Warum so unzufrieden?

Hallo! Ich möchte euch hier einmal meine Situation beschreiben, um sie vielleicht auch selber etwas klarer zu sehen und um zu erfahren, ob jemand so etwas (ähnliches) auch von sich kennt!

Also, ich bin Anfang 40, lange verheiratet mit vier Kindern, alle zwischen Grundschule und Gymnasium. Wir wohnen in beide Richtungen weit entfernt (500/600 km) von unseren Familien und waren daher anfangs immer sehr auf uns allein gestellt, obwohl wir mittlerweile natürlich einen recht guten Freundeskreis haben. Als wir uns entschieden haben für den Job meines Mannes hier her zu ziehen, war es schnell klar, dass es auch ein guter Zeitpunkt war um Kinder zu bekommen und daher hat es sich fast automatisch so ergeben, dass mein Mann an seiner Karriere bastelt und ich mich um die Kinder kümmere. Soweit war auch alles gut, allerdings war es halt so, dass mein Mann mindestens 50% (oft mehr) der Arbeitszeit im Ausland unterwegs war und ich die Familie (Kinder mit allem was dazu gehört, Haushalt, Hausbau) nahezu alleine organisiert habe und oft an meiner Belastungsgrenze war. Denn vier Kinder ohne mal auf Mann oder Oma/Opa zurückgreifen zu können etc lassen einfach keine Pausen zu, zumal ich auch sehr in meiner Aufgabe aufgegangen bin und oft einen (zu großen) Perfektionismus an den Tag gelegt habe. ich konnte einfach nie mal Fünf gerade sein lassen und habe einfach immer weiter gemacht.

Irgendwann in dieser Zeit habe ich mich selber völlig aus den Augen verloren und während mein Mann sich eine super Position erarbeitet hat, beruflich mit vielen interessanten Menschen zusammentraf, definierte ich mich ganz stark über die Kinder und versuchte an den Wochenenden auch noch die "perfekte" Ehefrau zu sein, die sich für seinen Job interessiert, leckeres Essen kochet etc. (klingt jetzt sehr 50er Jahre mäßig und ist sicher etwas überspitzt dargestellt, aber nur damit ihr einen Eindruck habt). Ich selber und meine eigenen Bedürfnisse sind halt irgendwann so sehr in den Hintergrund gerückt, dass ich sie gar nicht mehr greifen konnte.

Jetzt ist es aber so, dass die Kinder etwas größer sind (wenn auch noch nicht groß) und auch wenn die Schule gerade sehr fordernd ist, sie mich halt nicht mehr rund um die Uhr brauchen und damit kam irgendwann letztes Jahr so eine Unzufriedenheit bei mir hoch....

Ich bin seitdem quasi auf der Suche nach mir selbst und stelle gerade alles in Frage: ich möchte nach wie vor gerne in einem schönen Zuhause wohnen, aber der Haushalt erfüllt mich nicht mehr, backen und kochen mache ich auch nach wie vor gerne , aber nicht mehr mit Leidenschaft, viele "Freundschaften" stelle ich gerade in Frage, weil ich überlege, ob ich diese Frauen wirklich mag, oder wir nur befreundet sind, weil unsere Kinder zufällig das selbe Alter haben und nicht zuletzt natürlich auch die Beziehung: mein Mann ist meine erste richtige Beziehung und da er sehr ehrgeizig ist und ich auch den Hang zum Perfektionismus habe, habe ich mittlerweile das Gefühl, dass unserer Beziehung stets (oder oft) die Leichtigkeit fehlte, sich mal gehen zu lasse, mal keinem neuen Projekt etc nachzujagen.
Jetzt könnte es zwar mehr Leichtigkeit geben, aber irgendwie mag ich gerade nicht mehr, ich habe so lange einfach nur funktioniert, dass es mir extrem schwer fällt, jetzt plötzlich eigene Bedürfnisse gegenüber ihm zu äußern (er selber achtet übrigens sehr auf seine Bedürfnisse und hat auch kein Problem sie einzufordern).

Seit etwa einem Jahr habe ich allerdings einen Bekannten (ebenfalls verheiratet und über die Kinder kennengelernt) und auch wenn mit ihm gar nichts sexuelles läuft, ist es dennoch der erste Kontakt seit langem, der mich als die Person wahrnimmt, die ich eigentlich bin, nicht nur als Mama, sondern als interessante Person sieht, die auch mal studiert hat und mit der man gerne Zeit verbringt, auch wenn die Kinder mal nicht dabei sind...

