Hilfe - Krise

    • (1) 18.05.18 - 09:27
      Mitte 30

      Hallo Ihr,

      nach etlichen Wochen werde ich hier nun mal anonym mein Herz ausschütten.
      Vielleicht oder bestimmt haben hier einige das gleiche durch.

      Eckdaten:

      Mann 37, ich 36, 2 Kinder 7 und 9 Jahre alt.
      Zusammen seit 16 Jahren, verheiratet seit 8 Jahren. Gemeinsam ein Haus gebaut, jeder 3 Jobs ausprobiert, hier und da familiäre Stolperfallen gut gemeistert. Beide haben Zeit für Hobbies und Freunde. Finanziell geht es uns soweit gut.
      Wir haben den gleichen Humor, konnten immer viel und ausgelassen miteinander lachen, waren nicht nur Mann und Frau, sondern auch Freunde.


      Schwierig war immer, dass wir sehr verschieden sind. Ich bin sehr emotional, sensibel, sehr empathisch, kann Menschen viel zurückgeben. Aber fordere natürlich auch irgendwo diese Zuwendung ein.
      Mein Mann ist eher nüchtern, kann super auf dem Boden der Tatsachen bleiben, war immer ein guter Gegenpol zu mir. Und ich zu ihm. Aber ein Stück weit, war er nicht im Stande, mein Gefühl nach Wertschätzung zu befriedigen. Oder, dass was er mir entgegegenbrachte, war mir zu wenig, das kann man sicher auf mehrere Arten und Weisen deuten.

      Jedenfalls blieb am Ende von Streitigkeiten oft eine Botschaft stehen: Ich habe genörgelt, gejammert, gedroht, hatte hohe Erwartungen, habe Streit provoziert, habe vesucht ihn zu ändern, wollte die Zuneigung einfordern. Das war oft falsch und mir eigentlich damals schon klar.
      Er beendete Diskussionen darum meist mit: " Ich kann das eben nicht, Du weißt doch, dass ich Dich liebe, Ich kann das eben nicht einfach sagen."

      Es war häufig ein Machtkampf: Wer gibt nach? Wer hat Recht? Wer geht den ersten Schritt?

      Seit einigen Monaten nahmen Streitigkeiten zu, aber die Inhalte wurden immer belangloser. Die Routinen funktionierten, aber wir hatten uns im Grunde nichts mehr zu sagen. Wir entfernten uns voneinander. Ich war oft nur noch genervt, es war mir alles zuviel, ich dachte manches mal selbst "Das war es jetzt?!"
      Immer mal wieder habe ich meinen Mann konfrontiert damit, gebe aber zu, dass ich allein ihm die Schuld dafür zugeschoben habe.
      Irgendwann haben wir dann beschlossen, ein Paarcoaching zu beginnen, um von außen mal drauf schauen zu lassen. Damals war die Krise, die nun da ist, dennoch nicht zu erwarten...

      Wir haben also bewusst begonnen uns nochmal miteinander zu beschäftigen. Das lief oft gut, wir merkten, dass einiges zu tun ist, aber die Tragweite war uns wohl nicht klar...

      Zum Jahresbeginn hatte mein Mann dann einen Ausrutscher (Kuss) mit einer Kollegin. Die Nähe, welche die beiden aufgebaut hatten, war mir schon lange ein Dorn im Auge, ich habe meinem Mann oft gesagt, dass er aufpassen soll, wonach er da sucht...
      Er hat mir die Sache ziemlich sofort gebeichtet, war sehr offen, hat zum ersten Mal für sich Gefühle zugelassen und auch äußern können. Er war verzweifelt, wir haben viel geredet und geweint. Auch mir ist klar geworden, was da kaputt gehen könnte und ich habe endlich verstanden, dass auch ich vieles nochmal für mich überdenken und abwägen muss. Es war schlimm, aber es war seit langem nochmals Nähe da! Unsere Familien haben uns sehr unterstützt, auch hier war er sehr offen.
      Wir haben beschlossen, diese Krise zu "nutzen", wir gehen weiterhin zum Coaching.
      Wir waren auch sehr ehrlich miteinander und haben überlegt, warum es dazu kommen konnte. Mein Mann sagt, dass er keine Gefühle für die andere hegt, auch niemals die Idee hatte, sich ein neues Leben aufzubauen, er sagt, er liebt mich, er will diese Familie und will für uns kämpfen.

