Ist mein Freund empathielos oder bin ich zu empfindlich?

Hallo!
Ich bin langsam echt am verzweifeln:
Ich habe manchmal (immer öfter) das Gefühl, dass mein Freund absolut empathielos ist.
Das aktuelle Beispiel: ich habe mich vor ein paar Tagen mit einer Freundin gestritten und war (und bin immer noch) ganz schön niedergeschlagen. Ich konnte in der Nacht kein Auge zu kriegen. Mein Freund wird irgendwann wach, fragt warum ich nicht schlafe und ich erkläre, dass ich ganz schön aufgewühlt bin, wegen meiner Freundin. Er schweigt und guckt zur Decke (denkt er nach?). Dann gähnt er und reibt sich das Gesicht.
Ich frage, ob er was zu sagen hat (ne Umarmung und nen Kuss reicht doch schon...). Aber er sagt: „keine Ahnung“.
Hmm okay... halb so wild.
Heute bin ich aber immer noch niedergeschlagen aber werde den ganzen Tag komplett ignoriert... tut schon irgendwie weh... hmm

Anderes Beispiel: kurz nachdem wir uns kennen lernten hatte mein Papa einen epileptischen Anfall (das hatte er noch nie, ausgelöst durch Stress). Das hat mich natürlich ganz schön mitgenommen. Dazu kommt, dass ich ganz weit weg wohne, von meinen Eltern. Ich konnte Papa nicht mal besuchen...
ich erzähle ihm davon und seine Reaktion: „naja, so ist das Leben“
Wow, krass, dachte ich damals. Na gut, ich hab mir vielleicht auch nicht anmerken lassen, dass ich doch etwas aufgewühlt bin. Wer will schon nach ein paar Treffen gleich heulend vor dem Date sitzen...

Mein letztes Beispiel: als ich unser Kind bekommen hab, ganz schön aufgewühlt im Krankenhaus lag und wir auf die Hebamme/Arzt warteten spielte er am Handy. In dem Moment sagte ich ihm, sag mal hackts?! Unterstütze mich, sag mir, alles wird gut, sag mir, wow jetzt gehts los! Zeig irgendein Gefühl und vor allem, sei für mich da!
Seine Antwort: ich bin doch hier und es passiert doch grad nix.
Na gut, recht hat er, dachte ich. Sind bestimmt die Hormone...

Naja, ich kann zig solche Beispiele nennen. Das Ding ist, ich bin echt verletzt von seinem Verhalten und er versteht es einfach null!

Und ich zweifle langsam an seiner Empathie, ich zweifle an mir, ich zweifle an der Beziehung...

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Ein Mischung aus beidem. Er wirkt etwas unbeholfen, nicht unbedingt empathielos. Du hingegen, ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll...schon sehr fordernd.

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Nein, du bist nicht empfindlich - aber du wirst ihn sicher nicht ändern können......

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Wie ist er denn im Umgang mit euer Kind?

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Das Kind tröstet er natürlich, wenn sie weint. Spielt mit ihr, bringt sie zum Lachen. Aber auch bei ihr, ist er da manchmal ein bisschen „langsam“ bis er merkt, dass sie eigentlich grade Aufmerksamkeit braucht und dann zu differenzieren: soll er jetzt spielen oder sie beruhigen, das kann er nicht so richtig.

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Anhand deiner Schilderungen und Beispiele ist er in eurer Beziehung der weniger emotionsbeladene und panische oder evtl. ist es auch Hilflosigkeit. Empathie würde ich messen an anderen Situationen, z.B. sein Beschützerinstinkt dem Baby ggb., hilft er dir / der Familie / fremden alten / gebrechlichen Menschen, wenn es die Situation vor Ort und sofort erfordert? Wenn es dir plötzlich schlecht ginge, und zwar wirklich mit Übelkeit o.ä., was würde er machen? Wenn er dich dann liegenlassen würde, ja dann wäre er empathielos.

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Man muss ihm halt alles ganz genau erklären: er fragt niemals von sich aus, brauchst du Hilfe?
Fremden Menschen hilft er nicht. Die nimmt er nicht mal wahr.
Als ich während der Schwangerschaft unter Übelkeit gelitten hab, oder mal Sorge hatte weil es wehgetan hatte, sagte er mir nur: trink nen Tee. Er hat mich nie in den Arm genommen oder sowas.
Seinen Eltern hilft er viel im Haushalt, wenn wir dort sind und ärgert sich in der Zwischenzeit, wenn sein Bruder oder seine Nichte da nix machen.