Ich weiß natürlich selbst, dass ein neuer Kontakt nicht mit einer langen Ehe zu vergleichen ist etc, aber dennoch hat sich dadurch der Blick auf meine ganze Lage geändert und ich bin zur Zeit einfach sehr unzufrieden mit allem.

Ich habe auch wieder angefangen (nur wenig, aber immerhin) zu arbeiten, aber dennoch habe ich das Gefühl gerade in einem Umbruch zu stehen, würde mich gerne aus dieser Unzufriedenheit befreien, weiß aber gerade gar nicht wo ich ansetzten soll. Mehr Zeit mit meinem Mann zu verbringen, ist übrigens gerade keine Lösung, da er das ständig vorschlägt und ich mich da gerade schon wieder überrannt fühle. ich habe irgendwie das Gefühl erstmal wieder zu mir finden zu müssen, aber ich weiß einfach nicht wie?

Kennt ihr so eine Gefühlslage auch, in der ihr irgendwie mit allem unzufrieden seid, aber nicht genau wisst, wie ihr da wieder rauskommen sollt? Kann es in meinem Alter vielleicht sogar hormonell bedingt sein?

Ich würde mich sehr über ein paar Erfahrungsberichte von euch freuen!

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Wie du schon selber schreibst, du versuchst dich selbst zu finden, da du dich aus den Augen verloren hast. Ich glaube bevor du das nicht geschafft hast, wird sich auch nichts anderes ändern. Warum sollte dein Mann in dir etwas anderes als Ehefrau und Mutter sehen, wenn du es selbst nicht tust.

Dein Mann bietet die mehr Zeit zu Weit an, vielleicht kann er die stattdessen mal Zeit für dich alleine einräumen. Such dir ein neues Hobby oder wärm ein altes auf. Verschaff dir Freiräume.

Deine Kinder sind jetzt in einem Alter wo sie auch mal ein paar Stunden ohne dich auskommen. Nutze diese Zeit.

Das mit den Freundschaften neu bewerten finde ich einen guten Start. Schau wer wirklich deine Freunde sind und löse dich von Menschen die dir schaden. Die Bekanntschaft mit dem anderen Mann würde ich erst Mal nicht überbewerten (tust du ja anscheinend auch nicht). Ich denke in so einer Umbruchsituation sollte man immer vorsichtig mit neuen Beziehungen sein, da man sonst schnell den falschen Dingen hinterherläuft.

Was mir sonst noch einfällt wäre vielleicht eine Haushaltshilfe um dich (vorübergehend) zu entlasten. Und auch mal einen Urlaub ganz alleine oder mit Freundinnen.

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Hallo,

irgendwann machen wir eine Inventur des Lebens. Berufliche Erfolge sieht man und werden anerkannt. Die Haus- und Erziehungsarbeit dagegen fällt oft hinten runter. Im Job bekommt dein Mann die Anerkennung, die dir aber fehlt. Also, Hausarbeit und Kinder sind sicher nicht nur die Erfüllung deines Lebens, du bist mehr als Mutter und Hausfrau. Was willst du tun? Hobby, Ehrenamt? Und zur Unterstützung hol dir ruhig Hilfe ins Haus, jemanden für den Haushalt o.ä. Horch in dich rein, was brauchst du, damit du zufrieden bist. Und ja, probiere ruhig...du wirst etwas für deine Erfüllung finden.

LG, LLL

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Es ist völlig normal, dass du dich selbst finden musst.

Du kannst, darfst und sollst deine Bedürfnisse gegenüber deinem Mann kommunizieren. Vielleicht mal ein Urlaub alleine? Ein neues Hobby? Neue Sprache lernen? Kontakte zu anderen erwachsenen ganz ohne Kinder pflegen?

Ist alles ok :)

Paarzeit ist trotzdem auch wichtig :)

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Es gibt da ein paar Sprüche, die mich daran immer wieder erinnern

1. Es gibt viele Gründe, alles so zu lassen wie es ist. Aber nur einen alles zu verändern: du hältst es einfach nicht mehr aus!

Bevor bei mir der Druck so groß wird, dass ich kopflos komplett alles ändere,
fange ich an, einzelne Bausteine zu ändern. Dazu gleich mehr.

2. Wenn du Meister in einer Sache geworden bist, dann fange etwas Neues an.

Das ist wohl darauf bezogen, dass es nach dem schwarzen Gürtel theoretisch den roten Gürtel geben müsste. Diesen gibt es aber nicht. Es gibt keine Vollkommenheit. Daher ist es wohl rot-weiß. Meister in einem und Anfänger bei etwas neuem sein.

