Chronische Erkrankung - was tun, wenn sie sexuelle Anziehung auf der Strecke bleibt?

Hallo,

Ich (Mitte 30) bin seit fast 20 Jahren mit meinem Partner zusammen.

Vor knapp 10 Jahren bekam er die Diagnose MS. Ich hatte echt gehofft, dass ich damit gut umgehen kann. Aber zunehmend belasten mich die Einschränkungen, die damit einher gehen.

Kennengelernt habe ich einen sportlich aktiven, unternehmungslustigen und anpackenden Mann. Inzwischen ist es so, dass Sport gar nicht mehr geht und Wegstrecken über 400m nur mit dem Auto möglich sind - damit kann ich mich arrangieren. Was aber wirklich belastend ist: durch die fehlende Beanspruchung verkümmern die Nun ein, sodass er nun echt dürr wirkt, durch die Reizleitungsstörung kommt nun Inkontinenz als Thema auf, sexuell ist er zwar sehr einfühlsam, aber die Potenz leidet deutlich. All das führt dazu, dass er für mich sexuell immer weniger attraktiv wird.

Der Gesundheitszustand wird sich nicht bessern. Also werde ich Mittel und Wege finden müssen, damit klarzukommen.

Hat jemand von euch Erfahrungen damit, dass sich eine Erkrankung des Partners auf das Sexleben auswirkt? Wie seid ihr damit klargekommen?

Danke und viele Grüße!

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Mein Mann war chronisch depressiv und musste dann jahrelang so harte Antidepressiva nehmen, dass keine Erektion mehr möglich war und generell auch kein Verlangen bei ihm. Mir persönlich machte das in der Beziehung nicht so viel aus, da wir da schon seit fast 20 Jahren zusammen waren und ich eh nicht so die sexuell Aktive war in den letzten Jahren. Ich hätte es wohl so auch weiter ausgehalten, wenn nicht andere Gründe zur Trennung geführt hätten. Ich bewerte Sex aber in einer Beziehung auch nicht sooo hoch, es ist für mich ein "nice to have", aber ich komme auch ohne klar, und wenn ich mal doch Lust habe, gibts ja andere Möglichkeiten, sich selbst Erleichterung zu verschaffen. Mich in den Arm des Mannes kuscheln, den ich liebe, gibt mir nicht weniger, ehrlich gesagt, Hauptsache, ich fühle mich geliebt. Wenn er nicht WOLLEN würde, das fänd ich schlimmer, als wenn er nicht KANN.

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Hallo,

Danke fürs Teilen deine Erfahrungen.

Mein Problem ist wohl eher, dass er zwar Lust hat, aber ich einfach nicht (aus genannten Gründen). Ich fühle mich da einfach so schäbig und oberflächlich, wenn ICH auf Grund seiner körperlichen Einschränkungen keine Lust auf ihn habe.

Das würde ich gern ändern, aber ich weiß einfach nicht wie.. 😔

LG

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Ganz ehrliche Frage: Meinst Du, dass Du Deinen Mann noch liebst? Weil irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass man einen Menschen, den man liebt, durch solche Augen sieht wie Du Deinen Mann siehst. Mein Mann hat in unserer Ehe z.B. 20 kg zugenommen. Gestört hat mich das komischerweise erst, als ich ihn nicht mehr liebte.

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Ich finde dich zwar ehrlich, aber ich habe nicht den Eindruck, dass du deinen Mann nicht liebst. Sonst wärst du bestimmt nicht mehr mit ihm zusammen.

Ich kann dich auch verstehen, auch wenn ich selbst diesbezüglich keine Erfahrungen habe. Allerdings arbeite ich als Therapeutin und bin oft sehr nah dran, was Partnerschaft und Krankheit angeht.

Hast du mal darüber nachgedacht, sich einer Selbsthilfegruppe für erkrankte und deren Angehörige abzuschließen? Das ist bestimmt kein Thema für die erste Begegnung, aber ich kenne viele Betroffenen, die dadurch echte und tolle Freundschaften geschlossen haben. Vll wäre solch ein Austausch noch hilfreich!

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Hallo,

Danke für deine Antwort. Wahrscheinlich wirst du Recht haben und ich sollte diesen Weg versuchen.

LG

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Das ist glaube ich ein sehr schwieriges Thema und ich glaube ehrlich gesagt nicht das Du hier bei Urbia die passenden Antworten bekommen wirst. Ich denke da musst du dir Hilfe in einem MS Forum suchen wo sich auch Angehörige austauschen können.
Ich denke Du steckst da wirklich in einem Zwiespalt.
Einerseits liebst Du deinen Mann , auf der anderen Seite begehrst Du ihn nicht mehr . Was meiner Meinung nach vollkommen zu verstehen ist . Es geht hier nicht um ein paar angefutterte Kilos etc.
Es geht hier um eine Krankheit die deinen Mann zum Pflegefall werden lässt .
Und ja, ich kann es nachvollziehen das man als Frau keine sexuelle Begierde mehr hat wenn der Mann sich einkotet und einnässt.
Vielleicht redet ihr mal konkret über dieses Thema ?Vielleicht ist eine offene Beziehung okay? Das Du deine körperlichen Bedürfnisse decken darfst aber vom Herzen her bei deinem Mann bist . Aber wie gesagt ich denke Urbia ist der falsche Ansprechpartner.
LG

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Hallo,

Danke für deine nette Antwort. Du wirst bestimmt recht haben, dass es hier nicht die breite Masse gibt, die hier Erfahrungswerte haben. Dennoch ist es einen Versuch wert - aber wahrscheinlich auch aus diesem Grund lieber in Schwarz. 😉

Eine offene Beziehung kann ich nicht führen - Sex ohne Gefühl kann ich auf Grund meiner eigenen Vergangenheit nicht haben, sodass das der Anfang vom Ende wäre.