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Ich bin ein etwas pragmatischer Mensch und auch nicht gerade immens emotionsgeladen, daher verstehe ich großteils das Problem nicht.

>> Ich frage, ob er was zu sagen hat (ne Umarmung und nen Kuss reicht doch schon...). <<

Dann sag ihm doch einfach "Schatz, nimm mich mal in den Arm." oder sowas in der Art. Er kann damit eben nichts anfangen und denkt sich wahrscheinlich, dass es sich nach ein paar Tagen sowieso wieder einrenken wird.

>> ich erzähle ihm davon und seine Reaktion: „naja, so ist das Leben“
Wow, krass, dachte ich damals. Na gut, ich hab mir vielleicht auch nicht anmerken lassen, dass ich doch etwas aufgewühlt bin. <<

Was sollte er denn da machen? Ihr kanntet euch kaum und du hast dir auch nicht anmerken lassen, wie sehr dich das bewegt. Er konnte weder die Beziehung zu deinem Dad einschätzen, noch deine Reaktion auf den Vorfall.
Außerdem gibt es viele Menschen, die schon "Schlimmeres" erlebt haben und deswegen vielleicht nicht so doll reagieren wie erwartet.

>> ganz schön aufgewühlt im Krankenhaus lag und wir auf die Hebamme/Arzt warteten spielte er am Handy. In dem Moment sagte ich ihm, sag mal hackts?! <<

Mein Mann ist auch erstmal was Essen gegangen und hat sich was zum Lesen besorgt. Ein Mann weiß nicht, wie es in dir in diesem Moment aussieht und die eigene Hilflosigkeit dem Thema Geburt gegenüber kommt bei manchem Mann zum Tragen. Auch in dieser Situation konnte er nicht erraten, was du gerade möchtest.

Du hast es ihm dann zwar mitgeteilt, beginnend aber mit der Ansprache "sag mal, hackts?" - da hätte ich vermutlich auch keine Lust mehr, dich zu umamen, aber das nur mal am Rande...

Kommuniziere klarer, was du möchtest und erwartest und hoffe nicht, dass dein Partner deine Gefühlslage errät. Und vor allem achte vielleicht auch auf den guten Ton.

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Mhm, ich verstehe, ich sollte da direkter sein.
Für mich ist das eigentlich eine Selbstverständlichkeit, jemanden zu trösten, wenn er mir sagt, ich bin traurig, mich nimmt das mit usw. Aber gut, ich sollte nicht von mir auf ihn schließen...
dann ist das halt so und ich muss halt einfach sagen: „nimm mich jetzt bitte in den Arm, ich bin traurig“ oder was auch immer.

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Genauso ist es. Die Beziehung wird um so vieles einfach, wenn man ganz klar sagt, was man aktuell erwartet und wen man ein wenig schaut, wo kommt der andere her um bestimmte Eigenheiten besser zu verstehen. .

Mein Partner ist sehr rücksichtsvoll und sehr liebevoll, macht aber selten den ersten Schritt bei körperliche Nähe (unabhängig vom Sex). Die Ursach hier - er ist einfach ganz anders aufgewachsen als ich. Ich bin mit ganz vielen Umarmungen aufgewachsen. Ich habe oft mit meinen Eltern auf dem Sofa geskuschelt. Wenn ich traurig war, wurde ich in den Arm genommen. Bei meinem Partner kann die Mutter nicht so gut mit körperlicher Nähe umgehen Und auch der Papa hat es nicht so damit. Daher ist er mit entsprechend wenig körperlicher Nähe aufgewachsen. (Er hat dennoch sehr liebevolle Eltern). Aber das ist die Ursache, dass er selten von sich aus auf die Idee kommt, mich in den Arm zu nehmen. Am Anfang fand ich das irritierend und habe es sehr auf mich bezogen. Inzwischen ist es ganz selbstverständlich, dass ich meine körperliche Nähe einfach fordere oder sie von mir aus suche. Ich bekomme sie dann auch. Aber hat eben nicht das Bedürfnis die Nähe von sich aus zu suchen bzw. kennt Situationen nicht, in denen eine Umarmung jetzt ganz passend wäre.

