zu viel Streit

    • (1) 05.02.19 - 19:55
      mariaEL

      Ich bin eigentlich nicht der Typ Mensch, der in einem Forum nach Hilfe fragt, aber da ich ein sehr zurückhaltender Mensch bin, habe ich nicht viele Freunde, mit denen ich darüber sprechen könnte. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob ich das wage. Bei fremden Menschen muss ich mir immerhin keine Sorgen machen, was sie von mir halten.

      Am besten fange ich ganz am Anfang an, auch auf die Gefahr hin, dass dieser Thread lang wird:
      Vor 22 Jahren habe ich meinen Mann kennengelernt. Damals waren wir beide 18 Jahre alt. Rückblickend denke ich, dass wir nur deshalb so lange ein Paar geblieben sind, weil wir einander sehr gerne hatten und keiner Schlussmachen wollte. Ich war sehr schüchtern. Wie ich es aus meinem Elternhaus gewohnt war, wollte ich in der Öffentlichkeit am liebsten gar nicht zeigen, dass wir zusammen waren – nicht einmal Händchenhalten. Er hat mich damals auch nicht gedrängt, zumindest anfangs nicht. Es lief einfach irgendwie und weil es nicht anstrengend war, sind wir zusammengeblieben. Nach zwei Jahren hatten wir unseren ersten großen Streit. Er war zurecht, wie ich zugeben muss, frustriert, dass ich ihn kaum an mich herangelassen habe. Für ungefähr eine Woche waren wir getrennt. Irgendwie konnten wir aber nicht ohne den anderen, also haben wir uns zusammengesetzt und besprochen, wie wir unsere Beziehung gestalten können, damit wir beide glücklich sind. Zu dem Zeitpunkt habe ich nicht zugeben wollen, dass ich ihn liebe, obwohl es so war. Unsere Beziehung funktionierte danach deutlich besser und wir waren glücklich. Nach dem Studium, als wir beide 25 Jahre alt waren, haben wir geheiratet. Eineinhalb Jahre später ist unser ältester Sohn geboren. Insgesamt haben wir 5 Kinder.
      Die nächste schwierige Situation kam in 2012. Mit meinen Eltern habe ich seit meinem Schulabschluss keinen Kontakt mehr. Sie haben mein Leben von klein auf geplant, bis hin zum Medizinstudium, dass ich allerdings nicht beginnen wollte. Meine Entscheidung haben sie nicht akzeptieren können und den Kontakt eingestellt. Vor sechs Jahren ist meine Mutter verstorben, daraufhin wollte mein Vater den Kontakt wieder aufnehmen – hauptsächlich aus egoistischen Gründen. Mich hat es damals sehr beschäftigt und ich bin in meine alten Verhaltensmuster, wie ich sie als Kind gelernt habe, zurückgefallen: Ich habe mich von meinem Mann zurückgezogen, körperlich, aber auch mental. Ich habe mit ihm nicht über meine Sorgen gesprochen. Auch das haben wir nach einigen Gesprächen gut in den Griff bekommen.

