Mein Freund ist mir peinlich

Mein Partner ist insgesamt ein etwas unsicherer, ruhiger und zurückhaltender Mensch. Grundsätzlich kein Problem... in Situationen mit mehreren Gesprächspartnern verstummt er dann schnell und man merkt sichtlich, dass er sich unwohl fühlt. Ich bin auch nicht die geselligste Person, aber führe trotzdem gern interessante Gespräche, wenn sich die Möglichkeit bietet. Mit ihm an der Seite ist das sehr schwierig und ich habe das Gefühl eher Schadensbegrenzung zu betreiben.

Jetzt an den Weihnachtsfeiertagen waren wir bei meiner Familie und mir sind wieder wirklich viele Dinge aufgefallen, die einfach nur anstrengend und unangenehm sind :

- er unterbricht andere, fällt Ihnen ständig ins Wort
- er nimmt praktisch nicht am Tischgespräch teil, wenn er dann doch mal etwas sagt, bezieht er jedes Gesprächsthemen ausschließlich auf sich, erzählt lang und breit Details über sich oder klopft (unlustige) Sprüche
- versucht während des laufenden Gesprächs laut Parallelgespräche mit mir über komplett andere Themen anzufangen
- zeigt kein Interesse an den Themen anderer, stellt keine Fragen
- wenn er Alkohol getrunken hat, verstärkt sich das alles nochmal und er wird dazu auch noch laut, wiederholt sich immer wieder etc.
- ist insgesamt unhöflich, hilft nicht beim Tisch abdecken etc. , bedankt sich nicht

Ich verstehe sein Verhalten einfach nicht, dann normalerweise ist er im Umgang mit mir und auch mit seinen/meinen Freunden ein sehr empatischer, liebevoller, humorvoller und auch intelligenter Mensch. Sobald wir in größerer Runde sind, wird er zum Proleten und sozial komplett inkompetent. An Anfang dachte ich, das liegt an seiner Unsicherheit, aber mittlerweile kennt er meine Familie seit über zwei Jahren und ich habe das Gefühl, dass es eher schlimmer wird.

Ich habe schon ein paar mal versucht, freundlich anzusprechen, was mich stört. Er fällt dann immer aus allem Wolken und ist entweder verletzt oder beleidigt ("Dann komm ich halt nicht mehr mit") . Beim nächsten Treffen benimmt er sich aber wieder exakt genauso.

Ich bin wirklich ratlos... Ich liebe meinen Freund, weiß aber auch nicht mehr wie ich damit umgehen soll. Ihn nicht mehr mitnehmen? Es so akzeptieren? Oder nochmal ansprechen?

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Aus der Beschreibung seiner Verhaltensweisen kann ich nur schließen, dass er ein introvertierter Mensch ist. Und nein, das heißt nicht einfach nur, dass jemand nicht gerne redet oder ein Sonderling ist, den ja alle schief angucken müssen. Es sind oft Menschen, die in erster Linie gut mit sich alleine klarkommen und im Gegensatz zu extrovertierten Menschen keine gesellschaftlichen Ereignisse mögen, diese fast schon fürchten. Damit geht oft ein gewisses Defizit einher, sich in gesellschaftlichen Situationen und solchen Anlässen angemessen zu verhalten - bzw. so, wie es die anderen als angemessen empfinden.

Tischgespräche, Smalltalk - das sind für solchen Mensche keine alltäglichen Dinge, die aus dem Bauch heraus passieren. Es sind oft erlernte Verhaltensweisen anhand der Erfahrungen, was man in solchen Situationen machen muss, garniert mit erlenrten Floskeln usw. Diese sind begrenzt und zur Aufrechterhaltung von kleinen Konversationen nützlich, brechen aber in großen Gemeinschaften, wo von allen Seiten auf einen eingeredet wird komplett zusammen - man weiß nicht mehr, wie und mit wem man nun reden soll, was grad richtig oder falsch ist, und ob man eventuell etwas tut, was andere als peinlich empfinden. Darum redet man lieber gar nicht.

