Perspektive - kriselnde Beziehung

    • (1) 29.07.18 - 16:46
      Mitte 30

      Hallo Ihr,

      ich habe jetzt zu meiner aktuellen Lage 2x schon geschrieben und viel wertvollen Input bekommen.
      https://www.urbia.de/forum/16-partnerschaft/5094833-uberforderung-ehekrise
      Daher schreibe ich ein weiteres Mal...

      In den letzten 4 Wochen war alles dabei: Lachen, Entspannung, Offenheit, Urlaubsstimmung, Lockerheit, Nähe - aber auch Tränen, Anspannung und Druck.

      Einige hatten mir schon beim ersten Mal geschrieben, dass die Verantwortung bzw. der Auslöser für die Krise schon irgendwo bei mir zu suchen ist. Weil ich mit meiner ständigen Kritik und Anspruchshaltung immer mehr Ungleichgewicht und Verantwortung für mein Glück in die Beziehung gebracht habe. Ich habe mich in den letzten Wochen viel damit auseinander gesetzt und gemerkt, dass das bis zuletzt und vor kurzem wahr war.

      Selbst in dieser angespannten Zeit habe ich immer wieder darauf verlassen, dass mein Mann mir Bestätigung gibt, dass er die Verantwortung für das Durchstehen der Krise übernimmt, dass er mir "garantiert", dass "alles gut" wird, dass er weiterhin der Fels in der Brandung ist. Und obwohl ich in den letzten Wochen dachte, ich hätte den Kern der Problematik verstanden, so habe ich mir da wahrscheinlich ein Stück weit etwas vorgemacht. Ich habe weiterhin nach Antworten gedrängt, gab er mir welche, waren sie nicht ausreichend, dann habe ich weitergefragt und ihn damit sicher immer mehr in die Ecke gedrängt. Je mehr ich gesägt habe, desto mehr ist er in Rückzug gegangen...
      Ich hatte wohl immer noch die Idee, er schulde mir etwas. Ich denke, ich wollte hören: Sag mir, dass es sich lohnt diese Krise durchzustehen, denn nur dann bleibe ich. Ich wollte eine Zusage, dass es wieder wird, noch bevor wir alles gemeinsam durchgestanden haben.

      Jetzt denke ich nicht, dass ich ALLES SCHULD bin, ich weiß schon auch, wo meine Stärken sind. Und dass immer 2 zu einer Beziehung gehören. Pech ist wahrscheinlich, dass wir tatsächlich sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und, dass wir lernen müssen, den anderen so zu nehmen und vor allem so zu lassen, wie er ist.

      Durch mein Drängen und den Rückzug meines Mannes, wurde Kommunikation allerdings auch immer schwieriger. Er witterte immer ein Verhör und Druck. Ich habe psycho-analysiert und gedeutet. Irgendwann ist es eskaliert, von beiden Seiten, und ich habe wirklich gedacht: Okay, jetzt trennt er sich...
      Wir sind aber weiterhin zusammen.
      Er hat mir erklärt, dass er sich wünscht als Familienvater und Ehemann glücklich und zufrieden zu sein, es aber aktuell nicht ist. Dass er sich generell Fragen zu Zufriedenheit und Glück stellt. Und sich die so oft erwähnte Leichtigkeit wünscht. Und trotz allem auch Hoffnung hat und Gefühle für mich, so dass wir einen neuen (?) Weg zueinander finden. Er hat mir das schon vor 6 Monaten mal gesagt. Damals habe ich gedacht: "Wie stellst Du Dir das vor? Ich mach eh schon genug für diese Ehe! Du bist es, der hier mal leisten soll!"

      Dass ich in den letzten Jahren unserer Ehe ständig nur signalisiert habe, dass er für mein Glück, für das Funktionieren unserer Familie und auch für etliche Probleme verantwortlich ist, und zudem in meinen Augen "falsch liebt"hat wahrscheinlich alle Leichtigkeit zerstört. Es war nur noch mehr Schwere da. Es hatte eine Grenze überschritten, auch was Respekt anging.

      Im Kopf habe ich das jetzt alles begriffen. Die Umsetzung fällt mir extrem schwer. Ich merke, dass ich ganz schnell wieder nach Signalen und Zeichen suche. Ich habe viel gelesen zum Thema Bindungsangst und habe mich (und auch meinen Mann) da in Facetten immer wieder wiedererkannt.

      Ungewissheit bleibt natürlich. Schaffe ich das? Kann ich ihn so lassen und akzeptieren, wie er ist? Lässt er sich darauf auch ein? Im Moment ist er noch sehr passiv und zurückhaltend...Aber er hat zum ersten Mal seit langem begonnen Bedürfnisse zu äußern und seine Grenzen zu verteidigen.