      Vor drei Jahren ist unsere ältere Tochter, damals sieben Jahre alt, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
      Wir haben sehr gekämpft, da mein Mann und ich sehr unterschiedliche Bedürfnisse hatten. Ich wollte viel über sie reden – er wollte am liebsten gar nicht reden. Ich brauchte den Trost, dass es ein Leben nach dem Tod gibt – er empfand es als Hohn, dass Gott uns liebt. Dazu kam, dass wir unseren Kindern beim Verarbeiten helfen mussten. Unsere Jüngste war gerade vier Jahre alt und hat es kaum verstanden. Je mehr Zeit wir hatten, um mit dem Verlust umzugehen, desto mehr haben mein Mann und ich uns aus den Extremen entfernt und uns der Mitte angenähert: Ich will nicht mehr jede Minute nutzen, um über die Zeit mit ihr zu reden und er redet manchmal auch von sich aus über sie.
      Eigentlich müsste es uns heute gut gehen. Dem ist aber nicht so.
      Mein Mann streitet ständig mit unseren Jungen. Meistens mit dem Ältesten. Er ist mittlerweile 13 Jahre alt und tritt langsam in die Pubertät ein. Da ist es doch eigentlich völlig normal, dass man sich streitet. Mein Mann sagt allerdings, es liege daran, dass er vor drei Jahren den Kindern gesagt hat, dass ihre Schwester gestorben ist, und sie deshalb in ihm den „Bösen“ sehen. Vor drei Jahren mag es tatsächlich so gewesen sein, dass sie sich von ihm zurückgezogen ist, aber das ist lange her.
      Mein Mann war schon immer temperamentvoll, aber zurzeit reagiert er wegen jeder Kleinigkeit beleidigt. Wenn die Jungen die Playstation nicht sofort ausschalten, wenn sie nicht sofort nach der Schule ihre Hausaufgaben erledigen und lernen, wenn sie nicht im Haushalt helfen sollen, etc. Natürlich möchte auch ich diese Dinge nicht hinnehmen, allerdings ist keinem geholfen, wenn sie sofort anfangen zu streiten.
      Unsere Jüngste (sieben Jahre) war schon immer sehr sensibel. Die Situation belastet sie sehr. Oft weint sie und hat Angst, dass ihr Vater und ihre Brüder sich nicht mehr liebhaben.

      Ich stehe zwischen allen Fronten. Ich muss unsere Jüngste trösten und aufbauen, ich muss unsere Söhne trösten, ich muss meinen Mann stärken. Ich versuche, sachlich mit ihnen zu reden, aber ich komme dabei nicht weiter.
      Mein Mann wirft mir vor, immer nur zu den Jungen zu halten. Meine Söhne werfen mir vor, immer nur zu meinem Mann zu halten. Jeder erklärt mir, warum der jeweils andere es auf sie abgesehen hat.
      Mittlerweile bin ich am Ende meiner Kräfte angelangt und weiß nicht mehr, was ich tun soll.
      So, wie die Situation derzeit ist, geht es keinem in unserer Familie gut.

      • (2) 05.02.19 - 20:39

        Der Verlust eines Kindes bzw. einer Schwester ist keine Situation, in der man in einem Forum Hilfe findet. Du vermutest ja, die Sache belastet langfristig die Familie, dazu kommt die Pubertät eures Sohnes.

        Warum holt ihr euch nicht extern Hilfe? Eine Familientherapie würde euch doch absolut gut tun und Dich endlich aus dieser Zwickmühle und zwischen den Fronten hervorholen.

        • (3) 05.02.19 - 20:55

          Ich kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen. Der Tod eines Kindes ist eine unglaubliche Belastung für eine Beziehung und dass Familienleben. Ich würde euch auch dringend empfehlen euch professionelle Hilfe zu suchen. Eine Erziehungsberatungsstelle wäre ein guter Anlaufpunkt. Eventuell wäre auch eine Psychotherapie sinnvoll um eure Rolle als Eltern und Eheleute wieder zu finden. Das kann Ich nicht beurteilen, allerdings würde Ich persönlich nach so einem schrecklichem Verlust, auch Hilfe für meine Seelische Gesundheit brauchen.
          Ich wünsche euch alles gute.

          (4) 05.02.19 - 21:10

          Glaubst du denn, dass der Streit dem Tod unserer Tochter geschuldet ist?
          Mein Mann sagt das, aber ich frage mich manchmal, ob es nur ein vorgeschobener Grund ist.

          Eine Therapie werde ich ansprechen, allerdings bin ich mir nicht sicher, wie mein Mann darauf reagieren wird. Wir haben vor drei Jahren auch lange diskutiert, als es darum ging, ob unsere Söhne zu einem Kinderpsychologen gehen oder nicht. Da hat er letztendlich zugestimmt, aber es ist ihm nicht leicht gefallen. Er möchte die Dinge gerne alleine lösen.

          • (5) 05.02.19 - 21:37

            "Glaubst du denn, dass der Streit dem Tod unserer Tochter geschuldet ist?"