Solche Menschen sind nicht dumm oder blind (oder was auch gern kommt "arrogante Sonderlinge"). Sie wissen nach der Veranstaltung, wie sie auf die anderen gewirkt haben, und dass die sich wieder das Maul zerreißen werden. Natürlich ärgert es introvertierte Menschen, dass sie wieder "versagt" haben in dem Punkt, dem normalen Bild zu entsprechen. Aber man lernt im Laufe seines Lebens, dies zu ertragen, weil man weiß, dass man das gesellschaftlich erwartete (auch von Dir!) nicht wird leisten können. Trotzdem ist man nach solche einem Abend psychisch leer. Was anderen Spaß macht, war eine mehrstündige Tortur, eine durchgehende Reizüberflutung... kann auch sein, dass man danach dann etwas angespannter oder gereizter ist, weil man nicht mehr kann.

Du solltest Dir bewusst sein, dass er sich nicht mehr ändern wird. Du kannst keinen introvertierten Menschen zum Reden zwingen, und Kommentare wie "sag mal was " oder sowas wie "erzähl mal einen Schwank aus Deiner Jugend" sind TÖDLICH! Das bewirkt das genaue Gegenteil, "Laute" Menschen aus Deinem Bekanntenkreis, die dann öfters flapsig sowas fallenlassen, werden in Zukunft dann eher noch mehr gemieden, damit diese Situationen möglichst nicht nochmal auftreten, man entwickelt eher Abneigung gegen diese Leute.

Kurz gesagt. Du musst lernen, damit klarzukommen. Du siehst zuhause, wie er sein kann, wenn er sich einem Menschen wirklich öffnet und vertraut. Genieß das, dass er so zu Dir ist, wie Du Dir doch einen guten Partner wünschst. Wenn Du das nicht kannst, und dauernd nur danach guckst, was andere über ihn denken und wie er bei Ihnen ankommt, und Dir dieser Repräsentationsstatus nach außen wichtig ist, wirst Du mit einem introvertierten Menschen nicht glücklich werden, da Du dann offenbar andere Prioritäten setzt.

Sorry, soviel wollte ich jetzt gar nicht schreiben. Aber wie Du Dir anhand der Ausführungen denken kannst, habe ich aus meinem eigenen Leben geschrieben, da ich mich 1:1 in Deinem Mann wiedererkannt habe, und nachfühlen kann, warum er sich so verhält...

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Wow, vielen Dank für deine Worte.

Ich finde meinen Freund wirklich in vielem wieder, was du geschrieben hast. Tatsächlich ist die Art wie ich ihn zuhause und im kleinen Kreis erlebe meiner Meinung nach sein wares Ich. Dieser egoistische, selbstzentrierte Typ, den er in der größeren Gruppe "gibt" empfinde ich immer als seltsam einstudierten unecht Stereotype, die ihm in seiner Unsicherheit eine Richtschnur gibt, wie er sich verhalten soll. Und auch wie ein Schutzschild wirkt. Ich finde das einfach nur furchtbar schade, weil sein wahres Ich so viel liebenswerter und interessanter ist. Ich würde ihm gern helfen, dass er sich einfach mit sich selbst wohler fühlt und dann somit auch nach außen treten kann.

Werde mir darüber noch einige Gedanken machen. Gleichzeitig denke ich macht es auch Sinn, ihn die Familie in kleinen Häppchen, also Einzeltreffen besser kennenlernen zu lassen.

Vielen Dank an alle für die vielen interessanten Sichtweisen!

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Es ist definitiv einfacher, sich einzeln mit neuen Personen zu treffen. Dann kann man sich auf diese Person einlassen... es reicht ja schon wieder, wenn man 2 auf einmal Freunde trifft, die sich kennen. Die werden sich dann die ganze Zeit miteinander unterhalten und mit Dir, er ist dann als Außenseiter wieder außen vor und kommt aufgrund seiner Schwierigkeiten nur "schwer" rein, und würde dann eher wieder schweigen.