Mir hilft es immer wieder, um wieder Leichtigkeit in mein Leben zu bringen. Und auch um wieder Geduld zu lernen, wenn ich etwas können gelernt habe, was andere noch nicht können. Vor allem auch meinem Kind gegenüber.



Zu deinen Bedürfnissen:

- schreibe dir selbst mal all deine Wünsche auf.
Auch utopische.

Egal ob Projekte, Interessen, Hobbies, Luftschlüsser, realistisches.
Tritt dem Perfektionismus beiseite. Es geht um DICH ! Nicht um Perfektion.

Einfach mal tagträumen. Was fällt dir ein? Schreibe es auf.

- spiele verschiedene Szenarien durch.
Würdest du es auch umsetzen wenn......

Bsp. zum Jobwechsel. Übertrage es auf deine Faktoren.

a) Team
b )Fahrtzeit
c) Gehalt
d) Arbeitszeit
e) Tätigkeit
....

Du für den neuen Job a, b, c, d gleich bleiben würden und du dafür e) verändern würdest.

Auch dann, wenn a, b, c, d perfekt wären. Würdest du trotzdem wechseln, weil e) besser erscheint?
Dann ist der Leidensdruck bei e) sehr groß.

Dann spiele das mit den anderen Fakten durch. Wenn 4 perfekt wären, aber nur ein Punkt verändert wird. Fühlt sich das gut an oder nicht?
In dem Moment wo ich bereit wäre, all das andere gute aufzugeben, um den einen Faktor zu verändern, dann ist das der, bei dem ich die Veränderung brauche !


Ebenso auch.....

..... würde ich wieder arbeiten gehen, wenn ich genug Geld hätte? Ja. Dann ist es nicht der finanzielle Faktor.
Nein. Ok, dann ist es eher der finanzielle Aspekt.

..... würde ich auch dann umziehen, wenn ich hier einen tollen Job, super Kollegen etc. habe?
Ja, weil ....
Nein. Ok, an den Punkten liegt es also nicht. Welcher Schuh drückt mich,d ass ich doch an Umzug denke. An welchem Schräubchen sollte ich drehen, damit es wieder passt.

- Tagebuch schreiben: schreibe jeden auf, was dir am Tag gut getan hat.
Das lnkt den Blick auf das Gute.
Zeigt aber auch, in welche Richtungen du dich entwickelst.

Auch Träume dürfen da mit drauf.

- Auszeiten.
Ohne Corona würde ich Mutter-Kind-Kur vorschlagen. Oder Mütter Kur.
Da trifft man zwar auch wieder Mütter, aber auch einige auf der gleichen Wellenlänge.

Man/ Mama trifft sich als Mensch in den Gruppen. Kinder sind betreut, Mensch lernt sich so kennen.
Für mich waren Mitkurende Menschen, die eben zufällig Kinder haben, die dabei waren. Weil es organisatorisch einfacher war.
Menschen, die sich selbst suchen oder etwas verändern möchten.

Auch ein paar Tage in einer Ferienwohnung oder Wellnesshotel.
Nicht lange fragen, sondern direkt in den Kalender eintragen.

Mit meinem Teenager habe ich zusammen einen Familienkalender. Ich trage meine Bedürfnisse und Termine ein. Sie ihre (oder sie sagt mir ihre und ich trage es ein).
Dabei sind meine gleich viel wert.

Die einzige Ausnahme, dass ich mal meinen Termin verschiebe, ist, wenn ihrer Priorität hat. Z.B. Arzttermin, wo man 6 Monate und länger auf einen Termin wartet.
Begründete !!! Priroritäten !!!
Nicht, weil sie mein Kind ist.

Wenn ich einen Arzttermin habe und sie möchte jemanden einladen, dann geht mein Termin vor. Punkt.
Ebenso Erholungszeiten.

Priorität hängt nicht von der Person ab und schon gar nicht vom Familienstatus!
Priorität geht beiseitig nach Wichtigkeit

MUSS (Notfall) atmen, Nahrungsaufnahme
SOLLTE (Arzttermine, Wiederholungsarzttermine, Routinearzttermine, Klassenarbeiten, finanzielle Termine, Fristen)
kann - Sozialleben, Freunde, Familie,
darf - wenn sich beider Sozialleben überschneidet; auch mal 5e grade sein lassen. / darf mal warten...... ;-)