Im Gegenzug musst ich lernen, dass er in Ruhe gelassen werden muss, wenn es ihm nicht gut geht. Dann kann er mit Nähe gar nicht umgehen.

Um diese beiden Welten in der Beziehung unter einen Hut zu bekommen, war ganz viel klare Kommunikation notwendig.

Das selbe gilt auch im Haushalt. Wenn du möchtest, dass dein Partner etwas tut, dann sage es ihm in klaren und freundlichen Wort. Mache nicht den Fehler und denke er muss das doch von sich aus sehen.

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Hey, ich denke nicht das er unempathisch ist. Du hast drei Situationen geschildert, in denen er eher unbeholfen vielleicht auch hilflos wirkt. Er weiß vielleicht nicht, wie er sich verhalten soll bzw ist total unsicher. Unsicher was er sagen kann um dich aufzumuntern. Mein Freund ist manchmal auch so, dabei ist er einer der empathischsten Menschen die ich kenne. Aber bei Streit mit meiner Mutter oder wenn ich mich über irgendwen aufrege , kommen auch nicht immer hilfreiche Sprüche... Ich habe damit kein Problem. Hauptsache ich kann mich irgendwo auskotzen und er hört zu. Meistens kann er mit meinem Problem nichts anfangen. Wenn es mir emotional so dolle schlecht geht, kuschel ich mich penetrant an und sage : hey Ich brauche dich jetzt mal gerade, du musst mich erden.

Auf der anderen Seite hast du schon deine Erwartungshaltung, die nicht erfüllt wird. Ich denke, du solltest es so hinnehmen und mit dem arbeiten, was da ist 🤣
LG Audrey

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Es beruhigt mich grad ganz schön, dass es also auch Andere gibt, die da so unbeholfen sind 😄
Dann werde ich eben auch mal lernen müssen, da direkter zu sein und mir „zu nehmen“ was ich in dem Moment brauche 🙂

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Genau, wenn er dich dann aber abschüttelt und dich zurückweist, dann ist er wirklich unempathisch.
Ich glaube nicht das dein Mann, dich absichtlich emotional hängen lässt.
Kleine Anekdote aus dem Kreißsaal : ich habe gerade eine übelste Wehe, klammere mich in das Tuch und reiße die Augen weit auf. Mein Freund läuft ums Bett und fragt allen ernstes was los ist 🤣🤣🤣🤣 Meine Antwort : " Ich habe ne Wehe, du Arsch!"....

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Das könnte mein Partner sein.
Bei ihm habe ich (in einem Gespräch mit ihm) die Erfahrung gemacht, dass es keine Empathielosigkeit, sondern Ideenlosigkeit ist. Er weiß in dem Moment einfach nicht so recht, was er machen soll und hat Angst die falsche Entscheidung zu treffen. Ändern kann man es ohnehin nicht, höchstens damit leben lernen.

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Hallo, ich kann dich absolut verstehen - für Menschen, die das nicht kennen, mag das von aussen halb so wild ausschauen.

Bei uns ist das dasselbe, wobei mein Mann eine Autismusspektrum-Störung hat. Er kann Gefühle und Emotionen bei andern einfach nicht richtig wahrnehmen und einordnen. Nuancen spürt er überhaupt nicht. Und wenn es mir schlecht geht, mag ich auch nicht zu ihm hingehen und ihm quasi befehlen, spontan empathisch zu sein. Er analysiert Probleme, sucht einen Lösungsweg und wenn es diesen nicht gibt, dann schweigt er. Mir würde es helfen, würde er mir einfach zuhören, mich auffangen, bestätigen oder auch hinterfragen. Er wickelt alles immer sehr "technisch" ab - habe ich starke Rückenschmerzen von der Arbeit und möchte kurz ein empathisches "hoffentlich gehts morgen besser", fragt er, ob ich denn schon Ibu eingenommen habe.

1000 solcher Beispiele, jedes an sich nichtig oder sogar lustig, alle zusammen oft nicht einfach. Bei den Kindern ist es oft noch schlimmer: sie sind hingefallen, gegen die Türe gerannt, vom Stuhl gekippt...er schaut, ob alles noch ganz ist, wenn ja, dann ist ja alles OK. So bin ich es, die die Emotionen abfangen und trösten darf.