Das mit der Richtschnur kommt hin... man braucht einfach eine Art Korsett, in dem man sich bewegen kann, was einem eine gewisse Sicherheit gibt.
- Warum redet er parallel zu anderen Gesprächen mit Dir? Er vertraut Dir, und redet mit der Person, von der er weiß, dass er es gut kann. Und man kann nach außen darstellen "was wollt ihr denn, ich unterhalte mich doch"
- Warum interessiert er sich nicht für die Themen anderer Leute? Er ist in dieser Situation komplett damit beschäftigt, auf die ganzen sozialen Anfordernisse zu reagieren, die alle paar Sekunden wieder neu auftreten. Er spult eher ein Programm ab, da ist kein Raum für inhaltliche Analyse. Wenn mir am Tisch der Schwager von seiner neuen Anhängerkupplung am Traktor erzählt, ist das schön für ihn, aber in dem Moment ist mir das tatsächlich scheißegal!
- Warum redet er nur über Themen, die ihn betreffen? Dort weiß er, worüber er redet. Da muss er nicht groß nachdenken, sondern kann die Inhalte unbewusst abspielen und sich ganz auf die sozialen Hindernisse in der Kommunikation konzentrieren. Bekanntes gibt Sicherheit, und wenn man eh nur wenig davon hat in solchen Situationen, ergreift man diesen Strohhalm immer gern. Das hat dann nichts mit Egoismus zu tun.

Ein Punkt, der für mich gilt aber nicht unbedingt auf jeden übertragbar ist: man muss mir nicht "helfen", da ich nicht darunter leide, wie ich bin. Ich bin gerne introvertiert und habe dadurch meinen Blick fürs Leben. Ich muss immer wieder zu solchen Familienfeiern von Partnerseite aus, dass ist mir bewusst und lässt sich leider nicht verhindern - und ich scheitere dort immer in ähnlicher Weise wie Dein Partner. Aber es "belastet" mich nicht. Ob es bei ihm genauso ist wie bei mir, kann ich natürlich pauschal nicht sagen, aber ich halte es schon für möglich.

Was aber in solchen Situationen unterstützend wirken kann: binde ihn einfach mal ins Gespräch ein, aber nicht mit einleitenden Sätzen wie "sag Du doch mal was dazu", "Du hast Dich bisher ja noch zurückgehalten" usw. Sprich so wie mit allen anderen auch mit ihm, stell ihm meinetwegen eine Frage zu dem Thema, weil Dich seine Meinung interessiert, so beiläufig als hätte er schon den ganzen Abend mitgeredet. Lass es nicht als etwas besonderes erscheinen, wenn er sich dann äußert, sondern als ganz "normal". Introvertierte hassen es, wenn diese Introvertiertheit vor anderen thematisiert wird. Es wird als Bloßstellung empfunden...

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Besprich es doch direkt vor dem nächsten Treffen. Dann sind die Punkte noch aktuell frisch im Gedächtnis und fallen ihm evtl. gleich auf.
Und nach einem "erfolgreichen" Treffen mit Freunden lob das positive. Das Verhalten was du haben möchtest.

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Deine 2 letzten Sätze hören sich an als erziehe sie einen Hund 🙈

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Dachte ich auch!

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Zwei Jahre sind nicht wirklich viel um in eine Familie und ihre Weihnachtsfeiertischkultur hineinzukommen, da ist nur der Neulingbonus weg, d.h. das kann seine Unsicherheit und den empfundenen Druck nur verstärken.
Ich würde Nebengespräche mit ihm nicht mitmachen. Alleine kann er die ja nicht führen.
Und versuchen das Tischgespräch auf Themen zu bringen bei denen er mitreden kann. Ja, vielleicht ist das manchmal laberig, aber jeder ist anders.
Wie ist er denn bei Einzelkontakten mit Familienmitgliedern? Oder wäre es eine Maßnahme, dass übers Jahr mal "Einzelverabredungen" mit Familienteilen stattfinden, damit er bei der nächsten großen Runde überhaupt gemeinsame Themen haben kann?

Wenn Du ein Gespräch über Dein Problem anfangen willst, dann starte mit der Frage ob und wie er sich da wohlfühlt. Denn wenn er grundsätzlich gut Konversation treiben kann, dann ist es eine Frage von Anspannung und nicht von Können. Aber ich glaube, da kann man mit drüber reden keinen Schalter umlegen, da muss man gucken, dass mit der Zeit etwas in die richtige Richtung verschieben. Je mehr Du ihn auf Deine Unzufriedenheit bzw sogar Scham ansprichst, desto mehr baut das Druck auf und der hilft garnicht.

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>>>Mein Freund ist mir peinlich<<<

Wenn einem der Partner peinlich ist, ist das in meinen Augen der Anfang vom Ende.

Willst du in Zukunft vor jeder größeren runde Bauchgrummeln haben, weil "er zum Proleten [wird] und sozial komplett inkompetent", was sich durch Alkohol noch verstärkt?