            Das kann ich, wie gesagt, gar nicht über ein Forum beurteilen. Das müsste man sehen, mal davon ab, dass ich dafür ja nicht ausgebildet bin. Meine Vermutung ist, dass ihr noch ein paar Stellschrauben anziehen könnt und dann auch andere, neuere Probleme anders angehen könnt. Und vor allem kannst Du nicht mehr der Blitzableiter für die Anderen sein (siehe Dein Kommentar, Du hast keine Kraft mehr).

            "Er möchte die Dinge gerne alleine lösen."

            Es geht hierbei nicht mehr um ihn alleine und was er will. Leidest Du? Leiden die Kinder? Machst Du Dir viele Gedanken, hast Du Ängste, was die Zukunft betrifft? Wenn Du siehst, dass es nicht mehr ohne Hilfe geht (und das ist der Grund, warum Du hier schreibst), dann kann er sich dem nicht verweigern, weil das dann aktives Gegenarbeiten wäre. Wenn Du irgendwann zusammenbrichst, weil er es stur alleine schaffen will oder die Kinder depressiv werden, dann ist es ja bereits zu spät.

            • (6) 05.02.19 - 21:42

              Vielen Dank dir.
              Ich werde auf jeden Fall in Ruhe mit ihm reden und hoffe, dass er offen sein kann.
              Wenn er nur deshalb einer Therapie zustimmt, weil ich darum bitte, hilft es vielleicht auch nicht, weil er sich nicht darauf einlässt.
              Ich werde dafür also einen ruhigen Moment abpassen. Heute war dafür durch Streit zu aufwühlend.

              • (7) 05.02.19 - 22:07

                Doch, manchmal reicht es erstmal, wenn ein Teil der Familie therapiert wird, weil sich dadurch schon etwas ändern kann. Konkret gesagt, wenn er sieht, Du kannst Dich bei jemandem aussprechen, veränderst Kleinigkeiten in Deiner Einstellung, im Verhalten und bist nicht mehr für alle der Blitzableiter, kommt er eventuell nach.

                Wichtig ist, ihm zu sagen, dass Du Hilfe brauchst und Dir diese auch holen wirst. Darüber muss man nicht streiten und es erfordert auch nicht seine Zustimmung. Vielleicht informierst Du Dich morgen erst einmal, wo Du die Hilfe finden kannst, bevor Du mit ihm sprichst. Das würde untermauern, dass es wichtig und nötig ist.

      (8) 06.02.19 - 17:42

      Was du schreibst klingt extrem reflektiert und eure Beziehung wirkt, gerade im Hinblick auf solch einen schweren Verlust, sehr stabil, kompromissbereit und voller Verständnis für den Anderen.

      Ich finde, das klingt alles nach einer sehr vernünftigen Basis, auf der ihr gut aufbauen könnt - auch ich halt eine Familien-Therapie für eine gute Idee.

      Aber vorab hilft es sicher, dass du dir nochmal vor Augen führst, dass ihr als Familie bisher viel durchgestanden habt und dennoch sehr gut zusammen funktioniert - grundsätzlich.
      Ich verstehe aber natürlich, dass die Situation langsam an deinen Nerven zerrt.

      Wie lange geht das denn schon so? Ist es vielleicht tatsächlich einfach eine schwierige Phase, die vorüber geht? Treffen gerade einfach versch. Gegebenheiten aufeinander (eintretende Pubertät, Frust deines Mannes)...?

      Die Frage ob dein Mann mit seiner Theorie er sei der "Böse" Recht hat, ist für mich gar nicht so relevent. Selbst wenn dem so sein sollte - derjenige der den Anstoß zur Veränderung geben muss, ist denke ich immer der Erwachsene. Heißt: egal was das Problem ist, dein Mann sollte versuchen, seinen Groll und Frust herunterzuschlucken und seinen Kindern Verständnis und Ruhe entgegenbringen.

