe. Niemals muss einer von uns irgendetwas für sich allein ausmachen. Wir sind für einander da, unterstützen einander und zwar völlig selbstverständlich.

        • Solange Du nicht in der Situation bist, kannst Du zwar sagen, was Du tun würdest....aber im Ernstfall sieht es evtl. ganz anders aus. Mein Mann und ich hatten 35 Jahre lang ein bedingungsloses Vetrauensverhältnis, aber ich habe ihm nicht gesagt, dass er sterben muss. Die Ärzte sagten es mir und stellten mir frei, was er erfahren soll. Glaub mir, die Entscheidung braucht kein Mensch. Ich habe dann lediglich gemäss unserem gegenseitigen Versprechen dafür gesorgt, dass er schnellstens nach Hause kommt und zuhause sterben darf. Das hat Gottseidank geklappt. 5 Tage nach der endgültigen Diagnose war er bereits tot. Er hat es nicht angesprochen und ich auch nicht. Ich weiß nicht einmal, was ich geantwortet hätte, wenn er mich direkt gefragt hätte. Ich weiß es einfach nicht. Da schnürt es Dir den Hals zu. Soviel zum offen sein wollen....und letztendlich können.LG Moni

          • Es gibt immer einen UNterschied zwischen hypothetischer und realer Situation. Aber ich sehe trotzdem einen Unterschied zwischen deinem und dem Ausgangsfall. Immerhin verschweigt er ihr etwas, glaubt das zu überleben (so habe ich das zumindest interpretiert) und wenn er wieder gesund ist, leben sie einfach normal weiter. Das kann immer noch rauskommen und würde somit das Vertrauensverhältnis erschüttern oder er muss halt jahrelang damit leben, dass er es ihr nicht erzählt hat und somit auch nicht mit ihr darüber reden kann, welche Sorgen er sich gemacht hat und inwiefern es ihn vielleicht auch verändert hat.

          • Mhh..schwieriges Thema, aber Dein Mann war erwachsen und ich nehme an mündig. Warum haben die Ärzte nicht mit ihm gesprochen??? Finde ich schon heftig! Als Patient wäre ich stinksauer, wenn man mir das verschweigen würde!

            • Mein Mann war psychisch wie physisch in einem total geschwächten Zustand, da er ja vorher schon monatelang krank und laufend im Krankenhaus war. Aber man wusste nicht, wie ernst es wirklich ist, möchte hier nicht alles erzählen. Wir hatten Betreuungsvollmacht+Patientenverfügung und er sagte selber zu den Ärzten, dass sie alles mit mir besprechen sollen, da er aufgrund seiner massiven Schwerhörigkeit trotz HG vieles nicht oder falsch verstand. Vor dieser letzten Phase seines Lebens besprach er auch alles selber mit den Ärzten, dann aber hatten wir den Eindruck, dass er garnicht mehr alles wissen wollte, er fragte auch nicht mehr. Aus dem Grund ersparte ich ihm auch diesen letzten Tiefschlag; ich denke, er spürte es auch so, was mit ihm los war. Manchmal braucht es keine großen Worte mehr. LG Moni

          (10) 16.01.18 - 13:36

          Liebe Moni, liebe alle. Danke für Eure Antworten. Ich sehe, dass hier durchaus inhomogene Meinungen herrschen. Ich möchte eines klarstellen: wie schon oben geschrieben: ich habe über diesen Fall intensiv nachgedacht. Ich habe niemals in Erwägung gezogen in diesen Prozess einzugreifen. Ich BIN der behandelnde Arzt, unterliege der Schweigepflicht und habe die Informationen hier auch so gegeben dass ein Rückschluss unmöglich ist. Danke für Eure Hinweise mich rauszuhalten. Ich bin gesetzlich sogar dazu verpflichtet (auch außerhalb von D), habe eine große berufliche und leider auch persönliche Erfahrung in diesem Bereich. Es gibt aber auch für mich Konstellationen die mich zum Nachdenken bringen und mich berühren. Onkologen sind auch Menschen-komisch. Vor allem da es ein guter Freund ist. Vielen Dank an alle.