      Ich hoffe sehr, dass es nicht zu spät ist... Denn ich möchte meinen Mann nicht verlieren! Manchmal weiß man erst, was man hat, wenn man dabei ist es zu verlieren...

      Ich weiß, es ist lang geworden. Ich weiß auch, dass ich jetzt hier wieder weit ausgeholt habe...Aber besser es steht hier, als dass ich versuche, alles mit ihm küchenpsychologisch auszudiskutieren ;-)...

      Ich freue mich über Eure Ideen dazu. Beim letzten Mal haben mir viele, auch unbequeme Antworten, wirklich geholfen...


      LG

      Mitte30

      • Aus meiner Sicht hörst du dich ein bißchen angespannt an, versuche mal, dich zu entspannen...

        • (3) 29.07.18 - 17:49

          Ich BIN angespannt... Ich kann versuchen mich abzulenken. Versuchen mich selbst zu coachen und "runterzukommen". Aber eine Grundanspannung, nenn es meinetwegen Verkrampftheit bleibt... Ich würde es mir wirklich wünschen, ich könnte es abschalten. Das war leider schon immer so...

      Was tust Du eigentlich außerhalb der Ehe, unabhängig von Deinem Mann für Dich? Welche Hobbies hast Du, was macht Dich glücklich, woraus ziehst Du Selbstwert?

      • (5) 29.07.18 - 17:47

        Ich laufe mehrmals die Woche, mache hobbymäßig Musik und habe einen Job, wo ich mich ständig weiterbilde...
        Was macht mich glücklich? Woraus ziehe ich Selbstwert? Tja. Wenn ich stolz auf meine Leistungen sein kann. Und auch, wenn ich von meinem Umfeld positives Feedback bekomme.

    Du hast einen Therapeuten und zusätzlich geht ihr zum Paarcoach. Du bittest alle paar Wochen hier bei urbia um Rat und die übrige Zeit analysierst du deine Beziehung zu Hause.
    Sorry, aber das klingt nicht gesund! An einer Beziehung sollte man ja arbeiten, aber diese Arbeit sollte definitiv nicht jede freie Minute beanspruchen!
    Und übrigens: die schöne, unbeschwerte Zeit sollte in einer Beziehung die schwere Zeit und das umeinander kämpfen, ein ganzes Stück überwiegen. Sonst ist das wohl ein Zeichen dafür, dass man nicht zueinander passt und sich gegenseitig nicht gut tut.

    • (7) 29.07.18 - 17:55

      Zum Therapeut gehe ich ja, WEIL dieses Gerödle nicht gesund ist. Das Coaching machen wir nicht weiter.


      => Die schöne, unbeschwerte Zeit sollte in einer Beziehung die schwere Zeit und das umeinander kämpfen, ein ganzes Stück überwiegen. Sonst ist das wohl ein Zeichen dafür, dass man nicht zueinander passt und sich gegenseitig nicht gut tut.
      Das ist mir klar. Aber aktuell ist es eben schwierig. Und das lässt sich ja nunmal nicht einfach wegdenken. Und es war ja nicht IMMER schon so. Wir sind 16 Jahre zusammen, 8 verheiratet. Da haben die schönen Zeiten eine größere Rolle gespielt...

      Du hast nicht Unrecht mit dem was Du schreibst...Ich sehe nur nicht, wie ich da jetzt so schnell das Blatt wenden könnte...

      • Die Art alles zu analysieren, zu zerpflücken, diese immense Energie die du reinsteckst, auf mich wirkt das nicht gesund, sondern zwanghaft.

        Könntet ihr (dein Mann und du, zusammen mit deinem Therapeuten) versuchen eine Art neutrales Zusammenleben zu vereinbaren, bis du in deiner Therapie etwas weiter bist? Zum jetzigen Zeitpunkt kann nichts anderes passieren als, dass der Karren komplett an die Wand gefahren wird.
        Das was du an dir als analytisch-reflektiert wahrnimmst, hat eine extrem andere Aussenwirkung.

        • (9) 29.07.18 - 20:26

          Es ist auch zwanghaft, denke ich...#zitter#schmoll

          Es muss mich keiner überzeugen, ich weiß, dass ich da ein dickes Problem habe. Wahrscheinlich sogar ein größeres als mein Mann...bzw. ein komplexeres.

          Mit meiner Therapeutin habe ich das in Angriff genommen. Diese extremen Verlustängste und was da mit dran hängt.

          "Neutrales Zusammenleben"? Im Moment ist der Deal weiterhin, dass ich hier zuhause nicht ständig Gespräche provozieren soll, nicht taktisch vorgehe, um Reaktionen zu bewirken und bei mir bleibe, mich um mich kümmere. So der Plan...
          Ich bespreche aber die Inhalte meiner Therapie nicht mit ihm. Das wäre doch wieder ein Punkt, wo die Gefahr von Konfrontation oder was auch immer zu groß wäre...