Er scheint das in Ordnung zu finden und Hinweise von deiner Seite scheinen ihm vollkommen egal zu sein: >>>Er fällt dann immer aus allem Wolken und ist entweder verletzt oder beleidigt ("Dann komm ich halt nicht mehr mit") . Beim nächsten Treffen benimmt er sich aber wieder exakt genauso.<<<

Negative Verhaltensweisen verstärken sich meist mit den Jahren. Was man in der Anfangszeit noch "weglächeln" kann, wird irgendwann unerträglich.

Liebe allein reicht nicht immer...

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Kann mir gar nicht vorstellen, dass ein Mensch, der sich in Gruppen so prollig und unempathisch gibt, im normalen Miteinander so rücksichts- und liebevoll sein soll, da passt doch was nicht zusammen. Steht er Zuhause bei Dir vielleicht unterm Pantoffel, ordnet sich da unter, um Harmonie zu haben, aber eigentlich fuchst es ihn und dann lässt er in größerer Runde eben "die Sau" raus, die er sonst immer im Stall lassen muss?

Ich hatte mal einen sehr unterwürfigen Partner, auch lieb und nett daheim, aber wenn wir unter Leuten waren, plötzlich große Klappe und Wichtigtuerei, mir kam das oft vor, als ob er sich so auch quasi an mir irgendwie rächt, nach dem Motto "HIER kannst Du mir nicht den Mund verbieten". Er traute sich das einfach Zuhause nicht, gegen mich aufzubegehren, unter Leuten wusste er, werde ich keine Grundsatzdiskussion anfangen, da riss er dann die Klappe auf und ich erkannte ihn gar nicht wieder.

Das sind halt meist Männer, die in der Öffentlichkeit und auch oft im Job einen auf dicke Hose und Alphamännchen machen, weil sie sich das Zuhause nicht trauen. Irgendwo muss es ja raus, das ist aufgestauter Frust. Daher fällt mir nur ein, ihn Zuhause und in der Beziehung mehr entscheiden zu lassen und dieses "er ist so lieb und rücksichtsvoll" mal kritischer zu hinterfragen, ob das wirklich sein Charakter ist oder ob es nur Fassade ist, hinter der es brodelt bei ihm? Wenn letzteres der Fall ist, was ich stark vermute, musst Du ihm Gelegenheit geben, Zuhause mehr Dampf abzulassen, damit er das nicht mehr in der Öffentlichkeit tun muss. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Ich glaube, sein wahres Gesicht kennst Du gar nicht, da er ständig mit einer Maske herumrennt.

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""Dann komm ich halt nicht mehr mit""

Als Drohung / Erpressung oder als Hilferuf?

Ich selbst habe ADHS und größere Menschenmengen sind für mich SEHR anstrengend.
Freunde haben Asperger Autismus
Freunde haben Mobbingerfahrung hinter sich oder andere Vergangenheiten, die sie unsicher machen.


Das kenne ich von mir selbst, wenn ich schlechte Tage habe:

"- er unterbricht andere, fällt Ihnen ständig ins Wort
- er nimmt praktisch nicht am Tischgespräch teil, wenn er dann doch mal etwas sagt, bezieht er jedes Gesprächsthemen ausschließlich auf sich, erzählt lang und breit Details über sich oder klopft (unlustige) Sprüche
- versucht während des laufenden Gesprächs laut Parallelgespräche mit mir über komplett andere Themen anzufangen
- zeigt kein Interesse an den Themen anderer, stellt keine Fragen"

Ich meine es nicht böse,
merke es IN der Situation oft nicht, weil ich darauf konzentriert bin, nicht noch schlimmer rüber zu kommen, als ich gerade wirke

Ich merke an den Reaktionen, dass gerade etwas kräftig schief läuft, merke, dass ich gerade Mist baue
und kann es nicht ändern.

Im Gegenteil: JEDER Versuch es besser zu machen, verschlimmert es.
Ich will dann nur noch weg (und gleichzeitig bleiben, mich entschuldigen), weg vor mir selbst....

hinterher in Ruhe ist es mir dann unendlich peinlich,
VOR meiner Diagnose wollte ich nicht darüber reden, weil ich es ändern wollte, aber nichts ändern konnte. Auch weil ich keine Ahnung hatte, ob ich zu dumm bin, warum ich das rüber bringe, was ich gerade NICHT rüber bringen will.