      Er sagt aber auch, dass er sich nun damit auseinander setzen muss, dass er vielleicht eine Art (frühe) Midlife-Crisis hat. Er kannte nie Gefühle, wie Depression oder ähnliches. Er sagt, er stellt vieles in Frage: Wo will ich hin? Was will ich noch? Wieso bin ich, obwohl ich alles habe, nicht zufrieden. Er hat mir erklärt, dass die andere, einfach die "personifizierte Midlife-Crises" darstellte: Zuhause viel Verantwortung, Erwartungen, Frau und Kinder. Und Quatschen mit Menschen, die damit nix tun haben, ist da einfach lockerer und unbeschwerter. Er sagt, er fühle manchmal eine innere Leere, er könne sich an vielem nicht mehr erfreuen, ist schnell genervt, kann keine Begeisterung mehr empfinden. Er will oft "etwas anderes", weiß aber nicht richtig was. Burn-Out schließt er aus.

      Er oder wir beide gehen also schon mit viel Reflexion an alles heran.

      Ich finde den Umgang mit dieser Krise unerträglich. Ich versuche es als Prüfung zu sehen, will auch an mir arbeiten und meins beitragen, aber meine Empfindsamkeit macht mich ziemlich fertig. Ich fühle mich stellenweise sehr unsicher und verzweifelt. Nach Gesprächen geht es oft ganz gut, ich denke, wir wollen auch dasselbe, benennen es aber anders und sind charakterlich einfach total verschieden. Wir wollen mehr kommunizieren, müssen aber aufpassen, es nicht zu zer-reden. Wir wollen uns Zeit lassen und nehmen, haben aber das Gefühl es nicht abwarten/aushalten zu können. Ich will ihn so nehmen, wie er ist, warte aber eigentlich auf Signale, an welchen ich merke, dass er auch will.
      Und immer wieder dieses Gefühl: Wer muss nachgeben? Den ersten Schritt tun? Kann ich einfach mal Vertrauen schenken ohne Gegenleistung zu erwarten? Oder muss er mir etwas zusichern, damit ich auf ihn zugehen kann?

      Wie gesagt, die letzten Wochen haben gezeigt, was wir KÖNNEN, wo wir ein Team sind und was und verbindet. Manchmal habe ich schon gedacht: Es musste eigentlich mal knallen...Unweigerlich wäre irgendeine Krise gekommen, weil wir viel zu sorglos und nicht sorgsam mit unserer Beziehung waren.
      Aber wir erkennen nun auch die Aufgabe, die vor uns liegt. Und die erfordert viel Kraft...

      Vielleicht fällt jemandem dazu etwas ein? Ich würde mich sehr freuen!

      Danke vorab!

      • (2) 18.05.18 - 10:12

        Ach herrje. In so eine Geschichte hätten wir auch reinschlittern können und wir sind sicherlich gefeit, dass das passiert.
        Bei uns sind die Karten ähnlich verteilt: Ich bin emotional, impulsiv, durchlebe Höhen und Tiefen, bin kommunikativ und brauche vieeeeeel verbale und körperliche Zuwendung.
        Mein Mann ist nüchtern, sachlich, spricht nur mit Knarre am Kopf und auch dann nur unter Protest über Gefühle und braucht ganz sicher nicht tägliche Liebesbekundungen und verteilt solche auch nicht. Trotzdem funktionieren wir als Paar. Und ich schätze an meinem Mann sehr, dass er mein Fels in der Brandung ist.
        Insofern musste ich ein bisschen lachen als ich deinen Text las, nicht falsch verstehen, ich lache dich nicht aus, es hat nur eine gewisse Komik, dass du dir offenbar immer einen emotionaleren Mann gewünscht hast, jetzt einen hast, einen der über Gefühle spricht, der etwas fühlt, der auch mal "kriselt", nur ist dir das jetzt auch nicht Recht. Jetzt soll er doch lieber wieder der Fels in der Brandung sein, oder?
        Mir fällt da gerade der Zauberlehrling ein: "Die ich rief, die Geister, die werd ich nun nicht los.