Ich habe gelernt, damit umzugehen, da mein Mann 1000 andere gute Eigenschaften hat, die vielen andern Männern fehlen. Aber ja, es ist nicht immer ganz einfach, damit umzugehen. Gelegentlich braucht auch die stärkste Frau eine Schulter zum anlehnen.

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Wow, das kommt mir alles sehr bekannt vor! 🙂 es tut gut zu hören, dass es auch Anderen so geht und es auch von den Partnern dann überhaupt nicht böse gemeint ist! 🙂
Da muss ich wohl noch ein bisschen an mir arbeiten, vielleicht auch emotional nicht ganz so „abhängig“ zu sein. Mein Freund hat auch andere gute Eigenschaften, sonst wäre ich ja nicht mit ihm zusammen... 😅 klar braucht man mal ne Schulter zum anlehnen aber da muss ich vielleicht dann einfach lernen zu differenzieren: zum ausheulen gehe ich zu einer Freundin, um eine Lösung für meine Probleme zu finden, dann eben zu meinem Freund... ist zwar nicht, wie ich es mir gewünscht hätte, aber hey... man kann nicht alles haben 🤪

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Ich gehe davon aus, dass du sein Verhalten entweder früher anders wahrgenmmen hast oder er sich früher anders verhalten hat. Etwas wird sich jedenfalls geändert haben, denn auf einen empathielos wirkenden Menschen hättest du dich kaum eingelassen und mit ihm eine Familie gegründet, oder?

Zu den geschilderten Beispielen meine ich, dass ich teilweise durchaus Verständnis habe, wenn jemand hilflos ist, erwartet wird, man möge mitten in der Nacht etwas dazu sagen und dann nicht sieht, dass einfach eine Trostumarmung genau das ist, was der andere jetzt braucht.

Anders sehe ich das aber, wenn ich lese, dass er dich den ganzen Tag ignoriert. Ob das nun dem geschuldet ist, dass du wegen der Enttäuschung über die Reaktion in der Nacht auch nicht gerade freudig auf ihn zugehst und der vielleicht meint, du ignorierst ihn oder er dir wirklich die kalte Schulter zeigt, kann ich nicht beurteilen. Im ersten Fall hätte ich damti ein echtes Problem, so gehe ich nicht mal mit Leuten um, die ich nicht leiden kann.

Das spielt meiner Meinung nach aber auch keine Rolle, denn:
Die Äußerung im Zusammenhang mit der Erkrankung deines Vaters - da fehlt mir auch das Verständnis. Klar gibt es immer Erklärungen, manchmal auch Ausreden genannt. Es ist verdammt bequem, sich solchen unangenehmen Sitautionen zu entziehen mit einem flapsiten "ist-nun-mal-so". Freilich ändert alles Reden nichts an der Gesundheit deines Vaters. Aber wenn er hier nicht erkennt, dass dir solche doofen Sprüche garantiert nicht helfen, du versunsichert und ängstlich bist und dann einfach mal das brauchst, was man von einem Partner erwarten kann: Trost und Verständnis, dann weiß ich auch nicht weiter. Da wundert mich auch das Verständnis der anderen Userinnen hier. Die Mischung aus Abwehrhaltung und den Partnen hängen lassen, würde mir auch nicht schmecken.

Auch dieses Rumdrücken auf dem Smartphone, während ich gebraucht werde - das wirkt schon lieblos auf mich.

Fazit:
Ich emfpehle dir, in dich zu gehen und zu überlegen, ob das immer so war, wann sich das geändert hat, ob du selbst vielleicht dein Verhalten auch geändert hast und dann bei der nächsten Situation einfach zu sagen, was du in dem Moment brauchst. Und bei Situationen, die deiner Meinung nach mehr verlangen als ein "ist-halt-so" direkt sein Verhalten hinterfragen. Solllte sich dann herausstellen, dass ihr auf dem Weg in eine Eltern-WG seid, ist Handeln angesagt, bevor sich diese Muster vertiefen.

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Vielen Dank für deine Antwort!

Ich werde mir das wirklich mal alles durch den Kopf gehen lassen! Hab ich mich geändert, oder er? Vielleicht wir beide...?

Ich rede dann später noch mal mit ihm, wenn ich etwas Klarheit hab, was eigentlich los ist...

🤗