Seit ich weiß, dass ich ADHS habe (Ursache kenne!) kann ich besser damit umgehen.
Familientreffen (nicht ADS-Familienzweig) plane ich bewusster.
- Rückzugsmöglichkeiten
- ich konzentriere mich auf wenige! Personen, bei denen ich mich aktiv am Gespräch beteiligen möchte
- setze mich möglichst an den Rand
- gönne mir Auszeiten im Bad (ruhe, raus aus den Reizen), verarbeite im Bad für mich alleine die erhaltenen Informationen, lege mir Antworten zu recht und gehe dann erst wieder zu den anderen (mit der Gefahr, dass sich Gespräche weiter entwickelt haben und meine Antworten nicht mehr passen)
- sage lieber nichts, als was falsches oder ausuferndes


Bei Verwandten mit ADS/ADHS ist es einfacher. Da agieren alle so. Viele Parallelgespräch, Selbstredner usw. wenn ich etwas verpasse, verpasse ich nichts.

wenn ich mein Medikament genommen habe, finde ich es dann anstrengend, weil ich den Spiegel erkenne und weil ich dann mit der Art nicht mithalten kann. Bewusster mitbekomme, wie es läuft.

Bei Treffen mit anderen bin ich dankbar um das Medikament, weil ich nicht mehr unter HÖCHST Anstrenung tun muss, sondern mein Gehirn automatisch filtert, sortiert.



Freunde mit Asperger können durchaus empathisch sein. Wenn man ihre Sprache versteht und sich erklären lässt, wie sie es meinen.
Das schöne ist , dass sie es wörtlich meinen.

"Da liegt Staub" heißt, da liegt Staub. Sowie der Himmel ist blau, diese Zitrone ist gelb, diese Erdbeere ist noch grün.

Es sagt nichts darüber aus, was sozial interpretiert werden könnte.

Größere Menschentreffen mögen sie nicht so gerne, weil sie viele sozialen Konventionen beachten MÖCHTEN. Die Schwierigkeit: sie haben es gelernt, sie machen es nicht intuitiv.

Sag dem Gastgeber nicht, dass da Staub liegt. Er versteht es anders.
Der Herd ist heiß, wird als Warnung verstanden oder als Unfähigkeit betrachtet, nicht als Feststellung.

Bei wenigen Menschen in einer Runde können sie erklären, spüren, was andere vielleicht fühlen, nachfragen.


Selbstgespräche helfen dabei den Faden nicht zu verlieren (gilt bei mir mit ADHS auch manchmal).

Viele Infos können nicht verarbeitet werden. Vieles kommt nicht an. Selbstschutz Selbstgespräche: dann fällt nicht auf, wenn man zum 20x wieder nichts mitbekommen hat, mit den Gedanken zwischen 9 Gesprächen gehüpft ist. Bei Gespräch 7 einbringt, was bei Gespräch 3 vor acht Minuten besprochen wurde, während bei Gespräch 11 (vor einigen Tagen) etwas besprochen wurde, was bei Gespräch 2 zwar gut passen würde, aber auf keinen Fall ausgeplaudert werden darf.

Schweigen, nicht antworten, vertuscht zwar, dass ich nichts mitbekommen habe oder nur Bruchstücke
aber wird oft als unhöflich, egozentrisch, arrogant angesehen! (und leider auch vorgeworfen)


Freunde, kleinere Grupen machen es mir einfacher.
Dann kann ich noch mal nachfragen.
Die kennen es, wenn ich zum 5x nachfrage, was ich längst beantwortet habe,
weiß ich, dass sie mich TROTZDEM so nehmen wie ich bin....

mit dieser Sicherheit
tauchen oben genannte Verhaltensweisen nur gaaanz selten auf.

Sobald ich unsicher werde, toppt es sich. Dadurch werde ich noch nervöser und noch unfähiger, was mich noch unsicherer macht und ich noch mehr sozialen Mist baue.

Schweigen ist keine Lösung.


"Dann komm ich halt nicht mehr mit"

kenne ich von mir und von Freunden mit Aspergern.
Bei mir als Hilferuf
Bei genannten Freunden als Feststellung. Sie sehen, dass es ein Problem gibt, erkennen, dass sie es so nicht lösen können und schlagen als Lösung vor, nicht mitzukommen, damit es für alle entspannter ist.