        Meines Erachtens trägst du Schuld am Entstehen der Krise, wobei ich den Begriff der Schuld hier nicht treffend finde, weil jeder halt so ist, wie er ist und es manchmal eine Eigendynamik entwickelt, wenn zwei so konträre Charaktere in einer Beziehung leben. Aber du wolltest ihn immer ändern, hast ihm ständig seine Defizite vorgeworfen, ihm signalisiert, dass er nicht reicht. Wenn die Kritik sich aber gegen Grundfesten des Charakters richtet (du machst aus einem nüchternen Menschen nun einmal niemals einen Romantiker) , kann der andere ja nur hilflos mit den Schultern zucken und wenn man dann nicht aufhört, gerät der andere vielleicht in eine Krise.

        Was ich an deiner Stelle machen würde? Ich würde mir jetzt einmal ganz bewusst vornehmen, der Fels in der Brandung zu sein. Er hat jahrelang den Part übernommen, jetzt bist du dran. Sieh es als Entwicklungsaufgabe. Liebe, ohne etwas zu erwarten. Pulver mal was rein in eure Beziehung, völlig uneigennützig, sondern um der Beziehung Willen. Sag deinen Mann, dass du ihn liebst, so wie er ist, nicht so, wie du ihn haben möchtest. Und dann hab Geduld und bleibe bei deiner Liebe zu ihm, denn du liebst ihn doch, oder?

        • (3) 18.05.18 - 10:28

          Danke für Deine Worte.

          Ich habe das selbst schon gedacht... Ich wollte immer Emotionalität...Jetzt ist sie da...Jetzt bin ich ebenfalls nicht zufrieden...Bzw. überfordert. Er hat mir auch gesagt: "Ich war so lange immer nüchtern, jetzt bin ich es nicht mehr und prompt kommen wir beide nicht mehr damit klar."

          Ja, ich liebe meinen Mann!
          Und da ist auch Wut und Enttäuschung. Über mich selbst, ihn und uns beide.

          Und Geduld ist nicht gerade eine meiner leichtesten Aufgaben...

          Danke nochmals!

      (4) 18.05.18 - 10:18

      Hallo,

      woher kommt diese innere Unruhe und Ungeduld bei dir? Hast du dem mal nachgespürt? Rein objektiv könnte man ja sagen, ihr macht momentan alles "richtig" - sucht euch Hilfe von außen, seid im Kontakt, versucht ein Maximum an "miteinander bewältigen". Aber irgendwie fühlt es sich ja trotzdem für dich falsch an.

      Liebst du ihn noch?
      Denkst du insgeheim an Trennung?
      Du hast sehr viel geschrieben, ich habe trotzdem wegen dieser Unruhe bei dir große Fragezeichen. Auch das mit der Kollegin ist nun, ich sage mal, naja. Du bringst sehr viel Verständnis auf für seine Befindlichkeiten, aber was ist mit deinen? Und:
      Kränkt dich das nicht?

      LG

      • (5) 18.05.18 - 10:38

        Danke für Dein Feedback.

        Da ist extrem viel Unruhe und Ungeduld, da hast Du Recht.

        Ich liebe meinen Mann und denke nicht an Trennung!
        Und wegen der Kuss-Geschichte war und bin ich sehr verletzt. Ich bin aber nicht so naiv zu denken, dass DAS das eigentliche Problem ist...

        Und ich habe mir gesagt: Wenn ich es jetzt immer wieder auf die Kollegin runterbreche, immer wieder mit diesem Vorfall komme, vergiftet es sicherlich die Basis unserer Ehe. Und dennoch habe ich in den ersten Wochen regelrechte Verhöre hier veranstaltet #klatsch

        Es hat vorher immer wieder Situationen gegeben, wo ich oder wir hätten anders reagieren können, unsere Beziehung anders lenken können. Aber das haben wir nicht. Ich kann Dinge schlecht stehen lassen, ich neige dazu nachzukarten...

        Es fühlt sich nicht falsch an... Ich glaube, ich komme einfach mit den neuen Bedingungen nicht klar. Andererseits...Egal, wie besch***** es jetzt ist. Ich denke immer mehr, dass es ohnehin irgendwann eine Auseinandersetzung mit "uns" gebraucht hätte.

        Tja. Ich kann immer viel und lang reden und schreiben...Vielleicht ist das auch manchmal zuviel...

    (6) 18.05.18 - 10:35

    Wenn ich es richtig verstanden habe, dann verlangst Du sehr viel offen bekundete Wertschätzung von Deinem Mann.

    Ich habe für mich festgestellt, dass ich das nur benötige, wenn ich in einer Situation sehr unsicher bin. Dann soll mir jemand anderes sagen, dass ich das richtig gut gemacht habe. Wenn ich dagegen überzeugt von mir bin, dann freue ich mich darüber natürlich auch, aber viel schöner ist mein inneres Gefühl "Yes!!!". Kannst Du Dich selbst loben und belohnen?