      Würde es euch vielleicht helfen, wenn du für eine gewisse Zeit alleinige "Hüterin der Regeln" wirst? Ihr kommuniziert den Kindern, dass Papa mal eine Pause von dieser Rolle braucht und "Regel-Urlaub" nimmt.
      Du scheinst aktuell die Ruhige und Besonnenere zu sein und bist vielleicht aktuell einfach geeigneter in der Rolle. Natürlich erstmal mehr Belastung für dich, aber idealerweise würde das Trösten aller Familienmitglieder ja dadruch weniger.

      Vielleicht entspannt sich nach ein paar Wochen der Alltag wieder weil dein Mann und die Kinder eine andere gemeinsame Ebene finden, ohne den Regel-Streit.

      • (9) 08.02.19 - 21:26

        Danke für deine Antwort.
        Unsere Tochter ist vor drei Jahren gestorben. Ob es im ersten Jahr so war, kann ich kaum sagen. Da lag unser Fokus auf anderen Dingen und auch Streit haben wir nicht so bewusst wahrgenommen. Ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, dass es seit ihrem Tod „normal“ war. Rückblickend ist mein Eindruck, und auch der meines Mannes, dass die erste Trauer und der Schock immer mehr vom Streit abgelöst wurden. Schon vor zwei Jahren gab es viel Streit, aber die Situation wird, so mein Eindruck, immer schlimmer. Ob es daran liegt oder daran, dass mir die Kraft ausgeht, weiß ich nicht.

        Nach einem heftigen Streit zwischen unserem ältesten Sohn und meinem Mann vorgestern, haben mein Mann und ich uns gestern Abend zusammengesetzt und geredet, als die Kinder im Bett waren.
        An meiner Reaktion auf den Streit gestern hat mein Mann noch einmal sehr deutlich bemerkt, dass ich die Situation, wie sie derzeit ist, nicht mehr lange aushalte.
        Er hat vorgeschlagen, dass wir über unseren 15. Hochzeitstag (Juni) für eine Woche nur zu zweit wegfahren können. Seine Eltern könnten in der Zwischenzeit auf die Kinder aufpassen. Ich denke, dass die Zeit als Paar uns guttun wird. Da unsere Familie sehr weit entfernt wohnt, haben wir solche Gelegenheiten nicht oft. Insbesondere in den letzten drei Jahren haben wir es versäumt, uns Freiräume zu schaffen.

        Das wird natürlich nicht alle Probleme lösen. Auf eine Familientherapie hat er skeptisch reagiert, wie ich es erwartet habe, und sich Bedenkzeit erbeten. Den Vorschlag einer „Regelpause“ hat er sofort harsch abgelehnt. Er sagt, dass er sich in der Rolle des Vaters (und damit Regelgebers) insbesondere von unseren beiden Großen derzeit nicht ernstgenommen und akzeptiert fühlt. Er befürchtet, dass es noch schlimmer wird, wenn er diese Rolle freiwillig „aufgibt“, wenn auch nur vorübergehend. Stattdessen haben wir uns darauf geeinigt, dass ich ihn explizit in dieser Rolle stärkte, indem ich die Kinder zu ihm schicke, insbesondere, was Kleinigkeiten angeht wie das Unterschreiben von Klassenarbeiten etc. Als zusätzlichen Trick haben wir uns überlegt, dass ich beabsichtigt die Rolle der Strengen einnehme und dass mein Mann bei Themen mit großem Streitpotential (zum Beispiel die Playstationzeit) mich informiert, damit ich zuerst beispielsweise den Kindern sagen kann, dass sie den Fernseher ausschalten sollen.

        Wenn mein Mann der Therapie nicht zustimmt, weiß ich auch keine Lösung mehr.
        Allerdings gehe ich davon aus, dass er, wenn er die Situation in Ruhe durchdenkt, erkennt, dass es unsere einzige Option ist. Schwieriger wird es werden, unsere Großen mit ins Boot zu holen. Ich hoffe, dass sie sich von mir überzeugen lassen, oder es ihrer kleinen Schwester zuliebe tun. Sie hegen einen starken Beschützerinstinkt gegenüber ihr, aber ich hoffe, dass es nicht nötig sein wird, das zu missbrauchen.

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