Bei mir als Hilferuf: weil ich MÖCHTE mich ja gut verhalten, angemessen verhalten
und konnte es oft nicht. Oder nur unter erschwerten Bedigungen.
Nicht mehr mitzukommen als Vorschlag um den anderen nicht mehr zu blamieren, aber auch um mich selbst der Situation zu entziehen, die mir selbst unangenehm ist.

Seit ich weiß, WAS die Ursache ist
- habe ich Strategien
- die ich bewusster und mir zugestehend!! wahrnehme (nicht mehr als Flucht aus der Situation; sondern als Hilfsmittel um IN der Situation besser klar zu kommen)
- gehe offen damit um: ja, ich habe ADHS. Das ist kein Freibrief für schlechtes Benehmen! Aber wenn ich öfter ins Bad gehe, dann hat das nichts negatives mit euch zu tun, sondern damit dass ich euch mag und mich so verhalten möchte, dass ich euch nicht schade!
- ich habe meine Macken, anerkenne sie und suche nach Lösungen (das macht mich einschätzbarer)

- dadurch entspanne ich mehr
- durch das Entspannen passiert es mir sehr viel weniger.


Bei ganz Fremden Gruppen entspanne ich, wenn es mir egal ist, wie ich auf andere wirke.
Je wichtiger mir es ist, desto schwieriger wird es.


VOR meiner Diagnose wollte ich nicht darüber reden, weil ich es sowieso nicht ändern konnte! Ich habe schon sooo vieles versucht.

Nicht mehr mitzugehen, war durchaus auch ein Vorschlag zur Güte.
Wenn ich schon keinen Spaß dabei habe, dann will ich es anderen nicht auch noch verderben. #winke

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Im Endeffekt ist es Überheblichkeit, warum mein Mann sich nicht an Gesprächen beteiligt hat.

Wer er alles besser weiß.

Meine Freunde wären naiv und meine Mutter hat er auch schon beleidigt, obwohl er sie nie kennen gelernt hat.

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"Meine Freunde wären naiv und meine Mutter hat er auch schon beleidigt, obwohl er sie nie kennen gelernt hat. "

Das klingt eher nach einem Typen, den ich nach dem ersten Treffen verabschiedet habe.
Wie sich später herausstellte, hat sich mein "Gefühl" da leider nicht getäuscht und ich hatte Glück.

Wer so über andere redet, besonders Menschen, die er/sie nicht kennt, ist mir unheimlich. Da schrillen bei mir alle Alarmglocken.

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Wie lange seid ihr zusammen?

Das erinnert mich sehr an meinen Mann am Anfang.

Er hat sich im Laufe der Jahre als gewalttätiger Unsympath entpuppt, Anzeichen gab es am Anfang schon, aber ich habe sie völlig falsch gedeutet.

Als Unsicherheit und Schüchternheit, so wie du.

Ich würde ganz genau hinschauen.

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Hallo, das von Dir beschriebene Bild deines Partners könnte das meines Mannes sein. Mein Mann hat Asperger und verhält sich in vielen Situationen ganz ähnlich wie deiner. Am Anfang war es mir auch peinlich, vor allem an Geschäftsweihnachtsessen oder offiziellen Anlässen. Aber auch an Familienevents. Eben gerade weil ich ihn privat so anders kannte.
Seit wir beide um die Diagnose wissen, ist vieles einfacher geworden. Wir sind ein eingespieltes Team und bringen so die für ihn stressigen Veranstaltungen gut über Ort. Bis er an Familienfeiern sich selbst sein konnte, hat fast 10 Jahre gedauert.

Ohne zu pathologisieren wollen: für mich klingt das Beschriebene gänzlich nach kompletter Unsicherheit, aus welchem Grund auch immer.

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Oh Mann... ja das klingt schon nervig, aber auch hier kann man dich fragen, er war doch schon immer so oder? Wieso kamst du denn mit ihm zusammen?

Vielleicht hat er auch keine Lust auf die Familientreffen mit dir? Und es ist alle absichtlich inszeniert. Wenn du sagst, dass er bei Freunden von euch anders drauf ist? Und er sofort mit der Antwort „na dann komme ich halt nicht mehr mit“ kommt.. scheint ihn das ja nicht sonderlich zu stören..