    In diesem Kontext würde ich Deinen Satz "Es musste eigentlich mal knallen.." so interpretieren, dass dies Dein letztes Mittel ist, um Deinen Mann zu ändern. Evtl. stellst Du Dir das in etwa so vor: Du trennst Dich, er erkennt, was er an Dir verloren hat und (überspitzt formuliert) rennt Dir nach und bettelt Dich an.

    Ich finde es gut, dass Du auch an Dir arbeiten möchtest. Ich persönlich würde sogar erst einmal nur an mir arbeiten und die Beziehung einfach mal Beziehung sein lassen.

    • (7) 18.05.18 - 10:43

      Danke auch Dir!

      Selbst loben und belohnen: Nicht so gut.
      Ich bin jemand, der alles an sich reißt, und dann danach jammert. Nicht immer. Aber hin und wieder. Ätzend eigentlich...

      "...Dein letztes Mittel ist, um Deinen Mann zu ändern..." Ja... So ähnlich war das wohl... Ich habe oft provoziert, weil ich wohl hoffte, dass er endlich schnallt, was er an mir hat...

      • (8) 18.05.18 - 11:08

        "Ich bin jemand, der alles an sich reißt, und dann danach jammert."

        ... weil Du Dir dadurch Lob erhoffst bzw. zumindest die Anerkennung, dass das nun wirklich anstrengend ist und Du so toll, dass Du das trotzdem wuppst?

        Ich greife mal einen Satz von blobfisch auf: Liebe, ohne etwas zu erwarten.

        • (9) 18.05.18 - 11:16

          Leider ja, fürchte ich.
          So ticke ich. Auch in anderen Lebensbereichen. Oft fahre ich gut damit. Aber es schafft natürlich gute Bedingungen, um enttäuscht zu werden.

          Ich habe das sicherlich leider in jungen Jahren so lernen müssen. "Für Anerkennung musst Du etwas tun...Kommt sie nicht, tust Du zu wenig..."

          Ich weiß also schon um meinen komplexen/komplizierten Charakter - und ja - war deswegen auch schon alleine in Begleitung.

          • (10) 18.05.18 - 11:36

            "Für Anerkennung musst Du etwas tun...Kommt sie nicht, tust Du zu wenig..."

            Du wirst Deine Kinder sicherlich ganz anders erziehen. Und trotzdem "vererbst" Du jetzt dieses Muster, da Eure Kinder durch eine evtl. Trennung in eine sehr missliche Lage geraten.

            • (11) 18.05.18 - 11:42

              Und was wäre dann jetzt zu tun? Oder zu lassen?

              Glaub mir, ich habe den Warnschuss laut und deutlich gehört. Mir ist total klar, dass ich für mich jeden Tag selbst entscheiden kann und muss, wie ich mein Leben gestalte.

              Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang immer andere für Ihr Leid (oder Glück) verantwortlich gemacht...So wollte ich NIE werden.... Und ich lebe tatsächlich ein anderes Leben. Aber auch ich habe natürlich eine Prägung...

(14) 18.05.18 - 11:06

Puh, wenn ich das Eingangsposting so lese, dann denke ich mir: wieviel Arbeit macht so eine Beziehung eigentlich?
Ich vertrete ja den Standpunkt, dass man immer an seiner Beziehung arbeiten muss nur bedingt. Daran arbeiten ja, aber nicht in dem Ausmaß wie du es beschreibst.
Wenn eine Beziehung nicht mehr läuft, dann sollte man echt überdenken wieviel Energie man da noch reinstecken will.
Du hast nur das eine Leben und wirst deine Energien noch brauchen, schließlich bist du erst Mitte 30.
Versuche nicht etwas wieder zu beleben, was im Grunde tot ist.
Manchmal ist es einfach so, dass man sich in verschiedene Richtungen entwickelt und dem muss man dann auch in aller Freundschaft Tribut zollen.

  • (15) 18.05.18 - 11:18

    "Versuche nicht etwas wieder zu beleben, was im Grunde tot ist."

    So fühlt es sich nicht an.
    Ich habe das ehrlicherweise für mich durchgespielt und auch meinen Mann damit konfrontiert.

    Ich verstehe dennoch, was Du meinst...

    Danke#klee

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