          • Ich denke Du weißt am Besten, wie wichtig es ist, dass der Patient mit dem im Reinen ist, was passiert. Geheimhalten begeistert mich auch nicht, aber wenn es für ihn funktioniert, weil er dann nur für sich selber stark sein muss und nicht für seine Familie, dann ist das ok. Wenn Du merkst, dass diese Logik kippt und das Geheimhalten zu Last wird, dann versuch ihn zu was anderem zu überreden.
            Aber solange es ausser ihm (und Dir) keiner weiß, dann muss er sich nur selber aufbauen und beruhigen, wenn es andere wissen, dann muss er Frau, Kinder?, Eltern und Geschwister beruhigen, für die stark sein, denen Hoffnung machen und hat trotzdem das schlechte Gewissen denen Sorgen zu bereiten.

            Behandelnder Arzt UND Freund......zugegeben schwierige Konstellation. Aber trotzdem sehe ich das so, dass der Patient wirklich alleine wissen muss, was er wem sagen will.
            Aber es ist eben meine subjektive Meinung.
            Ich bin sehr froh, dass Ärzte auch Menschen sind!! Ein überaus menschlicher Arzt ermöglichte meinem Mann den sofortigen Transport nach Hause. Sein Chefarzt wollte an meinem noch 53 kg wiegenden Mann herumoperieren - er wäre wohl auf dem Tisch geblieben und hätte nicht in seinem eigenen Bett für immer einschlafen dürfen. Ich habe mich später bei diesem menschlichen Arzt brieflich bedankt, ich bin ihm heute noch dankbar. LG Moni

    (13) 15.01.18 - 22:34

    Auch wenn ich seine Gründe für das Geheimhalten verstehen kann, ich versuche mich in seine Frau hineinzuversetzen. Ich als Partnerin würde das als großen Vertrauensbruch empfinden, würde ich im Nachgang oder über Dritte davon erfahren. Ich kann verstehen, dass man nicht die gesamte Familie (Kinder, Eltern) unnötig aufschrecken will, aber sich dem Lebenspartner anzuvertrauen, wäre für mich eine Notwendigkeit in einer eng-vertrauten Partnerschaft. Vllt.kann man gemeinsam vereinbaren, dass es im kleinen Rahmen (unter den Partnern) bleibt und der Rest der Familie vllt gar nicht bzw viel später, wenn alles erstmal überstanden ist, involviert wird.
    Kann mir ohnehin nicht vorstellen, wie man das geheim halten kann mit OP usw.
    Alles Gute für deinen Freund/Kollegen 🍀

    Vor kleinen Kindern würde ich sowas verschweigen, aber doch nicht vor dem Partner. Das ist für mich ein Vertrauensbruch, es kommt sowieso raus und irgendwie ist das wie lügen...


    Liebe Grüße
    Ks

    (15) 15.01.18 - 22:47

    Danke für Eure Antworten. Er hat sich statt zu Arbeiten in der Früh tageschirurgisch operieren lassen, dabei kam die Histologie heraus. Es handelt sich um einen sehr seltenen bösartigen Tumor, der derzeit keine Metastasen hat, bei dem allerdings die Ansprechraten der Chemo und Bestrahlung sehr schlecht sind. Bei Metastasierung ist es so gut wie nicht überlebbar. Die Nachkontrollen kann er jederzeit während der Arbeit machen ohne dass es jemand merkt. Ich frage mich auch ob nicht die Eltern ein moralisches Recht auf Information hätten ich stelle mir vor mein Kind würde so etwas durchziehen. Sicherlich eine sehr besondere Situation. Über Dritte wird die Familie es wohl nicht erfahren, und von mir sowieso nicht. Ich bin ja die Vertrauensperson und in die Behandlung involviert. Ich weiß nicht mal was ich ihm da raten sollte. Danke Euch.

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