          • Das erscheint mir ein guter Ansatz: man kann Dinge auch zerreden, geradezu tot reden, wie mein Mann gerne sagt, wenn ich kein Ende finde und immer wieder mit demselben anfange...mittlerweile bin ich überzeugt, dass es weder ein tot schweigen noch ein tot reden sein sollte, aber wenn dir selbst ja schon klar ist, dass aus den Gesprächen fast immer zwangsläufig Streit entsteht, dann ist hier erstmal Schweigen Gold.
            Die Situation sollte sich erstmal etwas abkühlen. Solange dein Mann sich so in die Ecke gedrängt fühlt, werdet ihr wahrscheinlich keinen gemeinsamen Nenner finden. Geh mal bisschen mehr auf Abstand, auch für dich persönlich, dann kann auch wieder Nähe entstehen. Und das braucht eben leider auch Zeit und Geduld...du musst aus diesem Gedankenkarussell raus, das Problem steht gerade für dich im Mittelpunkt. Ich drücke dir die Daumen, dass du es schaffst, wieder etwas anderes, schöneres in den Mittelpunkt zu stellen und das Problem in den Schatten rückt.

(11) 30.07.18 - 07:23

Hi,
so wie du schreibst und denkst, wirst du nie eine Leichtigkeit in die Beziehung bringen, denn so bist du nun mal!
Alles wird zerredet, zerdenkt, analytisch auseinander genommen,

Einfach so mit dir einen Kaffee trinken, weil das Wetter schön ist....scheint schon mühsam zu sein.
Wie willst du da eine Leichtigkeit rein bekommen?

Mach Hobbys, geh Arbeiten...und lass mal deinen Mann in Ruhe.

lg
lisa

(12) 30.07.18 - 10:44

Ich finde es ja bewundernswert wie kritikfähig Du bist, großes Lob an dieser Stelle.

Auf mich wirkst Du sehr fordernd. Meist steckt da ein Leistungsgedanke dahinter und damit einhergehend, das Gefühl nicht gut genug zu sein. Der Gedanke, wenn ich nichts mehr leiste und/ oder kontrolliere: was passiert dann?

Ich glaube Du schaust ein bisschen wie die Katze aufs Mauseloch. Da ist's dann schwer den Fokus zu verändern.

Stell' Dir mal vor, es gäbe keinen Partner an Deiner Seite. Mit was würdest Du Deinen Alltag, Deine Abende, die Wochenenden füllen?

Was könntest Du für Dich selbst tun um glücklich zu sein, um ins Hier und Jetzt zu kommen?
Was ausser einer Beziehung, gibt Dir Sinn im Leben?
Was bereitet Dir Freude, wo außerhalb der Beziehung findest Du Leichtigkeit?

Eine Frage auf die ich keine Antwort möchte, hätte ich noch: wie definierst Du Dein "Sein"?


P.S. ich lag einmal im Krankenhaus und wusste nicht mehr ob es weiter geht oder nicht, mal war ich bei Bewusstsein und mal nicht. Was ich heute weiß ist, daß es mich selbst ohne Bewusstsein gegeben hat.
Für meine Umwelt (insbesondere meine Frau und meine Kinder) war ich existent, wenn auch völlig "leistungsfrei" und geistig nicht anwesend.

  • (13) 30.07.18 - 11:34

    Danke Dir.

    Ich hoffe, die Tatsache, dass ich kritikfähig bin, verhilft mir dazu, dass ich nun auch endlich anfange aktiv Dinge zu verändern. Denn bislang gelingt mir die Helikopterperspektive immer sehr gut...und dann verfalle ich doch wieder in alte Muster.

    Ich weiß vieles über meine charakterliche Struktur schon lange, ich weiß auch, wo vieles begründet liegt. Ich fange aber jetzt erst an, offen dazu zu stehen. Vor allem vor mir selbst.. Nach außen hin schätzt man mich eher als selbstsicher, mit sich im Reinen und taff ein. Ich habe probeweise mal einer Freundin erzählt, dass es in mir drin oft ganz anders aussieht. Die war völlig perplex und konnte es kaum nachvollziehen.
    Ich bin ein Kontrollfreak, ich meine alles im Griff haben zu müssen, ich definiere mich oft zu sehr über Feedback von außen, ich habe Angst, es alleine nicht zu schaffen. Ich habe Angst vor Ohnmacht und Hilflosigkeit.

    Wie gesagt: Die Baustellen sind mir klar. Aber das mit dem Mauseloch stimmt...

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