Außerdem ist es ja nicht so, dass er keine Lust hätte, ich bin da nur sehr oft total blockiert. Da tut es mir leid, dass ich so oberflächlich bin und er zurückgewiesen wird

Aber nun ja, irgendeine Lösung muss ich finden. Als Erstes sollte ich mich vielleicht auf die Suche nach einem entsprechenden MS-Forum machen.


LG

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Ich finde, mit Liebe hat das mal sehr wenig zu tun, und finde die Sicht, dass Liebe eh über alles drüberhelfen soll, als die eines - sorry - Kükens.

Sexualität ist sehr weitgehend instinktgebunden, und gerade Krankheit ist (natürlich!) sexuell abstoßend. Und mit gutem Willen erreicht man halt maximal ein Ertragen, wenn es gegen die eigenen Vorlieben geht - was mal sicher zu keiner guten Sexualität führt.

MMn hast du 3 Möglichkeiten: Ehe öffnen, trennen oder einen Weg finden.
Du willst gerne letzteres.
Erster Anlaufpunkt ist, finde ich, das ehrliche Gespräch mit deinem Mann, das scheinbar noch nicht geführt wurde. Ihr habt sicherlich beide große Angst davor, aber es wird nötig sein!
Ich würde klar sagen, dass es um eine Lösungssuche geht, auch dein Mann hat sich sicher schon so einige Gedanken gemacht.

Mögliche Ideen, die ich so hätte: Intimbereich mehr entkoppeln, sodass du von Dingen wie einnässen etc möglichst wenig mitbekommst. Verabreden zum Sex, sodass er dann auch vorbereitet ist (frisch geduscht, evtl frische Kleidung wenn sie sonst riecht etc).
Nicht in alles seiner Krankheit voll eingebunden sein, einige Dinge kann er uU exklusiv mit Eltern, Freunden, Therapeut besprechen, wenn sie eurer Sexualität abträglich sind.

Meiner Erfahrung nach können die meisten Männer sehr gut mit einem lösungsorientierten Ansatz, und deinem Mann ist sicher auch klar, dass er hier was "liefern" muss an Entgegenkommen.

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Vielen Dank für deine Nachricht.

Du hast mir wirklich geholfen. Wir haben zwar schon darüber geredet, aber vielleicht wirklich nicht so schonungslos wie erforderlich. Auch ein bisschen, weil ich mir so schlecht dabei vorkomme. Aber du wirst recht haben: Lustempfinden ist ja keine rationale Entscheidung - aber vielleicht kann man rationale Entscheidungen treffen (Verabredungen treffen, etc.), damit die Lust wieder Raum bekommen kann.

Lieben Dank!

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Hallo,
Ich bin in der gleichen Situation wie du und musste, als ich deinen Beitrag gelesen habe, kräftig schlucken.

Mein Mann hat, so wie deiner, seit mehr als 10 Jahren MS und auch er leidet mittlerweile an Potenzstörungen, Darmentleerungsstörungen und Inkontinenz. Hinzu kommen schwere Depressionen und in den letzten 3 Jahren hat er mehr als 25 KG abgenommen. Bedingt durch die Bewegungseinschränkung. Ich selber bin 42 Jahre alt und wir sind seit 21 Jahren zusammen und seit 19 Jahren verheiratet. Ich kann so gut nachempfinden, wie du dich fühlst.

Bisher habe ich mich nie getraut darüber zu sprechen. Dass er sexuell nicht mehr attraktiv für mich ist und ich jegliche Zärtlichkeiten vermeide. Diese sind aber auch bedingt durch seine schweren Depressionen und seinem Umgang damit.

Ich lebe momentan nur noch für die Kinder, habe zum Glück einen interessanten Job, der mich vollkommen ausfüllt und versuche meine Sexualität mehr oder weniger zu unterdrücken...dass dies auf lange Sicht natürlich nicht funktionieren wird, das weiss ich.

Einer offenen Ehe würde er nie zustimmen und so fühle ich mich gefangen im Sud der Krankheit. Ob ich ihn noch liebe, weiss ich im Moment nicht.

Ich kann dir leider keinen Rat geben...nur das Wissen, dass du nicht alleine bist mit diesem Problem...

Viele herzliche Grüsse

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Vielen Dank für deine Antwort.

Auch wenn es irgendwie etwas Beruhigendes hat, zu wissen, dass ich nicht alleine bin, tut es mir leid, dass es dir ähnlich wie mir geht.

Ich kann mir vorstellen, dass die Antwort über dir gute Anregungen gibt, wie auch die Anziehung wieder kommen kann.

Wenn wie bei euch noch Depression dazu kommt, ist es gleich doppelt schwer.

Ich wünsche dir, dass du einen Weg findest, der über ein bloßes Ertragen hinausgeht. Ich merke ja gerade selbst, dass das auf Dauer keine Lösung ist.

Wichtig ist bestimmt als Erstes, dass dein Mann die Depression angeht - macht er da was?

Ich überlege auch ernsthaft, mal eine Selbsthilfegruppe für Angehörige zu besuchen. Gerade dein Beitrag zeigt mir wie gut es tun kann, wenn man nicht das Gefühl hat, allein mit seiner Situation zu sein und vielleicht zu sehen, welche Lösungsansätze andere gefunden haben. Kannst du dir das eventuell auch vorstellen?

Liebe Grüße und alles Gute für dich!